Auf jeden Fall ist es besser, den DFB nicht direkt anzusprechen. Das haben sich kürzlich einige EU-Abgeordnete auch gedacht – darunter sogar einer von der SPD, der tatsächlich in Politikfragen als sachverständig erscheint. Das merkst du schon daran, dass sie sich gleich an die UEFA gewandt haben mit ihrem Aufruf, "koordinierte Boykotte oder andere Maßnahmen" zu ergreifen. Richtig so! Wenn ein Boykott funktionieren soll, musst du mit allen darüber reden.
Aber du solltest halt offen und ehrlich darüber diskutieren, ob du hingehst oder nicht. Ganz im Ernst: Nicht kicken ist ja auch keine Lösung – und in Boykott-Fragen immer einerseits und andererseits. Einerseits, wenn du als Europa wegbleibst: Du würdest den angebräunten US-Sonnenkönig voll bei seiner Eitelkeit packen. Und gleichzeitig der FIFA die Grenzen aufzeigen. Andererseits: Die Historie der Sport-Boykotte ist keine rühmliche. Außer gesparten Reisekosten ist herzlich wenig dabei rumgekommen. Vermutlich aus dem einfachen Grund, weil du nichts gewinnen kannst, wenn du nicht mitmachst. Und das mein' ich im sportlichen und übertragenen Sinn, du verstehst mich schon.
I have a dream
Neulich hatte ich einen Traum, ausnahmsweise einen angenehmen – und der geht so: Wir stehen im Finale. Die Gegner werden bei der Spielansetzung zuerst genannt. Das ist wichtig, denn das bedeutet, dass wir als Zweitgenannte unser Ausweichtrikot nehmen dürfen. Jetzt hat der deutsche Zeugwart leider die aktuellen Ausweichtrikots vergessen und stattdessen versehentlich die Ausrüstung des letzten Turniers eingepackt. Und so stehen wir nach dem Finale als Weltmeister in Pink und Lila auf dem Podest: We are the champions, my friends. Konfettiregen! Dann bin ich leider aufgewacht von meinem Traum. Als ich schon auf dem Weg zum Kühlschrank war, Feierbier aufmachen, ist mir aufgefallen, dass die beste Sequenz noch gekommen wäre. Und zwar die Szene, in der der Typ mit der orangefarbenen Bräunungscreme unseren Jungs in pink und lila vor aller Welt zum Titel gratuliert. Da hätte er so mit den Zähnen knirschen müssen, dass ihm alle Implantate locker geworden wären.
Jedoch: Damit wir so weit kommen, also bis ins Finale, brauchst du halt ein faires Turnier. Und jetzt wird's bitter. Bei aller Träumerei solltest du nicht übersehen, dass die Sportskameraden überm Teich direkt in den Faschismus schlittern, wenn sie so weitermachen. Was dabei aus sportlicher Sicht passieren kann, ist spätestens klar, seit die FIFA dem orangebraunen Ungeheuer mit einem Friedenspreis in den Hintern gekrochen ist. Unfairer geht's wirklich nimmer. Und deshalb ärgert's mich gewaltig, dass sich niemand um das Spiel selbst kümmert. Leute, das ist doch wie auf dem Bolzplatz! Mit unfairen Drecksäcken kickt man nicht. Schließlich ist amtlich bewiesen, dass es gerade bei Weltmeisterschaften gewaltig schiefgehen kann mit der Fairness. Zwei Beispiele.
Beim Fascho-Festival WM 1934 hatten Mussolinis Erfüllungsgehilfen in Zusammenarbeit mit den FIFA-Kollaborateuren besonders geeignete Schiris eingeteilt für die Spiele, in denen Italien beteiligt war. Die Azzuri wussten, dass sie jeden ungestraft umtreten können. Das Viertelfinale gegen Spanien war besonders brutal. Trotzdem brachte Spanien mit mehreren Verletzten ein 1:1 über die Zeit. Damals, also rund drei Jahrzehnte vor Einführung von Spielerwechseln. Zum Wiederholungsspiel konnten sieben Spanier wegen Verletzung nicht mehr antreten, darunter der beste Torwart seiner Epoche: Ricardo Zamora. Italien gewann 1:0. Damit war der Turnierfavorit aus dem Weg. Auch das österreichische Wunderteam wurde mit 1:0 aus dem Weg geprügelt. Mit freundlicher Mithilfe des schwedischen Fascho-Freunds Ivan Eklind. Die Tschechen wussten vor dem Finale, dass sie keine Chance hatten.
Dealmaker 1.0
Für die Junta-Spiele 1978 in Argentinien hatte die FIFA einen Modus ohne Halbfinale angesetzt. Stattdessen gab's zwei Vierergruppen, der Gruppensieger spielte das Finale. So kam es, dass Argentinien im letzten Gruppenspiel gegen die bereits ausgeschiedenen Peruaner antrat. Alle anderen Spiele waren gespielt und der Gastgeber konnte sich genau ausrechnen, welches Ergebnis nötig war. Da setzten sich die argentinischen Diktatoren kurz mit der peruanischen Regierung ins Benehmen. Argentinien gewann 6:0. Anschließend sollen 50 Millionen Dollar und 35.000 Tonnen Getreide in Peru angekommen sein.
Jetzt aber schnell zurück in die Zukunft. Ich frag mich schon: Wie naiv ist es eigentlich, wenn wir alle stillschweigend davon ausgehen, dass wir eine faire WM bekommen, also ohne Spielabsprachen, Schiebung und erwünschte Ergebnisse? Ausgerechnet dann, wenn das Turnier im Land der unbegrenzten Regelbrecher stattfindet.
Übrigens: Auch in Südkorea wurde bei der WM 2002 mindestens eine Partie verschoben – nach allen Regeln der höheren Schiri-Kunst. In Italien weiß jeder Fußballfan, wer Byron Moreno ist. Nämlich eine Pfeife von einem Ecuadorianer, der Südkorea sanft durchs Achtelfinale gewunken hat. Womit du allerdings recht haben könntest: Vielleicht ist es schief, die USA mit einer Demokratie wie Südkorea zu vergleichen. Der Vergleich mit einer Monarchie könnte im Moment besser passen. Also Marokko jetzt, da ist neulich etwas Hochbrisantes passiert.
Die Unbestechlichen
"Der Videobeweis ist in korrupten Ländern besonders populär", betont die britische Autorin Daisy Christodoulou neulich im Interview mit dem Fachmagazin "11Freunde". Wer den Afrika-Cup neulich in Marokko gesehen hat, muss ihr zustimmen. Vor allem mit Blick aufs Viertelfinale gegen Kamerun, als der afrikanische Verband den Video-Schiri ausgewechselt hat, ein paar Stunden vor dem Spiel auf Drängen von Gastgeber Marokko. Was übrigens erklärt, warum Senegal im Finale einen solchen Skandal veranstaltete. Weil die Senegalesen ahnten, dass der Video-Schiri gekauft war! Gemeint ist der Sportskamerad vor dem Bildschirm, der sich erst in der Nachspielzeit bemerkbar gemacht hat, als er plötzlich eingriff und auf einen Elfmeter für Marokko drängte, den der Feldschiedsrichter prompt verhängte, weil ihm nichts anderes übrig blieb.
Zugegeben: Der Marokkaner Brahim Díaz hat den fälligen Elfer verschossen. Senegal hat am Ende den Afrika-Cup gewonnen. Aber du kannst dich nicht jedesmal darauf verlassen, dass irgendwo im Fußballhimmel einer sitzt und für höhere Gerechtigkeit sorgt. Übrigens: Die Autorin Christodoulou, Fachgebiet Messfehler, hat sich vor allem mit Abseits beschäftigt. Sie bestreitet mit guten Argumenten, dass es sich bei Abseits um eine objektive Linienentscheidung handelt. Mit anderen Worten: Wenn du ein Spiel kaufen willst, kümmer' dich um Video-Schiris. Die greifen immer dann ein, wenn es für dich wichtig wird.
Falls du nach alledem überhaupt noch wissen willst, wem der große US-Dealmaker am Ende den Weltpokal überreicht, gebe ich dir drei Szenarien an die Hand. Alle drei natürlich höchst plausibel. Szenario 1: Wenn das Turnier geschoben wird, erkennst du es daran, dass Argentinien Weltmeister wird. Dann tanzen Trump und Milei gemeinsam den Mussolini. Die können ja gut miteinander. Szenario 2: Wenn es tatsächlich fair bleiben sollte, kann es aus sportlicher Sicht nur einen Weltmeister geben: Norwegen. Aber es könnte noch besser kommen, sprich: Szenario 3. Wenn es stimmt, dass man Träume leben soll, wird Deutschland Weltmeister. Natürlich in lila und pink. Lieber Fußballgott, erhöre meine Bitte!
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