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Dem Freiherrn fehlen die Worte

Dem Freiherrn fehlen die Worte
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Bis vor kurzem galt Christian Freiherr von Stetten noch als schärfster Merkel-Kritiker in der CDU. Das Umfragehoch der Kanzlerin hat den blaublütigen Bundestagsabgeordneten aus der hohenlohischen Provinz verstummen lassen.

Das waren noch Zeiten. Fast täglich war Christian Freiherr von Stetten in den Medien präsent. Journalisten und Redaktionen rissen sich auf dem Höhepunkt der so genannten Flüchtlingskrise um ein Statement des smarten Adligen aus der baden-württembergischen Provinz. Als sich unzählige syrische Bürgerkriegsopfer auf den Weg in eine sicherere Welt machten, brachte es der CDU-Bundestagsabgeordnete zu enormer Popularität. Die Publicity verdankte er vor allem seinen Worten gegen einen "unkontrollierten Zustrom nach Deutschland". Und den unmissverständlichen Warnungen, die er an seine Chefin, die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel, im gleichen Atemzug richtete.

Anfang November 2015 mahnte der direkt gewählte Volksvertreter aus dem Wahlkreis 268 (Schwäbisch Hall - Hohenlohe) Merkel vor einem "Jahrhundertfehler, den wir nicht mehr korrigieren können", falls man jetzt nicht entschlossen handele. Konkret: an den Grenzen müsse streng kontrolliert, forderte von Stetten, und jeder Flüchtling ohne gültige Papiere dahin zurückschickt werden, von wo sie oder er gerade kommt. Also meist zurück nach Österreich.

Doch inzwischen ist es ruhiger um den blaublütigen Polit-Hansdampf geworden. Nachdem der Zustrom von Flüchtlingen abebbte und in der Folge die Beliebtheitswerte der Kanzlerin wieder in alte Höhen schossen, scheint von Stetten von der Bildfläche verschwunden. Bis auf wenige öffentliche Auftritte in heimischen Gefilden, wo er als Vize-Bürgermeister und Gemeinderat von Künzelsau sowie als Kreisrat zuletzt beim Spatenstich für ein Baugebiet gesehen wurde, ist der Merkel-Kritiker abgetaucht. Auf seiner Facebook-Seite aktualisierte er am 7. Mai sein Profilbild, das ihn als Gast beim ARD-Talk von "Anne Will" zeigt. Doch die Medienpräsenz ist vorgetäuscht: Die Aufnahme stammt aus einer Sendung vom 9. April 2014, in der es um "Koalitions-Zoff um Rente mit 63" ging.

Von Stetten macht es wie Seehofer

Hat der Adlige inzwischen Kreide gefressen? Oder macht er es nur wie Horst Seehofer, der angesichts des aktuellen CDU-Höhenflugs sowie der nahenden Bundestagswahl seine Störfeuer gegen Merkel eingestellt hat? Nach dem jüngsten G7-Gipfel im sizilianischen Taormina, den der amerikanische Präsident Donald Trump grandios sabotierte, bescheinigte der CSU-Chef auf der Truderinger Festwiese der Erzfeindin sogar, alles richtig gemacht zu haben. "Nach 12-jähriger Kanzlerschaft von Angela Merkel geht es Deutschland so gut wie nie zuvor in seiner Geschichte. Deutschland ist eine Insel der Stabilität", sagte Horst Seehofer am vergangenen Sonntag vor 2000 Bierzelt-Besuchern auf dem Volksfest in München. Das geflügelte Wort "Obergrenze", früher der Streitauslöser zwischen den Schwesterparteien schlechthin, hat der Bayern-Regent sogar aus seinem aktuellen Wortschatz getilgt.

Fünf germanische Wurfbeile schmücken das Wappen der Familie der Freiherren von Stetten, deren erste urkundliche Erwähnung auf das Jahr 1089 datiert, und die seit mehr als acht Jahrhunderten oberhalb des Kochertals unweit von Künzelsau in einer stattlichen Schlossanlage residiert. Dem Kriegsdesign wurde der jüngste Stetten-Sproß bislang gerecht. Sein Anti-Kurs zu Merkels Flüchtlingspolitik brachte ihm viel Applaus aus rechten Ecken, sowie klangvolle Titel ein. "Merkels schärfster Kritiker", nannte ihn der Berliner "Tagesspiegel" Anfang 2016.

Kurz zuvor hatte die Berliner Koalition nach wochenlangem Streit gerade das zweite Asylpaket beschlossen, das unter anderem beschleunigte Asylverfahren und verschärfte Regeln beim Familiennachzug von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien vorsah. Von Stetten focht dies nicht an. Als relativ einflussreiches Fraktionsmitglied, das er als Vorsitzender der Mittelstandsvereinigung in der Union ist, gab er den christdemokratischen Seehofer: von Stetten gilt als einer der Initiatoren eines fünfseitigen Brandbriefs zur Flüchtlingspolitik, der Mitte Januar 2016 unter reger Medienanteilnahme an die Kanzlerin ging.

Mister Bundestag mit Bundesadler

Darin war die Rede von einer "Überforderung des Landes", die eine Änderung der derzeitigen Zuwanderungspraxis durch Rückkehr zur strikten Anwendung des geltenden Rechts dringend gebiete. Die Unterschriften von 44 Abgeordneten aus der 311-köpfigen Unionsfraktion schmückten das Schreiben, das in der Führungsetage der Christdemokraten allerdings gar nicht gut ankam. "Einfach mal die Klappe halten und arbeiten. Machen und nicht nur reden", kommentierte etwa CDU-Vize Julia Klöckner die Protestpost. Selbst in heimischen Gefilden, wo damals gerade die heiße Phase des Landtagswahlkampfs begann, distanzierte sich der CDU-Kreisverband Schwäbisch Hall vom "lieben Christian", ebenfalls per Brief: Von Stettens "Aussagen, dass der Wahlkreis uneingeschränkt hinter Deinen Thesen steht", stimme nicht, schrieb der Vorstand. Die Debatten um Flüchtlinge seien "von Populismus und Ängsten geleitet", was doch sicherlich nicht von Stettens Ziel sei.

Bis dahin hatte von Stetten nur einen Pokal in der Vitrine stehen gehabt, den des schönsten Politikers im Hohen Haus. 2003, ein Jahr nachdem er das Bundestagsmandat von seinem Vater Wolfgang zu Stetten übernommen hatte, wurde der damals 32-jährige Reichstags-Novize von Parlaments-Mitarbeiterinnen zum "Mr. Bundestag" gewählt. 2013 erneuerten die "BILD.de"-Leser das Votum mit 32 Prozent der Stimmen.

Gewisse Eitelkeiten trägt der 46-Jährige weiter mit sich rum, wie sich auf seiner Internet-Seite zeigt. Während alle anderen Abgeordnetenkollegen online im jeweiligen Parteiendesign erscheinen, schmückt von Stettens reich bebilderter Webauftritt der Bundesadler.

Schöne Bilder vom türkischen Incirlik

Dabei machte der Adelige in seiner Politikerkarriere nicht nur als Parlaments-Schönling und Merkel-Brutus Schlagzeilen. Als Vertreter des CDU-Wirtschaftsflügels kämpfte er auch gegen die Euro- und Griechenland-Rettung, die Rente mit 63 und gegen eine Erbschaftsteuerreform. Wie Seehofer verstand es von Stetten stets, sich durch ausgefallene Aktionen in Szene zu setzen. Im Sommer 2012 beschäftigte er kurzzeitig den Gangster-Rapper Bushido in seinem Bundestagsbüro. Das viertägige Praktikum hatte ein türkischstämmiger Geschäftspartner des Freiherrn vermittelt. Dieser soll Mitglied des berüchtigten, in Berlin ansässigen Abou-Chaker-Clans sein, dem auch Bushido nahestehe, berichtete kurz darauf der "Stern".

Zwischenzeitlich ermittelte die Berliner Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Geldwäsche gegen den Geschäftspartner. In die Ermittlungsakten Eingang fand ein Scheck in Höhe von 30 000 Euro, den von Stetten diesem ausgestellt hatte – zur Rückabwicklung der geplatzten Markteinführung eines Energydrinks, wie von Stetten betonte. Die Ermittlungen wurden ergebnislos eingestellt. Später distanzierte sich von Stetten öffentlich von seinem rappenden Praktikanten. Er habe vor und nach dem Praktikum keinen Kontakt zu Bushido gehabt, und er pflege auch keine Kontakte zu der Familie, mit der Rapper in Zusammenhang gebracht wird, ließ er die Medien wissen.

Im vergangenen Sommer löste zu Stetten erneut Aufregung mit einer Reise zur türkischen Nato-Militärbasis Incirlik aus, wenige Wochen nachdem der Bundestag seine Armenien-Resolution verabschiedet hatte. Als Reaktion auf die Abstimmung verwehrte die Türkei einer Parlamentariergruppe den Besuch der dort stationierten Bundeswehrsoldaten. Von Stetten machte sich kurz darauf auf eigene Faust zum Stützpunkt auf - und wurde trotz Live-TV-Schalte nach Deutschland nicht eingelassen. Der Lohn für die Mühe: ein großer Bericht in der "Bild", schön bebildert mit Aufnahmen, die von Stetten am Zaun der Luftwaffenbasis zeigen.

In die aktuelle bajuwarische Lobpreisung von Seehofer auf Merkel mag der Adelige aus dem Kochertal (noch) nicht einstimmen, auch wenn er bei der Bundestagswahl im Herbst zum fünften Mal in Folge das Direktmandat holen will (52,3 Prozent Stimmenanteil in 2013). "Herr von Stetten hat es damals nicht nachvollziehen können, dass die an der deutschen Grenze Einreisenden weder kontrolliert, noch registriert werden. Seine Kritik an der Bundesregierung war damals heftig und erfolgreich", lässt er auf Kontext-Anfrage aus seinem Bundestagsbüro mitteilen. Inzwischen werde an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich wieder kontrolliert, registriert und auch bestimme Personengruppen zurückgeschickt, heißt es ergänzend aus seinem Büro. Ansonsten ist der Abgeordnete zum Thema Flüchtlingspolitik leider nicht zu sprechen, weil unterwegs.


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