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Naturvision Filmfestival Ludwigsburg

Die Lektion des Nationalparks

Naturvision Filmfestival Ludwigsburg: Die Lektion des Nationalparks
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Seit zwanzig Jahren gibt es das Naturvision Filmfestival, seit zehn Jahren ist es in Ludwigsburg zu Hause. Jetzt läuft es wieder. Für den Gründer Ralph Thoms ist es das Projekt seines Lebens.

"Ich hatte das Gefühl, ich stehe in einem Film", erzählt Ralph Thoms. "Alles läuft auf der Leinwand ab." Die Rückkehr aus Guinea-Bissau 1995 war für den späteren Gründer des Naturvision Festivals ein Kulturschock. Drei Jahre lang hatte er ein Entwicklungshilfe-Projekt geleitet, das Fischer befähigen sollte, mit größeren Schiffen aufs Meer hinauszufahren, um Fische wie die Dorade zu fangen, tiefgekühlt zu lagern und für den Export zu verkaufen. Doch es gab nur ein wackliges Stromnetz, und die EU fischte den Fischern die großen Fische ohnehin vor der Nase weg. So viel zum Sinn und Zweck dieser "Hilfe".

Gleichzeitig war es ein Leben in der Natur, auf den keineswegs ungefährlichen Gewässern zwischen den Inseln des Archipels. Einmal schlug eine große Welle über sein Schiff. Ein andermal zog nachts wie aus dem Nichts ein Sturm auf. Es hätte das Ende sein können. Zurück in Deutschland fragte sich Thoms, was er mit seinem Leben noch anfangen könnte. Zurück zur Selbstausbeutung wollte er nicht. Jahrelang war er Taxi gefahren, weil der von ihm mitbegründete Trickster-Verlag nicht genug abwarf.

Plötzlich stand ihm die Idee glasklar vor Augen: "Ein Festival für Natur- und Tierfilme, das wär's." Thoms holt weit aus, wenn er überlegt, wie er darauf kam. Es hat mit seinem ganzen Leben zu tun. In Bad Doberan an der Ostsee geboren, floh seine Familie in den Westen, und er landete im Alter von sieben Jahren in Regensburg. Wenn die Mitschüler ins Bayerische wechselten, verstand er kein Wort. Diese Fremdheitserfahrung hat später sein Interesse an Ethnologie geweckt.

Von einer Ausbildung als Fernmeldehandwerker hat er technische Kenntnisse mitgenommen und das Vertrauen, sich im Zweifelsfall immer helfen zu können. Parallel dazu hat er die Mittlere Reife gemacht und auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachgeholt. Ein Freund riet ihm: "Studier Ethnologie. Wenn du reisen willst, ist das gut." Dann hat ihn das Fach immer mehr interessiert. Mit Kommilitonen gründete er die Zeitschrift "Trickster", daraus wurde der Buchverlag mit Schwerpunkt auf Afrika, heute zum Peter Hammer Verlag gehörig.

Mit dem mittlerweile verstorbenen Enno Patalas, Direktor des Filmmuseums München und Mitautor des Standardwerks "Geschichte des Films", rief er eine Reihe zum ethnographischen Film ins Leben und arbeitete daraufhin eine Zeit lang für die Verleihgenossenschaft der Filmemacher. Von daher hatte er bereits Kontakte zur Dokumentarfilmszene, als ihm die Idee mit dem Filmfestival kam. Er hat sich dann zuerst umgesehen, was es schon gab, ist nach England gereist und in die USA, nach Missoula, Montana, wo seit 1977 jährlich das International Wildlife Film Festival stattfindet, das erste seiner Art. In Deutschland gab es so etwas noch nicht.

Aber es gab seit 1984 in Freiburg das Ökomedia-Festival: ein Grund, warum Umweltthemen bei Naturvision anfangs nicht im Vordergrund standen. Seit 2007 veranstaltet Eckernförde das Green Screen Naturfilmfestival, das Ökomedia-Festival musste dagegen 2004 die Segel streichen.

Entscheidung kurz vorm Weißwurstfrühstück

Thoms brauchte mehrere Jahre, um ein Konzept auszuarbeiten. Und zog damit ganz bewusst in den Bayerischen Wald. Denn in München, so seine Einschätzung, hatte er keine Chance. Es gab einfach schon zu viel: das Dok.fest, das Filmfest, die Filmkunstwochen – mittlerweile finden dort über zwanzig Filmfestivals statt. Thoms wandte sich an den Nationalpark, dessen Leiter Karl Friedrich Sinner das Projekt sofort unterstützte. Jetzt brauchte er nur noch einen Ort. Als er dem Bürgermeister von Neuschönau sein Konzept vorstellen wollte, meinte der: "Du hast zehn Minuten, dann muss ich zum Weißwurstfrühstück." Die zehn Minuten genügten.

Als entscheidend erwies sich, dass es zu jener Zeit eine EU-Grenzlandförderung gab. Voraussetzung war, dass die Filme auch auf der anderen Seite der Grenze, im tschechischen Vimperg gezeigt werden. Die Gemeinde war sofort dabei – und ist es bis heute. Doch die EU-Förderung lief nach drei Jahren aus. Von da an musste Thoms kleinere Brötchen backen. Als nach zehn Jahren auch noch der Landkreis Freyung-Grafenau seinen Zuschuss auf ein Minimum zusammenstrich, stand das Festival vor dem Aus.

Die Rettung kam aus Ludwigsburg. Der Filmjournalist Kay Hoffmann, der das Festival regelmäßig begleitet hatte, wandte sich an Tanino Belunca, den Medienbeauftragten der Stadt. Ludwigsburg hatte sich Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben und dafür ein eigenes, direkt dem Oberbürgermeister unterstelltes Referat geschaffen. Tatsächlich wurde die Stadt 2014 als "Deutschlands nachhaltigste Stadt mittlerer Größe" ausgezeichnet. Dazu passte Naturvision. Gleichwohl war beim ersten Mal alles improvisiert, lebte finanziell von der Hand in den Mund, weil gar keine Zeit blieb, Förderanträge zu stellen.

Heute arbeitet das Naturvision-Festival mit sieben festen und drei Teilzeit-Stellen und einem jährlichen Etat von rund 450.000 Euro. Davon sind allerdings nur 30 Prozent feste Mittel, der Rest muss als Projektförderung eingeworben werden. Ein ungutes Verhältnis, meint Thoms, denn die Akquise erfordert viel Aufwand und die Planung steht immer auf tönernen Füßen. Zumal das Festival größer geworden ist. 24.000 Besucher waren es zuletzt vor Corona, Schulprogramme mitgerechnet. Ein Problem ist, dass außer der Lokalzeitung kaum Presse kommt.

Mehr als schöne Tieraufnahmen

Naturfilme: Das ist zum einen das klassische Wildlife, also Geparde und Antilopen, Bären und Eisvögel, mit starkem Teleobjektiv auf die Kinoleinwand gebannt. Oder auch Insekten in Nahaufnahme. Aber von der Wildnis bleiben heute überall auf der Welt nur noch kleine Oasen übrig. Umweltverschmutzung, Flächenversiegelung, Artensterben und Klimawandel bringen die gesamte natürliche Umgebung in Bedrängnis. Filme zu Umweltthemen nehmen inzwischen mindestens die Hälfte des Festivalprogramms ein.

 "Die poltische Dimension war von Anfang an immer mitgedacht", unterstreicht Thoms, der immer ein politisch denkender Mensch war. So hat der Trickster-Verlag auch schon vor seinem Afrika-Aufenthalt kritische Bücher zur Entwicklungshilfe veröffentlicht. In Neuschönau konnte das Festival eine wichtige Rolle spielen, als drei junge Wölfe aus einem Gehege ausbrachen. Auf der einen Seite gab es übergroße Ängste – das Rotkäppchen-Syndrom nennt Thoms das –, auf der anderen wollten die Naturschützer den Wolf wieder ansiedeln, also widmete Thoms das zweite Festival dem Wolf.

Viele Veränderungen der Umwelt betreffen die Menschen ganz direkt und finden doch mehr oder minder im Verborgenen statt. Filme machen die Probleme sichtbar: Ob es sich um den  starken Rückgang an Zahl und Art der Insekten handelt, die Verschmutzung der Gewässer, die Vorgänge in der Tiefsee oder in der Antarktis. Die Welt ist vernetzt, der Westen bezieht seine Rohstoffe aus Ländern, in denen es hiesige Umweltstandards nicht gibt. Erst ein sinnlicher Eindruck von den Problemen erzeugt die emotionale Betroffenheit, die zum Handeln anregt.

Nur Missstände aufzuzeigen und anzuprangern, reicht indes nicht aus. Es kann zu einem Gefühl von Ohnmacht und Resignation führen, wenn nicht auch Perspektiven eröffnet werden, was man dagegen tun kann. Das Naturvision-Festival geht deswegen über das Vorführen und Prämieren von Filmen hinaus. Es bietet ein reiches Spektrum an Schul- und Umweltbildungsprogrammen, etwa zu Tieren und Pflanzen in der Stadt. Und am 14. Oktober wird bereits der dritte Plastikkongress stattfinden. Denn die Verschmutzung der Gewässer, der Natur und des ländlichen Raums mit Kunststoff-Abfällen bis hin zum Mikroplastik in den eigenen Blutbahnen ist ein Mega-Thema, das sich nicht einfach lösen lässt.

34 Filme über Klimaaktivist:innen und den Danni

2019 lancierte das Festival den Ludwigsburger Appell, der dazu aufruft, der Natur mehr Raum zu geben, um dem Artensterben entgegenzuwirken. Das ist die Lehre des Nationalparks Bayerischer Wald, in den seit 1970 nicht mehr eingegriffen wird. Zur Zeit des Waldsterbens der 1980er-Jahre war das umstritten. Doch dann regenerierte sich der Wald ganz von allein und steht heute besser da als je zuvor, wie Lisa Eder in dem Film "Der wilde Wald" im vergangenen Jahr gezeigt hat.

Trailer zum Film über die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall.

"Umdenken" heißt der jüngste der mittlerweile 14 Preise, die das Naturvision-Festival vergibt. Ausgezeichnet wurde im vergangenen Jahr der Film "Dear Future Children" über drei junge Klimaaktivist:innen in Chile, Hongkong und Uganda. Um den Preis konkurrieren dieses Jahr 34 Filme, von einer bis 101 Minuten Länge. Ein Film blickt zurück auf den Widerstand gegen den Autobahnbau im Dannenröder Forst, in anderen geht es um Artensterben und Fukushima, um Menschen, die sich für eine indische Storchenart, den Schutz der Weltmeere oder Korallen in der Karibik einsetzen. Es geht um Versuche, sich klimafreundlich fortzubewegen, um die Vielfalt der Tierwelt im eigenen Gemüsegarten oder um die Rückkehr der Moore. "Und es geht doch" ist der Titel eines Films über die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, der Mut macht und zugleich eine Forderung stellt: "Agrarwende jetzt!"


Das Naturvision-Festival findet statt vom morgigen Donnerstag, dem 21., bis Sonntag, 24. Juli, im Central Filmtheater am Arsenalplatz und an anderen Orten in Ludwigsburg. Alle Infos hier.


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