Genosse Edzard Reuter. Foto: Joachim E. Röttgers

Genosse Edzard Reuter. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 114
Debatte

Stuttgart 21: Fatal schiefgelaufen

Von Edzard Reuter
Datum: 05.06.2013
Mit großem Eifer feiert die SPD ihre 150-jährige Geschichte. Edzard Reuter (85) hat sie ein Leben lang begleitet. Ein Fazit lautet: Altbackene Traditionen wie der blinde Glaube an den Fortschritt, siehe Stuttgart 21, dürfen ihren Weg nicht mehr bestimmen. Sein Grußwort überschreibt er selbst mit "Verspätete Gedanken".

Mehr als 65 Jahre ist es her, dass man mir mein erstes Mitgliedsbuch übergab. Rechnet man die Kindheit, das Heranwachsen in der Nähe und unter der Obhut der Eltern, die Nazizeit und die Emigration in der Türkei hinzu, kommt gut und gern die Hälfte ihrer 150-jährigen Geschichte zusammen, die mich mit der SPD verbindet. Freilich kann ich mich nicht rühmen, auf dieser langen Wegstrecke jemals in die höheren Weihen irgendwelcher Parteigremien aufgestiegen oder gar mit ihrem Segen zu den Würden eines öffentlichen Amtes befördert worden zu sein. Ich war und bin schlicht ein "einfaches Mitglied".

Trotzdem wird es wohl so sein, dass mich, gewollt oder ungewollt, die Geschichte dieser Partei innerlich zumindest beeinflusst, vielleicht sogar mitgeformt hat. Schon der flüchtigste Rückblick lässt die Abholung des Vaters durch die Gestapo ins KZ Lichtenburg vor dem Auge lebendig werden, die entschlossene Tatkraft der Mutter zu seiner Befreiung, die Jahre des hilflosen Miterlebens der Weltkatstrophe am Radio während der Emigration in der so gastfreundlichen Türkei, die trotz aller Enttäuschungen nie erloschene Überzeugung der Eltern von der in den Menschen daheim weiter lebendigen Wirkungsmacht von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, die Rückkehr in das geschundene Nachkriegsberlin und das Wunder der dort mit dem Höhepunkt der Blockade Wirklichkeit gewordenen Wiedergeburt der deutschen Demokratie.

Gewiss: Alles das, was der junge Mensch damals erlebt und empfunden hat, gründete nicht in irgendwelchen parteipolitischen Bindungen oder Scheuklappen. Vielmehr leitete es sich ab aus der fest verwurzelten Überzeugung der Eltern, dass die angeborene Würde des Menschen ihre Erfüllung erst darin findet, wenn einem die Kraft beschieden ist, sich selbst unter noch so widrigen Umständen der eigenen gesellschaftlichen Einbindung bewusst zu bleiben. Um dies zu begreifen, bedarf es keines Parteibuchs. In diesem Sinne bleibt es auch wahr, dass der Vater nie im engeren Sinne des Wortes ein "Parteimann" war, also jemand, dessen ganzer innerer wie äußerer Lebenszuschnitt von den Meinungen und Beschlüssen seiner Partei abhing. Vieles spricht übrigens dafür, dass sich die offiziellen Würdenträger der SPD dessen bis heute bewusst geblieben sind. Das ändert nicht das Geringste daran, dass beide Eltern in jeder Sekunde zutiefst um die Einzigartigkeit der Grundwerte wussten, die sie durch die Fährnisse ihres Lebens getragen haben – und die diese Partei, die SPD, bis heute weiter tragen.

Die folgenden Jahre der Ausbildung, des Erwachsenwerdens und schließlich der beruflichen Laufbahn mussten danach ganz zwangsläufig sehr eigene Erfahrungen mit sich bringen. In vielerlei Hinsicht unterschieden sie sich von den Prägungen der Jugendzeit. Der Weg führte in wirtschaftliche und unternehmerische Verantwortung. Staunend war dabei zu beobachten, mit welcher Unverfrorenheit manche Repräsentanten dieses Berufszweiges die eigenen materiellen Interessen mit dem Gemeinwohl des jungen Staates gleichzusetzten pflegten. Umso stärker wurde man jeden Tag neu in den grundlegenden Idealen der Sozialdemokratie bestätigt.

Das war selbst dann der Fall, wenn man kopfschüttelnd miterleben musste, wie schwer es trotz des "Godesberger Programms" weiten Teilen der SPD fiel, ihre Anstrengungen auf die sozialpolitische Bändigung einer marktwirtschaftlichen Ordnung zu konzentrieren, anstatt sich in einem fruchtlosen Streit über die vermeintlichen Vorteile einer staatsdirigistischen Politik zu verzetteln. Doch wenig später schon ergab sich Anlass genug, stolz zu sein auf die Zeit, in der die Geschicke der Bundesrepublik unter der Führung der Partei auf eine europäische Zukunft ausgerichtet wurden – und auf Kanzler wie Willy Brandt und Helmut Schmidt, deren Überzeugungen man nahtlos (wiewohl nicht in jedem Augenblick mit blinder Bewunderung) teilte.

Die alten Rezepte und Köpfe helfen nicht mehr

So weit, so gut. Das alles war einmal. Nicht nur, dass sich die Zeiten ändern. Weit mehr als das: Wir leben mitten in einem revolutionären Umbruch, ausgelöst durch Globalisierung und Digitalisierung. Weder die alten Rezepte noch die alten Köpfe helfen da weiter, jedenfalls nicht unbesehen. Womöglich mag es auch zukünftig wieder einmal vorkommen, dass in höchsten politischen Ämtern der Bundesrepublik Stilempfinden und Anstandsbewusstsein eher gering geachtet und statt dessen hemdsärmelig für Wandel gesorgt wird – meine Sache war und ist das nicht, aber was zählt das schon? Zu den gängigen Klischees gehört es heutzutage, die SPD als "alte Tante" zu belächeln, deren große Zeit endgültig vorüber ist. Doch weit gefehlt: Die Partei, ihre Mitglieder und ihre Führung haben sich längst auf den Weg gemacht, zu lernen, was die modernen Anforderungen an eine leistungsfähige Gesellschaft bedeuten.

Altbackene sozialdemokratische Traditionen wie der blinde Glaube an einen allein seligmachenden technischen Fortschritt, noch beim Festhalten an einem so fatal schiefgelaufenen Projekt wie Stuttgart 21 manifestiert, dürfen und werden zukünftig nicht mehr den Weg bestimmen. Weil die Grenzen für eine uferlose Ausweitung staatlicher Tätigkeit längst erreicht, nein: überschritten, sind, wird die Herausforderung darin bestehen, den Wandel politisch so zu gestalten, dass die europäischen Werte einer für alle Bürgerinnen und Bürger lebenswerten Gesellschaft gewahrt bleiben. Dazu zählt, endlich ernst zu machen mit dem allzu oft immer noch als Lippenbekenntnis missverstandenen Anspruch, das kreative Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und ethnischen Wurzeln Wirklichkeit werden zu lassen.

Die weltweite Umwälzung, die wir jeden Tag von neuem miterleben, erfordert neue Antworten. Oft genug werden sie hart ausfallen müssen, mit Althergebrachtem brechen. Weichspülerei im Kanzleramt, an die wir uns in letzter Zeit so gern gewöhnt haben, wird nicht mehr ausreichen – das wird, wenn nicht schon im kommenden September, in sehr absehbarer Zukunft auch eine breite Mehrheit des Wahlvolkes begreifen.

Freiheit und Frieden gibt es nur mit Solidarität

Auf die Dauer kann und wird der Aufbruch in eine in diesem Sinne sozialdemokratische Zukunft freilich nur gelingen, wenn genügend junge Menschen davon überzeugt werden und als eigene Herausforderung begreifen, dass es auf die Dauer weder Freiheit, Wohlstand noch Frieden ohne Solidarität geben kann. Wer mir weismachen will, dies sei hoffnungslos, dem halte ich mit der starrsinnigen Überzeugung des Alters entgegen, dass sie oder er sich irren. Zumindest wir Europäerinnen und Europäer haben aus unserer oftmals so grausigen Geschichte gelernt, dass Selbstsucht allein keinen Schlüssel für eine erträgliche Zukunft liefert. In schwierigen Zeiten wie den unsrigen wird es trotzdem allerorten und vermehrt Propheten geben, die uns raten, zu alten Zielen zurückzukehren und zuerst an uns selbst zu denken. Es gibt keinen Grund, sich von solchen Totengräbern einschüchtern zu lassen.

Hilfe der Starken für die Schwachen, Respekt und Toleranz für andere Meinungen, sorgsamer Umgang mit den Ressourcen, die uns die Natur geschenkt hat, der Mut, sich dem Geplapper opportunistischer Medien und verantwortungsloser politischer Gegner entgegenzustellen – mag sein, dass dies alles nur eine Hoffnung ist. Für mich bleibt es sicher, dass es auch künftig Persönlichkeiten geben wird, die sich diesen grundlegenden politischen Zielen verpflichtet fühlen. Mehr als das: Die unbeirrt darum kämpfen werden, auf dem Weg zu ihrer Erreichung Schritt um Schritt weiter voran zu kommen. Es sind und bleiben genau die Ziele der Partei, der ich angehöre.

Edzard Reuter ist Vorsitzender des Beirats im Verein für ganzheitlichen Journalismus, der Kontext herausgibt. Sein Vater Ernst Reuter war von 1948 bis 1953 Regierender Bürgermeister von West-Berlin.


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