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Der Globale Süden in den Medien

Der blinde Fleck wird größer

Der Globale Süden in den Medien: Der blinde Fleck wird größer
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Die "Tagesschau" berichtet intensiver über das britische Königshaus als über Hungersnöte, der Sport bekommt mehr Sendezeit als alle Länder des Globalen Südens zusammen. Deren mediale Vernachlässigung ist nichts Neues. Aktuell aber drohen sie ganz in der Nichtbeachtung unterzugehen.

Schätzungsweise 6,7 Milliarden Menschen leben in den Staaten des Globalen Südens. Das entspricht etwa 85 Prozent der Weltbevölkerung. Dass ein großer Teil des Planeten und seine Bewohner:innen in den Nachrichten konsequent und eklatant vernachlässigt werden, gehört zu den Konstanten der deutschen Berichterstattung. Die Coronakrise hat die Tendenz zur Ignoranz jedoch weiter verschärft: In den Jahren 2020 und 2021 war etwa die mediale Aufmerksamkeit der "Tagesschau" fast vollständig auf die Auswirkungen der Pandemie in Deutschland und den Ländern des sogenannten Westens beschränkt. Das Interesse an der angespannten Pandemie-Situation in Indien oder Brasilien blieb hingegen sehr überschaubar. Und obwohl die Zahl der chronisch Hungernden im Jahr 2020 auf bis zu 811 Millionen Menschen anstieg, fand dies kaum einen Widerhall in der Berichterstattung. Von den über 3.000 Beiträgen (ohne Sport und Wetter), die 2020 in der Hauptsendung der "Tagesschau" ausgestrahlt wurden, befassten sich lediglich 9 mit dem Thema Hunger (die Corona-Pandemie kam auf fast 1.300 Beiträge).

Ladislaus Ludescher, Jahrgang 1983, publizierte die Langzeitstudie "Vergessene Welten und blinde Flecken", in der über 5.000 Sendungen der "Tagesschau" aus den Jahren 2007 bis 2019 sowie andere in- und ausländische Medien ausgewertet wurden. Ludeschers Fazit: Die Länder des Globalen Südens sind in der Berichterstattung weit unterrepräsentiert. Seine Studie hat der Germanist und Historiker mehrfach aktualisiert und fortgeschrieben. Ludescher ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Frankfurter Goethe-Universität und Lehrbeauftragter am Historischen Institut Mannheim.  (min)

In der 1. Jahreshälfte 2022 setzte sich die mediale Marginalisierung der Länder des Globalen Südens weiter fort und erreichte ein beispielloses Ausmaß. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Corona-Pandemie als dominierendes Thema in den Nachrichten abgelöst. Insgesamt beschäftigte sich die "Tagesschau" in etwa 41 Prozent ihrer Sendezeit mit dem Krieg und seinen Auswirkungen. Auf die Pandemie entfielen etwa 11 Prozent der Sendezeit aller Berichte (2020 waren es circa 45 Prozent und 2021 etwa 35 Prozent). Dramatische Katastrophen, die sich zeitgleich im Globalen Süden ereigneten, wurden nur randständig oder überhaupt nicht aufgegriffen.

Seien es die extremen Hitzewellen auf dem indischen Subkontinent, die Menschenrechtsverletzungen in der Bürgerkriegsregion Tigray, die allgemein angespannte humanitäre Lage in Äthiopien oder die heftigsten Fluten in Bangladesch und Indien seit Jahren, die Millionen Menschen obdachlos machten: Alle diese Themen tauchten in den deutschen Nachrichten nur marginal auf. Vor allem aber auch die katastrophale Ernährungslage in den von Krieg zerstörten Ländern Syrien, Jemen sowie Afghanistan, wo laut den Vereinten Nationen gegenwärtig etwa 23 Millionen Menschen (und damit mehr als die Hälfte der Bevölkerung) im Land unter "akutem Hunger" leiden, fanden fast gar keine Berücksichtigung.

Auf den globalen Hunger entfielen nur circa 0,5 Prozent der Bericht-Sendezeit der "Tagesschau", was insgesamt 13 Minuten entspricht – während sich die wichtigste deutschsprachige Nachrichtensendung etwa 1.030 Minuten lang mit Russlands Krieg und seinen Folgen beschäftigte. Gerade im Zusammenhang mit dem Angriff auf die Ukraine und den hierdurch ausbleibenden Weizenlieferungen wäre ein deutlich größeres Interesse an den von Mangel- und Unterernährung betroffenen Krisenregionen der Welt zu erwarten gewesen.

Wie geht es eigentlich Prinz Harry?

Hilfsorganisationen machten wiederholt auf die Zuspitzung der Hungersituation aufmerksam. So erklärte der Generalsekretär von Malteser International bereits im April 2022: "Noch nie war der Bedarf an humanitärer Hilfe weltweit so groß." Neben den Kriegsfolgen sorgten auch Dürren in verschiedenen Regionen Afrikas für eine starke Zunahme des Hungers. Die Hilfsorganisation Care zum Beispiel sprach in diesem Zusammenhang von einer "Katastrophe mit Ankündigung" in Somalia und wies darauf hin, dass die Hungerkrise im Südsudan eine "neue Dimension" erreicht hat. Anfang Juni konstatierte der Direktor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP), dass in Ostafrika 82 Millionen Menschen nicht genug zu essen hatten.

Berichte über den Globalen Süden und die kritische Nahrungsmittelversorgung rangieren aber offensichtlich weit hinten auf den Prioritätenlisten der Redaktionen. Dass den Sportergebnissen in der "Tagesschau" mehr als 13 Mal so viel Zeit eingeräumt wurde wie dem Hungerthema, gibt zu denken. In der Tat waren die Berichte über den Sport sogar etwas umfangreicher als jene über alle Staaten des Globalen Südens zusammen. Obwohl 85 Prozent der Weltbevölkerung in diesen Ländern leben, entfielen auf sie lediglich etwa 6 Prozent der Gesamtsendezeit.

Selbst über die britischen "Royals" wurde in der "Tagesschau" in der ersten Jahreshälfte mehr berichtet als über den globalen Hunger. Nicht nur ist es keine Top-Meldung, dass mindestens zehn Millionen Kinder durch eine schwere Dürre am Horn von Afrika vom Hungertod bedroht sind (so das UN-Kinderhilfswerk UNICEF am 25. April 2022) – die Nachricht schafft es überhaupt nicht in die Sendung. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat aktuell darauf hingewiesen, dass die Zahl der Hungernden weltweit erneut gestiegen ist und mittlerweile 828 Millionen Menschen erreicht hat. Generalsekretär António Guterres hat vor diesem Hintergrund vor einer beispiellosen Welthungerkrise gewarnt. An ihrem eigentlichen Nachrichtenwert gemessen, hätten diese dramatischen Zahlen und Entwicklungen Top-Schlagzeilen verdient. Es bleibt zu hoffen, dass die Appelle der humanitären Organisationen nicht ungehört verhallen.


Die Studie "Vergessene Welten und blinde Flecken" über die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens, eine Videozusammenfassung, eine Unterschriftenpetition sowie Informationen zu einer auf der Untersuchung beruhenden Ausstellung können hier eingesehen oder heruntergeladen werden.


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7 Kommentare verfügbar

  • R.Gunst
    vor 4 Tagen
    Antworten
    Mit der gekonnten Fokussierung auf so schillernde Themen wie Königshäuser und Sport wird die Tagesschau doch ihrem Namen voll und ganz gerecht. Der Tag des Bürgers klingt mit einem Blick auf Nebensächliches aus und so werden all die Probleme ausgeblendet, die ihn zum Nachdenken bewegen könnten.
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