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Bibliotheken im Wandel

Lesen ist Chefsache

Bibliotheken im Wandel: Lesen ist Chefsache
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Der gute alte Zettelkasten ist vom Aussterben bedroht: Bibliotheken haben schon vor 50 Jahren mit der Digitalisierung begonnen. Rupert Schaab, Chef der Württembergischen Landesbibliothek, beschreibt die Bibliotheken der Zukunft.

Wer die Website der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart (WLB) besucht, findet nicht nur die Zeile "Suche im Katalog", sondern darunter drei Spalten: Ausstellungen, Veranstaltungen, Aktuelles. Bibliotheken unterliegen einem tiefgreifenden Wandel im Rahmen der Digitalisierung und vor allem im Rahmen ihres Konzepts, nicht mehr nur Bücherorte, sondern auch Kulturorte zu sein.

Schon in der Vergangenheit hatte sich viel geändert: "Die Bibliotheken betreiben seit 50 Jahren die Digitalisierung", sagt Rupert Schaab, seit 2019 Leitender Bibliotheksdirektor der WLB, "bevor überhaupt jemand anderes damit begonnen hat." So kann man inzwischen ganz einfach online herausfinden, ob eine Bibliothek ein bestimmtes Buch besitzt, und wenn ja, ob es verliehen oder frei ist, und man kann es bestellen. Früher hatte man sich dafür in eine Bibliothek begeben, den Zettelkasten durchsuchen und dann womöglich noch ein zweites Mal vorbeikommen müssen, um das bestellte Buch abzuholen. Heutzutage fällt nicht nur dieser Aufwand weg, auch der Datensatz zum Buch – Autor, Titel, ISBN, Verlag, Erscheinungsjahr, Schlagwörter etc. – lässt sich direkt von der Website der Bibliothek aus per E-Mail versenden oder ins Literaturverwaltungsprogramm des eigenen Computers exportieren. Den guten alten physischen Zettelkasten haben immer weniger Bibliotheken, stattdessen lassen viele ihre alten Papierkataloge makulieren, auch um Platz frei zu machen.

Mit einem besonderen Platzproblem kämpft die Berliner Staatsbibliothek: Sie bereitet die Grundinstandsetzung eines großen Bibliotheksgebäudes vor, das dafür geräumt werden muss. Generaldirektor Achim Bonte geht von einer Sanierungsdauer von zehn bis zwölf Jahren aus, "während dieser Zeit verlieren wir bis zu 70.000 Quadratmeter Nutzfläche." Das bedeutet unter anderem, dass viele Bücher zwischenzeitlich irgendwo anders unterkommen müssen, und nun sucht man hier und da je ein paar hundert Quadratmeter zusammen. Die Stabi, wie sie in Berlin genannt wird, verfügt über mehrere Gebäude, und in vier Kellerräumen verwahrt sie ihre Zettelkataloge auf. Diese wurden weitgehend digitalisiert und sollen nun eingestampft werden, um Platz zu schaffen. Allerdings hat sich darum ein Streit entzündet, sodass demnächst im Rahmen eines Symposiums geklärt werden soll, ob es Alternativen gibt.

Platzmangel und das Spiel der Institutionen

Die Platzfrage ist ein Problem wohl so ziemlich jeder Bibliothek. Schließlich müssen größere Bibliotheken mehrere Millionen Bücher unterbringen. Und die Leser dazu, denn nicht alle leihen Bücher nach Hause aus: Viele arbeiten lieber in der Bibliothek, etwa weil sie für die Uniprüfung so viele Bücher benötigen, dass sie die unmöglich schleppen können. Oder sie benötigen Bücher, die nicht entliehen werden dürfen. Oder fürchten ganz banal die Ablenkung zu Hause.

Die Universität Hohenheim hält 600 Arbeitsplätze vor: 289 in der Zentralbibliothek und 311 in der Bereichsbibliothek im Schloss, so Franziska Stanzel, Leiterin der Abteilung Benutzungsdienste & Stabsstelle Forschungsnahe Dienste. Die WLB hält 350 Plätze im Lesesaal vor und, so Schaab, ab 2029 werden weitere 350 dazukommen. "Aber ich weiß vom Zuspruch zu unserem Reservierungssystem, dass wir derzeit auch das Vierfache an Plätzen anbieten könnten und immer noch voll besetzt wären. Das sind Leute, die hier forschen und lernen und studieren wollen." Das Platzproblem sei derzeit besonders virulent, weil beide Bibliotheksgebäude der Universität Stuttgart sanierungsbedürftig seien und deswegen deutlich weniger Leseplätze anbieten könnten: derzeit 650 am Standort Vaihingen und 180 von eigentlich 650 am Standort Stadtmitte, plus weitere Plätze mit gegebenenfalls eingeschränkteren Öffnungszeiten in Fakultäts- und Institutsbibliotheken auf dem Campus, so Florian Krüger, Pressesprecher der Uni Stuttgart. "Wir helfen jedem, so gut wir können", sagt Schaab, "aber hierbei muss man das Spiel der Institutionen kennen: Wenn ich hier jetzt plötzlich alle Bücher herausräumen und stattdessen Tische aufstellen würde, dann bestünde die Gefahr, dass die beiden Standorte der Universitätsbibliothek erst viel später fertiggestellt würden."

Erwerbungsetat stagniert seit 1997

Die WLB habe nur die Mittel und den Versorgungsauftrag für die geisteswissenschaftlichen Fächer. Zudem gebe es viele andere Hochschulen und Akademien, die, weil sie deutlich kleiner sind, viel mehr als die Unibibliotheken auf die Landesbibliothek angewiesen seien. Ein Viertel der Leute mit Bibliotheksausweis sei jedoch berufstätig, ohne einer Hochschule oder Universität anzugehören, erklärt er: "Das ist ein großer Anteil, und das hat etwas mit der gewerblichen Struktur hier in Stuttgart zu tun." Unter den deutschen Großstädten habe Stuttgart den höchsten Anteil an Akademikern. "Hier gibt es einen starken Dienstleistungssektor. Außerdem macht der Südwesten nach dem Königsteiner Schlüssel zwar nur 13 Prozent der Republik aus, aber hier erscheint ein Viertel der Bücher in der Bundesrepublik."

Die WLB gibt im Jahr 1,4 Millionen Euro für Printprodukte aus, also Bücher und Zeitschriften, und 695.000 Euro für digitale Medien. Gezahlt wird das aus der öffentlichen Hand. Aber: "Der Erwerbungsetat der WLB ist seit dem Jahr 1997 nicht mehr gestiegen", sagt Rupert Schaab. Das erklärt er sich dadurch, "dass die Politik sagt: 'Wer weiß, wie lange wir noch Bibliotheken brauchen? Dann erhöhen wir den Etat lieber nicht.'"

Auch Preissteigerungen machen den wissenschaftlichen Bibliotheken zu schaffen: "Viele Wissenschaftsgesellschaften haben ihre Zeitschriften an große Verlage, inzwischen große Verlagskonzerne abgegeben. Damit haben sie auch das Publizieren aus der Hand gegeben. Und die Preissteigerungen dieser großen Verlagskonzerne sind gigantisch. Die fressen schlicht und ergreifend den Papierbücheretat auf." Viele Bibliotheken verbräuchten drei Viertel ihre Erwerbungsetats für die Lizensierung großer Verlagspakete, für "Deals" etwa mit Elsevier, Wiley und Springer Nature. Dann bekomme man freien Zugriff, müsse aber Publikationsgebühren zahlen, die für einen einzigen Artikel mehrere tausend Euro betragen könnten.

Das Kursangebot muss sich noch etablieren

In Bibliotheken geht es heutzutage aber nicht mehr nur ums Lesen. Die WLB wird immer mehr zum Kulturort. Wie andere Bibliotheken auch, so Christoph Hilgert, Pressesprecher der Hochschulrektorenkonferenz: "Wissenschaftliche Bibliotheken bieten im Rahmen ihrer Dienstleistungen als in der Regel öffentliche Bildungs- und Forschungseinrichtungen und als vielseitige Kulturorte regelmäßig auch Kurse und Vorträge an." Dabei gehe es keinesfalls nur um die rein bibliothekarische Beratung. Das sei kein neuer Trend, habe in den vergangenen Jahren aber sicherlich noch einmal an Bedeutung gewonnen.

Die WLB etwa veranstaltet sowohl Vortragsreihen als auch Kurse, etwa den einstündigen Online-Kurs "Literaturverwaltung leicht gemacht mit Zotero". Aber auch Präsenztermine, zum Beispiel "Kreatives Schreiben mit KI: ChatGPT für Einsteiger" oder in der Konrad-Adenauer-Straße "Zahlen schaffen Wissen: Zum Datenangebot des Statistischen Landesamtes BW". Bei letzterem waren zwei Dozenten vom Landesamt und eine Mitarbeiterin der WLB anwesend, das Publikum war in etwa gleich groß. "Das Kursangebot ist erst im Aufbau, es ist noch keine zwei Jahre dabei", sagt Rupert Schaab. "Wir merken ganz deutlich, dass diese Angebote Zeit brauchen, um sich zu etablieren: Bis wir uns als Kursveranstalter etabliert haben, bis wir das Vertrauen der Leute erworben haben, bis wir in der Routine der Leute drin sind: Das dauert einfach."

Etwas länger schon, seit dem Corona-Jahr 2020, gibt es Vortragsreihen. Im ersten Jahr waren es 17 Termine mit insgesamt 197 Besucher:innen; nicht einmal ein Fünftel von ihnen kam in den Vortragssaal, alle anderen hörten online zu. Im Jahr 2024 hat sich die Anzahl der Termine mit 40 mehr als verdoppelt und die der Besucher mit 2.217 mehr als verzehnfacht. "Was mich besonders freut, ist die Anzahl der Besucher im Saal bei Vorträgen", sagt Schaab: Die sei von knapp 20 Prozent in den Corona-Jahren 2020 und 2021 auf 54 Prozent im Jahr 2024 gestiegen.

Studierende schauen seltener in Bücher

Ähnliche Veranstaltungen bieten immer mehr Bibliotheken an. Laut Kristin Bäßler, Pressesprecherin des Deutschen Bibliotheksverbandes, gibt es über 8.700 öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken. Im Jahr 2024 wurden sie mehr als 182 Millionen Mal besucht, von unterschiedlichen Menschen jeden Alters. An Schulungen, Führungen, Lehrveranstaltungen und Webinaren in wissenschaftlichen Bibliotheken nahmen 2024 über 495.000 Personen teil. Und öffentliche Bibliotheken haben "mehr als 400.000 Veranstaltungen, Führungen und Ausstellungen realisiert, davon rund 200.000 Veranstaltungen im Bereich der Lese- und Medienkompetenzförderung für Kinder."

Bei der Hälfte der Veranstaltungen der öffentlichen Bibliotheken geht es um Lese- und Medienkompetenzförderung für Kinder; die für Erwachsene kommen noch dazu, ebenfalls entsprechende Veranstaltungen von wissenschaftlichen Bibliotheken. Mit gutem Grund, so Rupert Schaab: Vor 20 Jahren hätten nahezu 50 Prozent der Studierenden wöchentlich in einem Buch gelesen, heute täten das vielleicht noch 20 Prozent. Das hänge mit den Verschiebungen im Hochschulsystem zusammen, in den vergangenen 20 Jahren sei die Anzahl der Studierenden in den Geisteswissenschaften um 22 Prozent gesunken, an den Hochschulen dagegen um 46 Prozent gewachsen. 

Ein zweiter Faktor, der die Lesekompetenz beeinflusse, sei die Verschulung der Universitäten: "Was die Studierenden heute wahrnehmen, liegt meistens in Lern-Management-Systemen für sie bereit. Dabei handelt es sich oft um kurze Ausschnitte – drei bis sechs Seiten – aus einem Aufsatz." Sie müssten viel in die Breite lernen, hätten aber deutlich weniger Gelegenheit, in die Tiefe zu gehen, "anders als das in der goldenen alten Zeit üblich war", sagt er und schmunzelt. Jedenfalls sei das Lesen langer Texte für den Aufbau von Zusammenhangswissen und damit "für Besonnenheit und informierte Entscheidungen unerlässlich".

Und so bietet die WLB im Wintersemester 2025/26 allein zum Thema "Lesen & Lernen" acht Kurse mit insgesamt 19 Terminen an – der Kurs "Lange Texte lesen lernen" umfasst sechs Termine, geleitet von Schaab selber. Lesen ist Chefsache.

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