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Filmkritik "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush"

Mit Volldampf für den Sohn

Filmkritik "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush": Mit Volldampf für den Sohn
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Andreas Dresen greift in "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" den Fall Murat Kurnaz wieder auf, der fünf Jahre lang unschuldig in Guantanamo eingekerkert war. Erzählt wird die Geschichte nun aus der Perspektive von Murats Mutter, einer Bremer Hausfrau.

Oktober 2001, ein Reihenhäuschen in Bremen, eine Familie, bei der alles in routinierten Bahnen zu laufen scheint. Der Vater arbeitet Schicht bei Mercedes, die beiden jüngeren Kinder gehen zur Schule, der älteste Sohn, 19 Jahre alt, liegt noch im Bett und braucht Anschubhilfe. "Steh auf, oder ich schneid dir deinen Bart ab!", droht die Mutter. Später steht sie am Bügelbrett, das Handy klingelt, der Sohn ist dran, sie wirkt ein bisschen konsterniert und sagt: "Nein, komm nach Hause!" Aber dieser Sohn kommt nicht nach Hause. Er heißt Murat Kurnaz, wird in Pakistan inhaftiert und landet, ohne dass es je zu einer Anklage käme, in Guantanamo.

Der Fall ist bekannt, er ging durch die Medien. Murat Kurnaz selbst hat 2007 das Buch "Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo" geschrieben. John Le Carrés 2008 erschienener Roman "Marionetten" wurde unter anderem inspiriert durch Gespräche, die der Autor mit Kurnaz führte. Der Regisseur Stefan Schaller hat 2013 als Abschlussarbeit an der Ludwigsburger Filmakademie den Spielfilm "Fünf Jahre Leben" gedreht, er zeigt die Häftlingskäfige und schildert die Verhöre, die Demütigungen, die Folter. Inzwischen aber ist der Fall Kurnaz, an dem neben den US-Geheimdiensten auch der BND beteiligt war, aus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerutscht.

Der Regisseur Andreas Dresen ("Sommer vorm Balkon") hat den Fall erneut aufgegriffen, aber er zeigt ihn nun aus anderer Perspektive. Der Filmtitel "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" deutet es schon an: Im Mittelpunkt steht nicht Murat Kurnaz, sondern dessen Mutter. Eine vor Energie dampfende Frau, ein Emotionsbündel, robust und raumeinnehmend. Dazu dominant, laut und manchmal naiv. Aber auch praktisch, clever, lebensklug. Und unerschütterlich in ihrer Liebe zum Sohn. Als die ersten Nachrichten den Verdacht, dass ihr Murat ein Terrorist aus dem 9/11-Umfeld sein könnte, schon fast als Gewissheit ausgeben ("Er passt hundert Prozent in das Raster!"), ruft sie: "Er ist kein Taliban!" Ihre Schwester aber hat Zweifel: "Er sieht so aus!" Rabiye kontert: "Na und, du siehst aus wie eine deutsche Friseuse!"

Das Ziel ist "produktiver Zorn"

Die in Gütersloh geborene und in Köln lebende TV-Moderatorin, Schauspielerin und Stand-up-Comedienne Meltem Kaptan ist in die Rolle von Rabiye geschlüpft und füllt sie ganz aus. Sie powert sich durch diese Geschichte, putscht sie auf und macht sie populär. "Echt jetzt!?", so empört sich Rabiye. "Ich schwör!", so unterstreicht sie ihre Sätze. Meltem Kaptan wurde bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären für die beste Hauptrolle ausgezeichnet. Sie trägt diesen Film. Aber sie trägt ihn nicht allein. Zwei Stunden nur mit einem auf Hochtouren laufenden Muttertier – das wäre auch kaum auszuhalten. Rabiye bekommt ein Gegengewicht: Der schmale, ruhige und besonnene Menschenrechtsanwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer) nimmt sich ihres Falles beziehungsweise dem ihres Sohnes an.

Ein ungewöhnliches, aber sich respektierendes und gut ergänzendes Paar. Als Bernhard Docke es schafft, den Fall Kurnaz vor den Supreme Court zu bringen, nimmt er Rabiye mit nach Washington. Ganz ergriffen steht er vor dem Lincoln Memorial, an dem Martin Luther King seine berühmte Rede hielt. Luther King? Der Name sagt ihr nichts. Aber als sie selber auf einer Bühne am Rednerpult steht und von ihrem Sohn erzählt, da wiederum sind ihre Zuhörer ganz ergriffen. Andreas Dresen inszeniert das so, dass auch wir es sind, die Zuschauer. Und recht oft, wenn Rabiye sich trotz des Ernstes der Lage auch um ihre Frisur sorgt oder um einen zu bewässernden Fikus, ist auch das Lachen erlaubt. Ist Dresen dieser Film zu publikumswirksam geraten? In der einen oder anderen Szene: vielleicht. Aber es gelingt dem Regisseur so nicht nur, durchgängig zu unterhalten, sondern auch das zu erzeugen, was ihm wichtig ist: "produktiven Zorn".

Trotz bewiesener Unschuld nie entschuldigt

Denn dieser Fall, dessen Nacherzählung immer wieder die Zahl der Muratschen Hafttage einblendet – es geht bis 1.786! –, ist ja nicht wirklich erledigt. Alle Vorwürfe und Anklagen hätten sich als falsch erwiesen, konstatiert der Film. Murat Kurnaz aber hat nie eine Entschädigung erhalten, und keine Behörde, weder eine US-amerikanische noch eine deutsche, hat sich je entschuldigt. Ein Beispiel dafür, was an Ungeheuerlichkeiten und Beamten-Zynismus auch auf deutscher Seite passiert ist: Weil Murat Kurnaz, anders als seine Mutter, einen türkischen Pass hatte, musste er alles sechs Monate sein Aufenthaltsrecht verlängern lassen. Weil er aber, wegen seines "Aufenthalts" in Guantanamo, keine Verlängerung beantragt hat, wurde ihm vom Bremer Innensenator das Aufenthaltsrecht entzogen.

Rabiye Kurnaz gewinnt schließlich gegen die US-Regierung, also gegen George W. Bush. Ihr Sohn, so stellt sich später heraus, hätte allerdings viel früher freikommen können. Die Amerikaner hielten Murat schon bald nicht mehr für einen Terroristen und boten den deutschen Behörden seine Freilassung an. Die aber lehnten ab. An der Regierung damals: Kanzler Gerhard Schröder (SPD), Außenminister Joschka Fischer (Grüne), Kanzleramtschef und Geheimdienstkoordinator Frank-Walter Steinmeier (SPD). Letzterer hat auch später immer gesagt, er habe damals das Richtige getan.

Und was ist jetzt, im Schatten des Ukrainekrieges, in dem unseren Medien auch das britische Auslieferungsurteil gegen Julian Assange kaum eine Zeile wert ist, in Guantanamo los? Guantanamo ist immer noch in Betrieb. Unter anderen ist dort der Palästinenser Abu Subaida eingekerkert – ohne Anklage. Subaida war von 2005 bis 2006 in einem CIA-Foltergefängnis in Litauen inhaftiert. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat das Land deshalb wegen Verstoßes gegen europäisches Recht verurteilt. Inzwischen hat der litauische Geheimdienst, späterer Besitzer der Immobilie, dieselbe laut Spiegel online an einen Fonds verkauft, "inklusive fensterloser und schalldichter Räume, in denen man tun konnte, was man wollte."


Andreas Dresens "Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" kommt am Donnerstag, 28. April in die deutschen Kinos. Welche Spielstätte den Film in Ihrer Nähe zeigt, sehen Sie hier.
 


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1 Kommentar verfügbar

  • bedellus
    am 27.04.2022
    Antworten
    also dann auch andersrum: der b.-praesident spricht ja nicht selten fuer uns - ich re­van­chie­r' mich 'mal: mir tut das leid, wie das gelaufen ist.
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