All diese gegenwärtigen oder erinnerten Eindringlinge bannt beispielhaft und sinnbildlich der "Zaubergarten" (Sally) der alten Sorten. Mit der unkontrolliert ins Kraut schießenden Vegetation ist er eine Revanche für die Domestizierung von Natur und Mensch, für den "Versuch, Sachen, die wachsen, in eine Form zu pressen", wie die kluge 17-Jährige sagt. Wenn die Freiheit die Spuren des Zwangs jovial überwuchert, wird daraus "der schönste Garten, den ich überhaupt jemals in meinem Leben gesehen habe", jubelt Sally. "Jetzt gehört er Dir!" Liss hat ihn sich zurückgeholt. In solcher Aneignung ohne Besitzanspruch öffnet sich ein Freiraum, wo etwas passieren könnte, was die "Geschichten" nicht zulassen: Glück.
Diese Sphäre und Atmosphäre, in der immer ein Klang in flimmernder Luft zu vibrieren scheint, realisiert Nelles Inszenierung als Klanginstallation. Andreas Petri bringt Metallplatten in Schwingung, ist der verkörperte Soundtrack (und Schöpfer des Soundkonzepts), rasselt mitagierend über die Bühne und ist eigentlich der Moderator in diesem wundersamen Erzähltheater, das eine ganz eigene Epik jenseits von Märchenonkel und Dramatisierungs-Notlösung entwickelt. Der Moderator mischt sich ein, gibt den vielgestaltigen Komplizen der Außenwelt (etwa wenn Petri in die Rolle des Polizisten schlüpft), hockt nicht auf dem hohen Ross der Allwissenheit, sondern muss mit seinem Körper schon mal als Requisit herhalten, etwa als eingeklemmter Traktoranhänger. Petri spielt das alles mit Witz und Wandlungsfähigkeit, mit flirrenden, schwirrenden Klangkünsten ohne Kitsch und Klamauk.
Die Bühne von Ausstatterin Gesine Mahr definiert einen idealen Real- und Symbolort für wechselnde Schauplätze und bleibende Atmosphäre: eine Kistenwand, die auch mal für das stehen kann, was den Inhalt der Kisten produziert, nämlich den Birnbaum; ein karger Holztisch mit Stühlen; eine Projektionsfläche für die Ortsbezüge von Monokulturen – der schön wilde "Zaubergarten" bleibt bilderlos – bis zum Karner, dem Totenschädel- und Knochen-Depot des Kirchhofs.
Unbewältigtes kehrt zurück
Im ernsten Beinhaus war’s denn auch, wo Liss ihrer neuen Freundin die Bedeutungslosigkeit allen Seins verkündete und Sallys Widerspruch weckte: eine Schlüsselszene, ein Rollenwechsel. Die ewig unverstandene Jugendliche, interniert und therapiert wegen Magersucht, wird ihrerseits zur Therapeutin ihrer nihilistischen Retterin. Britta Scheerer gibt dieser Liss im arbeitsamen Overall die zunächst wortkarge Intensität einer herben Amazone an der Agrarfront. Sally imponiert das. Passgenau zeichnet Scheerer der Körpersprache ihrer Figur die Schmach der Verbitterung ein. Aber auch das Auftaupotenzial, die Wiederkehr verschütteter Emotionalität.
Schwerer tut sich Juliane Braig mit der naturgemäß klischeegefährdeten Rolle der Sally: magersüchtig, empfindlich, Rotzgöre – nicht einfach, den Fallen der Partie zu entgehen. Braig schafft es nicht immer. Im Schottenkaro-Röckchen über rissigen Leggins und mit Zöpfchenknöpfchen am Hinterkopf schwankt sie zwischen Pippi Punkstrumpf und Insta-Kopie, teils zu naiv, teils zu posenhaft aufgekratzt. Aber: Die Darstellung reift mit der Figur, im weiteren Verlauf erreicht Juliane Braig Momente von Scharfzeichnung und Intensität – und zwar immer dann, wenn Sally gegenüber Liss nicht mehr nur trotzigen, sondern vitalen Eigensinn zeigt.
Konfliktfrei fällt das Glück den beiden nicht in den Schoß. Sally, die eigentlich Sarah heißt, fühlt sich sexuell belästigt, als Liss sie in der Badewanne beobachtet. Ein Fehlalarm, trotzdem eine Art Triggerwarnung, denn Liss projiziert auf Sally zwar keine sexuelle Begierde, wohl aber das Bild ihrer eigenen Jugend – und die Korrektur eines gescheiterten Lebens, das dieser Jugend folgte. Könnte Wut auslösen bei Sally, wegen zwangsbeglückender Fremdbestimmung. Die kennt sie schon. Von zuhause.
Ganz am Ende und äußerst komprimiert bricht so die Dramatik der unbewältigten Geschichten ein. Nelles Regie baut, von wenigen Durchhängern abgesehen, konsequent die Spannung auf bis zum Showdown, wo sich Erzählung zu Aktion und Aktion zu Action beschleunigt. Darin eingebaut als Handlungsmotor: die Auflösung der Vorgeschichten. Liss war nach einem Mordversuch an ihrem schlagenden und zynischen Gatten acht Jahre in Haft, danach eine Ausgestoßene, die selbst im Lebensmittelladen nur wortlos bedient wird. Sally, scheinbar weniger spektakulär, stammt aus einer normal verkorksten Familie, wo der Vater meist auswärts übernachtet, die Tochter ihn fast nur an ihrem Geburtstag zu Gesicht bekommt und die Mutter an der Frustschraube dreht. Liss aber treibt der Druck der Vergangenheit jetzt, wo Sally von Polizei und Eltern abgeholt wurde, in den Suizidversuch.
Und wiederum im ernsten Beinhaus war's, wo die eilends zurückgekehrte Freundin die Lebensmüde wortwörtlich ins Leben zurückringt: ein Bodenkampf um die Schusswaffe samt Sein oder Nicht-Sein. Die Schauspielerinnen drehen eindrucksvoll auf, eine hochdramatische Klimax. Und dann? Die Utopie. Aber eine pragmatische: erst Abi, dann Traumreise.
Die nächsten Vorstellungen von "Alte Sorten" im Forum Theater Stuttgart: 16. bis 19. und 23. bis 26. April.
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