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Kriegsreporter auf Konfliktkurs

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Das Attribut Kriegsreporter haftet ihm seit gut eineinhalb Jahrzehnten an. Daran hat auch ein Namenswechsel und der Eintritt in die Redaktion der "Stuttgarter Nachrichten" nichts geändert. Dort gehört Franz Feyder, der bis zu seiner Heirat im Jahr 2009 Franz-Josef Hutsch hieß, seit Februar 2012 dem Recherche- und Reportagepool an. Konfliktscheu ist er deshalb nicht geworden. Das bekamen der Verein Flüchtlingskinder im Libanon e. V. in Tübingen und zwei katholische Pfarrer in Nürtingen zu spüren. Nun ist der Vorgang beim Deutschen Presserat anhängig.

Im November 2012 machte die Wanderausstellung des Vereins mit dem Titel "Die Nakba - Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948" Station in Nürtingen. Wie seit April 2008 in mittlerweile 80 Städten quer durch die Bundesrepublik. Sie fußt wesentlich auf Text- und Bildmaterial aus internationalen Quellen einschließlich von Dokumenten der UNRWA, der Hilfsorganisation der Vereinten Nationen für die Palästinenser. Zwar gab es immer wieder Versuche, die Präsentation von 14 Folien im Format 90 mal 150 Zentimeter zu verhindern. Doch fanden sich stets entweder alternative Örtlichkeiten, meist kirchlicher oder gewerkschaftlicher Gastgeber, oder wies ein Verwaltungsgericht wie in Freiburg die kurzfristige Kündigung städtischer Räume zurück. Auch setzten sich Unterstützer wie der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, namhafte Publizisten wie Franz Alt, Ulrich Kienzle oder Peter Scholl-Latour sowie israelische Friedensaktivisten wie Uri Avnery oder Felicia Langerfür die Ausstellung ein und wiesen den von Gliederungen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft erhobenen Vorwurf der Israelfeindlichkeit und des Antisemitismus zurück. Rechtsanwältin Felicia Langer ist zugleich die Schirmherrin des Vereins, der 2007 wegen seiner Jahrzehnte langen Sozialarbeit vor allem im Libanon mit dem Ehrenamtspreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde.

Kein Wort davon in der StN

Von alledem fand sich in drei mehrspaltigen Artikeln der StN unmittelbar vor der Nürtinger Ausstellung kein Wort. Wohl aber ging Verfasser Feyder die Förderer der Schau wie die landeseigene Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit (SEZ) sowie die Vertreter der gastgebenden Kirchengemeinde und der Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis, die Pfarrer Martin Schwer und Adalbert Kuhn, frontal an. Letzteren hielt er vor, die Gefahr zu verkennen, die "einseitige Präsentation" könne "Vorurteile oder gar Extremismus schüren". Selbst Bischof Gebhard Fürst, den Rechercheur Feyder auf den vermeintlichen Fehltritt in seinem Sprengel angesprochen hatte, musste sich vorhalten lassen, der "Kompetenz seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort" zu vertrauen statt dem Beispiel des Erzbistums Köln zu folgen, wo ein Pfarrer der Präsentation kirchliche Räume zu verwehren und die Nürtinger Schäflein vor Indoktrination zu bewahren.

Die von Feyder unterstellte Einseitigkeit (der Ausstellung) beklagt nun seinerseits der Tübinger Verein wegen dessen Kampagne in den "Stuttgarter Nachrichten". Verfasser Feyder verunglimpfe die Ausstellungsmacher durch die Unterstellung, ein in der Ausstellung präsentiertes und zitiertes palästinensisches Flüchtlingskind existiere gar nicht. Feyder hatte diese Behauptung damit untermauert, dass er das Bild des Kindes Bewohnern des Flüchtlingslagers gezeigt habe, wobei keiner das Kind gekannt habe.

Den Verein verwundert weiter der Umstand, dass die Ausstellungstafeln 2008 und 2009 Insgesamt viermal in Stuttgart gezeigt wurden, ohne dass die StN davon Notiz genommen hätten. Die Vorsitzende des Vereins, Ingrid Rumpf, rief deshalb den Deutschen Presserat, Organ der freiwilligen Selbstkontrolle gedruckter Medien, an. Dessen Beschwerdeausschuss erkannte am 13. März dieses Jahres eine "Verletzung der in Ziffer 2 Pressekodex definierten journalistischen Sorgfaltspflicht", habe der Verfasser doch "die Ausstellungsmacher dem Verdacht der Faktenmanipulation in einem besonders empfindlichen Kontext" ausgesetzt und befand: "Presseethisch bewertet der Ausschuss den Verstoß gegen die publizistischen Grundsätze als so schwerwiegend, dass er gemäß § 12 Beschwerdeordnung eine Missbilligung ausspricht."

Auf Kontext-Anfrage Lob in höchsten Tönen

Gegen diese Entscheidung haben die StN inzwischen Widerspruch eingelegt, über den der Beschwerdeausschuss am 5. Juni entscheidet. Dass die StN dann der Empfehlung des Presserats folgen und die Missbilligung "als Ausdruck fairer Berichterstattung veröffentlichen", ist kaum zu erwarten. Dieser Schluss lässt sich aus der Antwort von StN-Chefredakteur Dr. Christoph Reisinger ziehen. Auf Anfrage von Kontext lobt er seinen leitenden Redakteur Feyder in den höchsten Tönen. "Es ist ein großer Glücksfall für die Redaktion Stuttgarter Nachrichten und Sonntag aktuell, dass sie mit Franz Feyder einen der stärksten Rechercheure des Landes gewinnen konnte. Er stärkt das Ansehen der StN bei Lesern und Mantelkunden durch bundesweit beachtete Nachrichten und Reportagen." Außerdem bringe er "Fähigkeiten wie forensische Computerrecherche, Tiefenrecherche, Netzwerkrecherche ein, die es in dieser Qualität in unserer Redaktion zuvor nicht gegeben" habe. 

Wie uneingeschränkt groß das Vertrauen des seit April 2011 amtierenden StN-Chefredakteurs zum ehemaligen Bundeswehroffizier Hutsch-Feyder, den er "seit den frühen 1990er Jahren" kennt, sein muss, lässt sich auch daran ablesen, wie Reisinger sich schützend vor diesen gestellt hatte, als das StN-Partnerblatt "Nürtinger Zeitung" sich unter dem Eindruck heftiger Leserproteste von den Berichten im eigenen Mantelteil distanzierte. Da er "die Art und Weise der Distanzierung vom Kollegen Feyder und seinen Texten zur Nürtinger Nakba-Ausstellung als nicht hinnehmbar empfand", habe er "die Nürtinger Redaktion sehr höflich darum gebeten, das kollegiale Miteinander zu wahren". In der NtZ war zu lesen gewesen, es "schmerze . . ., wenn man durch einen Artikel im Mantelteil der Zeitung diffamiert" werde und das "in einem journalistisch fragwürdigen, respektlosen und verletzenden Schreibstil".

Fortsetzung folgt, wenn der Presserat am 5. Juni über den Widerspruch der "Stuttgarter Nachrichten" befunden hat.

 


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1 Kommentar verfügbar

  • Gerd-Bodo Dick
    am 21.01.2016
    Antworten
    Franz (Hutsch) Feyder ein gefrusteter Offizier der Bundeswehr. Wäre gerne Breufssoldat geworden. Die Bundeswehrreform war dagegen. Sobald belastbare Fakten, Daten und militärische Knntenisse gefragt sind - Stille Leere.
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