Gleichberechtigung im Sport ist nach wie vor eine Utopie. Spitzensportlerinnen müssen für die gleiche gesellschaftliche Anerkennung mehr leisten als ihre männlichen Kollegen, sind in den Medien unterrepräsentiert, kommen deshalb schwerer an Sponsorenverträge, ihr Aussehen spielt eine beträchtliche Rolle, und sie sind oft Sexismus ausgeliefert. Und klar: Sie verdienen wesentlich weniger.
Ein besonders dunkles Diskriminierungskapitel der Sportgeschichte betrifft den Fußball der Frauen. In einigen europäischen Ländern gab es gar Verbote. Der Deutsche Fußballbund (DFB) untersagte von 1955 bis 1970 seinen Vereinen, Frauenmannschaften zu gründen oder zu unterstützen oder Schiedsrichter Spiele von Frauen pfeifen zu lassen. In England konnte der Fußballclub "Dick, Kerr Ladies" 1920 zwar sage und schreibe 50.000 Zuschauer:innen im Stadion versammeln. (Es gab zu dieser Zeit in England etwa 150 weitere Frauenmannschaften.) Kurz darauf, von 1921 bis 1971, wurde ihnen aber vom nationalen Verband The Football Association das Fußballspielen auf allen Verbandsplätzen verboten. Begründung: Fußball sei für Frauen "unsuitable", ungeeignet.
Von diesem legendären FC Dick, Kerr Ladies ließ sich der italienische Autor Stefano Massini in seinem 2021 in Mailand uraufgeführten Theaterstück "Ladies Football Club" inspirieren. Ausgangspunkt: Während des Ersten Weltkriegs hatten Arbeiterinnen einer Munitionsfabrik in Preston, die dort die Jobs der Männer übernommen hatten, in den Arbeitspausen den Fußball für sich entdeckt. Abseits ihrer bisherigen, gesellschaftlich zugeordneten Funktion als Mütter und Ehefrauen, in Abwesenheit ihrer Männer, die an der Front kämpften, entstand ein Freiraum, in dem eine ungewöhnliche Emanzipationsgeschichte möglich wurde: Fußball als Symbol für Freiheit. Aus der Fabrikmannschaft entwickelte sich in rasantem Tempo die damals berühmteste Frauenfußballmannschaft der Welt (in Massinis Stück der Ladies Football Club): mit vollen Stadien und hohen Einnahmen, die karitativen Zwecken zugeführt wurden. Finanziell am eigenen Erfolg teilhaben lassen wollte man die Frauen natürlich nicht.
Pünktlich zur bevorstehenden Fußball-WM der Männer hat die Württembergische Landesbühne Esslingen dieses Stück, das auf die Anfänge des Fußballs der Frauen zurückswitcht, jetzt auf die Bühne gebracht. Die Biografien der elf Spielerinnen, die Massini in seinem Stück zu Wort kommen lässt, sind freilich fiktiv. Der künstlerischen Freiheit entsprang aber ein lustiger Text, der in zwei Versionen existiert: einer als Textfläche, also in Prosa und deshalb frei aufzuteilen, ein anderer für elf Rollen. Die Regisseurin Laura Tetzlaff und die Dramaturgin Sarah Frost haben sich für einen sinnvollen Mittelweg entschieden: Fünf Spielerinnen teilen sich den Text in engmaschigem Wechsel auf, übernehmen jeweils mindestens zwei Rollen und performen das als Frontaltheater.
Melanie the Beast nimmt sich, was sie will
Das Tempo ist hochtourig, der Abend quirlig und unterhaltsam. Das Ensemble – Eva Dorlaß, Lily Frank, Kristin Göpfert, Franziska Theiner und Silvia Willecke – kann das: mit dem Text spielerisch, leicht, körperlich, sportlich umgehen. Mal solo, mal im Textgefecht, mal chorisch. Es geht ja vor allem um comichaft zugespitzte Charaktere: Die eine, Rosalyn, hadert damit, wegen ihrer Größe im Tor stehen zu müssen. Schließlich hat sie schon als Kind mit den Brüdern gekickt, stände also lieber auf dem Fußballplatz an vorderster Front. Die andere, Olivia, nerdige Brillenträgerin und deshalb die Intellektuelle im Spiel, klaut ihre schönen Phrasen – weil Tochter eines Kioskbesitzers – aus Frauenmagazinen wie "Die Häkelkönigin". Da ist Haylie, die politisch ambitionierte Marx-Leserin und feministische Antreiberin, oder Sherill, die so schüchtern ist, dass sie – auch im Spiel – "vollkommen mit ihrer Umgebung verschmilzt" und deshalb quasi unsichtbar wird. Da ist Berenice, die Tochter eines "moralistischen anglikanischen Pastors", oder Brianna mit dem "Jeanne d’Arc-Fimmel". Besonders theaterwirksam: Melanie the Beast, "die Frau aus dem Neanderthal, aus Versehen im Zeitalter von King George in Sheffield geboren: Sie drückte sich nicht aus, sie agierte. Wenn sie etwas wollte? Nahm sie es sich: 'meins'. Wenn sie einen kräftigen Arbeiter sah? Fasste sie ihn an: 'meins'. Wenn ihr der Magen knurrte? Verschlang sie, egal was: 'Nahrung, meins'". Und so ist dann eben auch ihr Verhältnis zum Ball.




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