Ausgabe 242
Gesellschaft

Arendt sticht Marx

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 18.11.2015
Bisher hat Winfried Kretschmann die Philosophin für sich beansprucht. Jetzt kommt eine illustre Gruppe um Peter Grohmann und meint, Hannah Arendt sei besser bei ihr aufgehoben. Ein Institut soll ihren Namen tragen und Heimat sein für bewegte BürgerInnen.

Solange ist es noch gar nicht her, dass Stuttgart als "Hauptstadt des Widerstands" mächtig berühmt war. Weit über die Nesenbachgrenzen hinaus staunten die Menschen über die aufständischen Schwaben, die ihnen bis dahin eher bieder und obrigkeitshörig erschienen. Und, o Wunder, es kam auch noch eine grün-rote Regierung, die aus dem Land ein "Labor für künftige gesellschaftliche Entwicklungen" machen sollte. Meinte der Hamburger Publizist Jakob Augstein.

Auch der neue Ministerpräsident war sehr bewegt. Winfried Kretschmann versprach, die BürgerInnen zu hören, was sie 58 Jahre lang nicht gewöhnt waren, und von seinem Traum, dass sie einmal mindestens genau so viel zu sagen hätten wie die Lobbygruppen allerorten. Dazu hat er gerne Hannah Arendt zitiert, insbesondere den Satz, dass der Sinn von Politik die Freiheit sei, was sich nach fast fünf Jahren etwas relativiert hat. Womöglich ist Daimler doch wichtiger als Mann und Frau auf der Straße.

Die Gründer-Combo (von links): Hans D. Christ, Michael Weingarten, Iris Dressler, Peter Grohmann, Annette Ohme-Reinicke und Daniel Hackbarth.
Die Gründer-Combo (von links): Hans D. Christ, Michael Weingarten, Iris Dressler, Peter Grohmann, Annette Ohme-Reinicke und Daniel Hackbarth.

Beides zusammen, also der Protest und die (unvollendete) Partizipation, hat einen Kabarettisten und eine Philosophin nicht ruhen lassen. Peter Grohmann, der unermüdliche Streiter für Zivilcourage, Ober-Anstifter und Kontext-Kolumnist, will über "Konservative wie Kretschmann" nachdenken und "ins Ungewisse aufbrechen". Das Infragestellen von Herrschaft sei einfach "faszinierend". Annette Ohme-Reinicke, Kontext-LeserInnen als Autorin kundiger Artikel über zivilen Ungehorsam bekannt, will die Regierten als "politischen Faktor" in die Arena holen, klarstellen, dass Politik nicht von Regierenden oder gar "dem Markt" ausgeht. Beide, Ohme-Reinicke und Grohmann, darf man als Motoren für das neue Projekt bezeichnen, das den eher ungriffigen Titel "Hannah-Arendt-Institut für politische Gegenwartsfragen" trägt.

"Räume der Reflexion" möchte es bereitstellen, Platz schaffen für ganz verschiedene, aber gleichberechtigte BürgerInnen, weil Politik von ihrem Tun ausgehen soll und nicht umgekehrt, was wiederum die Herbeiziehung von Parteien ausschließt. Insofern haben die Initiatoren auch nie daran gedacht, den Arendt-Fan Kretschmann zum Schirmherrn zu machen. Wer eine solche Frage stellt, erntet ungläubiges Staunen von Ohme-Reinicke. Der Streit um die Wahrheit sei wichtiger als der Kampf um die Mehrheit, sagt sie und empfiehlt dem grünen Regierungschef, die Philosophin "erst mal richtig zu lesen". Dreh-und-Angel-Punkt ihres Denkens sei die größtmögliche politische Partizipation der BürgerInnen gewesen. Kretschmann dagegen verfolge, in alter KBW-Manier, das Prinzip der Avantgarde: Wir sind vorne, folgt uns.

Heribert Prantl meldet sich als Unterstützer aus München

Ein Thinktank für soziale Bewegungen soll es werden, keine Denkfabrik für jene, die schon denken lassen, bei Heinrich Böll, Fritz Erler, Konrad Adenauer oder Bertelsmann. Bedarf gäbe es genug, befindet Ohme-Reinicke, allein in Stuttgart, wo sich Architekten, Juristen, Ärzte und Ingenieure in den Bahnhof gegraben haben. Das Licht der Theorie könnte ihnen leuchten.

Und siehe da, der Gedanke hat schon reichlich prominente Freunde gefunden. Aus München hat sich Heribert Prantl als Unterstützer für das "schöne Projekt" gemeldet, in der Hoffnung, dass dort neue Ideen geboren werden, gerade in diesen Zeiten der Fremdenfeindlichkeit, vor der man sonst nur noch auf dem Mond sicher sei. Geschrieben hat es der liberale Geist der "Süddeutschen Zeitung" vor Paris.

Wenige Wochen vor seinem Tod am 20. Oktober teilte der renommierte Psychoanalytiker und Schriftsteller Arno Gruen mit, dass er das "wichtige Vorhaben" natürlich unterstützen werde. Natürlich insoweit, als er sich Zeit seines Lebens mit den Ursachen menschlicher Destruktivität beschäftigt hat, seit er in der Volksschule der Einzige war, der nicht gestreckt hat – als die Lehrerin fragte, wer einen Rohrstock besorgen wolle. Zur Züchtigung der Klasse. Sein Werk soll nun ein Stein im Gebäude des Hannah-Arendt-Instituts werden, das sich einer "Streit-Kultur" verpflichtet fühlt, in der niemand moralisch diskriminiert, niedergebrüllt und "erst recht nicht mit Gewalt unterdrückt wird".

Das Offene soll Programm sein, verkörpert auch durch Personen, die im Handgemenge kühlen Kopf bewahren. Zum engen Zirkel zählen Iris Dressler und Hans D. Christ vom Württembergischen Kunstverein, die schon angeboten haben, das Institut bei sich anzusiedeln. Weiter dabei sind die Philosophen Michael Weingarten und Daniel Hackbarth. Ihre Mithilfe zugesagt haben auch Joe Bauer, der Freigeist vom Pressehaus, Petra von Olschowski, die Direktorin der Kunstakademie, Gudrun Schretzmeier vom Theaterhaus, Stefanie Stegmann vom Literaturhaus, der Regisseur Volker Lösch und der Architekt Roland Ostertag.

Wer die Liste der Erstunterzeichner weiter liest, findet sich im Who's who der Sozialwissenschaften wieder, in der Riege von ProfessorInnen, die einem einschlägig sozialisierten Publikum bekannt sind: Armin Grunwald (Karlsruhe), Peter Kammerer (Urbino), Ekkehart Krippendorff (Berlin), Tim Henning, Andreas Luckner, Ortwin Renn (alle Stuttgart), Dieter Rucht (Berlin).

Wer mehr wissen will, wird bei der Tagung "Neue Bürgerbewegungen – Neue Politik" am Freitag (20. 11./19 Uhr) im Württembergischen Kunstverein und am Samstag (21. 11./10.30 Uhr) im Literaturhaus unterrichtet. Dort stellt sich das Projekt vor und debattiert mit dem Publikum. Unter anderem wird der Frage nachgegangen, an wen man sich beim politischen Handeln halten soll: "Warum Arendt und nicht Marx?"


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