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Gewerkschafterin Nevin Akar

Sich nicht beugen

Gewerkschafterin Nevin Akar: Sich nicht beugen
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Nevin Akar kämpft als IG-Metallerin in Esslingen gegen Arbeitsplatzverlust und Wirtschaftskrise. Zuvor musste die Frau, deren Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, den Arbeitskampf in voller Härte selbst erfahren. Eine Aufstiegsgeschichte.

Der Frühling zeigt sein schönstes Gesicht, die Sonne strahlt am frühen Nachmittag über das Betriebsgelände von Hirschmann Automation and Control (HAC) in Neckartenzlingen. Die Mittagspause ist gerade zu Ende, gleich ist Schichtwechsel. Zwei Arbeiter sitzen unter einem Sonnenschirm draußen vor den Hallen, rauchen noch eine Zigarette, bevor sie bis spät in die Nacht in die Produktion verschwinden. Nevin Akar hat ebenfalls ihre blaue Schachtel gezückt, gesellt sich zu ihnen und zündet sich eine an. Die Zeit bis zum Beginn der Spätschicht will sie noch nutzen, um mit beiden ins Gespräch zu kommen: Wie läuft es im Betrieb? Wie ist der Kontakt mit dem Betriebsrat?

Seit dem Jahreswechsel ist die 55-Jährige zweite Bevollmächtigte der IG Metall in Esslingen. Es ist die Woche nach Ostern, da hat sie etwas Luft für ein Gespräch mit Kontext – bei einem Besuch bei der engagierten Betriebsratsvorsitzenden Anastasia Papadopoulou in dem Unternehmen, dessen Belegschaft Kabel, Steckverbinder und Netzwerktechnik für die Industrie produziert. Akar rechnet hoch: Dreimal im Jahr kommt sie hier bei Betriebsversammlungen vorbei, monatlich bei den Sitzungen des Vertrauenskörpers, wie die Gesamtheit der IG-Metall-Vertrauensleute bezeichnet wird, oder wenn konkrete Aktionen mit dem Betriebsrat besprochen werden müssen. "Das läppert sich", sagt sie. Mindestens zweimal im Monat sei sie insgesamt hier bei Hirschmann.

Als Hirschmann GmbH 1924 von Richard Hirschmann gegründet, wurde das Unternehmen 1997 vom Düsseldorfer Rheinmetall-Konzern übernommen und ging sieben Jahre später wiederum an den britischen Private-Equity-Investor Hg Capital. Der war nicht gnädig mit der Traditionsfirma und zerlegte sie, bevor er die Teile weiterverkaufte. Heute stehen auf dem Gelände in Neckartenzlingen zwei voneinander unabhängige Firmen: Hirschmann Automation and Control (HAC), seit 2007 Teil des US-Konzerns Belden, und Hirschmann Car Communication (HCC), seit Oktober 2023 im Besitz des Shanghaier Unternehmens USI. Zwei Gesellschaften, ein Gelände, eine Gewerkschafterin, die beide im Blick behält.

Akar trägt eine bernsteinfarbene Brille, ihr Handy steckt in einer roten Schutzhülle. Ihre Eltern kamen in den 1960ern nach Deutschland, um zu arbeiten, 1970 wurde sie in Nürtingen geboren, als fünftes von sechs Kindern. Ihre Eltern taten sich noch schwer mit dem neuen Land und der neuen Sprache, während die Kinder bereits hier zur Schule gingen und mit beidem besser umzugehen wussten. Akar kennt den typischen Alltag als Kind in einer sogenannten Gastarbeiterfamilie: dolmetschen beim Amt oder beim Vermieter, auf der Bank, beim Arzt.

Gastarbeiterkind lernt Arbeitskampf

Bei vielem war sie auf sich allein gestellt. "Ich musste mich selbst durchkämpfen", sagt sie. In der Schule war sie eines von wenigen Kindern mit türkischem Migrationshintergrund – Kinder wie sie "konntest du an einer Hand abzählen", sagt Akar. Sie ging auf die Realschule in Nürtingen, als erste ihrer Geschwister besuchte sie nicht die Hauptschule. Auch das sorgte für Verwirrung in der Familie: Wieso nimmt Nevin jetzt einen anderen Bus als die übrigen Kinder?

Nach dem Abschluss fing sie dort an, wo ihre Mutter schon arbeitete: im Norgren-Werk in Großbettlingen, einem Nachbarort von Nürtingen, wo Ventile für Lastwagen und Busse hergestellt wurden. Zunächst begann es als Ferienjob, dann blieb sie. Eine Ausbildung zu absolvieren wie andere Jugendliche, habe sie sich nicht zugetraut, sagt Akar, zu Hause sei das auch nie Thema gewesen. Zudem bekam sie in dieser Zeit ihren Sohn. In den 1990ern führte Norgren Gruppenarbeit ein: Die Abteilungen organisierten sich selbst, setzten sich eigene Ziele, hatten jeweils eine:n Gruppensprecher:in. Akar fiel auf: Kolleginnen und Kollegen drängten sie, 2002 für den Betriebsrat zu kandidieren. "Nevin, du kannst gut reden, du traust dich", hätten sie ihr geraten. Sie traute sich und wurde gewählt.

Was folgte, waren Jahre des Kampfes: 2007 drohte Norgren zum ersten Mal mit der Schließung des Werks in Großbettlingen, zwei Jahre später erneut. Beide Male konnte die Belegschaft das Schlimmste verhindern. 2013 machte der britische Mutterkonzern IMI dann ernst. Schwarz gekleidetes Security-Personal wurde mit Bussen auf das Gelände gekarrt. Wie in einem schlechten Krimi, erzählt Akar, die damals Vorsitzende des Betriebsrats war. Das Security-Personal bewachte das Werk und tauschte dort die Schlösser aus, während Akar mit ihren Kolleg:innen gut zwei Monate streikte. Der Geschäftsführer ließ Leiharbeiter herbeischaffen, um den Streik zu brechen. Zum Ende des Jahres 2013 stand fest: Das Werk schließt, die Produktion wird nach Tschechien verlagert.

Manche aus der Belegschaft wurden im Norgren-Werk in Fellbach, Rems-Murr-Kreis, übernommen. Und was sollte aus der Betriebsratsvorsitzenden werden? Die damalige IG-Metall-Führung in Esslingen riet Akar, den Weg zur hauptamtlichen Gewerkschaftssekretärin einzuschlagen. Sie zögerte. "Vielleicht auch so ein Frauenphänomen", sagt sie – viele Frauen würden sich unterschätzen, würden zögern, Stellen und Verantwortung zu übernehmen, meint Akar. Sie nahm die Herausforderung dennoch an. Am Anfang stand mit einem Stipendium auf Empfehlung der Gewerkschaft ein Jahr Studium an der Europäischen Akademie der Arbeit in Frankfurt. Das dort angebotene Intensivstudium soll dazu befähigen, die Arbeitswelt aus verschiedenen Perspektiven zu analysieren und zu verstehen.

Taschengeld vom Sohn fürs Studium

In den Tagen vor den Klausuren sei es in ihrem Zimmer zugegangen "wie in einem Taubenschlag" – Kommilitoninnen und Kommilitonen hätten geklopft und gefragt: "Nevin, können wir mal deine Aufschrift haben?" Ihr Fleiß zahlte sich aus: Mit einem Einser-Schnitt schloss sie das einjährige Studium ab. Das Zeugnis fotografierte sie und schickte das Bild ihrer Familie, sie war so stolz, als ob sie das Abitur bestanden hätte. "Da habe ich mich nochmal so richtig reingekniet und habe gemerkt, ich hole gerade für mich was nach." Akars Augen werden feucht, als sie das in Neckartenzlingen erzählt. Eine kurze Pause, dann lächelt sie wieder.

Finanziert hat ihr das Studium zumindest teilweise ihr Sohn, zu diesem Zeitpunkt Mitte zwanzig. Zuvor hatte er eine Lehre als Drucker absolviert, war ein Jahr nach dem Abschluss entlassen worden und selbst vor einer Neuorientierung gestanden. Seine Mutter, die Gewerkschafterin, hatte ihm sogar geraten, sich vielleicht als Leiharbeiter zu versuchen. Stattdessen bildete er sich zum Medienfachwirt weiter, kehrte zu seinem Ausbildungsbetrieb zurück und hat dort inzwischen die Produktionsleitung übernommen. Während des Studiums seiner Mutter gab er ihr jeden Monat einen Teil seines Gehalts. "Quasi Taschengeld", sagt sie. "Wir haben uns gegenseitig gestützt, gegenseitig erzogen."

Nach dem Studium durchlief Akar das Trainee-Programm der IG Metall und wurde Gewerkschaftssekretärin – zunächst in Offenburg, wo sie Metall- und Elektrobetriebe betreute, Seminare gab, über Personalabbau verhandelte. Und Betriebe in die Tarifbindung brachte. "Das war eine tolle Erfahrung", sagt sie. 2023 kehrte sie nach Esslingen zurück.

In ihrer Freizeit hat sie früher gerne mit Pastellkreide gemalt. Und sich beim Spinning, dem Training auf dem stationären Fahrrad, ausgetobt. Seit zwei Jahren nimmt sie sich vor, mit letzterem wieder anzufangen. "Sport gibt dir ganz viel Kraft", sagt sie. Doch beides passiert seltener als früher wegen der Arbeit. Aber auch wegen einer Krebserkrankung, die vor einigen Jahren bei ihr diagnostiziert wurde: ein bösartiger Tumor in der Brust. Sie machte eine Chemotherapie, wurde operiert. "Er war aber Gott sei Dank nicht so groß, und es war behandelbar." Kurz nach der Therapie kam der Anruf von der IG Metall Esslingen, ob sie dort arbeiten wolle. Bald darauf wurde sie zur zweiten Bevollmächtigten gewählt.

Retten, was zu retten ist

Die Lage in Stuttgarts südöstlicher Nachbarstadt ist ernst. Die Industrie in der Region schwächelt – und das nicht erst seit dem Anstieg des Ölpreises infolge der Spannungen im Nahen Osten. Der Einbruch beim Export in die USA und nach China, besonders in der Automobilbranche, trifft die großen Hersteller und ihre Zulieferer gleichermaßen. Die Mitgliederzahlen der IG Metall Esslingen gehen zurück, demografisch bedingt, aber auch weil Betriebe schrumpfen oder verschwinden.

Erster Bevollmächtigter der Gewerkschaft dort ist Max Czipf, 39 Jahre alt, der vor Akar selbst zweiter Bevollmächtigter war. Die beiden sind sich einig in ihrer Einschätzung: Die aktuelle Krise ist anders als die Finanzkrise 2009. Keine konjunkturelle Delle, die sich auswächst, sondern ein strukturelles Problem. "Wir retten, was zu retten ist", sagt Akar, "und deswegen müssen wir auch in Betrieben, wo man denkt, es läuft gut, eigentlich arbeitnehmerseitig offensiv an die Sache herangehen."

Ein Instrument, auf das sie setzen, heißt Zukunftstarifvertrag. Die Logik: Die Belegschaft verzichtet beim Gehalt, im Gegenzug wird investiert – in Qualifizierung, in neue Produkte, in Beschäftigungssicherung. Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt das Beispiel Putzmeister – der Hersteller von Betonpumpen, nur vier Kilometer Luftlinie vom Hirschmann-Gelände entfernt. Dort wurden im letzten Sommer 140 Stellenstreichungen angekündigt. Am Ende, sagt Akar, habe man den Personalabbau so gestaltet, dass keine Kündigungen notwendig waren. "Es gab zwar einen Personalabbau, aber auf freiwilliger Ebene." Dazu kam ein Transformationstarifvertrag, ein paritätischer Lenkungskreis aus Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite sowie ein Transformationsfonds von zwei Millionen Euro für zukunftsträchtige Projekte.

HCC will Arbeitgeberverband verlassen

"Das Know-how, das Wissen, die Ideen und die Innovation der Belegschaft", damit komme man zu den besten Ergebnissen, sagt Akar. Sie liebt die Arbeit an der Basis, mit den Menschen in den Betrieben. Am letzten Februartag, als sie mit Tausenden Gewerkschafter:innen durch die Landeshauptstadt zog, war das spürbar. Während des Demonstrationszugs durch die Straßen der Landeshauptstadt fielen Akar Vertrauensleute, Betriebsrätinnen und Gewerkschafter aus anderen Teilen Baden-Württembergs in die Arme – Menschen, die sie aus Betrieben kennt, aus Tarifverhandlungen, aus Arbeitskämpfen.

"Etwas auszuhalten heißt nicht, sich zu beugen", übersetzt Akar ein türkisches Sprichwort. Manchmal erreiche man Ziele mit Geduld. Geduld wird sie auch hier in Neckartenzlingen noch brauchen. Nebenan hat der Geschäftsführer von Hirschmann Car Communication (HCC), dem zum USI-Konzern gehörenden Hirschmann-Teil, angedroht, aus dem Arbeitgeberverband austreten und somit Tariflöhne zu umgehen. Er sei aber bereit, über eine tarifliche Lösung zu verhandeln, berichtet Akar. Für die HCC-Beschäftigten ist eine Mitgliederversammlung anberaumt – auf dem gleichen Gelände, aber bei der Nachbarfirma, in den Räumen des Betriebsrats der zu Belden gehörenden HAC. Erstmal müssen alle informiert und die Meinungen der Gewerkschaftsmitglieder eingeholt werden, bevor es weitergeht. Zwei Termine sind angesetzt. Noch ein letzter Blick durch das Betriebsratsbüro. Reicht der Platz? Muss reichen.

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2 Kommentare verfügbar

  • Isabell Laspas
    vor 5 Stunden
    Antworten
    Dieser Artikel hat mich tief bewegt und lässt mich auch jetzt noch nicht los. Er hat mir erneut vor Augen geführt, wie viel Kraft, Mut und Überzeugung es braucht, seinen eigenen Weg zu gehen – gerade als Frau. Ich bin unglaublich dankbar und stolz, in Nevins Team arbeiten zu dürfen. Sie ist für mich…
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