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Der Glücksfall Feyder

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Der Kriegsreporter der "Stuttgarter Nachrichten", Franz Feyder, ist wieder einmal in die Schlagzeilen geraten. Diesmal zweifelt "Spiegel online" an seiner Glaubwürdigkeit.

Eine lange Geschichte in "Spiegel online" zu kriegen, das kriegt nicht jeder hin. Franz Feyder, 53, hat es geschafft. Als Reporter einer Regionalzeitung. Jetzt mag die Story ("Der Erzähler") nicht so ausgefallen sein, wie er es gerne für Ruhm und Ehre gehabt hätte, aber immerhin ist der Name wieder bundesweit präsent.

Erzählt wird die Geschichte von drei Autoren, die das Bild eines Journalisten zeichnen, der offenbar ein großes Mitteilungsbedürfnis hat - insbesondere gegenüber staatlichen Organen. Der Reporter Feyder trete in Verfahren gegen deutsche Islamisten immer wieder als Zeuge auf, schreiben Jörg Diehl, Christoph Reuter und Fidelius Schmid, und listen auf: Beim Staatsschutz Stuttgart, Oberlandesgericht Stuttgart, Oberlandesgericht Frankfurt, Oberlandesgericht Düsseldorf. Die Urteile über den Gehalt seiner Berichte differierten dabei stark. Von "sehr gut informiert" bis "sehr viel Fantasie".

Nun muss man dazu wissen, dass der frühere Bundeswehroffizier als Islamexperte gilt, der sein Wissen durch viele Reisen, insbesondere nach Syrien, empirisch gebildet hat. Und weil das eben nicht frei auf der Straße herum liegt, im Fernsehen oder im Radio kommt, wird er gerne gehört und gelesen. Zumal seine Geschichten so spannende Titel tragen wie "Die Sklavin und der Feuerwehrmann", "Auf der A 8 zum Dschihad" oder "Drei Brüder für den heiligen Krieg".

Bei "Spiegel online" haben sie auch alles gelesen, inklusive langer Zeugenprotokolle - und gehörig gestaunt. Feyders Aussagen vor Gericht und seine Artikel ließen diese Mischung erkennen: "Wahres, Halbgares und Falsches", bilanzieren die Hamburger Kollegen ihre wochenlangen Recherchen. Stimmig erscheine, was sich im Netz und aus Gesprächen erfahren ließe, ungenau werde es, wenn es um Details vor Ort gehe, die aus eigener Anschauung beschrieben werden könnten. Trotz intensiver Recherchen sei es nicht möglich gewesen, jemanden in Syrien ausfindig zu machen, "der schon einmal von Feyder gehört hatte". Dem Kollegen Christoph Reuter, einem der kundigsten Kriegsberichterstatter in der Region, hätte dies eigentlich gelingen müssen. Der Gescholtene selbst kontert mit dem Hinweis, in Syrien lebten 22 Millionen Menschen, da sei es wohl "sehr ambitioniert", gerade diejenigen zu entdecken, die seiner ansichtig wurden – "bei aller Kompetenz der Kollegen".

In der Rechercheabteilung der StN wundern sie sich aus einem anderen Grund. Ihr Vorsteher Feyder ist wirklich oft weg und sein Reiseetat ziemlich hoch. 14 Mal war er seit 2011 in Syrien, so viel konnte er zusammen mit Chef Reisinger ermitteln. Das ist für eine Regionalzeitung, die sonst an allen Ecken und Enden spart, eine beeindruckende Bilanz. Und für Reisinger ein Beleg dafür, wie ernst er es mit der Recherche meint. Ganz fuchsig wird er deshalb, wenn Freund Feyder, wie jetzt bei "Spiegel online", angegriffen wird. Die wenigen konkreten Vorwürfe, die seinem Reporter gemacht würden, seien "allesamt zu widerlegen", betont er gegenüber Kontext. Und das werde er auch noch tun, nach Absprache mit den Hausjuristen.

Besonders ärgert ihn, dass die Hamburger seinem Topmann unterstellen, er habe sich Sicherheits- und Justizbehörden als Quelle aufgedrängt. Das sei "frei erfunden". Auch der Vielfachzeuge weist diesen Vorwurf gegenüber Kontext "aufs Schärfste" zurück. Natürlich biete er sich nicht an, nach dem Motto: ich weiß da was. Wenn er komme, dann auf Anordnung, etwa vom Generalbundesanwalt. Im Übrigen kenne er eine Menge Journalisten, die in den Zeugenstand träten. Insoweit sei das "kein Feyder-Phänomen".

Vierte Gewalt oder Hilfspolizist?

Aber offenbar ist er ein besonders gutes Beispiel. Das NDR-Medienmagazin "Zapp" hatte ihn schon 2014 im Fokus, als es fragte, wie weit Journalisten gehen dürfen? Vierte Gewalt oder Hilfspolizisten? Kontrolleure der Macht oder verlängerter Arm des Staates? Reisinger hat das für sich beantwortet. Es sei, sagt der Oberstleutnant der Reserve, "staatsbürgerliche Pflicht" für einen Journalisten, eine Zeugenaussage zu machen, wenn er dazu geladen werde. Wenn nun jemand Feyder vorwerfe, er spiele den Hilfspolizisten, dann sei das "infam".

Der StN-Chefredakteur hält daran fest, dass sein Kriegsberichterstatter ein "Glücksfall" für die Zeitung ist, und dies auf der Basis objektiver Kriterien. Keine Rolle spiele dabei seine "freundschaftliche Verbundenheit" mit Feyder. Wenn jemand behaupte, er habe ihn an irgendeiner Stelle privilegiert, dann wäre das "frech gelogen". 

Vor "Zapp" und "Spiegel online" hat sich Kontext mit Feyder ausführlich beschäftigt. Autor Bruno Bienzle, einst StN-Lokalchef, hat die Rolle des Journalisten 2013 beleuchtet ("Kriegsreporter auf Konfliktkurs"), als jener den Nürtinger Verein Flüchtlingskinder im Libanon im Visier hatte. Dessen Ausstellung "Die Nakba - Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948" geißelte Feyder als "einseitige Präsentation", die "Vorurteile oder gar Extremismus" schüren könne. Der Verein beschwerte sich darauf beim Presserat, welcher einen Verstoß gegen publizistische Grundsätze erkannte. Bienzle beschäftigte sich in einem weiteren Artikel ("Wachsender Unmut") mit den Verwerfungen innerhalb der StN, die sein erster Text ausgelöst hatte. Für die "Stuttgarter Nachrichten" Grund genug, wegen vermeintlich unrichtiger Behauptungen juristisch gegen Kontext vorzugehen. Am Abend vor dem Gerichtstermin zog das Blatt seine Klage zurück.

Offen ist noch, ob die StN juristische Schritte gegen "Spiegel online" einleiten wird. Das werde derzeit geprüft, sagt Christoph Reisinger. Der Chef des Hamburger Online-Magazins, Florian Harms, sieht der Sache gelassen entgegen. Sie hätten, sagt der Sohn des früheren StN-Ressortleiters Klaus B. Harms, gewissenhaft und umfassend in Syrien und Deutschland recherchiert. Für ihre Darstellung lägen ihnen zahlreiche Belege vor. Deshalb hielten sie "uneingeschränkt" an ihrem Text fest.


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5 Kommentare verfügbar

  • someonesdaughter
    am 27.04.2016
    Antworten
    " - bis zum Hotel Zenobia wird er nicht gekommen sein."

    Oder nur bis da? Die Bar und die Terrasse waren jedenfalls stets sehr beliebt, bei Journalisten wie bei den Archäologen, die rund um Palmyra gegraben haben. Und bei den LehrerInnen-Gruppen, die mit Studiosus unterwegs waren. Nicht nur, aber…
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