Schwefelhexafluorid (SF6) ist das Klimakillergas Nummer eins, das stärkste bekannte Treibhausgas, 24.000-mal schädlicher als CO2. 30 Tonnen SF6 hat der Chemieproduzent Solvay in Bad Wimpfen (Kreis Heilbronn) jahrelang in die Luft geblasen, was einem Ausstoß von 729.000 Tonnen CO2 pro Jahr entspricht – das sind 30 Prozent der gesamten deutschen Klimabilanz. Den Behörden gegenüber behauptete Solvay dagegen immer, es seien nur 56 Kilogramm pro Jahr. Ein Skandal, der erst im Dezember 2025 ans Licht kam.
Bereits seit 2020 ist der Atmosphärenforscher Andreas Engel der Schadstoffquelle in Bad Wimpfen auf der Spur. Foto: Uwe Dettmar, Goethe-Universität Frankfurt
Er hätte allerdings schon viel früher publik werden können. Schon im Jahr 2020 hat der Atmosphärenforscher Professor Andreas Engel von der Universität Frankfurt bemerkt, dass es im Großraum Heilbronn eine massive Schadstoffquelle geben muss. Alles deutete auf Solvay hin. Darüber informierte er 2023 das baden-württembergische Umweltministerium. Zunächst folgenlos. Niemand schien sich dort dafür zu interessieren. Und noch im Dezember 2025, als das ZDF erstmals über den Klimaskandal am Neckar berichtete, behauptete Landesumweltministerin Thekla Walker (Grüne), die Messergebnisse seien "nicht anlagenscharf" genug, um als Schadstoffquelle Solvay zu identifizieren.
Kontext liegt inzwischen der Schriftverkehr vor, den es im Umweltministerium in Sachen SF6 und Solvay gegeben hat. Und obwohl viele Dokumente geschwärzt wurden, bleibt als Fazit: Es ist das Protokoll eines multiplen Behördenversagens, das zeigt, wie ein Umweltskandal jahrelang unter den Tisch gekehrt worden ist.
Die Protokolle: Ein Drama in mehreren Akten
Ein knappes Jahr nach der ersten Information (2023) durch Professor Engel beginnt der uns vorliegende Schriftwechsel:
Am 15. Januar 2024 teilt das Regierungspräsidium Stuttgart (RPS) dem Umweltministerium Baden-Württemberg (UM), Referat Industrie / Schwerpunkt Anlagensicherheit, seine Erkenntnis mit:
"SF6 ist nach TA Luft ein Stoff Klasse II, Erlaubte Emissionen: Massenstrom 15 g / h, Massenkonzentration 3 mg/Kubikmeter".
Damit sind die Fakten also geklärt und bekannt, wieviel SF6 ausgestoßen werden darf. Die TA Luft (Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft) ist eine Verwaltungsvorschrift zum Bundes-Immissionsschutzgesetz, die der Vorsorge gegen schädliche Umwelteinwirkungen durch Luftverunreinigungen dient und sich an die jeweilige Genehmigungsbehörde für technische Anlagen richtet – in diesem Fall das Regierungspräsidium Stuttgart.
Das Fachgespräch im Februar 2024
Vier Wochen später, am 12. Februar 2024, geht eine Mail des baden-württembergischen Umweltministeriums an die Universität Frankfurt, das Umweltbundesamt, das Umweltministerium Hessen und die Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg:
"Einladung zum Fachgespräch über Schwefelhexafluorid Emissionen auf den 14.2.2024 von 13 – 16 Uhr nach Stuttgart in das Königstuhlzimmer des UM. Dauer 3 Stunden." TOP 3 Professor Engel: "Vorstellung seiner Forschungsergebnisse" (mit grafischer Darstellung).
Einen Tag nach dem Fachgespräch, am 15. Februar 2024, bedankt sich das Umweltministerium bei der Uni Frankfurt für die Präsentation von Professor Engel und äußert eine Bitte: "Im Nachgang zum Fachgespräch ist mir aufgefallen, dass wir gar nicht nachgefragt haben, ob Sie uns die Präsentation, die Sie vorgestellt haben, zusenden könnten."
Engel antwortet am 22. Februar 2024 dem Umweltministerium:
"Anbei finden Sie unsere Präsentation (…) Ich möchte Ihnen noch einmal für die Einladung zu dem Gespräch letzte Woche danken und der Möglichkeit, unsere Ergebnisse vorstellen zu dürfen. Allerdings möchte ich auch sagen, dass ich eher enttäuscht war über die Reaktionen. So hätte ich z. B. erwartet, dass von Seiten der Behörden mehr Unterstützung gekommen wäre, z.B. über die Möglichkeit, Ausbreitungsrechnungen von der möglichen Punktquelle aus zu machen oder auch ein Gespräch mit der Firma Solvay anzustossen oder gemeinsam zu überlegen, wie man in dieser Sache im Sinne des Klimaschutzes weiter vorgeht. Ich werde morgen ein Gespräch mit weiteren Kollegen haben, um gemeinsam zu überlegen, wie man in dieser Angelegenheit weiter vorgeht. Über Vorschläge seitens des Landes Baden-Württemberg würde ich mich natürlich auch freuen."
Darauf schreibt am 6. März 2024 um10.52 Uhr das Umweltministerium an die Uni Frankfurt:
"Leider konnten wir die übermittelten Daten (…) nicht öffnen. Wir möchten Sie daher bitten, uns die Datei nochmal zu senden. Wir waren etwas überrascht über Ihre Rückmeldung zum Fachgespräch."
Man bietet Professor Engel deshalb an, einen neuen Gesprächstermin vorschlagen zu dürfen.
Noch am selben Tag, dem 6. März um 17.32 Uhr antwortet die Uni Frankfurt dem Umweltministerium: Professor Engel schickt die Datei noch einmal. Er weist darauf hin, dass seine Daten mittlerweile auch von den Kollegen des britischen Met Office (Wetterdienst) bestätigt worden seien, und bittet wieder um ein Gespräch mit Solvay. Engel schlägt einen Termin gleich in der folgenden Woche vor.
Am 11. März 2024 antwortet das Umweltministerium: "Einen Termin in dieser Woche schaffen wir zeitlich leider nicht mehr." Es schlägt Engel einen Termin Mitte April vor.
Spätestens im April 2024 hat das Ministerium alle Daten
Aus den Kontext vorliegenden Unterlagen geht zudem hervor, dass dem Umweltministerium spätestens am 3. April 2024 eine Kartengrafik des Umweltbundesamtes und der Landesanstalt für Umweltschutz BaWü vorlag, auf der eindeutig erkennbar ist, dass die massive SF6-Emission nur von Solvay kommen kann. Ein Textelement der Grafik ("SF6-Fachgespräch Stuttgart, 14.02.2024") legt nahe, dass sie aus der Präsentation von Professor Engel stammt.
Am 3. April 2024 informiert die Uni Frankfurt das Umweltministerium, dass ihre Daten inzwischen auch vom KIT in Karlsruhe eindeutig bestätigt worden sind. "Von zusätzlichen Messungen erwarte ich im Moment keinen signifikanten Erkenntnisgewinn", schreibt Engel und empfiehlt wieder ein Gespräch mit Solvay, denn das Messergebnis sei ja glasklar: Solvay emittiert 30 Tonnen SF6 pro Jahr – 30 Prozent aller deutschen CO2 Emissionen. Er macht klar, dass es für ihn jetzt um die Publikation seiner Ergebnisse geht. Sein Fazit: "Vermutlich ist es eine Frage der Politik, wie man mit diesen Ergebnissen umgehen möchte."




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