Für umweltfreundliches Wirtschaften: Anti-Kohle-Aktivistinnen am 4. Juni auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 272
Politik

Her mit der Kohle

Von Jürgen Lessat
Datum: 15.06.2016
Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) macht verantwortungslose Geschäfte, beanstanden Bankenkritiker. LBBW-Fonds würden in Rüstungskonzerne investieren und Kredite an Klimaschädiger vergeben.

Schlimmer geht´s fast nimmer. Im aktuellen Bankenvergleich des Fair Finance Guide erreicht die Landesbank Baden-Württemberg nur die Note "ungenügend". Unter den großen Universalbanken belegt die LBBW damit den letzten Platz, was Ethik und Nachhaltigkeit in den Geschäftspraktiken angeht. Selbst die in etliche Skandale verwickelte Deutsche Bank schneidet bei den Bankentestern besser ab, der Branchenprimus rangiert eine Position vor den Stuttgartern. Verwerflicher als die LBBW handelt laut Initiative lediglich die Pax-Bank aus Köln. Die katholische "Bank für Kirche und Caritas", deutlich kleiner als LBBW und Deutsche Bank, wurde zum unfairsten Geldhaus der Republik gekürt.

Banken haben durch ihre Investitionen und Finanzierungen einen gewaltigen Einfluss auf unsere Gesellschaft und Umwelt, begründet Fair Finance Guide seine Hitliste. Ihre Geschäfte würden häufig zu Umweltzerstörung, Klimawandel, Armut und Ungerechtigkeit beitragen, weil die Geldinstitute meist kurzfristige Profite über langfristige und nachhaltige Entwicklung stellten. Diesem Profitstreben widersetzt sich die Divestment-Bewegung (Kontext berichtete), in der private wie institutionelle Anleger Geld aus Unternehmen und Branchen abziehen, die klimaschädlich agieren oder soziale Standards missachten.

Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 schauen immer mehr Organisationen den Banken weltweit auf die Finger. Der Fair Finance Guide Deutschland, der auf eine Initiative von vier ökologisch und gesellschaftlich engagierten Vereinen und Stiftungen zurückgeht (Facing Finance, Germanwatch, Rankabrand und Südwind), sieht sich als Teil der Divestment-Bewegung. Sein Test soll hiesigen Verbrauchern ermöglichen, sich besser über die Finanzierungs- und Investitionspolitik ihrer Bank zu informieren. Auch weil häufig zwischen öffentlichen Selbstverpflichtungen oder Selbstdarstellungen und den tatsächlichen Geschäftspraktiken der Banken tiefe Gräben klafften.

Auch die Landesbank trägt zum Klimawandel bei

Genau dies sei bei der LBBW der Fall, sagt Fair Finance. So betone die Bank zwar, dass Nachhaltigkeit fest im Kerngeschäft verankert sei. "Zu den meisten Umweltaspekten hat die Bank jedoch keine Richtlinien veröffentlicht. Sie verpflichtet sich auch nicht dazu, von bestimmten Geschäften abzusehen", kritisiert die Initiative. Von der LBBW aufgelegte Fonds investierten in Unternehmen wie Royal Dutch Shell, RWE, Vattenfall und Total. "Diese Unternehmen sind aktiv bei der Förderung und Verwertung fossiler Brennstoffe, tragen maßgeblich zum anthropogenen Klimawandel bei und werden dabei von der LBBW unterstützt", bemängelt Fair Finance.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch die Umwelt- und Menschenrechtsinitiative urgewald, die anlässlich des Pariser Weltklimagipfels eine Finanzrecherche zum Engagement deutscher Banken in klimaschädliche Braunkohleindustrien durchführen ließ. Demnach ist die LBBW mit einem Kredit- und Emissionsvolumen von rund 709 Millionen Euro, vor allem an den Energiekonzern RWE, viertgrößte "Braunkohlebank" Deutschlands.

Auch zu Menschen- und Arbeitsrechten sowie Naturschutz äußere sich die LBBW nur oberflächlich, ergänzt Fair Finance. LBBW-Fonds investierten etwa in Anglo American, einem internationalen Bergbau- und Rohstoffkonzern, der immer wieder in der Kritik von Menschenrechts- und Umweltgruppen steht. Kundengelder legten die Fondsmanager auch bei GlaxoSmithKline, Alstom oder Sanofi an. Diesen Konzernen seien wiederholt Korruption, Bestechung und Steuerhinterziehung vorgeworfen worden. "Obwohl die LBBW eine Richtlinie gegen Korruption implementiert hat, unterhält sie dennoch Finanzbeziehungen zu notorisch korrupten Unternehmen", kritisiert Fair Finance.

Nach Kontext-Recherche hat die LBBW erst vor einem Jahr Repräsentanzen in der Türkei und Usbekistan eröffnet. Beide Länder gelten nicht gerade als Hort der Menschenrechte. "Die Büros in Istanbul und Taschkent dienen als Anlaufstelle für deutschsprachige und internationale Unternehmen, die in Südosteuropa, Vorderasien und Zentralasien tätig sind", betont die Bank auf Nachfrage, dass man dort keinesfalls eigene Geschäfte mache.

"Die Rüstungsrichtlinie schließt ebenfalls nicht viel aus", nennt Barbara Happe von urgewald einen weiteren Kritikpunkt. Zwar betone die LBBW wie andere Banken auch, keine Geschäftsbeziehungen zu Unternehmen zu unterhalten, die Streumunition oder Antipersonenminen herstellen. Dennoch mache die Bank millionenschwere Geschäfte mit Rüstungskonzernen wie der Airbus Group. "Airbus ist ein europäischer Mischkonzern, dessen Rüstungssparte zwanzig Prozent am Umsatz erwirtschaftet", betont Happe. Dies katapultiere das Unternehmen unter die größten Rüstungskonzerne der Welt. Airbus besitzt auch Anteile an der Firma MBDA, dem Hersteller französischer Atomraketen. "Die Stuttgarter Banker positionieren sich nicht eindeutig gegen Atomwaffen", sagt Happe und fordert, dass die Rüstungsrichtlinie schärfer formuliert wird.

Den Schwarzen Peter reicht die Bank an die Kunden weiter

Die Vorwürfe bestreitet das Geldhaus verhement. "Die LBBW verfolgt in ihrer Nachhaltigkeitspolitik einen ganzheitlichen Ansatz, der in der Nachhaltigkeitsstrategie der Bank beschrieben ist und neben Leitplanken zum Anlage- und Kreditgeschäft auch eine Klimastrategie umfasst", betont ein LBBW-Sprecher auf Kontext-Anfrage. So berücksichtige man unabhängig von der aktuellen Divestment-Diskussion bereits seit Langem bei Anlageentscheidungen die sogenannten ESG-Faktoren (ESG = Environmental, Social and Governance). Den Vertrieb von Investmentprodukten in Agrarrohstoffe habe die Bank bereits im Oktober 2012 eingestellt. "Bei Projektfinanzierungen fokussiert sich die LBBW schon seit vielen Jahren auf den Bereich erneuerbare Energien, Kohleengagements spielen eine untergeordnete Rolle", ergänzt er. Die LBBW finanziere Energieprojekte insgesamt mit 3,38 Milliarden Euro. Davon umfassen Wind und Solar rund 75 Prozent, Kohle rund 4,2 Prozent. Der Nachhaltigkeitsbericht 2016, der in Kürze erscheint, werde einen weiter leicht sinkenden Anteil bei Kohle ausweisen.

Zudem gibt die Bank den Schwarzen Peter an die Kunden weiter, die nur verhalten ökologische und ethische Anlagen nachfragten. Im Fachsprech: "Aus diesem Grund ist weniger als fünf Prozent des vom LBBW Asset Management verwalteten Gesamtfondsvolumens in nachhaltigen Fonds angelegt", so der Sprecher.

Nicht nur deshalb akzeptiert die LBBW keine schlechten Noten im Bankentest. "Die Methodik des Fair Finance Guide bildet aus unserer Sicht das Nachhaltigkeitsengagement der LBBW nicht angemessen ab", sagt der Sprecher. Die Bewertung werde im Wesentlichen mit dem Thema Transparenz begründet und berücksichtige nur öffentlich zugängliche Informationen. "Wir halten die umfassenden Bewertungsverfahren der unabhängigen Nachhaltigkeitsratingagenturen, die einen tieferen Einblick und jahrelange Erfahrung in der Analyse von Banken haben, für deutlich verlässlicher", verweist der Sprecher auf Ratings kommerzieller Agenturen.

Bei diesen schneidet die Landesbank deutlich besser ab. So gibt die Münchener oekom research der LBBW auf einer Skala von A+ bis D- die Gesamtnote C+. Mit diesem Ergebnis gehören die Stuttgarter zu den Top fünf von 84 untersuchten internationalen Banken. Im Nachhaltigkeitsrating von Sustainalytics bringt es die LBBW auf 79 von 100 Punkten und belegt damit Platz 11 von 411 weltweit bewerteten Finanzinstituten. Unter den deutschen Finanzinstituten ist dies die zweitbeste Platzierung im Rating.

Verbraucher wollen ihr Geld ökologisch anlegen

"Auf die Einstufung der Ratingagenturen kann man sich nicht verlassen", warnt dagegen Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die Agenturen vertrieben schließlich kommerzielle Siegel. "Die sind käuflich und werden nicht vom Gesetzgeber beaufsichtigt", so sein Einwand. Oftmals verließen sich die Agenturen auf Unternehmensangaben, ohne selbst Firmen, Dienstleistungen und Produktionswege kritisch zu überprüfen. "Der VW-Abgasskandal zeigt, wie glaubwürdig derartige Ratings sind", nennt Nauhauser ein Beispiel. Bei oekom research galt Volkswagen noch Ende 2015 als drittnachhaltigster Autobauer der Welt. Inzwischen hat die Agentur die Wolfsburger von der Note B- auf C zurückgestuft.

Zudem bezweifelt der Verbraucherschützer, dass Banken auf die Wünsche ihrer Kunden tatsächlich eingehen. "Nachhaltigkeit spielt im Beratungsprozess keine Rolle, es wird nur verkauft", kritisiert Nauhauser. Anders als von den Banken behauptet, registriere die Verbraucherzentrale großes Interesse an nachhaltigen Investments. "In jeder dritten Beratung zur Geldanlage und Altersvorsorge interessieren sich die Verbraucher für ethisch-ökologische Geldanlagen", betont er.

Geht es nach einem der Haupteigentümer der LBBW, soll die Bank das Interesse an nachhaltigen und ökologischen Investments künftig viel stärker fördern. "Das Land unterstützt die Landesbank auf dem Weg zur Entwicklung einer Divestment-Strategie", heißt es im grün-schwarzen Koalitionsvertrag. "Auch die Landeshauptstadt sollte als Miteigentümer der Bank auf ein Geschäftsmodell drängen, das ökologischen, sozialen und gesellschaftlichen Ansprüchen genügt", fordert der Stuttgarter Linke-Stadtrat Christoph Ozazek. Dass Geldhäuser politisch korrekt handeln können, zeigt der Bankentest von Fair Finance Guide: Mit Abstand am nachhaltigsten arbeitet die Bochumer GLS Bank mit Kundengeldern. Sehr sozial und ökologisch handelt auch die holländische Triodos-Bank, so das Top-Ranking der Initiative.


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2 Kommentare verfügbar

  • Kornelia
    am 18.06.2016
    @danke Lola Pennt!
    denn der hinweis hat mich auf folgende Spur gebracht:
    http://m.heise.de/tp/artikel/44/44278/1.html?wt_ref=http%3A%2F%2Fwww.taz.de%2F!5305323%2F&wt_t=1466266558587
    "Merken die Politiker nicht, daß sie uns zuviel Absurditäten zumuten, wenn sie dann auch mit glücklich glitzernden Augen auf Flugplätzen und vor Regierungssitzen Fronten abschreiten, da wehen die Haare, da flattern die Fahnen, Musik erklingt - im Normalfall stupides Gefühlsgetrommel; welch ein großartiges, international abgesprochenes Täuschungsmanöver.
    Heinrich Böll"

    Rober Zion (Grüner): "Angesichts der sich dramatisch zuspitzenden Krisen in der Welt jedenfalls, bräuchten die Grünen nun nichts dringlicher als eine "parteinahe Stiftung für den Frieden" und weniger parteiferne Anstiftungen zu Konfrontation und Eskalation im politisch-ideologischen Umfeld der Neokonservativen sowie ökonomischer wie privater Interessenverflechtungen - und dies ausgerechnet auch noch im Namen Heinrich Bölls."
  • Lola Pennt
    am 18.06.2016
    Nicht nur die LBBW kooperiert mit dem Rüstungskonzern Airbus.
    Das tun auch die "lieben Grünen" über ihre Heinrich-Böll-Stiftung:
    "Airbus-Flieger soll grüner werden"
    http://www.taz.de/!5305323/
    und
    "Grüne machen Werbung für Airbus"
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/airbus-kooperation-gruene-kuscheln-mit-luftfahrt-und-ruestungsbranche-a-1094323.html

    ...während ihr Fußvolk gegen die Kohle und die Rüstungsindustrie demonstriert...

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