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Auf der Straße

Blasmusik zum Niederknien

Auf der Straße: Blasmusik zum Niederknien
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Meine Straße hat Swing. Das liegt nicht unbedingt an der Sängerstraße in meinem Viertel, die man im 19. Jahrhundert "zu Ehren der edlen Sangeskunst" so benannt hat (in der Nähe steht die heutige Oper). Den Begriff "Sangeskunst" kennt das Rechtschreibprogramm meines Computers übrigens nicht. Rap hingegen, diese Stotterkunst, hat es intus.

Soll jetzt keiner denken, ich hätte was gegen Rap. Im Gegenteil. Diese Musik dient mir regelmäßig als Tritt in den eigenen Arsch, um in die Gänge zu kommen. Manchmal öffnet sie mir die ganze Welt, und natürlich hippt und hoppt und rappt heute auch die Stuttgarter Staatsoper mit Blick auf ihr Publikum immer öfter.

Meine Straße ist die Urbanstraße, Sitz des Landgerichts, das bis heute das Stahlgekreische der Nazi-Guillotine verströmt. Neulich habe ich mir im Internet Tonaufnahmen von einem Fallbeil angehört. Man sollte sie täglich abspielen im Foyer des Stuttgarter Gerichts, das seine Geschichte 75 Jahre lang mehr oder weniger vertuscht hat. Wo die Faschisten früher Menschen köpften, ist heute ein Parkplatz. Unsere Justiz ist autogerecht.

Nicht weit davon steht die Musikhochschule, deren Sound mich sanft stimmt, auch wenn ich merkwürdigerweise auf der Straße fast immer nur Schlagwerk höre. Angesichts der wandelnden Instrumentenkoffer, die ich täglich sehe, müssen dort auch zahlreiche Bläserinnen und Bläser tätig sein. Schließlich kann ich einen Tuba- von einem Turnbeutel unterscheiden.

Neulich bat ich einen Saxofonlehrer der Hochschule, mir "ein paar Bläser" als Schrittmacher für einen Demozug zu besorgen. Mir schwebe etwas Motivierend-Lebensbejahendes vor, sagte ich, etwas Lustiges wie bei einer Beerdigung in New Orleans. Und eine Brassband stehe auch für Klassenkampf: Den Mächtigen den Marsch blasen. Ohne Musik kannst du keinen Krieg gewinnen; deine Nummer muss ja nicht immer gleich so groß sein wie die Marseillaise.

Der Zufall wollte es, dass ich am selben Tag auf eine Zeitungsmeldung aus Weil am Rhein stieß, die mein Verhältnis zur Blasmusik fundamental in Frage stellt.

Ich war noch nie in Weil am Rhein. Die Stadt liegt am Rande Baden-Württembergs, im Dreiländereck. 30.000 Einwohner, überwiegend protestantisch. Bei der jüngsten Kommunalwahl 26 Prozent Unabhängige Freie Wähler (UFW), rund 25 Prozent Grüne, 19 Prozent CDU, 17 Prozent SPD, zwölf Prozent FDP. Anscheinend eine Ortschaft mit halbwegs demokratischer Kultur, in der eine "Bläserstraße" auf eine intime Beziehung zur Musik hindeutet.

Misstöne im Gemeindeleben verbreitet in diesem Oktober allerdings eine kulturpolitische Affäre. Wie die "Weiler Zeitung" berichtet, gibt es Streit um den Namen des wichtigsten lokalen Ereignisses: des Internationalen Blasmusikfestivals. Der Kulturamtsleiter Peter Spörrer wolle, berichtet das Blatt, "eine mögliche Umbenennung" des Blas-Events "prüfen". Seine Begründung müsste eigentlich nicht mich, sondern die Landesregierung irritieren. Der Name "Bläserfestival", sagt der Kulturchef, sei wegen seines Umlauts "international nicht verständlich". (So wenig wie Kretschmann, wenn er spricht.) Beim Bläserfestival geht es um das Ä, ausgerechnet den Buchstaben, den die Reklamefritzen des Landes inzwischen überall ins Bewusstsein blasen wollen, wo er nichts zu suchen hat. An die kindische "The Länd"-Kampagne, die internationale (!) Fachkräfte locken soll, hat man sich fast schon gewöhnt. Dennoch spucke ich auf die Straße, wenn ich an diesem Werbetransparent für die Stuttgarter Staatsgalerie vorbeikomme: "The Gällery". Kommt mir die Gälle hoch. Ä wie Fäkalien.

Das hier ist doch keine Schmuddelkolumne!

Aber nicht nur der verdammte Umlaut stört den Kulturchef. Der Begriff "Bläserfestival", sagt er, sei "sexuell konnotiert". Seine Argumentation, das Bläserfestival habe eine schlüpfrige Nebenbedeutung, ging einem UFW-Gemeinderat wenn schon nicht auf den Sack, so doch "auf den Zeiger".

Und jetzt bitte: ganz ruhig, Ball flach. Zwar ist die Schlüpfrigkeit, hat uns der große Wolfgang Neuss gelehrt, ein legitimer Teil des Kabaretts. Aber ich bin kein Kabarettist, nur ein Kolumnist, weshalb ich die Bläser-Konnotation seriös zu behandeln habe. Bar jeder Blasphemie und Anspielungen auf Praktiken von Kirchendienern.

Wer sich an "Bläserfestival" stört, denkt zweifellos an ein Fellatio-Festival, was wegen seiner Alliteration einen besseren Sprachsound hat. Eine Fellatio, die auch als Blow Job bekannte Oraltechnik beim Sex, wurde gerade erst heftig diskutiert: In "Blond", dem Netflix-Film nach Joyce Carol Oates’ Roman über Marilyn Monroe, ist die Schauspielerin in einer Szene bei einem Blow Job zugunsten von John F. Kennedy zu sehen. Wie sehr sie sich dabei vom Präsidenten benutzt und erniedrigt fühlt, erfahren wir aus ihren Gedanken, die während des Akts wie O-Töne eingeblendet werden.

Das – nicht gegenderte – "Bläserfestival" in Weil am Rhein wiederum weist indes nur auf aktive Männer unter sich hin. Ist nämlich jemand einer Frau beim Oralverkehr behilflich, spricht die Wissenschaft vom Cunnilingus, der physiologisch etwas von der Bläsertechnik abweicht.

Überhaupt ist Blasen im Fall von Sex rein handwerklich gesehen keine präzise Beschreibung. Ein jüngerer Kontext-Kollege teilte mir schriftlich mit, dass einst die Sexualberatungs-Instanz Dr. Sommer in der Jugendzeitschrift "Bravo" immer wieder von Mädchen gefragt worden sei, ob man beim Blow Job wahrhaftig in einen Penis hineinpusten müsse.

Mir jetzt vorzuwerfen, ich nutzte die Phallusfantasien von Weil am Rhein für eine Schmuddelkolumne aus, wäre nicht fair. Okay, meinetwegen beschäftige ich mich asphaltjournalistisch mit einem Thema von der Straße, nicht halb so wichtig wie die ungeleerten Papiermülleimer in meiner Straße, die zeigen, was passiert, wenn arbeitenden Menschen wegen Corona die Puste ausgeht. Tatsächlich aber hat sich bei mir nie eine Blasmusik-Assoziation wie im Dreiländereck eingestellt. So wie ich nicht bei jedem Horn, das erklingt, gleich an das englische horny denke. Das schwöre ich bei Gott und Charlie Parker. Gut möglich jedoch, dass ich fortan jedes Mal zusammenzucke, wenn das Wort "Bläsersatz" auftaucht: Was alles ließe sich in diesen Begriff hineininterpretieren, vor allem zirzensisch.

Sehr wahrscheinlich treiben die Forderungen nach rücksichtsvollem Sprachgebrauch in allen Lebenslagen inzwischen Blüten, die auf keine Kuhhaut gehen (wobei mir diese Redewendung im Moment des Tippens die Gefahr einer zoophilen Konnotation bewusst macht). Womöglich ein Overkill falsch verstandener Wokeness.

Bevor ich hier weiter dicke Backen und Blablamusik mache, noch ein Blick in die Historie des Handwerks, das Luft in Töne umwandelt. Zum Saisonstart der Stuttgarter Staatsoper neulich kam eine 40.000 Jahre alte Gänseknochen-Flöte aus Blaubeuren zum Einsatz. Und bis heute wissen wir nicht, was zuerst erfunden wurde: das Blasinstrument an sich oder der Blow Job. Die Opernshow nannte sich hintersinnig "Come together". Der gleichnamige Songtitel der Beatles klingt ungleich eleganter als das Motto eines Festivals namens Blasius, das in Fremdingen im schwäbischen Bayern stattfindet: "Blasmusik zum Niederknien!"

Die semantische Mund-Art-Debatte von Weil am Rhein, in der Nähe von St. Blasien, hinterlässt mich zum Glück nicht gänzlich sprachlos. Vielmehr erinnert sie mich ein weiteres Mal an Wolfgang Neuss: "Und was liegt in der Luft? Na, wir alle!"


Joe Bauers Flaneursalon ist am Donnerstag, 20. Oktober, ab 20 Uhr im Bürgerhaus Stuttgart-Möhringen und am Samstag, 29. Oktober, ab 19:30 Uhr im Stuttgarter Laboratorium .


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2 Kommentare verfügbar

  • B. Hugk
    am 21.10.2022
    Antworten
    Och nee, bisher sehr geschätzter Joe Bauer, wie langweilig! Ein Artikel über Männerfantasien, vor denen, wie hier wieder bewiesen, weder Intelligenz, linke Weltsicht noch Alter schützt!
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Ausgabe 609 / Über den Gleisen / Andreas Spreer / vor 3 Tagen 4 Minuten
Sehr interessant!


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