Gerade wo die Wetterdienste vor Glätte und Eisregen warnen, erscheint der Rückzug ins Kuschelige besonders verlockend. Doch in Baden-Württemberg, einer der reichsten Gegenden Europas, können es sich über 600.000 Menschen nicht leisten, ihre Wohnung angemessen zu beheizen – das entspricht sechs Prozent der baden-württembergischen Bevölkerung. Diese Zahl hat das Statistische Landesamt für das Jahr 2022 ermittelt, neuere Erhebungen liegen dazu nicht vor. Doch die anhaltende Krisenentwicklung liefert wenig Futter für die Vermutung, dass sich in der Zwischenzeit viel zum Besseren gewendet haben könnte.
"Galten zur Jahrtausendwende die wesentlichen Aspekte der Wohnungsfrage noch als gelöst, so stehen nun längst überwunden geglaubte Themen wie Wohnungsnot, Überbelegung oder Wohnen in vernachlässigten Beständen wieder auf der politischen Agenda", schreibt das Statistische Landesamt als Teil seiner Armutsberichterstattung. Schätzungen zufolge fehlen in Baden-Württemberg um die 200.000 Wohnungen, der Mangel trifft die ganze Gesellschaft – aber die Armen am härtesten. Sie geben laut Statistik 44,8 Prozent ihres Einkommens für die Kaltmiete aus, bei den Spitzenverdienern ohne Eigenheim sind es 13,8 Prozent. Wem nach der Überweisung an den Vermieter wenig bleibt, dem verschließen sich Freiräume zur gesellschaftlichen Teilhabe, es wird schwieriger, Geld anzusparen. Und nicht zuletzt kann eine schlechte Wohnsituation auch auf die Psyche durchschlagen: weil die vier Wände einen Rückzugs- und Schutzraum darstellen, wie das Landesamt betont, weil sie Intimität und Privatsphäre bieten und es belastend ist, wenn die Fenster nicht dicht sind oder der Schimmel nicht entfernt wird.
Was preisgünstige Sozialwohnungen angeht, rangiert Baden-Württemberg im bundesweiten Vergleich im unteren Viertel und liegt weit unter dem Durchschnitt. Im benachbarten Bayern kommen auf 1.000 Mieteinheiten 42 Sozialwohnungen – hier im Südwesten sind es nur 21. Somit erscheint der Gedanke naheliegend, sich bei der Förderpraxis anzuschauen, wo es besser läuft. Aber die Hauptverantwortliche für den baden-württembergischen Wohnungsbau lässt daran wenig Interesse erkennen.
Nach der Landtagswahl 2021 wurde unter grün-schwarz ein eigenes Ministerium für den Wohnungsbau eingerichtet. An der Spitze steht die stellvertretende CDU-Landesvorsitzende Nicole Razavi, die mit ihrer persönlichen Bilanz sehr zufrieden ist – im Gegensatz zu den Fachleuten.
Im März 2024 hatte ein Bündnis aus der Branche zum Aktionstag "Lasst uns wieder Wohnungen bauen" aufgerufen, ein einmaliger Vorgang in der Landesgeschichte. Beteiligt waren 15 Organisationen, zur Demonstration in der Stuttgarter Innenstadt erschienen 1.200 Menschen. Am Abend hatte die Architektenkammer zu einem Symposion geladen, bei dem konkret über sachkundige Vorschläge diskutiert worden ist. Noch unter der Ampelregierung hatte der Bund ein Programm aufgelegt, um den Wohnungsbau mit 18 Milliarden Euro zu fördern und Maßnahmen der Länder mitzufinanzieren. Je höher der Eigenanteil, desto höher der Zuschuss vom Bund. Bayern entschied sich, das volle Fördervolumen auszuschöpfen. Baden-Württemberg hätte bis zu 590 Millionen Euro zahlen und sich damit fast eine Milliarde Euro an Zuschüssen sichern können – aber wollte nur 160 Millionen Euro ausgeben. Ministerin Razavi, die weder bei der Demo noch beim Symposion vorbeigeschaut hat, meint dazu, die Wohnungsnot sei "nicht mit immer mehr Geld vom Staat" zu lösen, und erklärt: "Der Baukrise hinterher zu fördern und den Preisanstieg damit weiter anzuheizen, das halte ich nicht für das richtige Mittel."
Irrwitzige Verwaltungskosten
Wo Baden-Württemberg in angespannten Haushaltszeiten an der einen Stelle auf massig Geld verzichtet, insistiert das Ministerium an anderer darauf, es weiter zu verschwenden. So verweist Razavi ("Jede Wohnung zählt!") nicht ohne Stolz auf die sogenannte Wohnraumoffensive: "Die Unterstützungsangebote werden insgesamt sehr gut angenommen und zeigen Wirkung", schreibt das Ministerium im April 2024 in einer Stellungnahme gegenüber dem Landtag. Das genaue Gegenteil behauptet der Landesrechnungshof, der das Programm in seinem Jahresbericht 2025 einer vernichtenden Kritik unterzogen hat. Die eingesetzten Instrumente hätten sich "als weitgehend unwirksam" erwiesen, die Programme seien teuer und wenig nachgefragt. "Das gesetzte Ziel – mehr bezahlbarer Wohnraum – wird kaum erreicht", stellte Cornelia Ruppert, Präsidentin des Rechnungshofs, dazu fest.




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Nicole R. ist unvergessen in ihrer Befragung von Volker Lösch beim Untersuchungsausschuss Schlossgarten-Räumung. Mit unerbittlicher Arroganz...aber sehr selbst: https://www.youtube.com/watch?v=xVmDJeR8K2o
Kommentare anzeigenWolfgang Kaemmer
9 hours ago