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ICF Karlsruhe

Evangelikale Jugendhilfe?

ICF Karlsruhe: Evangelikale Jugendhilfe?
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Die charismatische Freikirche ICF Karlsruhe erreicht Hunderte Kinder und Jugendliche. Die Stadt wollte die Evangelikalen als freien Träger anerkennen. Nach einem kritischen offenen Brief wurde die geplante Anerkennung vertagt. Doch ICF ist längst in der Stadtgesellschaft verankert.

Camps, Kids-Angebote, Musik, Gemeinschaft, Beratung: Was die evangelikale Freikirche International Christian Fellowship (ICF) Karlsruhe anbietet, klingt nach Kinder- und Jugendarbeit. Nun will die evangelikale Freikirche dafür auch offiziell als freier Träger anerkannt werden. Eigentlich war alles auf Zustimmung gestellt. Die Stadtverwaltung hatte dem Jugendhilfeausschuss vorgeschlagen, ICF Karlsruhe als freien Träger der Jugendhilfe anzuerkennen. Doch wenige Tage vor der Entscheidung warnte das Recherchekollektiv FundiWatch, das auf die Beobachtung von christlichem Fundamentalismus spezialisiert ist, in einem offenen Brief vor der Anerkennung. Der Tagesordnungspunkt wurde kurzfristig abgesetzt.

Die Stadt erklärt auf Kontext-Anfrage, sie nehme die Kritik ernst, diese beziehe sich aber vor allem auf andere ICF-Standorte wie Zürich und München. Man wolle die konkrete Arbeit in Karlsruhe kennenlernen. Anfang dieser Woche soll ICF Karlsruhe seine Arbeit im Gespräch mit den Ausschussmitgliedern erläutern.

Viel Gefühl

ICF (International Christian Fellowship) wurde in den 1990er-Jahren in der Schweiz gegründet und wächst kontinuierlich – so wie viele charismatische Kirchen. Die evangelikale Freikirche fällt durch viel Musik und emotionale Inszenierung in ihren Gottesdiensten auf, legt Wert auf ein persönliches Verhältnis zu Gott und auf viel Engagement in der spendenfinanzierten Gemeinde. Sie ist missionarisch unterwegs und bezieht sich beim Thema Sexualität auf die Bibel, wonach die "Ehe zwischen Mann und Frau als vorgesehenem Rahmen für gelebte Intimität" gilt, wie es auf der Webseite vom ICF München heißt. Weiter: "Aus dieser Perspektive wird Homosexualität nicht als Teil des biblischen Ideals verstanden." (fk)

Aber warum empfahl die Verwaltung die Evangelikalen überhaupt? Ob es im Vorfeld Gespräche mit ICF gab, welche Unterlagen die Verwaltung geprüft hat, wie ICF Jugendarbeit von Missionierung trennt und welche Positionen zu queeren Jugendlichen berücksichtigt wurden – all das beantwortete die Stadtverwaltung auf Kontext-Anfrage nicht. Das sei "Gegenstand der politischen Beratung", der man "zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgreifen" könne.

Mission im Vereinszweck

Die schriftliche Begründung der Stadt im Ausschuss ist knapp. ICF habe im Februar den Antrag gestellt, sei seit 2005 in der Kinder- und Jugendarbeit tätig, erreiche wöchentlich 250 Kinder und rund 80 Jugendliche. Dazu kommen noch Sommercamp und ein Musical für Kinder. Mit diesen Aktivitäten, der Satzung und der Gemeinnützigkeit seien die formalen Voraussetzungen erfüllt.

Die religiös-missionarische Ausrichtung blieb der Verwaltung indes nicht verborgen. Der Vereinszweck werde unter anderem verwirklicht durch die "Verbreitung und Förderung der biblischen Botschaft", missionarische Veranstaltungen, Gemeindegründung und Gemeindeaufbau, christliche Seelsorge und Schulungen zum christlichen Leben, zitiert die Stadt aus der ICF-Satzung.

"Jugendhilfe ist kein Missionsfeld", sagt dagegen Matthias Pöhl von FundiWatch. Die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe sei "mehr als ein formaler Verwaltungsakt": ein "Vertrauensvorschuss des Staates". Deshalb müsse vor einer Entscheidung nachvollziehbar geprüft werden, ob ICF Karlsruhe seine Angebote so organisiert, dass Kinder und Jugendliche nicht in Glaubensunterweisung, Gemeindebindung oder Missionierung hineingezogen werden. Es gehe nicht darum, christliche Jugendarbeit pauschal auszuschließen, sondern um die besondere Verantwortung öffentlicher Jugendhilfe. Dabei geht es auch um Geld und Anerkennung: Wer als Träger der Jugendhilfe anerkannt ist, kann eine dauerhafte öffentliche Förderung beantragen, hoheitliche Aufgaben wie eine Inobhutnahme übernehmen und in Gremien der Jugendhilfe mitwirken.

Gebet oder Jugendhilfe?

In der eigenen Selbstdarstellung heißt es, bei ICF Kids sollen Kinder "Jesus Christus als ihren besten Freund kennenlernen". Sie hören Bibelgeschichten, beten und sprechen in Kleingruppen über Glaubensfragen. Jugendliche werden über Youth-Angebote, Camps, Konfirmation, Smallgroups und Mitarbeit angesprochen.

Für eine Freikirche ist das erwartbar. Für städtisch geförderte Jugendhilfe aber ist entscheidend, ob Kinder teilnehmen können, ohne in Gebet, Bekenntnis, Taufe, Konfirmation, Smallgroups (Hauskreisen) oder Mitarbeit hineingeführt zu werden. Ob das bei der ICF gewährleistet wäre, wird in der städtischen Vorlage nicht thematisiert.

Kontext wollte von ICF Karlsruhe wissen, wie die Gemeinde die Kritik an ihr einordnet. Würde sie als anerkannter freier Träger auf Mission von Kindern und Jugendlichen verzichten? Wie steht sie zur Homosexualität? Könnte sie garantieren, dass queere Jugendliche nicht diskriminiert werden? Trotz mehrfacher Nachfrage blieben die Fragen unbeantwortet.

Öffentlich tritt die Gemeinde zurückhaltender auf als andere ICF-Standorte. Auf der Karlsruher Website erscheint Ehe zwar ebenfalls nur als Verbindung zwischen Mann und Frau. Was das für queere Menschen konkret bedeutet, bleibt aber offen.

Andere ICF-Gemeinden werden deutlicher: ICF München schreibt auf seiner Webseite, Sexualität gehöre im "biblischen Kontext" in die Ehe zwischen Mann und Frau. Homosexualität werde nicht als Teil des biblischen Ideals verstanden. Für Leitungsaufgaben werde ein entsprechender Lebensstil erwartet. Öffentliche Distanzierungen von ICF Karlsruhe zu solchen Positionen sind bisher nicht erkennbar.

Seelsorge mit Dämonenbild

Fragen wirft auch das Seelsorgeangebot auf. ICF Karlsruhe bietet auf seiner Webseite im Bereich "Hilfe & Beratung" Sozo an, das sei Gebetsseelsorge. Auf der Website ist von "innerer Heilung", "Befreiung" und "Wiederherstellung deiner Identität", "Wiederherstellung der Kommunikation mit Gott" die Rede, ein Sozo dauert demnach anderthalb bis zwei Stunden.

Entwickelt wurde Sozo im Umfeld der Bethel Church im kalifornischen Redding. In Lehrmaterialien aus diesem Umfeld tauchen Begriffe wie "deliverance" und "demonic strongholds" auf, also Befreiung und dämonische Festungen. Die Sozo-Mitgründerin Dawna De Silva ordnet Homosexualität in eigenen Lehrmaterialien dem Bereich "sexual sin", also der Sünde zu. Die evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen warnt, dass Teilnehmende in diesem "Behandlungsprozess einem hohen Maß an Willkür ausgesetzt" seien.

Das heißt nicht, dass ICF Karlsruhe Sozo genau so praktiziert. Umso nötiger wäre es zu wissen, ob die Karlsruher Sozo Minderjährigen, queeren Menschen oder psychisch belasteten Personen anbieten. Gibt es Schutzstandards, Beschwerdewege, Hinweise auf professionelle Beratung und eine klare Abgrenzung von jeder Praxis, die auf Veränderung sexueller Orientierung zielt?

Weitere Träger im ICF-Umfeld

Ein weiteres Projekt im Umfeld von ICF Karlsruhe ist die Kinder- und Jugend-Arche Karlsruhe. Sie sitzt auf demselben Gelände wie ICF, die Arche-Gründerin ist leitende ICF-Pastorin. Die Arche ist seit Anfang 2025 als freier Träger anerkannt und betreibt Angebote mit Mittagessen, Hausaufgabenhilfe, Nachmittagsprogramm, Ferienangeboten und Fahrdiensten. Der Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), der die Jugend- und Sozialämter der Kommunen berät, teilte auf Anfrage mit, zur Arche Karlsruhe liege keine Betriebserlaubnis vor. 

Eine solche Erlaubnis ist nötig, wenn ein Träger eine Einrichtung betreibt, in der Kinder oder Jugendliche regelmäßig betreut werden. Das macht das Angebot der Arche nicht automatisch unzulässig, offene Kinder- und Jugendarbeit kann erlaubnisfrei sein. Wie das Angebot rechtlich genau einzuordnen ist, bleibt damit allerdings offen. Auch die Arche ließ eine Anfrage unbeantwortet.

Dass ICF-nahe Angebote auch in regulierte Kinderbetreuung hineinreichen, zeigt Reutlingen: Dort betreibt ICF Reutlingen Kidshouse e.V. eine Krippe mit KVJS-Betriebserlaubnis für zehn Kinder von einem bis drei Jahren. Religiöse Bezüge seien in solchen Konzepten möglich, erklärte der KVJS. Maßgeblich bleibe aber Kindeswohl, Transparenz, Kinderrechte und Diskriminierungsfreiheit. Ob es deswegen Beschwerden gegeben hat, dazu wollte die KVJS "aus Datenschutzgründen" keine Angaben machen.

Kirchliche Fachstellen ordnen ICF nicht nur als gut besuchte, moderne Freikirche ein. Aus katholischen Kreisen heißt es zwar, ICF sei keine Sekte. Zugleich aber werden starke Mission, konservative Theologie, professionelle Ansprache junger Menschen und einfache Antworten auf komplexe Fragen kritisiert. Die evangelische Weltanschauungsarbeit verweist auf hohe Bindungskräfte durch Smallgroups, Teams, Ehrenamt und starke Pastor:innen.

Im Jugendhilfeausschuss wird daraus eine politische Frage. Anerkannt werden darf nur, wer die Gewähr für eine grundgesetzkonforme Arbeit bietet. Anne Berghoff von der Linksfraktion zweifelt daran: "Bei einer radikal-konservativen, queerfeindlichen Sexualethik und hochproblematischen Beratungsangeboten stellt sich die Frage, ob ICF überhaupt eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit leisten kann." Sie fürchte "eine Einflussnahme, die die freie Entwicklung Jugendlicher behindert". Eine klare Distanzierung von umstrittenen ICF-Akteuren wie Leo Bigger oder Tobias Teichen fehle – beide seien vielmehr in Karlsruhe aufgetreten. Bigger ist Senior Pastor von ICF in Zürich, Teichen leitender ICF-Pastor in München.

Vernetzt in die Stadtgesellschaft

Wie stark ICF in Karlsruhe bereits vernetzt ist, zeigt die Show "Weihnachten neu erleben". Die Show bezeichnet sich als eines der größten Charity-Weihnachtsevents Deutschlands, nennt 80.000 Besucher:innen und 2.400 unterstützende Ehrenamtliche. Juristischer Veranstalter ist der Verein Weihnachten neu erleben e.V.. Im Vorstand sitzen neben ICF-Verantwortlichen – so ist der ICF-Kassierer Michael Schumacher erster Vorsitzender des Show-Vereins – auch der evangelische Stadtdekan Thomas Schalla und der katholische Dekan Markus Miles. Die inhaltliche Leitung liegt laut Projektwebsite bei einem eigenen Leitungsteam, zu dem mehrere Personen von ICF zählen.

Für die katholische Kirche ist die Kooperation auf Anfrage "rein anlassbezogen" und diene "ausschließlich sozialen und karitativen Zwecken". Eine solche Zusammenarbeit bedeute "zu keinem Zeitpunkt eine theologische Totalidentifikation". Mit der Jugendarbeit des ICF gebe es keine gemeinsamen Projekte. Schalla spricht von einer "vertrauensvollen" Zusammenarbeit mit ICF Karlsruhe, aber auch davon, dass man nicht "in allen theologischen, politischen oder moralischen Fragen einer Meinung" sei.

Doch nicht nur die Kirchen, auch die Stadtverwaltung arbeitet bei "Weihnachten neu erleben" längst mit ICF zusammen. Das Event ist Teil der "Karlsruher Weihnachtsstadt", die Schirmherrschaft hat der katholische Theologe und Kulturbürgermeister Albert Käuflein (CDU) übernommen.

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2 Kommentare verfügbar

  • Gerald Wissler
    vor 11 Stunden
    Antworten
    Worin unterscheidet sich jetzt diese Kirche von der katholischen und evangelischen Amtskirche ?
    Klar, sie hat nicht so gute Beziehungen zur Politik, und möglicherweise nimmt sie ihren Glauben ernster als es der Politik gefällt.
    Aber dafür gibt es dort auch bisher keine Mißbrauchskandale.
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