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Ricarda Lang

Zielstrebig auf dem Weg nach oben

Ricarda Lang: Zielstrebig auf dem Weg nach oben
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Sie ist hier, sie ist laut, weil sie sich und anderen rund um den Globus die Zukunft nicht klauen lassen will. Mit Ricarda Lang haben die Grünen sich die jüngste Vorsitzende aller Zeiten gewählt. Das eröffnet nicht nur neue Chancen – auch in der eigenen Partei gibt es durchaus Vorbehalte.

Kein abgeschlossenes Jura-Studium, dafür per Katapult in die Führungselite. Kein Stallgeruch, dafür ein Aufstieg nach dem Uralt-Motto "Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal". Aber eben nicht nur: Die 28-jährige Ricarda Lang hat politisch schon viel erlebt und entsprechend Erfahrungen gesammelt seit ihrem Eintritt in die Grüne Jugend vor neun Jahren: als Beisitzerin in deren Bundesvorstand, dann als Sprecherin in der Geschäftsführung des Kreisverbands Friedrichshain-Kreuzberg, als stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen seit 2019, als Wahlkämpferin und als Bundestagsabgeordnete seit Oktober 2021.

Schon in den ersten Wochen als Volksvertreterin wollte sie sofort aufsteigen in einen illustren Kreis: Es sind nicht sehr viele PolitikerInnen, die sich so wie sie auf die Kunst der freien Rede verstehen. Die neue Grünen-Chefin geht sogar in heikle Bundestagsdebatten wie jene zur Impfpflicht ohne Spickzettel und schon gar nicht mit Manuskript. Einem Politiker würden Ehrgeiz und Ambitionen zugeschrieben, einer jungen Politikerin Überheblichkeit. Dabei ist sie so jung auch wieder nicht. Nur zur Erinnerung: Erwin Teufel wurde mit 25 Jahren Bürgermeister in der 13.000-Einwohner-Gemeinde Spaichingen. Eine Frau müsste sich noch heute sehr warm anziehen, würde sie Gleiches anstreben.

Beschimpfungen bewirken das Gegenteil

Lang bringt ihr forciertes Auftreten auch etliche tausend VerächterInnen im Netz ein. "Sie könnte das Perpetuum mobile erfinden", sagt einer ihrer Fans beim Listenparteitag der Südwest-Grünen im vergangenen Frühjahr in Heilbronn, "und würde doch nur beschimpft." Da bewarb sich die Nürtingerin mit einer ihrer flammenden Reden um Listenplatz zehn auf der Landesliste. Seit 26. September vertritt sie nun den Wahlkreis Backnang/Schwäbisch Gmünd in Berlin.

Den Umgang mit Hass und Hetze meint sie, längst gelernt zu haben. Denn schon seit ihrer Wahl zur Sprecherin der Grünen Jugend "ist es vollkommen egal, wozu ich mich äußere, zu Europa, zur Bildungspolitik oder zum Kohleausstieg, ich bekomme grundsätzlich und im Netz nur Kommentare, die sich auf meinen Körper beziehen". Sogar die Nachberichterstattung klassischer Medien über den digitalen Parteitag vom Wochenende bekommt diese Schlagseite. "In den vergangenen Tagen" werde Lang im Netz auf Grund ihres Gewichts "beleidigt und diffamiert", schreiben die "Stuttgarter ZeitungsNachrichten" angeblich besorgt, als wäre das eine Neuigkeit.

Nachdem so etwa 30 Stunden lang wieder einmal im Netz abgekotzt worden war, meldete sich zu Wochenbeginn der Backnanger Politikberater Erik Flügge zu Wort, völlig erfolglos, wie alle anderen, die zur Mäßigung aufrufen: "Was diese Leute, die hier kübelweise Hass über Ricarda Lang ausschütten, um ihr zu schaden, nicht verstehen, ist, dass sie das exakte Gegenteil erreichen, denn jeder der Angriffe unter der Gürtellinie motiviert die Mitte der Gesellschaft, sich hinter Ricarda Lang zu stellen. Solidarität."

Die spürte sie schon, als sie noch in Vor-Corona-Zeiten volle Hallen rockte. Mit minutenlangen stehenden Ovationen wurde 2019 ihre Bewerbungsrede ums Amt der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Grünen bedacht. Die gipfelte in dieser Botschaft: "Unser Aussehen entscheidet nicht über unseren Wert, wir alle sind so viel mehr als die Summe unserer Körperteile, wir sind KlimaschützerInnen, DemokratInnen, FeministInnen und KämpferInnen, und gemeinsam können wir die Welt verändern."

Mit Realo an der Seite für Umverteilung

Solidarität braucht sie vor allem, wenn sie gemeinsam mit ihrem Co-Vorsitzenden Omid Nouripour der Partei in nächster Zeit bei diesem und bei jenem Thema wird erklären müssen, warum wieder einmal ein Koalitionskompromiss die eigenen Ziele und Ansprüche derart verwässert. Auf der Bundesdelegiertenkonferenz mit dem nicht eben berauschenden 76-Prozent-Ergebnis – nicht zuletzt weil ihr die Annahme des inzwischen wieder zurückgezahlten 1.500-Euro-Corona-Bonus verübelt wird –, erprobt sie schon mal die selbstbewusste Tonlage: "Regieren ist doch keine Strafe, sondern eine riesengroße Chance." Vermutlich sei es einfacher, "sich mit einer weißen Weste an den Rand zu stellen, aber damit ist nicht einer einzigen Familie geholfen, die sich Sorgen wegen der gestiegenen Energiepreise macht."

Die Tochter einer alleinerziehenden Sozialarbeiterin in einem Frauenhaus und eines Bildhauers will "ehrliche Antworten auf Verteilungsfragen" zu einem neuen Eckpfeiler grüner Programmatik machen. Nein, berichtet sie, sie habe keine schwierige, sondern eine sehr schöne Kindheit gehabt. Auch dann, als die Mutter den Arbeitsplatz verlor, weil das Frauenhaus geschlossen wurde. Für jede einzelne Chance, erinnert sie sich, musste gekämpft werden. "Ich bin in die Politik gegangen", erzählt Lang, "damit es Frauen wie meine Mutter in Zukunft leichter haben."

Die CDU kopiert das grüne Versprechen, Ökologie und Ökonomie zu versöhnen, etwa ein Vierteljahrhundert, nachdem es das erste Mal formuliert wurde. Lang entwickelt es weiter: "Die Verbindung von Klimaschutz und Gerechtigkeit zur Grundlage unserer Politik zu machen, genau das ist die Aufgabe für das Jahr 2022." Was schon allein deshalb spannend sein wird, weil sich die neue Führung die Aufarbeitung des Wahlergebnisses vom 26. September auf die Fahnen geschrieben hat.

Da steht Streit mit Kretschmann ins Haus

In diesem Zusammenhang kommt einer auf eine Bühne, die er nur selten noch betritt. Dass Winfried Kretschmann – noch einer, der mit flammender Rede Delegierte begeistern kann – nicht zum ersten Mal eine gewisse Distanz zu seiner Partei empfindet, zeigt die voraufgezeichnete Videobotschaft, die er ans coronabedingt digitale Grünen-Treffen nach Berlin schickte. Bei Delegierten und Medienleuten verfehlte eine Passage ihre Wirkung dennoch nicht. "Wir sind als Bündnispartei in den Wahlkampf gestartet und als Milieupartei gelandet. Nun müssen wir wieder auf den Pfad der Bündnispartei zurückfinden", klagte der Ministerpräsident. Das will Lang auch, jedoch mit anderem Ansatz. Kretschmann möchte "das Vertrauen der Menschen" durch ein Bündnis mit der Wirtschaft zurückgewinnen. "Oder mit anderen Worten", appelliert er, "wir müssen wirtschaftsfreundlich sein." Seine neue Bundesvorsitzende tickt da ziemlich anders. "Wir müssen dringend darüber reden, wie Reichtum anders verteilt wird."

Als Nachfolgerin von Annalena Baerbock wird Ricarda Lang bei allen Entscheidungen in der Berliner Ampelkoalition mit am Tisch sitzen. Und sich und andere daran erinnern, dass ein Koalitionsvertrag nicht dazu da ist, grüne Programmatik zu ersetzen. Und erst recht an ihre eigenen Perspektiven. Lang ist Verdi-Mitglied, hat engste Kontakte zu Fridays-for-Future seit der ersten Demo in Berlin 2019, im Netz folgen ihr zehntausende AnhängerInnen, FeministInnen, und viele Neumitglieder gerade der Südwest-Grünen setzen auf sie. In 18 der 22 Jahre seit der Jahrhundertwende hat der erfolgreichste unter den 16 grünen Landesverbänden einen der beiden Bundesvorsitzenden gestellt, allesamt Männer und allesamt vom Realoflügel. Mit dieser Tradition ist jetzt gebrochen.

Er habe keinen Anlass zu der Annahme, sagt Ministerpräsident Kretschmann trocken über die Neue, dass sie die Aufgabe nicht gut machen werde. Und Lang baut ohnehin Brücken. Ein Land wie Deutschland weltweit beispielgebend klimaneutral umzubauen, das sei eine Herausforderung, "da können wir es uns gar nicht leisten, uns auseinanderdividieren zu lassen." Über viele Etappen der grünen Geschichte hinweg haben Realos genau das von Fundis verlangt. Mal sehen, ob und wie das umgekehrt funktionieren wird.


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13 Kommentare verfügbar

  • Sabine Stichler
    am 05.02.2022
    Antworten
    Na Ihr FRAUEN? Kritiklos, weil Frau Lang eine Frau ist??? Viele gute Männerstimmen: los - traut Euch!
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