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Mafia-Prozess in Stuttgart

Er wollte nur helfen

Mafia-Prozess in Stuttgart: Er wollte nur helfen
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Einmal drei Jahre Haft, einmal Freispruch. So lautet das Urteil im Mafiaprozess gegen die Fellbacher Antonino P. und Eric R., einen Polizisten. Es ging um Geheimnisverrat, Betrug und die kalabrische 'Ndrangheta. Auf den Polizeibeamten wartet nun ein Disziplinarverfahren.

Wer Verfahren gegen Polizeibeamte verfolgt, ist nicht überrascht, dass der Polizist aus Fellbach freigesprochen wurde. Der psychiatrische Gutachter Hermann Ebel hatte ihm schon in einem ersten Verfahren eine bipolare Störung bescheinigt, aus der sich just Anfang 2022 eine manische Phase entwickelte (Kontext berichtete). Und deswegen sei seine Steuerungsfähigkeit eingeschränkt, eventuell sogar ausgeschaltet gewesen, so der Gutachter. Genau in diesen Zeitraum fielen die Vorwürfe, deretwegen Polizist Eric R. sich ein zweites Mal vor Gericht zu verantworten hatte. Oder eben auch nicht – der bullige Mann ließ sich nicht zur Sache ein, konnte sich auch an nichts so richtig erinnern. Brauchte er auch nicht, denn er beziehungsweise sein Kumpel und Trauzeuge Antonino P. waren im Rahmen der vier Jahre andauernden deutsch-italienischen Ermittlung  "Boreas " (siehe Kasten) abgehört worden. Die Beweislage war eindeutig.

Die Operation Boreas

Vier Jahre lang ermittelten italienische und deutsche Strafverfolgungsbehörden gegen mutmaßliche Mitglieder der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta. Am 1. April 2025 schlugen sie zu: In Italien, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und dem Saarland gab es 40 Durchsuchungen, 34 Haftbefehle wurden vollstreckt. Der Rems-Murr-Kreis gilt schon lange als ein Schwerpunkt der italienischen organisierten Kriminalität.

Am Landgericht Stuttgart wurden vier Verfahren eingeleitet, nun läuft noch eines gegen drei Italiener wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, räuberischer Erpressung, Drogenhandels.

In Italien wurden Anfang April, genau ein Jahr nach den Festnahmen neun Angeklagte verurteilt, zwei freigesprochen. Die Operation Boreas richtete sich vor allem gegen die Gruppen Greco aus Cariati und die Farao-Marincola aus Cirò Marina.  (lee)

Antonino P., bei der SSB ausgebildeter Busfahrer, war – so das Ermittlungsergebnis – seit Sommer 2021 im Lager der Firma Gastrobedarf in Fellbach – nun ja, tätig. Von dort aus organisierten mehrere italienische 'Ndrangheta-Angehörige Betrug mit Lebensmitteln. Unter tatsächlich existierenden deutschen Firmennamen wurden in Italien Waren bestellt – Öl, Parmesanlaibe, Artischocken, Mozzarella, Mehl –, nicht bezahlt und an mehr oder weniger willige kalabrische Gastwirte in der Region verkauft. P. dirigierte in zwei nachgewiesenen Fällen die anliefernden Lkw auf das Gelände einer Fellbacher Spedition. Vor dort aus wurde die Ware ins eigentliche 'Ndrangheta-Lager in Fellbach transportiert und im Großraum Stuttgart an den Mann gebracht.

Ins Spiel gekommen war Antonino P., weil es im Lager in Fellbach einen Chefwechsel gegeben hatte. Mehrere Jahre lang war Raffaele T. dort eingesetzt (siehe Kasten), bis er wegen Unregelmäßigkeiten im Sommer 2021 zurück nach Italien beordert wurde. An seiner Stelle sollte dann der vorbestrafte Fiorenzo S. diese Aufgabe übernehmen. Sein Nachteil: Er sprach schlecht Deutsch und bat Antonino P. um Hilfe.

Die Mafia ist seit den 1970ern in Fellbach

Im Prozess gegen Eric R. und Antonino P. sagten Opfer und Polizeibeamt:innen aus, aus Italien kamen Sachverständige angereist. Der Aufwand diente offenbar auch dazu, dem Gericht und der Öffentlichkeit klarzumachen, dass es hier nicht um ein paar Betrügereien ging, sondern um italienische organisierte Kriminalität. So erläuterte die Professorin Anna Sergi von der Universität Bologna ausführlich, wie die 'Ndrangheta aufgebaut ist – nicht von oben nach unten, sondern eher föderal – und erklärte, wann jemand dazu gehört: Wenn er die Strukturen und die Beteiligten kennt und nicht nur einen Ansprechpartner. Besonders wichtig seien die familiären und örtlichen Strukturen.

Noch ein Stuttgarter Mafia-Urteil

In einem parallel laufenden Verfahren stand bis zum gestrigen Dienstag Raffaele T. in Stuttgart vor Gericht. Nun wurde er wegen Steuerhinterziehung, gewerbs- und bandenmäßigen Betruges (vor allem mit Lebensmitteln) in 29 Fällen, in Tateinheit mit Unterstützung einer kriminellen Vereinigung im Ausland zu fünf Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Außerdem wurde angeordnet, 332.926,41 Euro einzuziehen.

Raffaele T. war in Fellbach bis zum Sommer 2021 für die Geschäfte zuständig gewesen. Er unterstand dem Boss der 'Ndrangheta-Untergruppe, genannt 'Ndrina, aus Cariati, das übrigens eine Städtepartnerschaft mit Fellbach pflegt. Dessen Oberboss wiederum ist Giorgio G., der vor etwa drei Wochen in Italien zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt worden ist.

Die 'Ndrina Cariati wird von Experten dem Farao-Marincola-Clan zugerechnet. Der Clan ist in Deutschland bekannt, weil der einstige Stuttgarter Promi-Gastwirt Mario L. – bei dem auch der damalige Ministerpräsident Günter Oettinger (CDU) verkehrte – für ihn gearbeitet haben soll. L. war nach jahrzehntelangen Ermittlungen verurteilt und erst vor wenigen Wochen entlassen worden. Laut jüngsten Meldungen beschlagnahmte die italienischen Behörden bei Mario L. kürzlich 4,6 Millionen Euro.  (lee)

Die verschiedenen Clans mit ihren Unterorganisationen, den 'Ndrinen, widmeten sich unterschiedlichen Feldern: Neben dem Lebensmittelbetrug, sei der Drogenhandel ein wichtiges Feld und zwar weltweit. "Man geht davon aus, dass das meiste Geld in Geschäften in Europa gewaschen wird", sagte Sergi. Auf die Frage, ob es geschätzte Zahlen zum Umsatz gebe, blieb die Expertin zurückhaltend: "Ich traue Schätzungen nicht." Das "Handelsblatt" berichtete, dass der Jahresumsatz der ‘Ndrangheta weltweit auf 50 Milliarden Euro geschätzt wird. Die Geschäfte der ’Ndrina Stuttgart/Fellbach gehen laut Sergi bis in die 1970er-Jahre zurück.

Die Mafia-Expertin wurde von Antonino P.s Anwalt gefragt, ob denn auch Nicht-Kalabresen Mitglied der 'Ndrangheta werden könnten. Ihre Antwort: "In Kalabrien nicht, im Ausland ja." Nun war Antonino P. zwar in Stuttgart geboren, doch die Familie stammte aus der süditalienischen Gegend. Wie abgehörte Telefonate zeigen, hat der heute 49-Jährige Antonino P. nachweisbar bei der Anlieferung von zwei Chargen Olivenöl im Wert von insgesamt 89.000 Euro geholfen. Er dirigierte über ein viel zitiertes gelbes Handy, das offenbar nur für illegale Waren gedacht war, die Lkw, er half im Fellbacher Lager Fiorenzo S. bei Rechnungen und Korrespondenz und er wusste Bescheid über die Organisation. So erzählte er Anfang 2022 in einem Telefonat mit einem ehemaligen Kollegen: "Hier wird alles schwarz verkauft.", "Mit diesen Leuten hier kannst du richtig Geld scheffeln", "Es läuft alles aus Italien." Auf die Frage seines Gesprächspartners, seit wann er da mitmache, sagte P.: "Schon über vier Jahre."

Er wusste, mit wem er es zu tun hatte

Antonino P. gerierte sich gerne als Macher, stellte die Vorsitzende Richterin Kathrin Lauchstädt in der Urteilsbegründung mehrmals fest. Aber: "P. hatte nicht nur einen ganz kleinen Anteil, er war zuständig für die Entgegennahme der Ware." Er habe genau gewusst, was Sache ist. Dazu gehörte auch, dass er wusste, wer der Oberboss in Cariati ist: nämlich Giorgio G.. Das belegt ein Telefonat aus dem Sommer 2022: P. ist da offenbar in Cariati und telefoniert mit Fiorenzo S. in Deutschland. Der empfiehlt ihm, er könne doch mal beim Lido vorbeischauen und erzählen, was Sache ist. Und das Lido wiederum ist eine Strandbar von Giorgio G., erklärte die Richterin.

Von Beginn des Prozesses an versuchte Antonino P., sich als jemand darzustellen, der einfach hilfsbereit sei und sozial. Geboren und aufgewachsen in Stuttgart, schon der Großvater arbeitete beim Daimler, er sei in der Kirchengemeinde aktiv gewesen. Ein knuffiger Typ. Zu Italien habe er "keinen Bezug eigentlich", sagte er zu Beginn des Verfahrens. Nur noch eine Tante gebe es da. Und ja, seine Großeltern seien nach der Rente nach Cariati zurückgekehrt.

In dem knapp 9.000-Einwohner zählenden Dorf am oberen Absatz des Stiefels dürfte man sich kennen. Seit Jahrzehnten werden vor dort Mafia-Geschäfte getätigt. Und das ist bekannt. So berichtete vor Gericht ein Restaurantbetreiber, wie er vom Fellbacher Statthalter Fiorenzo S. und dessen Kumpanen Cataldo S. (kürzlich in Italien zu 8,4 Jahren verurteilt) bedroht wurde, weil er keine Lebensmittel kaufen wollte, da das Geschäft wegen Corona nicht lief. Ob er gewusst habe, dass Fiorenzo S. zur Mafia gehöre?, wurde er von der Richterin gefragt. Der sichtlich verängstigte Zeuge: "Jein." Was nun? Nun, es würde geredet daheim im Dorf in Italien.

In seinem Restaurant in Weinstadt warfen jedenfalls die Mafiosi in einer Nacht eine Türscheibe ein und zerstachen die Reifen eines Autos. Dumm gelaufen: Das Auto gehörte einem Nachbarn des Restaurants. Der wachte auf, beobachtete die Aktion und erkannte den Fiat Ducato der Mafiosi als den Lieferwagen, der sonst Waren ins Restaurant brachte. Der Nachbar erstattete Anzeige und gab sogar ein Kennzeichen an, allerdings ein falsches. Zum Glück. Denn nun befürchtete Fiorenzo S., dass nach ihm gefahndet würde, also bat er seinen Kumpel Antonino P. um Hilfe, der wiederum seinen Polizistenfreund Eric R. bat, im Polizeisystem nachzuschauen, ob gegen Fiorenzo S. ermittelt werde. Eric R. gab hier Entwarnung, ebenso bei der Bitte einen Tag später, nun im System nach dem Namen Fiorenzo S. zu suchen.

Gestörtes Verhältnis zu Dienstgeheimnissen

"Hätte R. mehr abgefragt, hätte er gemerkt, dass es ein verdecktes Ermittlungsverfahren gibt", erläuterte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Und das hätte das gesamte internationale Verfahren gefährden können. Für ihn war klar, Eric R.s Handeln habe "das Vertrauen in die Polizei und deren Unbestechlichkeit erschüttert". Im Rahmen der Ermittlungen war zudem klar geworden, dass der Polizist auch in den Jahren vorher schon ohne offensichtlichen Anlass im Polizeicomputer Daten abgerufen hatte und auch sonst nicht viel von seiner Verschwiegenheitsverpflichtung hielt. So schlussfolgerte der Staatsanwalt, Eric R. hätte jede Hemmung verloren, seinem Kumpel illegal Auskünfte zu erteilen. Damit sei er für ihn "voll schuldfähig". Er forderte ein Jahr und sechs Monate auf Bewährung. 

Dem folgten die Richterinnen nicht. Eric R. wurde freigesprochen wegen seiner manischen Phase, für seine neun Monate Untersuchungshaft soll er entschädigt werden. Beendet ist die Geschichte für den Fellbacher Polizisten R. deswegen nicht. "Gegen den Beamten wurde ein Disziplinarverfahren wegen des Verdachts mehrerer begangener Dienstvergehen eingeleitet", schreibt die Pressestelle des Polizeipräsidiums Aalen auf Anfrage. Denn "der sorgfältige und gesetzeskonforme Umgang mit Dienstgeheimnissen (ist) eine grundlegende Pflicht aller Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten. Verstöße hiergegen werden konsequent geprüft und verfolgt".

Für Antonino P. forderte der Staatsanwalt insgesamt drei Jahre und acht Monate Haft. Dabei spielte die viermalige Abgabe von Amphetaminen an eine Arbeitskollegin von P. – angeblich ohne Bezahlung – nur eine Nebenrolle. Neben der Anstiftung zum Verrat von Dienstgeheimnissen schlägt bei ihm vor allem der Bandenbetrug zu Buche und die Unterstützung einer kriminellen Vereinigung im Ausland, betonte die Vorsitzende Richterin: "Hier spielt die Musik."

Die beiden Rechtsanwälte von P. erhoben keine Forderung, erklärten nur noch einmal, dass P. einfach ein naiver und gutmütiger Typ sei, der immer helfe und der nicht überblickt habe, mit wem er es zu tun hatte. Da er aber in Teilen geständig war und die Beweislast erdrückend, endete es für ihn mit drei Jahren Haft. In Revision wollen die Anwälte nicht gehen. P. sitzt bereits seit mehr als einem Jahr in U-Haft in Ulm, die Haftbedingungen seien schwierig, erklärt er abschließend. Nicht nur weil die medizinische Versorgung mangelhaft wäre – er zeigte der Richterin sogar seinen Unterschenkel, um Durchblutungsstörungen zu belegen –, auch würde die Zwölf-Quadratmeter-Dreimannzelle manchmal mit einem vierten Häftling belegt, der dann auf einer Matratze auf dem Boden schlafe. Zudem sei er von anderen Häftlingen angegriffen worden. Doch insgesamt blieb sich P. bis zum Prozessende treu: Er helfe auch im Knast Häftlingen und Wärtern, beteuerte er. Er bedaure alles sehr und ärgere sich darüber, "wie naiv ich war".

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