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Auf der Straße

Volltreffer Gottes

Auf der Straße: Volltreffer Gottes
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Alles ginge besser, hat der Schriftsteller Johann Gottfried Seume gesagt, wenn man mehr ginge. Ich ging auf Nummer sicher und verließ die Stadt.

Am Morgen bevor die Fußball-EM begann, saß ich in der Eisenbahn auf dem Weg nach Norden. Wenn jemand in einem Kessel wie Stuttgart haust und das Weite sucht, weiß man nicht so recht, ob es sich um Stadtflucht oder Landflucht handelt.

Wahr ist, dass ich aufs Land flüchtete. Am Tag nachdem sich Frankreichs kluger Fußballgott Kylian Mbappé die Nase gebrochen hatte, meldete die "Ostfriesen-Zeitung" auf ihrer Titelseite: "Schlechtes Wetter setzt Spargel zu". Diese Schlagzeile stand noch über der Nachricht, dass ein Fischer, der auf der Osterems von einem Krabbenkutter aus über Bord gegangen war, immer noch vermisst werde und keine Überlebenschance mehr habe. Wenig später las ich auf einer Tafel vor einem Restaurant, dass der "Ostfriesenteller" mit Spiegeleiern und Bratkartoffeln zurzeit leider ohne Nordseekrabben serviert werden müsse.

Wo ich als Tourist wohne, neben einem großen, einladenden Totenacker, kann ich mich als gewohnheitsmäßiger Herumgeher gehen lassen wie lange nicht. Überall weites, flaches, grünes Land hinter backsteinernen Häusern mit spitzen Dächern. Dazu ein lustiges Wetter. Kaum hast du deinen Sonnenhut aufgesetzt, bläst dich auch schon ein böiger Regenschauer aus deinem Leben, das eben noch recht gemütlich schien. Der wahre Ostfriese kennt keine Furcht vor Sturm und See: "De to't hangen geboren is", sagt er, "versuppt net." Wer zum Hängen geboren wurde, ersäuft nicht.

Bis zur Nordsee sind es von meinem Domizil vier Kilometer zu Fuß, und es bedarf keiner großen Planungen, auf dem Weg dorthin keinem Auto zu begegnen. Keine Ahnung, ob sich in diesem Landstrich die Erde dreht. Jedenfalls empfiehlt es sich, kräftig durchzuatmen. Die Luft tut gut, womöglich ist es gute Luft. Sie tröstet dich, wenn du die Nase voll hast vom Rest der Welt. Dann können Gedanken fliegen und springen, und deshalb ist es wieder Zeit, aus dem Buch "Wanderlust" zu zitieren, Rebecca Solnits Marathonwerk über das Gehen: "Es entsteht eine sonderbare Übereinstimmung zwischen innerer und äußerer Bewegung. Ein neuer Gedanke scheint oft wie ein Merkmal der Landschaft, das sich dort immer schon befunden hat, als ob Denken eher Reisen als Erschaffen wäre."

Es gibt Gründe, Ostfriesland zu besuchen, wo das Denken zum Reisen und das Reisen zum Denken wird.

Erst neulich hat hier wieder der "Ostfriesische Freiheitsmarsch" stattgefunden, im Zeichen von Fairness und Völkerverständigung, wie es im Programm IML Walking Association (Internationale Marching League) steht. Ihr lateinisches Motto lautet: "Nos jungat ambulare". Möge uns das Wandern vereinen. Wen auch immer.

Orgiastische Rituale im Stadion

Meine Absicht war, auf meinen Flachlandwanderungen im Norden den heimischen Wahnsinn hinter mir zu lassen. Ein Mensch, der final altert, hat seine Dosis Rummel hinter sich. Es reicht. Mag sein, dass ein Bad in der Menge eine prickelnde Sache ist, selbst wenn du dir dabei nicht die Nase brichst. Besonders erregend muss das sein für Stuttgarts obersten Rathäusler, der keine Chance vergibt, seine Fantriebe öffentlich auszuleben. Sein Riecher für Bierfeste ist berühmt. Muss man verstehen: Es ist nun mal ein Ereignis, mit einem Deutschland-Trikot am Leib vor zigtausend aufgewühlten Menschen auf einer Fanmeile herumzuschwänzeln, wenn du jahrelang deine rote Wurst auf dem Sportplatz der TSG Backnang gevespert hast.

Das Wort "Fan", habe ich im unlängst erschienenen Buch "Fans. Von den Höhen und Tiefen sportlicher Leidenschaft" gelesen, stammt vom lateinischen fanaticus ab: "Ein religiöser Anhänger, der an orgiastischen Ritualen in einem Tempel oder an einem heiligen Ort teilnimmt", schreiben die Autoren Ilija Trojanow und Klaus Zeyringer. "Bis zum heutigen Tag schwingt eine Bedeutung von Anbetung, Hingabe, aber auch Maßlosigkeit mit." Dass die Italiener ihre Fans auch tifosi nennen, sagt uns noch mehr: Der Begriff ist abgeleitet vom griechischen Wort für Typhus – eine ansteckende, auch Panik auslösende Krankheit.

Der Typhus, wo jeder mit muss.

In Ostfriesland habe ich von dieser Krankheit bisher nicht viel bemerkt. Einmal sah ich vor einem Ein-Euro-Shop ein einsames Paar Badelatschen in den Farben Schwarz-Rot-Gold herumliegen, in einem abgelegenen Wohnviertel mit akkurat gestutzten Rasen hingen ein paar Deutschlandfahnen, und auf der Insel Norderney standen leere Strandkörbe vor einer großen Video-Leinwand im strömenden Regen. Der Blick auf die kreischenden Möwen über dem Meer erschien mir wesentlich spannender, schon weil heute alles voll spannend ist, seit das Wort "interessant" jede Art von Spannung verloren hat. In der alltäglichen Geschwätzigkeit mit ihren strunzdummen Moden gelten selbst Biere, Burger und Deutschländerwürstchen mit Fußballtrikots als so spannend, dass einem schon vom Hinsehen der schwäbische Ranzen spannt.

Nicht jeder ist ein Volltreffer Gottes

Ich räume ein: Meine geschilderten Eindrücke von Ostfriesland sind nicht repräsentativ. Seit jeher traue ich mir zu, der falsche Mann am falschen Ort zu sein. Aber damit das klar ist: Ich bin kein Totalverweigerer ehrbarer Fußarbeit am Ball, schon deshalb nicht, weil es sich für einen anständigen Menschen geziemt, sich Saison für Saison eine Dauerkarte für den Stehbereich der Stuttgarter Kickers zu erwerben. Dass dieses Thema zurzeit international keine so große Rolle spielt, sollte man nicht falsch bewerten im politisch zerrissenen Europa, wo sich autoritäre Machthaber und anrüchige Geschäftemacher auf der Tribüne die Hand reichen. Die Welt wird nicht besser, wenn der Fußball alles Elend ins Abseits drängt. Und der übliche Hinweis, die Bemühungen meines Klubs auf dem Rasen hätten mit Fußball nichts zu tun, zeugt nur vom fehlenden Klassenbewusstsein der Ohnmächtigen im Massenwahn. Die Wahrheit ist nicht auf dem Platz, sondern im erwähnten Buch "Fans": "Stimmung ist in der kapitalistischen Eventgesellschaft eine Ware. Sie dient nicht nur als sportlicher Rückhalt, sondern auch den Veranstaltern als Werbefläche." Meine Stimmung passt auf eine Arschbacke. Mehr Werbefläche gibt es nicht.

Zur Ehrenrettung ostfriesischer Fußballzonen muss ich noch von einer Sache berichten, die uns den Hintergrund des Fan-Daseins im Fanaticus-Sinne näherbringt als jedes Buch. Bei einem Gang durch die Gemeinde kam ich an der Vitrine einer Baptistenkirche vorbei, die mich dermaßen aufschreckte, dass ich sofort meine Regenmütze tiefer in die Stirn zog. Da hing hinter Glas ein kleines grünes Spielfeldmodell mit einem überdimensionierten, leicht deformierten Fußball im Tornetz – dekoriert mit der weithin sichtbaren, sauber angeklebten Botschaft: "Du bist ein Volltreffer Gottes".

Keine Frage: Die meinten mich. Das war mir dann doch etwas peinlich. Die kennen mich nicht da oben an ihren Deichen, wo die Leute nicht ersaufen, weil sie vorher gehängt werden. Ich werde den Frommen im Norden deshalb einen Brief schreiben:

"Liebe Baptisten und Baptistinnen, bis heute habe ich mir niemals angemaßt, mich für einen göttlichen Volltreffer zu halten. Ganz sicher auch nicht für einen himmlischen Volleyschuss. Vielleicht könnten wir Sterblichen uns auf einen Kompromiss einigen: Ich bin ein Abstaubertor. Oder ein unglücklich abgefälschter Freistoß. In Demut: Ihr Vollpfostentreffer."

Vergelt's Gott, murmele ich und wandere, mit der Welt vereint, weiter durch die Gegend, bis mich der Teufel holt.


Joe Bauers Flaneursalon ist am Samstag, 6. Juli im Garten der Gaststätte Ratze am Raichberg, Stuttgart-Ost. Lieder und Geschichten, Satire und Rap mit Brthr, Lena Spohn, Rolf Miller und Toba Borke.

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1 Kommentar verfügbar

  • nesenbacher
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Danke für diesen Volltreffer!
    Auch für den kulinarischen Genuss (Krabben von der Nordsee/Rote in Backnang).
    Ich hoffe den guten Joe wird so schnell nicht der Teufel holen.
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