Was folgte, waren Jahre des Kampfes: 2007 drohte Norgren zum ersten Mal mit der Schließung des Werks in Großbettlingen, zwei Jahre später erneut. Beide Male konnte die Belegschaft das Schlimmste verhindern. 2013 machte der britische Mutterkonzern IMI dann ernst. Schwarz gekleidetes Security-Personal wurde mit Bussen auf das Gelände gekarrt. Wie in einem schlechten Krimi, erzählt Akar, die damals Vorsitzende des Betriebsrats war. Das Security-Personal bewachte das Werk und tauschte dort die Schlösser aus, während Akar mit ihren Kolleg:innen gut zwei Monate streikte. Der Geschäftsführer ließ Leiharbeiter herbeischaffen, um den Streik zu brechen. Zum Ende des Jahres 2013 stand fest: Das Werk schließt, die Produktion wird nach Tschechien verlagert.
Manche aus der Belegschaft wurden im Norgren-Werk in Fellbach, Rems-Murr-Kreis, übernommen. Und was sollte aus der Betriebsratsvorsitzenden werden? Die damalige IG-Metall-Führung in Esslingen riet Akar, den Weg zur hauptamtlichen Gewerkschaftssekretärin einzuschlagen. Sie zögerte. "Vielleicht auch so ein Frauenphänomen", sagt sie – viele Frauen würden sich unterschätzen, würden zögern, Stellen und Verantwortung zu übernehmen, meint Akar. Sie nahm die Herausforderung dennoch an. Am Anfang stand mit einem Stipendium auf Empfehlung der Gewerkschaft ein Jahr Studium an der Europäischen Akademie der Arbeit in Frankfurt. Das dort angebotene Intensivstudium soll dazu befähigen, die Arbeitswelt aus verschiedenen Perspektiven zu analysieren und zu verstehen.
Taschengeld vom Sohn fürs Studium
In den Tagen vor den Klausuren sei es in ihrem Zimmer zugegangen "wie in einem Taubenschlag" – Kommilitoninnen und Kommilitonen hätten geklopft und gefragt: "Nevin, können wir mal deine Aufschrift haben?" Ihr Fleiß zahlte sich aus: Mit einem Einser-Schnitt schloss sie das einjährige Studium ab. Das Zeugnis fotografierte sie und schickte das Bild ihrer Familie, sie war so stolz, als ob sie das Abitur bestanden hätte. "Da habe ich mich nochmal so richtig reingekniet und habe gemerkt, ich hole gerade für mich was nach." Akars Augen werden feucht, als sie das in Neckartenzlingen erzählt. Eine kurze Pause, dann lächelt sie wieder.
Finanziert hat ihr das Studium zumindest teilweise ihr Sohn, zu diesem Zeitpunkt Mitte zwanzig. Zuvor hatte er eine Lehre als Drucker absolviert, war ein Jahr nach dem Abschluss entlassen worden und selbst vor einer Neuorientierung gestanden. Seine Mutter, die Gewerkschafterin, hatte ihm sogar geraten, sich vielleicht als Leiharbeiter zu versuchen. Stattdessen bildete er sich zum Medienfachwirt weiter, kehrte zu seinem Ausbildungsbetrieb zurück und hat dort inzwischen die Produktionsleitung übernommen. Während des Studiums seiner Mutter gab er ihr jeden Monat einen Teil seines Gehalts. "Quasi Taschengeld", sagt sie. "Wir haben uns gegenseitig gestützt, gegenseitig erzogen."
Nach dem Studium durchlief Akar das Trainee-Programm der IG Metall und wurde Gewerkschaftssekretärin – zunächst in Offenburg, wo sie Metall- und Elektrobetriebe betreute, Seminare gab, über Personalabbau verhandelte. Und Betriebe in die Tarifbindung brachte. "Das war eine tolle Erfahrung", sagt sie. 2023 kehrte sie nach Esslingen zurück.
In ihrer Freizeit hat sie früher gerne mit Pastellkreide gemalt. Und sich beim Spinning, dem Training auf dem stationären Fahrrad, ausgetobt. Seit zwei Jahren nimmt sie sich vor, mit letzterem wieder anzufangen. "Sport gibt dir ganz viel Kraft", sagt sie. Doch beides passiert seltener als früher wegen der Arbeit. Aber auch wegen einer Krebserkrankung, die vor einigen Jahren bei ihr diagnostiziert wurde: ein bösartiger Tumor in der Brust. Sie machte eine Chemotherapie, wurde operiert. "Er war aber Gott sei Dank nicht so groß, und es war behandelbar." Kurz nach der Therapie kam der Anruf von der IG Metall Esslingen, ob sie dort arbeiten wolle. Bald darauf wurde sie zur zweiten Bevollmächtigten gewählt.
Retten, was zu retten ist
Die Lage in Stuttgarts südöstlicher Nachbarstadt ist ernst. Die Industrie in der Region schwächelt – und das nicht erst seit dem Anstieg des Ölpreises infolge der Spannungen im Nahen Osten. Der Einbruch beim Export in die USA und nach China, besonders in der Automobilbranche, trifft die großen Hersteller und ihre Zulieferer gleichermaßen. Die Mitgliederzahlen der IG Metall Esslingen gehen zurück, demografisch bedingt, aber auch weil Betriebe schrumpfen oder verschwinden.
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Dieser Artikel hat mich tief bewegt und lässt mich auch jetzt noch nicht los. Er hat mir erneut vor Augen geführt, wie viel Kraft, Mut und Überzeugung es braucht, seinen eigenen Weg zu gehen – gerade als Frau. Ich bin unglaublich dankbar und stolz, in Nevins Team arbeiten zu dürfen. Sie ist für mich…
Kommentare anzeigenIsabell Laspas
vor 7 Stunden