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Ukraine im Literaturhaus Stuttgart

Der orangene Wintermantel

Ukraine im Literaturhaus Stuttgart: Der orangene Wintermantel
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Stefanie Stegmann, Leiterin des Stuttgarter Literaturhauses, hat von 2003 bis 2005 in der Ukraine gelebt und schon viele AutorInnen des Landes nach Stuttgart eingeladen. Auf den Krieg reagiert sie mit einer kurzfristig organisierten, prominent besetzten Veranstaltung.

Keine Woche nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat Stefanie Stegmann, seit 2014 Leiterin des Stuttgarter Literaturhauses, ein Programm für einen dichten Abend mit drei Diskussionsrunden und zehn TeilnehmerInnen organisiert – ModeratorInnen und AutorInnen, deren Texte gelesen werden, nicht mitgerechnet. Das kommt nicht von ungefähr. Stegmann hat nach ihrer Promotion 2003 zwei Jahre in der Ukraine verbracht. Ukrainische LiteratInnen waren seit 2014 immer wieder im Literaturhaus zu Gast.

Normalerweise braucht eine solche Veranstaltung ein halbes Jahr Vorlauf, erklärt sie etwas erschöpft nach einer anstrengenden Woche voller Telefonate und Planungen. Aber: "Das ist ja gerade das Tolle, dass eine Mail an Karl Schlögel genügt, und drei Minuten später ist die Antwort: 'Wenn ich's irgendwie einrichten kann, komm' ich.'"

Karl Schlögel, Osteuropa-Historiker, aus dem oberschwäbischen Hawangen stammend, war für Stegmann schon bei ihrem ersten Ukraine-Aufenthalt 2001 ein Wegweiser. Sein Essayband "Promenade in Jalta und andere Städtebilder" war gerade erschienen. "Der Osten ist noch lange nicht entdeckt", heißt es im Klappentext. "Königsberg und Czernowitz, Lemberg und Odessa, die großen Flüsse und die weiten Räume" – Karl Schlögel, Publizist und Professor für Osteuropäische Geschichte, hat über die Welt im Osten, ihre Menschen, ihre Ideen und ihre Geschichte geschrieben.

Das war Lektüre, wie Stegmann sie brauchte, die mit ihrem damaligen Freund eigentlich in den Kaukasus hatte reisen wollen. Denn sie hatte sich während ihres Studiums in Oldenburg mit einer Kommilitonin awarischer Muttersprache aus Dagestan angefreundet, der südlichsten russischen Republik am Kaspischen Meer. Für Stegmann eine unbekannte Welt: "Alles hinter dem Harz war weiß." Da wollte sie hin. Doch so weit reichte das Geld nicht. "Und dann blieb mein Finger auf dem Diercke Weltatlas auf der Hälfte stecken, und das war die Krim."

Es sei "ein Schock auf allen Ebenen" gewesen, erzählt sie über ihre Reise: "Zwei Wochen mit dem Zug durch die Ukraine, von Berlin nach Lwiw, dann runter bis Odessa und auf die Krim – und das ohne ein Wort Russisch oder Ukrainisch zu sprechen." Doch die Neugier war geweckt. Nach dem Studium bewarb sie sich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) auf eine Stelle als Lektorin an der Universität Czernowitz.

"Wir Deutschen sind verpflichtet, neutral zu sein"

Lektorin an einer Universität: Das bedeutet als Muttersprachlerin in der eigenen Sprache zu unterrichten, in ihrem Fall also auf Deutsch. Da an der Jurij-Fedkowytsch-Universität alle von ihren Deutschkenntnissen profitieren wollten, kam Stegmann kaum dazu, Ukrainisch zu lernen. Sie nahm dann jedoch abends Sprachkurse bei einer Studentin und lernte allmählich sich zu verständigen.

Deutsch war in der früheren Hauptstadt der Bukowina, von 1775 an zu Österreich-Ungarn gehörig, noch um 1900 Amts- und erste Umgangssprache gewesen. Fast ein Drittel der Bevölkerung war jüdisch. Ungefähr die Hälfte von ihnen wurde später im Holocaust ermordet, die anderen haben fast ausnahmslos das Land verlassen. Die bekanntesten deutschsprachigen AutorInnen sind Rose Ausländer und Paul Celan. Jurij Fedkowytsch wiederum, nach dem die Universität benannt ist, war ein Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, der in ukrainischer und deutscher Sprache schrieb.

Für den Winter in Czernowitz 2004 kaufte sich Stegmann noch in Deutschland einen Wintermantel "in leuchtendem Orange ohne zu wissen, was kommt". Was kam? Im November die Orange Revolution, als der moskautreue Viktor Janukowitsch in den Präsidentschaftswahlen nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zum Sieger erklärt worden war. Hunderttausende protestierten gegen Wahlbetrug, mit dem Resultat, dass die Stichwahl zwischen Janukowitsch und dem später überlegenen Kontrahenten Viktor Juschtschenko, Wahlfarbe orange, wiederholt werden musste. Der Leiter des Germanistik-Lehrstuhls holte Stegmann damals in sein Büro und erklärte: "Wir Deutschen sind verpflichtet, neutral zu sein." Er nahm ihr dann aber doch ab, dass sie den Mantel nicht aus politischen Gründen trug.

Als sie knapp zehn Jahre später, Anfang 2014, am Stuttgarter Literaturhaus anfing, befand sich die Ukraine erneut in Aufruhr. Nachdem Janukowitsch, der 2010 schließlich doch noch Präsident geworden war, sich weigerte, ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen, kam es zu den monatelangen Protesten auf dem Maidan-Platz. "Da hatten wir die traurige Gelegenheit, das Thema auch im Literaturhaus aufzugreifen", sagt Stegmann. In Teilen der Ukraine herrscht seit 2014 Krieg.

"Der Krieg kommt in dein Dorf"

"Das Thema über Literatur und über die Künste aufzugreifen", so beschreibt die Leiterin des Literaturhauses ihr Anliegen, "und über die Rolle der Autorinnen und Autoren in Zeiten des Umbruchs, in Krisen, weil es eben doch sie sind, die das anders vermitteln können als die Sach- und Fachanalysten: die Geschichten erzählen, die mehr Ambiguität zulassen, die gleichzeitig feine Antennen haben für Situationen, Stimmungen, die selten eingehen in die Fachanalysen."

"Denn die Politik tritt in dein Leben, auch wenn du dich nicht für sie interessierst: Der Krieg kommt in dein Dorf", steht über einer weiteren Reihe 2019. Ein Zitat von Serhij Zhadan. Er ist geboren in Starobilsk, heute knapp außerhalb der "Volksrepublik Luhansk", und aufgewachsen in Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes. Charkiw ist zweisprachig, Zhadan schreibt auf Ukrainisch. Er ist in die Krisengebiete gereist, um zu verstehen was los war. Dies beschreibt ein weiteres, eindrucksvolles Zitat, das über der Veranstaltungsreihe stand: "Etwas in der Sprache ging kaputt, knackte wie das Eis auf dem Stausee im März."

Die Ukraine hat eine komplexe Geschichte. Teile des Landes gehörten einmal zu Polen, Österreich-Ungarn oder Russland. Gefragt, ob dies für die Autoren eine Rolle spiele, antwortet Stegmann: "Absolut. Weil sie genau das tun, was Putin jetzt kaputt macht, nämlich Erinnerungslandschaften zu beschreiben, sich über Geschichten mit Geschichte auseinanderzusetzen, die historischen Schichten abzutragen und aufzublättern."

"Blauwal der Erinnerung" heißt beispielsweise ein 2019 erschienener Roman der in Wien lebenden Autorin Tanja Maljartschuk. Sie stammt aus Iwano-Frankiwsk, ursprünglich unter dem Namen Stanislawow im 17. Jahrhundert als polnische Stadt gegründet. In dem Roman setzt sie sich mit Wjatscheslaw Lypynskyj auseinander, einem Geschichtsphilosophen und Politiker aus dem 19. Jahrhundert, der aus einer polnischen Adelsfamilie stammte und am Ende, wie die Autorin selbst, aufgrund der politischen Wirren in Wien gelandet war.

Maljartschuk, Bachmann-Preisträgerin 2018, hat noch am Tag vor dem russischen Angriff in der "Süddeutschen Zeitung" zur Lage geschrieben. Sie wird am 14. März nach Stuttgart kommen. "Das war schon überwältigend", so Stegmann, "wie die alle bereit sind, obwohl ukrainische AutorInnen wie Maljartschuk belagert werden von Journalisten. Aber sie meinte, nein, sie weiß schon, dass ich nicht auf eine Welle aufspringe, sondern mich schon lange mit dem Thema beschäftige."

Einordnen, schreiben, handeln

Ebenfalls in der "Süddeutschen" führt Oxana Matiychuk, Leiterin der Ukrainisch-Deutschen Kulturgesellschaft in Czernowitz, seit 24. Februar, Stand Montag, ein sechsteiliges Tagebuch. Auch sie wird an dem Abend im Literaturhaus teilnehmen, der in zweifacher Hinsicht als Hybrid-Veranstaltung stattfinden wird. Die Mehrzahl der Teilnehmenden wird kommen, aber zum Beispiel die Tübinger Slawistin Schamma Schahadat wird von New York aus moderieren. Nach zwei Jahren Corona ist das Literaturhaus auf solche Formate bestens vorbereitet. Auch das Publikum kann vor Ort oder online teilnehmen. Der Eintritt ist frei jedoch nur nach Anmeldung möglich, da maximal 120 Personen erlaubt sind.

Der Abend ist in drei Stichpunkte geteilt: "Einordnen", unter anderem mit Karl Schlögel; "Schreiben", mit Tanja Maljartschuk und zwei weißrussischen Autoren; "Handeln", unter anderem mit Kateryna Stetsevych von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) und Gitte Zschoch, der neuen Generalsekretärin des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa).

"Das war der andere Spagat", bekennt Stegmann: "In zwei Tagen mal kurz die großen Partner an Bord zu holen." Angesichts des kurzfristigen Termins wollte sie bpb und ifa für eine Kooperation gewinnen, um die Veranstaltung so schnell und weit wie möglich zu verbreiten. Aber die bpb unterstützt die Ukraine-Veranstaltungen des Literaturhauses seit Langem. Und das ifa hatte sich schon selbst ans Kunst- und Wissenschaftsministerium des Landes gewandt mit dem Appell, die Kontakte zu den KünstlerInnen in der Ukraine nicht abreißen zu lassen.

"Das ist das, was wir hier mit unseren Mitteln in der Kürze der Zeit tun können", erklärt Stegmann: "Einordnen, literarisch befragen und das wieder übertragen auf politische Implikationen, also die Frage, was können wir tun?"


Info:

Die Veranstaltung findet statt am Montag, 14. März um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei, Saaltickets gibt es in der Buchhandlung des Literaturhauses oder unter www.literaturhaus-stuttgart.de (begrenzt auf 120 BesucherInnen). Livestream ebenfalls dort, oder unter www.bpb.de/ukraine-im-krieg oder hier.


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