Eine schöne Bescherung, die uns der Youtube-Algorithmus auf das Display serviert hat: "Coole IS-Enthauptungen". Wer will das sehen? Kinder zum Beispiel. Eine Stuttgarter Grundschullehrerin berichtet von "Challenges" unter den Schülern: Wer traut sich, die "ekligsten" oder "brutalsten" Videos anzuschauen? Nein, es wollen nicht alle mitmachen. Zwei Kinder haben sich der Lehrerin anvertraut. Aber unter den Jungs hat kaum einer den Mut, "uncool" zu sein.
Nun taugt die Drastik problematischer – oder krimineller – Netz-Inhalte von sexualisierter Gewalt bis zu Suizid-Anleitungen zwar für schnelle Empörung, ist aber nur Teil des Problems. Auch scheinbar Harmloses ist nicht immer harmlos. Für kognitive Defizite, gestörtes Sozialverhalten, kommunikative Verarmung, Mediensucht, psychische Krankheiten braucht es keine traumatisierenden Bilder. Zu früher und zeitlich ausufernder Smartphone-Konsum kann bereits genügen.
Trotzdem hat es sich eingebürgert, die lieben Kleinen spätestens beim Wechsel auf die weiterführende Schule mit einem eigenen Smartphone zu beglücken, im Alter von zehn oder elf. Wenn aus Politik und Wirtschaft, Bildungssystem und Kulturindustrie die Propagandafanfaren der Digitalisierung schallen, will man ja den eigenen Kindern nicht den Weg in die digitale Verheißung vermasseln.
In dieser naiven Technik-Gläubigkeit hallt immer noch die parareligiöse Online-Verehrung der 2000er-Jahre nach, einer Zeit, als mit ehrfürchtigem Tremolo in der Stimme die "digitale Revolution", die Daten als das "Öl der Zukunft", das Internet als die definitive Mediendemokratie verkündet wurden. Jetzt, wo die versammelten Tech-Bonzen hinter Donald Trump die Reihen fest geschlossen haben, dürfte sich zumindest das geklärt haben.
Klicks schmieren das Geschäft der Tech-Riesen
Stattdessen wächst der Widerstand gegen die Monopole, und vielleicht zeichnet sich mit ihm eine digitale Götzendämmerung am Horizont ab. Die taz berichtete kürzlich über Massenproteste gegen sexualisierte Gewalt im Netz, die die Plattformen ungestreift durchwinken. Im US-Bundesstaat New Mexico wurde Meta (Facebook, Instagram, WhatsApp) wegen mangelnden Schutzes minderjähriger User vor sexueller Ausbeutung zu 375 Millionen Dollar Strafe verurteilt. Ein Gericht in Los Angeles verhängte gegen Meta und Alphabet (Google) ein Bußgeld von drei Millionen Dollar. Die Konzerne, so die Urteilsbegründung, hätten nicht ausreichend vor dem Suchtpotenzial ihrer Dienste bei Kindern und Jugendlichen gewarnt. Der 20-jährigen Klägerin wurden ein Schmerzensgeld in selber Höhe zugesprochen. Beide Urteile sind nicht letztinstanzlich, dennoch gelten sie als Zäsur in der Rechtsprechung. Allein in den USA sind Tausende ähnlicher Klagen anhängig.
Nicht Daten sind das Öl der Zukunft, wohl aber schmieren Klicks das Geschäft der Tech-Riesen. Weshalb sie User jeglichen Alters mit allen Tricks anfixen. An Zugangssperren, die Minderjährige schützen könnten, "haben die Plattformen schlicht keinerlei Interesse", sagt Verena Holler von der Elterninitiative "Smarter Start ab 14", die sich für freiwillige Absprachen von Eltern einsetzt, Kindern frühestens mit 14 Jahren ein eigenes Smartphone zu geben. Aber auch für ein gesetzliches Mindestalter für Social Media macht sich die Initiative stark. Holler verweist auf entsprechende Verbote von Alkohol, Tabak oder Glücksspiel. Warum soll dann der Staat "Kinder schutzlos einer Industrie mit nachweislich manipulativen und suchtfördernden Designs überlassen? Schon Erwachsenen fällt es schwer, dem Sog zu widerstehen. Es von Kindern zu verlangen, ist unfair."
Smarter Start wurde 2019 in Hamburg gegründet. Heute zählt der Verein zur weltweiten Bewegung "Smartphone Free Childhood". Im Bundesgebiet gibt es mittlerweile an über 1800 Schulen Initiativgruppen, insgesamt engagieren sich Zehntausende von Eltern. In Stuttgart und der Region ist Smarter Start fast flächendeckend vertreten.
Medieninformation schon in der Grundschule
Valerie Maile, Mutter zweier Jungen an der Grundschule der Degerlocher Waldschule, ist eine Smarter-Start-Aktivistin. Wenn sie die Botschaft an andere Eltern weiterträgt, stößt sie "auf viel Interesse. Aber manche hören auch weg." Aus ihrer Sicht ist es wichtig, bereits in der Grundschule präventiv zu handeln. Zum einen, weil schon viele Grundschüler:innen mit dem Smartphone auflaufen. Zum anderen, weil Eltern oft in den Ferien nach der letzten Grundschulklasse die Smartphones für ihre Kinder anschaffen.




0 Kommentare verfügbar
Schreiben Sie den ersten Kommentar!