Schweizer Initiativen kämpfen gegen Rundfunkgebühren. Foto: www.sendeschluss-nein.ch

Schweizer Initiativen kämpfen gegen Rundfunkgebühren. Foto: www.sendeschluss-nein.ch

Ausgabe 360
Medien

Aufruhr im Heidi-Land

Von Michael Lünstroth
Datum: 21.02.2018
In der Schweiz ist neu, was in Deutschland längst normal ist: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird bekämpft, die Verlage fusionieren wie wild und auf der Strecke bleibt der Journalismus. Anfang März steht eine wegweisende Entscheidung an.

So eine Situation wie jetzt hat Nick Lüthi noch nicht erlebt. Er ist einer der erfahrensten Medienjournalisten der Schweiz und wenn er die Lage in seinem Land betrachtet, stellt er fest: "Wo man gerade hinschaut, überall gibt es Entwicklungen, die man so noch nicht kannte in der Schweiz." Verglichen mit dem Nachbarn im Norden hatten es die EidgenossInnen gut. Die NZZ gut bürgerlich, der "Tagesanzeiger" solide linksliberal, die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG seriös öffentlich-rechtlich.

Der Redaktionsleiter der in der Branche viel gelesenen "Medienwoche" sieht vor allem drei bestimmende Themen: Der Kampf um die Rundfunkgebühren, die Medienkonzentration im Pressebereich und der Stellenabbau bei der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA), der diese gerade in ihren Grundfesten erschüttert. Bis zu 40 der 150 Vollzeitstellen bei der Nachrichtenagentur sollen gestrichen werden, die Redaktion ist zeitweise in den Streik getreten. Und Lüthi diagnostiziert insgesamt eine "Verarmung der Medienvielfalt" in der Schweiz. Das belegen auch die offiziellen Zahlen: Gab es 1995 noch 257 Kaufzeitungstitel, waren es 2014 nur noch 181.

Nein zum Nein. Foto: www.sendeschluss-nein.ch
Nein zum Nein. Foto: www.sendeschluss-nein.ch

Was der Medienjournalist aus der Praxis beschreibt, kann man auch im Jahrbuch "Qualität in den Medien" (herausgegeben vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich) schwarz auf weiß nachlesen: In einigen Landesteilen hat der größte Schweizer Medienkonzern, die Tamedia AG, einen Marktanteil von 68 Prozent. In der Deutschschweiz dominierten 2016 die drei größten Schweizer Medienhäuser (Tamedia AG, Ringier, NZZ-Gruppe) 71 Prozent des Onlinemarktes der professionellen Informationsmedien. Die Wissenschaftler stellen fest: "Die Medienkonzentration geht einher mit einer zunehmenden Kommerzialisierung im Mediensystem. Medienorganisationen entwickeln sich immer mehr zu Unternehmen, die ihr Geld nicht primär mit der Produktion von Journalismus verdienen, sondern mit Aktivitäten, die mit dem Journalismus nichts oder nur am Rande zu tun haben und die den Journalismus auch nicht quersubventionieren sollen."

In den Schlagzeilen der vergangenen Monate liest sich das dann so: Tamedia lässt den Mantel seiner zwölf Zeitungen seit diesem Jahr nur noch von zwei Redaktionen machen. Die AZ Medien AG aus Aargau fusioniert mit den NZZ-Regionalmedien; acht Regionalzeitungen kommen unter ein Dach, die Reichweite aller Medien dieses Joint Ventures beträgt mehr als zwei Millionen Leser. Und der rechte Milliardär und SVP-Politiker Christoph Blocher, seit 2016 Drittelbesitzer der "Basler Zeitung", kauft sich auf einen Schlag 25 lokale Gratisblätter und erschließt sich damit einen Markt von rund 800 000 Lesern.

Mit "No Billag" wird die Axt an den öffentlichen Rundfunk gelegt

Der wirtschaftliche Druck mache diese Konzentration unvermeidbar, heißt es stets. Dabei ging es den Schweizer Zeitungen lange besser als den Zeitungen in Deutschland. Ihr Anteil am Werbemarkt war immer noch vergleichsweise hoch, die Lesekultur gilt in der Schweiz als stärker ausgeprägt als in anderen Ländern. Aber jetzt scheinen die Folgen der Digitalisierung auch dort anzukommen.

Christoph Blocher

Der Milliardär, Unternehmer und Politiker (SVP), ist so etwas wie der Mister X der Schweizer Medienlandschaft. Er wäre gerne der Silvio Berlusconi der Schweiz. Die Übernahme der "Basler Zeitung" geriet zum Politikum. Auch, weil Blocher lange dementierte, Teilhaber des Blattes zu sein. Seit Ende Juni 2014 gehört die "Basler Zeitung" offiziell zu einem Drittel Christoph Blocher. Seither fährt das Blatt einen rechtskonservativen Kurs. (lün)

In dieser angespannten Lage auf dem Pressemarkt ist die Diskussion um die Abschaffung der Rundfunkgebühren besonders brisant. Eine Initiative der rechten SVP fordert unter dem Titel "No Billag" (Billag ist die Gebühreneinzugsbehörde in der Schweiz) die Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren. 450 Franken (ab 2019: 365 Franken) müssen Schweizer bislang im Jahr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk berappen. Diese "Zwangsgebühren", wie sie die SVP nennt, müssen aus ihrer Sicht weg. Die Bürger entscheiden am 4. März darüber. Im Ergebnis, so die Initiatoren, führe "No Billag" zu größerer Medienvielfalt, mehr Medienfreiheit und einer Ankurbelung der Wirtschaft, weil die Menschen die gesparten 450 Franken dann ja anderswo ausgeben könnten.

Was das für die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) bedeute, beschreibt die SVP schlicht so: "Die SRG müsste sich in Zukunft lediglich selbst finanzieren, wie die meisten anderen Unternehmen auch. Besteht eine entsprechende Nachfrage nach ihren Sendungen, dürfte es für eine haushälterisch wirtschaftende SRG kein Problem darstellen, erfolgreich zu sein."

Manuel Puppis muss fast ein bisschen lachen, wenn man ihm das vorliest. Puppis ist Professor für Mediensysteme und Medienstrukturen an der Universität Fribourg. Seine Meinung zur "No-Billag"-Initiative: "Die Initianten haben ein libertäres Weltbild und glauben, dass sich ein umfängliches Medienangebot wie jenes der SRG über den Markt finanzieren lasse. Das ist völlig illusorisch. Ein solch breites Angebot lässt sich in einem kleinen mehrsprachigen Land wie der Schweiz niemals allein durch Werbung und Pay-TV-Abos finanzieren. Wird die Initiative angenommen, dann wäre das das Ende des öffentlichen Rundfunks in der Schweiz." Wie das Volk abstimmen wird, vermag er nicht vorherzusagen. Aber er hofft auf eine Ablehnung der Initiative.

Die NZZ-Gruppe

Um die altehrwürdige Neue Zürcher Zeitung (NZZ) hat sich die NZZ-Mediengruppe gebildet. Neben dem Flaggschiff samt Sonntagszeitung und weiteren Supplements gehören inzwischen etliche Regionalzeitungen dazu. Unter anderem das "St. Galler Tagblatt", die "Luzerner Zeitung" und die "Thurgauer Zeitung". Der Umsatz der Mediengruppe lag zuletzt bei knapp 500 Millionen Franken. Der Marktanteil der NZZ-Titel im Bereich Presse in der Deutschschweiz liegt bei 19 Prozent. Die NZZ veranstaltet mit dem Schauspiel Stuttgart das "NZZ Podium Baden-Württemberg". Gern gesehener Gast ist Winfried Kretschmann. Partner sind u.a. Stihl und Herrenknecht. (lün)

Dass die Entwicklungen auf dem Pressemarkt und die "No-Billag"-Debatte viel stärker zusammenhängen könnten als bisher angenommen, hatte der Journalist und Unternehmer Hansi Voigt in einem Text für die linke Wochenzeitung (Woz) schon angedeutet: "Tamedia will bekanntlich den Schweizer Vermarkter der deutschen TV-Sender, Goldbach-Media, übernehmen. Gleichzeitig will Tamedia den Druck der No Billag-Initiative nutzen, um die SRG aus Admeira, der Vermarktungsallianz mit Swisscom und Ringier, zu drängen. Ohne SRG ergibt diese Allianz kaum Sinn. Und ohne Admeira wird Goldbach/Tamedia zur monopolähnlichen Vermarktungsplattform." Am Ende geht es natürlich ums Geld. Und um Macht.

Der Verband Schweizer Medien, der Zusammenschluss privater Anbieter, hat damit kein Problem. Die Vielfalt sei nicht bedroht, behauptet Geschäftsführer Andreas Häuptli, "denn Dank des Internets war es noch nie einfacher, sich vertieft aus unterschiedlichen Angeboten zu informieren". Entscheidend sei, dass die Nutzer die Kompetenz hätten, die Vertrauenswürdigkeit der Quellen zu beurteilen, damit "Fake News keine Chance haben". Hier sei auch die Branche gefordert, sich in der Schulung von Medienkompetenz zu engagieren.

Dass der Journalismus zunehmend seine Geschäftsgrundlage verloren habe, liege auch an den Verlagen selbst, betont Häuptli. Sie hätten zu lange bei der Refinanzierung im Internet auf die Onlinewerbung gesetzt und, "um eine möglichst große Reichweite aufzubauen, ihren Inhalt kostenlos ins Netz gestellt". Diese Strategie sei nicht aufgegangen, ein Umschwenken auf Bezahlschranken im Internetangebot daher folgerichtig.

Ringier

Ringier ist die Nummer 2 auf dem Schweizer Medienmarkt. 1833 gegründet, führt Ringier Medienmarken in Print, TV, Radio, Online und Mobile und ist im Druck-, Unterhaltungs- und Internet-Geschäft tätig. In der Deutschschweiz liegt der Marktanteil von Ringier bei 23 Prozent. Der Umsatz lag zuletzt bei 946 Millionen Franken. Bekannte Markennamen des Verlages sind die Boulevardblätter "Blick", "Cash", "Schweizer Illustrierte". In einem Joint Venture ist Ringier gemeinsam mit dem Springer-Verlag in Ungarn, Polen, Serbien und der Slowakei aktiv. Ex-Kanzler Gerhard Schröder ist seit 2006 Berater bei Ringier und mit dem Verwaltungsratpräsidenten Michael Ringier befreundet. Ringier gehörte bis 2016 auch das Magazin Cicero. (lün)

Und im Hinblick auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk fügt Häuptli noch an: "Wichtig ist für einen Aufbau der Zahlbereitschaft im Internet unter anderem, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Privaten in diesem Bereich nicht mit breit ausgebauten, presseähnlichen und natürlich kostenlos zugänglichen Online-Angeboten konkurrenzieren." Diese Debatte tobt in Deutschland schon lange.

Auch in der Schweiz wird der Ruf nach einer neuen Medienpolitik lauter. Eine staatliche Förderung von Journalismus ist kein Tabu mehr. Weil die bisherigen Geschäftsmodelle immer weniger funktionierten, sagt Manuel Puppis, "brauchen wir ein Infrastrukturprogramm zur Stärkung des Journalismus". Dazu gehört für ihn eine öffentlich geförderte digitale Open-Source-Infrastruktur für private Anbieter von Journalismus, die miteinander im Wettbewerb stehen. Andererseits aber auch eine SRG, die sich weg vom klassischen TV- und Radiosender entwickelt hin zu einer Multimediaplattform mit einer Pflicht zu journalistischer Innovation, zu einer publizistischen Verankerung in der Bevölkerung und zu einem umfassenden Angebot. Diese Forderung ist Teil des Programms des neu gegründeten Vereins "media forti". Puppis ist auch hier aktiv. Man verstehe sich als "Koalition für eine Zukunft des Journalismus".

Die "Republik" ist ein Gegen-Geschäftsmodell

Als Zukunft des Journalismus sehen sich auch die Macher der "Republik". Furios verlief das Crowdfunding im vergangenen Mai, 3,4 Millionen Franken haben Constantin Seibt und seine Mitstreiter damals eingesammelt. Seit sechs Wochen ist das Magazin des Start-up nun online.

Tamedia AG

Die Tamedia AG ist die größte private Schweizer Mediengruppe. In der Deutschschweiz liegt der Marktanteil bei 40 Prozent, in der Romandie sogar bei 68 Prozent. Zu der AG zählen Titel wie der Tages-Anzeiger (Zürich), das Gratisblatt 20 Minuten, Berner Zeitung, Der Bund, Le Matin und viele weitere Titel. Der Umsatz der Gruppe lag 2016 bei 1 Milliarde Franken. Das 1893 gegründete Unternehmen beschäftigt rund 3400 Mitarbeiter. Die Gründerfamilie Coninx hält bis heute die Mehrheit an der seit 2000 an der Schweizer Börse notierten Mediengruppe. (lün)

In einer ersten Bilanz schreiben die Macher nun über den Start: "Saubere Arbeit, wir haben überlebt – aber perfekt war der Job noch nicht." Tatsächlich: Der Start war respektabel, aber die versprochene Revolution im Journalismus war es noch nicht. Nächstes Ziel: Den Überlebensmodus verlassen, "um entschiedener, kontroverser, verspielter, gelassener zu werden".

Das wird nötig sein, um das ursprüngliche Versprechen, dem Journalismus ein neues Geschäftsmodell zu geben, einlösen zu können. Aktuell hat die "Republik" 19 000 Abonnenten. Für ein langfristiges Überleben braucht das Magazin allerdings 25 000. An zurücklehnen ist da erstmal nicht zu denken. Vor allem, weil der Moment der Wahrheit erst am 15. Januar 2019 kommt. Dann wird sich zeigen, wie viele der bisherigen Abonnenten dabei bleiben. Es wird ein Höllenritt, wie Constantin Seibt wohl sagen würde: Bei ähnlichen Projekten brachen zu diesem Zeitpunkt 40 bis 70 Prozent des Publikums weg.


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