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CDU nach Landtagswahl

Dann eben Neuwahlen im Herbst

CDU nach Landtagswahl: Dann eben Neuwahlen im Herbst
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Im Wahlkampf hat die CDU "Vorfahrt für Wirtschaft" in Baden-Württemberg versprochen. Nach der knappen Niederlage ist etwas anderes auf der Prioritätenliste nach vorn gerückt: die Grünen und Wahlsieger Cem Özdemir madig zu machen.

Ein Satz wie in Schmelzkäse gemeißelt, einer, den schon sein Urheber oft nicht wirklich ernst nahm. Im Plenarsaal des Stuttgarter Landtags, bei einer Pressekonferenz mit allen Spitzenkandidat:innen am Wahlabend, zitierte Manuel Hagel den einstigen Ministerpräsidenten Erwin Teufel und dessen Mantra: Erst das Land, dann die Partei und erst dann die Person. Daran halten will sich der 37-Jährige nicht, ebenso wenig sein Generalsekretär Tobias Vogt, der sich an einer artistischen Umdeutung der Teufelschen Reihenfolge versucht: "Unser Landesvorsitzender hat heute deutlich gemacht: Führung heißt Verantwortung", schrieb er in einer nächtlichen Mail an die Mitglieder. Und: "Deshalb hat er dem Landesvorstand seinen Rücktritt angeboten, und der Landesvorstand hat sein Rücktrittsangebot einstimmig abgelehnt."

Gemeinsam mit seinem Beraterteam gibt Hagel in diesen Stunden und Tagen den Ton an. Jetzt könnte er seine große Chance nutzen, allen in der eigenen Blase, den Grünen und der interessierten Öffentlichkeit zeigen, wie souverän er ist, was er drauf hat und wie er seine Rolle als Vize in einem Kabinett Özdemir auszufüllen gedenkt. Kurzum: Einen Vorgeschmack darauf zu geben, wie er mit Winfried Kretschmanns Erbe tatsächlich umgehen will, das ja bei ihm und seiner CDU in guten Händen sein sollte gemäß seiner zigfach beteuerten Wahlkampfparole. Stattdessen berichten gut informierte Hauptstadtkorrespondent:innen von einem verkrampften Auftritt hinter den verschlossenen Türen des Berliner Konrad-Adenauer-Hauses. Die Begrüßung durch den Parteichef und Bundeskanzler sei auffallend kurz ausgefallen. Außerdem habe Friedrich Merz die Niederlage vom Sonntag als "vermeidbar" eingeordnet. Dazu wird in Berlin ausgesprochen, was die Stuttgarter Parteifreund:innen gar nicht gerne hören. Dass Hagel auf das erste Video deutlich geschickter hätte reagieren müssen ("Meine Frau hat mir den Kopf gewaschen"), dass das zweite – ausgerechnet bei einem Schulbesuch – so hätte nie entstehen dürfen, und dass die Äußerungen von Hagels Frau in der "Bunten" ("Ich würde meinen Mann sofort wieder heiraten") den ohnehin schon entstandenen negativen Eindruck nur noch verstärkt hätten. 

Eine CDU auf den Bäumen

Jetzt fehlt die Bereitschaft, den Grünen auf dem Weg zu den traditionellen Sondierungsgesprächen mit klaren inhaltlichen Positionen gegenüberzutreten. Ersetzt wird sie durch immer neue hochemotionale Anwürfe. Lieblingsvokabel ist die "Schmutzkampagne", derer die Grünen sich schuldig gemacht haben sollen in den letzten beiden Wochen vor dem 8. März. Dieser Stil des grünen Wahlkampfes, "der amerikanische Verhältnisse in unser Land gebracht habe", schreibt Vogt, "darf in Baden-Württemberg nicht Schule machen". Das Vertrauen sei "massiv beschädigt". Eine Nummer kleiner geht es nicht.

Gerade wenn letzteres aber zuträfe, würden vernünftige Strategen die Basis nicht weiter auf die Bäume treiben, sondern abrüsten. Tatsächlich werden jedoch autosuggestiv die trennenden Gräben und die vorgeblichen Verletzungen durch die Grünen beschrieben. Es seien alle auf dem Bäumen, berichtet Christian Bäumler aus dem CDU-Landesvorstand vom Montagabend. Der "Süddeutschen Zeitung" ist "die Kunst des Dreckwerfens in der politischen Arena" sogar einen ganzen Essay wert, der in einer interessanten Wendung endet: "In Schwaben, sagen die Schwaben, werde man erst mit vierzig gescheit und erwachsen. Das wäre eine halbe Entschuldigung. Wenn das aber stimmte, hätte Hagel auch mit seiner Kandidatur noch vier Jahre warten dürfen."

Hatte er aber nicht. Ganz im Gegenteil: Bei ihm liegt mehr Macht als bei irgendeinem seiner Vorgänger – durch die noch nie dagewesene Vereinigung der Cheffunktionen in Landtagsfraktion und Landespartei. Was jetzt schiefläuft, bleibt für immer an ihm kleben. Das gilt erst recht für die schräge Idee, wegen des Gleichstands bei den Mandaten von Grünen und CDU im neuen Landtag die fünfjährige Amtszeit eines baden-württembergischen Ministerpräsidenten in zwei Hälften zu teilen. Und auch für solche intern mit drohendem Unterton verbreiteten Ansagen wie: "Dann gibt es eben Neuwahlen im Herbst." Sogar der entsprechende Artikel der Landesverfassung ist bereits geprüft. 

Neuer Umgangston unter Hagel

Nicht einmal über die ziemlich einfache Übung auf dem Weg zur Fortsetzung der zehnjährigen Zusammenarbeit, die gern als erfolgreich und vertrauensvoll gelobt wurde, besteht Einigkeit: Der designierte Ministerpräsident macht publik, es gebe bereits Kontakte. Die Antwort fällt maximal unfreundlich aus: "Davon wissen wir nichts, es entspringt der Fantasie des grünen Spitzenkandidaten", kontert Vogt laut dpa. "Wie soll das gutgehen?", fragt die größte deutsche Nachrichtenagentur rhetorisch, "wie sollen diese Partner das Land durch krisenhafte Zeiten steuern?"

Lohnend ist auch die Suche nach der Ursache dafür, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Die CDU hatte sich eingerichtet in der Komfortzone à la Winfried Kretschmann. Dass der seit dem Eintritt in die sogenannte Komplementärkoalition 2016 und erst recht mit zunehmendem Alter keinen Ärger mit dem Juniorpartner wollte, ist hinlänglich oft dargestellt worden. In Hagels Team ist die Überzeugung gewachsen, sich im Umgang mit den Grünen eine Menge leisten zu können. Spätestens seit dem Bruch des 2021 gegebenen Versprechens, im Fall des Falles einen Stabwechsel im Amt des Regierungschefs während der Legislaturperiode mitzutragen.

Für die neue Tonlage und dafür, dass die CDU wird umlernen müssen, wenn sie das Land gedeihlich mitregieren will, steht Özdemirs Antwort auf eine Journalistenfrage nach der halbierten Amtszeit für den Regierungschef. "Bevor die Frage kommt", stellt der Grüne klar: "Wir werden auch keine Doppelspitze einführen beim Amt des Ministerpräsidenten, das könnte ja auch ein Vorschlag sein. Das ist alles nicht meins, wir sind erwachsen hier, wir machen erwachsene Politik, denn die Situation ist zu ernst für Quatsch aller Art." Diese Äußerung haben schwarze Zuspitzer flugs mutwillig zusammengekürzt, um sie als "herablassende Arroganz" und als "Ampelsprech" kritisieren zu können. 

Oettinger hätte Rat

Gut fürs Land 

Acht Punkte umfasst der Forderungskatalog der Grünen Jugend im Land, der dem Sondierungs- und später gegebenenfalls dem Verhandlungsteam der Mutterpartei – angeführt von Cem Özdemir – noch manches Kopfzerbrechen bereiten werden. Basis ist die Analyse der Ausgangslage: "Wir haben die Wahl links gewonnen." Denn das gesamte progressive Lager habe "sich hinter Cem und den Grünen versammelt". Deshalb sei das Wahlergebnis ein massiver Vertrauensvorschuss für grünlinke Regierungspolitik. Verlangt wird unter anderem die Prüfung eines AfD-Verbots als "fester Bestandteil des Koalitionsvertrags" oder ein klarer Fahrplan hin zur Klimaneutralität bis 2040, der mit verbindlichen Sektorzielen hinterlegt wird samt einem Sofortprogramm bei Nichterreichung der Vorgaben. Hohe Hürden liegen in der Migrationspolitik. "Im Bundesrat dürfen keine Verschärfungen der Asyl- und Migrationspolitik mit grünen Stimmen beschlossen werden", heißt es, „und wir erwarten von einer grünen Landesregierung, dass sie sich aktiv gegen die Umsetzung sogenannter ‚Sekundärmigrationszentren‘ stellt." In der Abschiebehaft brauche es eine unabhängige Rechtsberatung, eine deutliche Reduktion der Haftzeiten und ein Ende der Haft von Minderjährigen. Cem sei angetreten, um das Leben aller Menschen im Land zu verbessern. Jetzt gehe es darum zu zeigen: "Unsere grünen linken Positionen sind gut fürs Land."  (jhw)

Immer neu wird auf diese Weise auch der Verdacht genährt, an Substantiellem hätten Hagel und die Seinen so wenig auf der Pfanne, dass gefühlt jede Stunde ein neuer Aufreger her müsse, um die Latte in den Verhandlungen hoch zu legen. Warum nicht mit konkreten Forderungen den Wahlsieger:innen das Leben schwer machen? Erst recht, seit die Grüne Jugend mit ihren Ideen vorgeprescht ist (siehe Kasten). 

Ginge es also tatsächlich zuerst ums Land, hätten sich die Kontrahenten, aus denen die Schwarzen Kombattanten machen möchten, jedenfalls schon zusammengesetzt. Das grüne Sondierungsteam steht bereits, die Rahmenbedingungen könnten geklärt sein oder schnell werden. Und für solche Annäherungen an den Kompromiss als Wesenskern der Demokratie, wie der grüne Spitzenkandidat unermüdlich im Wahlkampf predigte, könnten sich die CDU-Akteure das Angebot eines wirklich Wohlmeinenden annehmen: Kurz vor der Wahl erntete Günther Oettinger (CDU) bei der taz/kontext-Veranstaltung im Stuttgarter Theaterhaus Lacher für seinen Tipp an Hagel, für den Fall eines Wahlsieges den Grünen Danyal Bayaz unbedingt als Finanzminister zu behalten. Denn: Erfahrung sei nicht alles, "aber sie zu haben sehr wertvoll". Weitere Fingerzeige wollte der Ex-Ministerpräsident nicht geben, aber, wenn er gefragt werde, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Vielleicht muss er sich jetzt doch proaktiv aufmachen, da die handelnden Akteure seiner Partei den Abstieg von den Bäumen alleine nicht schaffen. 

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2 Kommentare verfügbar

  • Reinhold J. Pluhar
    vor 5 Stunden
    Antworten
    Im Plattenschrank meiner Eltern fand sich eine Single mit einem Schlager " In deine rehbraunen Augen hat sich ein Jäger verliebt". Wie man hört, ist Herr Hagel Jäger. Kein Wunder also, dass auch er auf rehbraune Augen anspricht - folgt man der Botschaft des Schlagers. Aber während man sowas damals…
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