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Kommunale Sparmaßnahmen

Volle Dröhnung

Kommunale Sparmaßnahmen: Volle Dröhnung
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Die Kürzungswelle rollt durch Städte und Gemeinden und reißt vor allem soziale Leistungen mit sich. Im Landkreis Hohenlohe ist die Sparwut ausgeufert – als "Warnschuss" an die Bundesregierung. Und mit freundlicher Unterstützung der AfD.

Mit seinen gerade mal 115.000 Einwohnern ist der Hohenlohekreis der bevölkerungsärmste Landkreis in Baden-Württemberg. Allein die benachbarte Großstadt Heilbronn liegt um beinahe 15.000 Einwohner darüber. Kein Wunder, dass immer mal wieder Fragen nach der Sinnhaftigkeit eines derartigen Minikreises aufploppen. Aber vor solcherlei Unbill schützt meist der Verweis auf die Statistik, bei der man sich regelmäßig in den TOP 10 der wirtschaftsstärksten Kreise im Ländle bewegt: Würth, Ziehl-Abegg, ebm-Papst und anderen Weltmarktführern sei's gedankt.

Trotz all der schönen Bilanzen ist man inzwischen dennoch in die roten Zahlen gerutscht: Anfang des Jahres drohte ein Haushaltsloch von 12,7 Millionen Euro, das Kreistag und Verwaltung mit viel Mühe und einer Erhöhung der Kreisumlage auf 35,5 Prozent auf "nur noch" 1,9 Millionen eindampfen konnten. Doch weil im kommenden Jahr neue finanzielle Unbill droht, war man sich unisono einig, dass es weiterer Maßnahmen bedürfe, um auf Dauer finanziell über die Runden zu kommen. Und um das schöne neue Landratsamt, Baubeginn im zweiten Quartal 2027, Kostenpunkt zirka 44,6 Millionen Euro, nicht im Strudel der Finanzkrise versinken zu lassen. Motto: "Konsolidieren, bevor der Kollaps kommt".

Und so sollte also in der für Mitte Juli angesetzten Kreistagssitzung ein Fahrplan ausgearbeitet werden, hinter dem sich möglichst alle im Kreistag vertretenen Fraktionen (CDU 14 Sitze, Freie Wähler 10, AfD 7, SPD 4, Grüne 4, FDP 3, Linke 1) versammeln sollten. Das Projekt Haushaltskonsolidierung schien auf einem guten Weg. Doch kurz vor der Zusammenkunft ließen zwei spektakuläre Streichlisten die Blütenträume von einer harmonischen Einigkeit jäh zerplatzen.

... und raus bist du!

Die erste Liste der Grausamkeiten stammte aus einer gemeinsamen Beschlussvorlage von CDU und Freien Wählern (FWV), die zweite von der AfD – zu hundertprozent identisch mit der ersten. Zufälle gibt’s. In beiden Beschlussvorlagen war zu lesen, dass man, egal wie weit die Haushaltskonsolidierung auch voranschreiten möge, jetzt schon bekannt gebe, dass bei der Sitzung im November folgende weitere Anträge zur Streichung und Einstellung aller Stellen und Aufgaben des sogenannten Beauftragtenwesens zur Abstimmung gebracht würden:

  • Gleichstellungsbeauftrage(r)
  • Datenschutzbeauftragte(r)
  • Biodiversitätsbeauftragte(r)
  • Wildtierbeauftragte(r)
  • Kommunale(r) Behindertenbeauftragte(r)
  • Stabsstelle "Bürgerschaftliches Engagement", Ehrenamtsbeaufgtragte(r)
  • Verfahrenslotse
  • Koordinationsstelle Integrationsmanagement
  • AV Dual-Begleiter (Duale Ausbildungshilfe für Schüler)
  • Integrationsbeauftragter
  • Bildungskoordinator(in)
  • Koordinierungsstellle "Generalistische Pflege"
  • Natura-2000-Beauftragter
  • Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatungsstelle
  • Stellen für Pakt ÖGD (Optimierung im öffentlichen Gesundheitsdienst)
  • Mobilitätsmanager(in)
  • Radbeauftragte(r)

Doch kaum war bei den Betroffenen der erste Schock verdaut (unter anderem dank des Hinweises vom Landrat, dass eine Vielzahl der beantragten Stellenstreichungen gar nicht gesetzeskonform und somit undurchführbar seien), zündeten die Antragssteller von FWV und CDU zu Beginn der Sitzung die nächste Eskalationsstufe: in Form eines Antrags auf Änderung der Tagesordnung. Beim ursprünglichen Novembertermin habe es sich nämlich schlicht um einen Druckfehler gehandelt und man wolle die Streichliste nun doch schon sofort beschließen – allen rechtlichen Gegenargumenten zum Trotz.

Nicht einmal dem ansonsten sehr um Ausgleich bemühten Landrat Ian Schölzel (selbst Mitglied der FWV) wollte es nach dieser Volte gelingen, seinen Frust völlig zu verbergen. Doch gegen die Mehrheit der Antragsteller war kein Kraut gewachsen und so wurde die Entscheidung über sofortige Abstimmung genauso beschlossen wie im Anschluss die einzelnen Punkte auf der Liste der Grausamkeiten. Die AfD brauchte da im Anschluss über ihre eigene Liste (weil identisch mit der gerade eben durchgewunkenen) gar nicht mehr abstimmen zu lassen.

Klare Kante von FWV und CDU: Man wolle unbedingt ein Zeichen nach Stuttgart und Berlin senden, dass es so nicht weitergehen könne mit der Verlagerung von Aufgaben und den damit verbundenen Kostenabwälzungen auf die Landkreise. Jetzt müsse endlich mal deutlich gezeigt werden, wo der Hammer hängt. Das Argument der Verwaltung, dass viele jener gerade eben gestrichenen Stellen doch gar nicht vom Kreis, sondern vom Land bezahlt würden, verhallte im Siegestaumel ungehört.

Immer auf die Schwachen!

Ebenfalls gekündigt wird (mit deutlicher Mehrheit der Stimmen) zum nächstmöglichen Zeitpunkt die Kooperation mit dem Albert-Schweitzer Kinderdorf (ASK) in Waldenburg, deren Fachberatungsstelle bislang die Beratungen für Fälle der häuslichen Gewalt durchgeführt hat. Und das in Zeiten des zunehmenden Handlungsbedarfs in dieser Thematik. Beim Kinderdorf ist man auch Tage später noch schockiert: Häusliche Gewalt – für CDU und FWV im Hohenlohekreis offenkundig kein Thema mit Relevanz. "Das macht mich fassungslos", kommentiert Arne Höller, Vorstand des ASK, die Streichung. "Und es ist nicht nur schockierend, sondern grenzt an Lächerlichkeit, denn was ist das für eine Argumentation, wenn ich weiß, dass ein solcher Beschluss rechtswidrig ist? Es handelt sich schlichtweg um eine Pflichtaufgabe des Kreises. Die Kinder und Jugendlichen haben einen Rechtsanspruch auf Hilfe."

Aber das war noch längst nicht alles. Der Furor der Kreistagsmehrheit gebar noch jede Menge weitere Kürzungsvorhaben: beispielsweise die Streichung der Frühen Hilfen "zum nächstmöglichen Zeitpunkt". Was bedeutet, dass es das Angebot von sogenannten Familienhebammenbegleitung im Sinn von psychosozialen Hilfen beim Kinderschutz im Hohenlohekreis künftig nicht mehr geben wird. 

Darüber hinaus wird ab 1. Januar 2027 die Schuldnerberatung um 50 Prozent gekürzt. Das Kreismedienzentrum soll aufgelöst werden. Ist zwar eine Pflichtaufgabe – aber sei's drum. Der Zuschuss für die Tagesstätte für psychisch kranke Menschen steht zur Disposition. Der Zuschuss für die Psychosoziale Beratungsstelle wird um 50 Prozent gekürzt. Bei der Benutzung der kreiseigenen Sporthallen durch Vereine sollen künftig Gebühren erhoben werden.

Auch die Rückkehrberatung des Hohenlohekreises für die Antragstellung auf freiwillige Ausreise aus der Bundesrepublik wird zum 1. Januar 2027 eingestellt. Und das, obwohl sie in den vergangenen zweieinhalb Jahren zu 74 freiwilligen Ausreisen geführt hat. Ernüchternde Anmerkung des Landkreises: Damit bleibe künftig nur noch das Mittel der Abschiebung.

Kommentar von Hans-Josef Hotz, Vorsitzender des Sozialverbands VdK, der durch engagierte Proteste wenigstens die ebenfalls zur Disposition stehende Streichung des örtlichen Pflegestützpunktes verhindern konnte: "Es ist ein fatales Signal an alle schutzsuchenden Frauen und Kinder und an Menschen mit Behinderungen. Ihre Rechte werden eingeschränkt. (…) Wir wissen aus unserer täglichen Arbeit: Das macht den Menschen Angst."

Komplett unnötig?

Bei einem der CDU-Kreisräte, von dessen Fraktion die Liste der Grausamkeiten ersonnen wurde, handelt es sich übrigens um den CDU-Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten. Von Kontext um eine Stellungnahme über die Sinnhaftigkeit eines solchen "Warnschusses" seiner Fraktion an die Regierungen in Stuttgart und Berlin gebeten, wo er doch selbst Mitglied der Regierungsfraktion sei, mochte der keine Antwort geben. Aber von dem stockkonservativen Hardliner ist ja hinlänglich bekannt, dass ihm die aktuelle Regierungskoalition ohnehin wenig Freude bereitet.

Im Frühjahr hatte er bereits überdeutlich prophezeit, dass er das Ende von Schwarz-Rot vor Ablauf der Legislaturperiode kaum noch erwarten könne: "Keine vier Jahre – ganz sicher nicht." Von dieser Warte aus betrachtet ergibt der nunmehr angerichtete Kahlschlag im Hohenlohekreis also durchaus Sinn: ein winzig kleines Sargnägelchen mehr für den Untergang der ungeliebten Polit-Partnerschaft in Berlin. Auch um den Preis des sozialen Friedens im Heimatwahlkreis.

Doch solche Peanuts scheinen dem in Personalunion auch als Honorargeneralkonsul der Malediven fungierenden Freiherrn wenig Kopfzerbrechen zu bereiten. Klingt alles eher ein bisschen nach Blaupause, wie es in Berlin eines finsteren Tages weitergehen könnte. Denn merke: Bei den hohenlohischen Sparbeschlüssen saß die AfD ja die ganze Zeit über mit im Boot – ohne dabei auch nur einen Finger rühren zu müssen.

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