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Wachsender Unmut

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Der Presserat hat die für Mittwoch (5. Juni) vorgesehene Entscheidung in der Sache Franz Feyder vertagt. Es geht um die Missbilligung gegen den Reporter der "Stuttgarter Nachrichten", die das Gremium wegen Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht ausgesprochen hat. Der Presserat wird sich im September erneut damit befassen. Wegen der Personalie Feyder entzündet sich Kritik am Chefredakteur des Blattes.

Ein Zitat schlägt Wellen. Jedenfalls im dritten Stock des Pressehauses Stuttgart. Dort residiert die Redaktion der "Stuttgarter Nachrichten". Die in Kontext Nr. 111 vom 15. 5. 2013 im Beitrag "Fragwürdig, respektlos, verletzend" wiedergegebene Lobpreisung von Franz Feyder, seit Februar 2012 leitender Redakteur im Ressort Recherche und Reportagen der StN, durch Chefredakteur Christoph Reisinger platzte mitten in die Diskussion um Selbstverständnis und Zukunft des Blattes, das als Zweitzeitung der Landeshauptstadt seit jeher ums Überleben kämpft.

Es sei "ein großer Glücksfall für die Redaktion Stuttgarter Nachrichten und Sonntag Aktuell, dass sie mit Franz Feyder einen der stärksten Rechercheure des Landes gewinnen konnte". Er stärke "das Ansehen der StN bei Lesern und Mantelkunden durch bundesweit beachtete Nachrichten und Reportagen". Außerdem bringe Feyder, ein ehemaliger Bundeswehroffizier, der bis zu seiner Heirat mit der früheren Bildungsreferentin des Deutschen Journalisten-Verbandes, Manuela Feyder, unter dem Namen Franz-Josef Hutsch vorwiegend als Kriegsreporter ausgewiesen war, "Fähigkeiten wie forensische Computerrecherche, Tiefenrecherche, Netzwerkrecherche ein, die es in dieser Qualität in unserer Redaktion zuvor nicht gegeben" habe. 

Damit stellte Reisinger, im April 2011 aus dem Newsroom der "Neuen Osnabrücker Zeitung" auf den Stuhl des StN-Chefredakteurs berufen, der Redaktion insgesamt und Insbesondere dem unter seinem Vorvorgänger Jürgen Offenbach gebildeten Reporterteam um Chefreporter Frank Krause ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis aus. Von "Ahnungslosigkeit" über "Frechheit" bis "Rufmord" reichten die Kommentare aus den Reihen der einstmals 85 Köpfe zählenden Redaktion, die schon unter Reisingers Kurzzeit-Vorgänger Christoph Grote personell Federn lassen musste und die nun per Abfindungsangeboten um vorerst weitere sieben Stellen schrumpfen soll. 

Vor allem aber passte die Äußerung des StN-Chefs zu den Ausführungen des neuen Geschäftsführers Martin Jaschke am Dienstag vergangener Woche vor der StN-Redaktion wie die Faust aufs Auge. Der seit November letzten Jahres für das operative Zeitungsgeschäft der Medienholding Süd (MHS), also auch für StZ und "Schwarzwälder Bote", zuständige promovierte Jurist ließ die StN-Redakteure wissen, der Markt vertrage durchaus zwei Titel in Stuttgart, da StZ und StN unterschiedliche Leserschichten bedienten. Wobei letztere als lokales und regionales Medium nicht mit Syrien, Palästina oder Obama am Kiosk erfolgreich sei. 

Deutlicher hätte sich der neue Mann, der sich beim Braunschweiger Zeitungsverlag und zuletzt bei der zum WAZ-Konzern gehörenden Zeitungsgruppe Thüringen den Ruf eines Kostenkillers erwarb, von Reisingers Zielsetzung, die StN als bundesweit wahrgenommene Marke zu etablieren, wohl kaum distanzieren können. Dazu gehörte die Verpflichtung von Feyder ebenso wie der schon unter Grote eingeleitete Rückzug der StN aus der Region. Während die sich als Leitmedium für Baden-Württemberg verstehende StZ die Regionalberichterstattung gleichwohl systematisch ausbaute, erfüllten die StN-Chefredakteure die Sparauflagen der Geschäftsführung zum Entsetzen der Redaktion durch Stellenabbau und Umsetzungen zu Lasten des dem Lokalen zugeschlagenen Regionalressorts. Von einstmals elf Redakteuren sind so gerade mal vier in der Zentrale übrig geblieben, die sich um Themen aus den Landkreisen Esslingen, Ludwigsburg, Böblingen, Rems-Murr und Göppingen sowie aus dem Regionalparlament bemühen. 

Hatte die Personalie Feyder schon bei ihrer Präsentation für Kopfschütteln gesorgt, so ist daraus inzwischen Unmut geworden. Die Kritik entzündet sich an der "Narrenfreiheit des Kriegsreporters a. D.", an dessen "unvertretbar engem Themenspektrum" bei "enormen Spesen", mit denen er im Alleingang den Jahresetat des fünfköpfigen Reporterpools sprenge, oder an dessen "offensichtlicher Protektion durch den Chefredakteur". Wenn dann, wie beim Auftritt Jaschkes, weitere "kostendämpfende Maßnahmen" in den Raum gestellt würden, könne die Frage nach Aufwand und Ertrag einer solchen "Orchideenstelle" nicht ausbleiben. 

Zu alledem passt, dass die Missbilligung der Feyder-Berichte über die Nakba-Ausstellung des Tübinger Vereins Flüchtlingskinder Im Libanon durch den Deutschen Presserat bisher kein Thema am StN-Konferenztisch war. Umso heftiger fallen nun die Reaktionen aus, sehen doch die internen Kritiker im Umgang mit dem Vorgang einen Beleg für die "Sonderstellung", die Franz Feyder bei den "Stuttgarter Nachrichten" genießt.


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3 Kommentare verfügbar

  • Salim Spohr
    am 18.06.2014
    Antworten
    Am besten gefällt mir an dem Artikel (in memoriam alte Zeiten) die Erwähnung des „Schwarzwälder Boten“, für den ich im tiefen Hochschwarzwald in der Lokalredaktion Bonndorf einst als Reporter gearbeitet und Artikel wie beispielsweise „Das Altenheim feiert sein Frühlinsfest“ fabriziert hatte. Die…
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