KONTEXT Extra:
Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


Hunde als Soldaten

Große Natur- und Tierfilme, unvergessliche Filmbilder und spannend erzählte Geschichten: 130 Produktionen zu Natur, Tier, Umwelt und Nachhaltigkeit sind beim 16. NaturVision-Filmfestival in Ludwigsburg vom 13. bis 16. Juli (Donnerstag bis Sonntag) in Ludwigsburg zu sehen - beim größten Naturfilmfestival in Deutschland. Neben den Vorführungen im Kino Central gibt es ein Open Air auf dem Arsenalplatz. Dazu ein umfangreiches Programm auch für ganz junge Filmfans.

Schwerpunktthema in diesem Jahr: Die Stadt und das Meer. Gezeigt wird dabei auch der schockierende amerikanische Dokumentarfilm "A Plastic Ocean". Bei den Tierfilmen ist "Hundesoldaten" zu sehen, ein Film der Stuttgarter Regisseurin Lena Leonhardt über Kampfhunde bei der Bundeswehr - ausgezeichnet mit dem renommierten Grimme-Preis. "Unser Filmprogramm will für die Natur begeistern und kritisch informieren.Wir wollen aber auch zeigen, dass ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig ist, um neue Wege in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit zu gehen", so Festivalleiter Ralph Thoms. (12.7.2017)

Infos: www.natur-vision.de


Doppelerfolg für Kretschmann

Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident hat drei Schwarze – Horst Seehofer (CSU), Volker Bouffier (CDU/Hessen) und Armin Laschet (CDU/NRW) – und einen Roten – Stephan Weil (SPD/Niedersachsen) – nicht nur an einen Tisch, sondern auch zu einer gemeinsamen Erklärung gebracht. In Berlin unterzeichneten die Regierungschefs mit großen Automobilwerken eine gemeinsame Erklärung zur Elektromobilität und der Nachrüstung: mit weitreichenden Folgen für DieselbesitzerInnen. Denn die schon zum Wochenbeginn vom Verband der Automobilindustrie angekündigte Software-Lösung soll nicht nur von den Unternehmen selbst bezahlt werden. Vor allem hoffen die vier Ministerpräsidenten, auf diese Weise Fahrverbote an Feinstaubtagen vermeiden zu können.

Kretschmann hielt sich zugute, dass erst die Debatte über Verbote ab dem 1. Januar 2018 die Diskussion zur Nachrüstung in Schwung gebracht hat. Ungeklärt bleibt vorerst, wie aufwändig es ist, die Software der einzelnen Modelle zu überarbeiten. In Aussicht gestellt wurde, dass sogar Euro-4-Fahrzeuge die verlangten Emissionswerte erbringen könnten. Seehofer brachte ins Gespräch, bisher nicht genutzte Mittel aus dem noch immer mit mehr als einer Milliarde Euro gefüllten Fördertopf für den Kauf von Elektro- und Hybridautos zu nutzen, etwa um Busflotten nachzurüsten. Außerdem haben sich die Länderchefs verpflichtet, Forschungsergebnisse auszutauschen sowie die Ladeinfrastruktur auszubauen. Weitere konkrete Pläne sollen am 2. August erörtert werden, wenn zum ersten Mal das von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) initiierte "Nationale Forum Diesel" zusammenkommt. (7.7.2017)


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Ausgabe 216
Politik

Die Biegekraft der Macht

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 20.05.2015
Winfried Kretschmann weilte gerade im Silicon Valley. Ein Versuch mehr, die Grünen als "neue klassische Wirtschaftspartei" zu positionieren. Und was machen die linken Grünen? Sie üben sich in vorbildlicher Solidarität, während der Ministerpräsident den so entstehenden Freiraum nutzt, um seine Partei weiter in die Mitte zu schieben – oder sogar darüber hinaus.

Wieder einmal hat Karl Marx so recht: Selbst bei einem derart gefestigten Charakter wie dem seit Sonntag 67-jährigen Gründungsgrünen bestimmt das Sein das Bewusstsein, Hannah Arendt hin, Jeanne Hersch her, und Perikles ist auch kein Gegengift. Was hatte Kretschmann nicht alles versprochen nach dem Amtsantritt! Keine "Höher-besser-weiter-Rhetorik", die er drei Jahrzehnte lang als ein besonders großes Ärgernis empfand, keinen Fortschritts- und Wachstumswahn. Den Biegekräften, denen Mächtige ausgesetzt sind, wollte er mannhaft widerstehen und falsches Jammern unterscheiden von richtigem.

In diesen Tagen hätte er dazu reichlich Gelegenheit. An der Spitze einer großen Delegation bereist er Kalifornien und will, wie vor 30 Jahren Lothar Späth, lukrative Geschäftsfelder für heimische Firmen ausfindig machen. Im Silicon Valley, in Stanford oder an der Golden Gate könnte er zudem austesten, wie deckungsgleich der Anspruch an sich selbst und die Wirklichkeit noch sind, etwa wenn ihn im Gespräch mit den Firmenchefs heikle Themen – Stichwort: Erbschaftsteuer – aus dem fernen Deutschland einholen.

Der Vorvorvorvorgänger schwärmte auf Reisen wie dieser von der schönen neuen informierten Welt dank der Glasfaserkabel, die sich durch ganz Deutschland ziehen, von Riesenrechnern, von Innovationen wie Benzin aus Raps, von Dreiwegekatalysatoren und natürlich davon, wie der Südwesten einen Spitzenplatz nach dem anderen erobert. Kretschmann, entgegen aller guten Vorsätze längst angekommen im Orbit der Gemeinplätze, schwärmt von versteckten Weltmarktführern "in jedem zweiten Schwarzwaldtal", vom Mittelstand, der "Weltspitze" ist , von Big Data als "Ölquelle der Zukunft", vom "besonderen Spirit in Kalifornien" oder dem "Wiederaufstieg in die Champions League, nachdem Europa die erste Halbzeit bei der digitalen Revolution verloren hat". Sogar sich selbst rühmt er – als ersten Ministerpräsidenten bundesweit, der zum Thema Digitalisierung eine Regierungserklärung ("Heimat, Hightech, Highspeed") abgegeben hat.

Ein grüner Wahlsieg ist gegen die Wirtschaft nicht zu erringen

So viel Enthusiasmus für Fortschritt und Zukunft muss blinde Stellen erzeugen. Dennoch will sich der vom Maoisten zum Superrealo Gewandelte die große Idee nicht madig machen lassen, seine Grünen als "neue klassische Wirtschaftspartei" zu positionieren. Auch nicht von Gewerkschaftern wie Leni Breymaier (Verdi) oder Nikolaus Landgraf (DGB), die am 1. Mai vehement darauf drängten, in der Digitalisierungsdebatte endlich die Arbeitnehmerinteressen in den Blick zu nehmen, sich der Frage anzunehmen, wie denn die durch 4.0 zu erwartenden riesigen Produktivitätssprünge wenigstens einigermaßen gerecht verteilt werden können. Kretschmann verzichtet auf eine Antwort, er möchte am 13. März 2016 gewinnen, und das, zitieren ihn Parteifreunde aus internen Debatten, "ist gegen die Wirtschaft nicht zu machen". Gerade die Wahl in Bremen habe gezeigt, sagt einer, "wie gefährlich es sein kann, die eigene Klientel zu vernachlässigen". Aber darüber werde selbst "hinter ganz fest verschlossenen Türen nicht mehr geredet".

Papierflieger-Bastler: Winfried Kretschmann und Daimler-Chef Dieter Zetsche. Foto: Joachim E. Röttgers
Papierflieger-Bastler: Winfried Kretschmann und Daimler-Chef Dieter Zetsche. Foto: Joachim E. Röttgers

Endgültig öffentlich wurde die schleichende Neuorientierung mit dem überraschenden Ja des ehedem bekennenden Autoskeptikers zum umstrittenen Gigaliner-Versuch auch auf baden-württembergischen Autobahnen. Mitte der Achtziger hatte Lothar Späth seine Ursprungsidee, Katalysatoren für Neuwagen früher als geplant verpflichtend zu machen, nach einem Sommerurlaub in Kanada mit Mercedes-Chef Werner Niefer verworfen. Kretschmann ließ sich bei einem Date mit Daimler-Chef Dieter Zetsche dazu bewegen, die Position seiner Regierung aufzugeben und aus grünen Parteitagsbeschlüssen Papierflieger zu basteln. Gigaliner seien "keine Lösung der Transportprobleme und auch nicht wirklich ökologisch", hatte ein Tuttlinger Landesparteitag im November 2014 mit großer Mehrheit beim Thema "nachhaltige Mobilität" beschlossen. Die 25 Meter langen 60-Tonner "belasten die schwer überlastete Infrastruktur zusätzlich, verbilligen den Straßentransport und verhindern die notwendige Verlagerung des Güterverkehrs auf Schiene und Wasserstraße", hieß es. Ausdrücklich wurde begrüßt, dass Baden-Württemberg sich am bundesweiten Feldversuch nicht beteiligen werde. Zu früh gefreut. Ende März musste Verkehrsministerin Winfried Hermann zähneknirschend umsteuern. Widerstand des linken Flügels? Fehlanzeige.

Fast zeitgleich erging ein Kabinettsbeschluss zu TTIP, der das Freihandelsabkommen mit einem konditionierten Ja zur Chance für die baden-württembergische Wirtschaft erklärt. Die Linie der grünen Bundespartei ist eine ganz andere. Immerhin kursiert im Netz ein Papier unbekannter Autoren für Abgeordnete und Räte als Argumentationshilfe für den Fall, dass die Basis doch an der einen oder anderen Stelle aufmucken sollte. In 17 Punkten wird dargelegt, dass die Standpunkte der Partei keineswegs unter den Tisch gefallen seien. "Die Beschlüsse entsprechen inhaltlich den Forderungen der Bundesdelegiertenkonferenz", heißt es lakonisch, zum Beispiel bei den Themen Schutzstandards und Daseinsvorsorge. Detaillierte Ausführungen oder Belegstellen gibt es dazu nicht.

So ähnlich hörte sich auch Walter Döring von der FDP an

Und Kretschmann hat sich ohnehin festgelegt: Er will kein "Nein, es sei denn ..." formulieren und sich schon gar nicht über Chlorhühnchen "aufamseln, und die Amis amseln sich über unsere Antibiotika-Hühnchen auf". Das sei nicht immer rational. So oder so ähnlich hört sich auch der ehemalige liberale Wirtschaftsminister Walter Döring an.

Sind die Grünen zwischen Main und Bodensee doch das, was linke Häme schon lange in ihnen sieht, nämlich eine "FDP mit Fahrrad"? Agnieszka Brugger, die Ravensburger Bundestagsabgeordnete und bundesweite Koordinatorin des linken Parteiflügels, hält dagegen. Sie spricht von Schulterschluss und neuem Rollenverständnis: Kretschmann ist nun mal Regierungs- und nicht Parteichef. Realos und Linke müssten sich mit Respekt begegnen, das hätten alle verstanden im Landesverband. Zu kurz kommt dabei, dass gerade beiderseitiger Respekt öffentliche Diskussionen über unterschiedliche Positionen ein- statt ausschließt, zumal vor dem Hintergrund grüner Geschichte und Kultur.

Brugger ist Mitautorin des Papiers "Raus aus der Komfortzone – Lasst uns wieder mehr wagen!", nennt den "Kampf für mehr Gerechtigkeit" als wichtige Aufgabe. Materielle Ungleichheit sei "kein selbst gewähltes Leid, sondern führt zu Ausgrenzung und ungleichen Chancen". Zwei andere Linke, Bundestagsabgeordnete aus rot-grün regierten Ländern – Katharina Dröge (NRW) und Sven-Christian Kindler (Niedersachsen) -, haben eben erst ihre Thesensammlung vorgelegt, sehen in einem "gut ausgestatteten, funktionierenden Sozialstaat die Grundlage für eine funktionierende Wirtschaftsordnung, genauso wie der ökologische Umbau der Wirtschaft Treiber von neuen Marktchancen und Innovationen sein kann". Sie wollen, eigentlich eine Lieblingsbeschäftigung Kretschmanns, ein ganz dickes Brett bohren, verlangen "eine stärkere Besteuerung von Vermögen, Erbschaften, Einkommen und Kapitalerträgen", um die soziale Ungleichheit abzubauen und einen ökologisch-sozialen Umbau leisten und finanzieren zu können. 

Zumindest auf ihrem linken Flügel will die Partei für Verteilungsgerechtigkeit stehen und den Mut aufbringen, "das auch lautstark und selbstbewusst zu formulieren". Starker Tobak sei das, finden in Minutenschnelle viele im Internet. "Spiegel online" liest aus dem Papier eine "Ökorevolution" und die Kampfansage gegen Realos heraus. In Foren sprießen wilde Assoziationen – mit der DDR, Enteignung, Gang in den Ruin, "Armut für alle". Dagegen halten nur wenige. "Endlich", schreibt einer, "besinnen sich ein paar Freigeister auf die wirklich wichtigen Themen, aber die Wirtschaftslobbyisten um Özdemir und Kretschmann werden das Thema schon ersticken. So eine grüne Partei wäre wieder wählbar."

Tatsächlich könnten viele der linken Forderungen aus dem Vatikan kommen, direkt aus der Feder von Papst Franziskus: "Ebenso wie das Gebot 'Du sollst nicht töten' eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen sagen. Diese Wirtschaft tötet." Weil sie aber hierzulande deutlich weniger Bewunderung fänden als päpstliche Enzykliken, scheut Kretschmann neuerliche Grundsatzdebatten wie der Teufel das Weihwasser. Nur zu gut weiß er, dass die CDU – eine Kukident-Fraktion ohne Biss, wie die "Südwest-Presse" kürzlich harsch urteilte – und die FDP nur auf einen Ausrutscher von ihm warten, gerade in Sachen Steuern oder Lebensstil. Der Veggie-Day lässt grüßen. Und er registriert, dass er auf seinen Kreisbereisungen weiterhin auf ein zufriedenes, manchmal sogar enthusiastischen Publikum trifft – das von linken Positionen nur verstört würde.

Diskussionen über Umverteilung will Kretschmann nicht führen

Vor allem aber ist er selber der Überzeugung, dass knappe Ressourcen vor gerade Innovationen besonders befördern. Hannah Arendts Merksatz "Sinn von Politik ist Freiheit, Grundlage von Politik ist die Pluralität von Menschen" ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen als eine zentrale Aussage, mit der ausdrücklich keine soziale Botschaft verbunden ist. "Für mich ist es fundamental, die Verschiedenheit der Menschen zu betrachten", sagt Kretschmann, den bürgerliche Medien eben doch gerne zum heimlichen Parteichef stilisieren. Und Politik müsse einen Rahmen setzen, "der ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Vorstellungen auszuleben". Umverteilungsdiskussionen wollte er noch nie wirklich und will er jetzt erst recht nicht führen. Schon gar nicht, wenn die Wirtschaft betroffen ist. Der Applaus der Mittelständler ist ihm sicher für Sätze wie "Ohne Eigenkapital können Unternehmen nicht forschen, daher dürfen wir sie steuerlich nicht zu sehr belasten". Dass das Gemeinwesen die Hauptlast der Forschung trägt, kommt da genauso wenig vor wie damals, als Lothar Späth den Steuerzahlern die Anschaffung millionenschwerer Großrechner zum Wohle der Wirtschaft schmackhaft zu machen versuchte.

Kretschmann global. Screenshot Facebook.
Kretschmann global. Screenshot Facebook.

Aus Kalifornien meldet sich der Ministerpräsident – dank seines dafür zuständigen emsigen Teams – regelmäßig via Facebook. Schnell nach der Ankunft posiert er werbewirksam für die Fotografen und fürs Unternehmer-Fotoarchiv am Südende der Golden Gate Bridge, dem weltberühmten Touri-Hotspot. "Dass ich die Wirtschaft verstehe, bilde ich mir schon ein", lautet eine seiner Botschaften, die selbst auf diesem Weg transportiert werden. "Das nehm ich Ihnen sogar ab, dass Sie sich das einbilden, denn so wirtschaftlich denkend wie Sie war vor Ihnen kaum ein Grüner", kommentiert eine Followerin. "Klar, aber viele Grüne wollen die CDU light nicht", kontert ein anderer mit einer stoßgebetsähnliche Frage: "Herr Kretschmann, können Sie noch etwas vom ursprünglichen Profil übrig lassen?"


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Ausgabe 327 / Post an den MP / Monika Kremmer / vor 7 Stunden 6 Minuten
Großartig ironischer Brief. Danke!













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