So schön ist Teningen. Und jetzt ökowarm. Foto: www.maurer.biz

So schön ist Teningen. Und jetzt ökowarm. Foto: www.maurer.biz

Ausgabe 243
Politik

Von der Abwärme verwöhnt

Von Jürgen Lessat
Datum: 25.11.2015
Auf der 21. Internationalen Klimakonferenz Anfang Dezember in Paris will die Weltgemeinschaft wieder einmal den globalen Temperaturanstieg begrenzen. Die südbadische Gemeinde Teningen macht vor, wie es gehen kann: mit einem kommunalen Nahwärmenetz, das die Abwärme einer örtlichen Biogasanlage mitverwertet.

Der Winter kann kommen. Kalte Füße kriegen die Bewohner des Teninger Ortsteils Oberhof dann nicht. Denn Ende Oktober wurde in der Gemeinde 20 Kilometer nördlich von Freiburg ein neues Nahwärmenetz feierlich eingeweiht. Bollernde Öfen und rauchende Schornsteine gehören damit im Quartier der Vergangenheit an: 176 Haushalte, ein Schulzentrum sowie zwei Kindergärten beziehen jetzt klimafreundliche Wärmeenergie, die von einer bereits existierenden Biogasanlage am Ortsrand kommt. Bislang verpuffte deren Abwärme nutzlos, jetzt strömt sie über das frisch verlegte Leitungsnetz in Wohn- und Klassenzimmer. Als zweite Wärmequelle dient eine bestehende Holzhackschnitzel-Heizung der Schule. Deren Brennstoff liefert ein Sägewerk in der Nähe. Das stellt sicher, dass bis zu 95 Prozent der Rohstoffe zur Wärmeerzeugung aus erneuerbaren Quellen der Region stammen. Nur in Spitzenzeiten schaltet sich ein Gaskessel zu, der noch mit fossiler Energie befeuert wird. Drei Pufferspeicher gleichen Angebot und Nachfrage aus, indem sie überschüssige Wärme zwischenspeichern.

"Als wir das Schulzentrum energetisch sanierten, mussten wir überlegen, was wir Sinnvolles mit der überschüssigen Wärme der dann zu großen Heizungsanlage anfangen", schildert Teningens Bürgermeister Heinz-Rudolf Hagenacker, was den Ausschlag für das Projekt gab. Ökologisch am sinnvollsten verwerten lassen sich Wärmeüberschüsse im benachbarten Ortsteil Oberhof, ergaben Untersuchungen: Dort nutzten weit über 90 Prozent der Hauseigentümer fossile Energieträger, vor allem Gas oder Erdöl. Das Durchschnittsalter der Heizanlagen lag bei 17 Jahren. Auch die kommunalen Liegenschaften, die 8,5 Prozent des örtlichen Primärenergiebedarfs beanspruchen, hatten Heizungssysteme mit Modernisierungsbedarf. Folglich bot das Nahwärmeprojekt die Chance, die Energiewende vor Ort kräftig voranzutreiben: 295 000 Liter Heizöl und 1058 Tonnen klimaschädliches CO2 können jährlich eingespart werden, so die Klimabilanz.

Zwar sind Nahwärmenetze keine neue Erfindung. Üblicherweise nehmen jedoch nur Energiekonzerne oder Stadtwerke das Realisierungsrisiko auf sich, das hohe Investitionen und lange Amortisierungszeiträume bedingen. Typischerweise werden Nahwärmenetze deshalb auch in Neubaugebieten realisiert, wo Aufwendungen und Einnahmen besser kalkulierbar sind. Die 11 700 Einwohner zählende Gemeinde Teningen wagte dennoch den Schritt. Vom Umweltmionister Franz Untersteller gab's dafür im Dezember 2014 eine Auszeichnung; Teningen ist einer von 13 Gewinnern des Wettbewerbs Klimaschutz mit System.

Der Gemeinderat stellte andere Großprojekte wie die Rathaussanierung hintenan und bewilligte zwei Millionen Euro für den Bau von Verteilnetz und Übergabestationen. Bund und Land schossen 400 000 Euro aus Klimaschutzprogrammen zu. "Wir machen Energiewende zielgerichtet und nicht wie andere Gemeinden, die lieber ihr Strom- oder Gasnetz rekommunalisieren", betont Bürgermeister Hagenacker. Auch weil die Südbadener lange hätten warten müssen: Ein Rückkauf der örtlichen Energienetze ist frühestens in zehn Jahren möglich.

Als Betreibergesellschaft wurde die Nahwärmeversorgung Teningen GmbH gegründet. Das Besondere: Die Gesellschaft arbeitet bürgerorientiert und nicht in erster Linie gewinnorientiert. Zudem übernahm die Beratungsfirma endura kommunal, die mit Projektplanung und -entwicklung beauftragt wurde, 24 Prozent der Gesellschafteranteile der Teningen GmbH. Das Freiburger Unternehmen hatte also großes Interesse am Erfolg des Projekts.

Der Wärmepufferspeicher kommt.
Der Wärmepufferspeicher kommt.

"Es geht nicht nur darum, alte Heizungen auszutauschen", verdeutlicht Projektleiter Daniel Krauss von endura kommunal die Herausforderung, die der Aufbau einer nachhaltigen Energieversorgung für kleinere Gemeinden bedeutet. Für die erfolgreiche Umsetzung brauche es verschiedene Spezialisten, etwa Juristen für Energierecht und Experten für Förderprogramme. Zudem seien viele Bürger mit individuellen Vorstellungen unter einen Hut zu bekommen. Die künftigen Kunden müssten auf eine sichere Energieversorgung zu langfristig günstigen Tarifen vertrauen können.

Als dritten Aspekt galt es, die ökologischen Vorteile zu vermitteln. "In den Medien wird immer nur über Strom und Klima diskutiert. In Städten und Gemeinden, auf Quartiers- und Haushaltsebene braucht es aber auch die Wärmewende, um die Klimaschutzziele zu erreichen", betont Krauss, wo das größte Einsparpotenzial für Treibhausgase schlummert. "Wenn man ein Nahwärmeprojekt hinkriegt, ist das ein Riesenhebel. Im Beispiel Teningen ist das, als ob man 800 Autos stilllegt, die dann keine Abgase mehr in die Luft blasen", verdeutlicht der Projektleiter.

Auch Bürgermeister Hagenacker ist froh, gehandelt zu haben. "Wir sind stolz auf unser Nahwärmenetz, die Entscheidung war goldrichtig", sagt er. Mittlerweile sei das Interesse gewaltig, sodass das Netz in zwei Bauabschnitten erweitert werden soll. "Im Ort wird das Wärmenetz künftig so selbstverständlich sein wie die Wasserversorgung", sagte auch endura-kommunal-Geschäftsführer Rolf Pfeifer anlässlich der Einweihung. Die Gemeinde spare Energie und Geld in den kommunalen Gebäuden, halte die Wertschöpfung im Ort. "Und Hauseigentümer mit Anschluss haben geringere Wärmekosten, sind unabhängiger von den Energiepreisen und müssen sich nicht mehr um ihre Heizungsanlage kümmern", so Pfeifer weiter.

Bürgermeister Hagenacker hofft, dass der anstehende Weltklimagipfel, der ungeachtet der jüngsten Terroranschläge vom 30. November bis zum 11. Dezember 2015 in Paris stattfindet, nicht nur mit Absichtserklärungen endet. Es bedürfe konkreter Maßnahmen, die auch auf kommunaler Ebene wirken. Als Beispiel nennt er zusätzliche Förderprogramme, um weitere Klimaschutzprojekte vor Ort umsetzen zu können. Ganz nach dem Motto: Global denken, lokal handeln. "Da gibt es noch viel Spielraum nach oben", so Hagenacker.

 

Info:

Unter dem Motto "It's our Fucking Future" findet am Samstag, den 28. November eine "Clima Parade" statt. Um 14:30 Uhr geht's in der Lautenschlagerstraße in Stuttgart los, Veranstalter ist das "Junge Umwelt Bündnis".

In Berlin startet am Sonntag, den 29. November um 12 Uhr am Hauptbahnhof der "Global Climate March".


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