Hartmut Steeb ist stolz auf seine zehn Kinder, von denen nicht ein einziges schwul geworden sei, wie er gerne betont. Der 72-jährige Diplom-Verwaltungswirt aus Stuttgart hat sich seit vielen Jahrzehnten dem Kampf gegen Homosexualität verschrieben und positionierte sich jüngst auf Facebook gegen eine Resolution, die die Parlamentarische Versammlung des Europarats am 29. Januar dieses Jahres verabschiedet hat. Diese fordert von allen EU-Mitgliedsstaaten ein Verbot sogenannter Konversionstherapien, die darauf ausgelegt sind, gleichgeschlechtliche Liebe und trans Personen zu "heilen" – etwa durch die Konditionierung mit Elektroschocks, während Schwulenpornos laufen. Ein Bericht der Vereinten Nationen verwies 2020 darauf, dass es sich dabei nicht um seriöse Therapien handle, sondern pseudowissenschaftliche Praktiken, deren Methoden man teils als Folter bewerten müsse. Bei Betroffenen liege demnach ein verdoppeltes Suizidrisiko vor. Steeb, der in der sogenannten Lebensschutz-Bewegung aktiv ist, betont hingegen: "Gott kann verändern – und er wird es sich nicht verbieten lassen!"
Vor seinem Ruhestand 2019 war Steeb drei Jahrzehnte lang Generalsekretär der Evangelischen Allianz in Deutschland. Das hierzulande größte evangelikale Netzwerk repräsentiert nach eigenen Angaben 1,3 Millionen Christ:innen in der Bundesrepublik und bekennt sich zu einer wörtlichen Auslegung der Bibel, die als "höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung" bezeichnet wird. Gegenüber den knapp 18 Millionen Mitgliedern der Evangelischen Kirche in Deutschland handelt es sich bei den bibeltreuen Fundamentalist:innen hierzulande eindeutig um eine Minderheit im Protestantismus. Allerdings ist man um internationale Vernetzung bemüht – und unter den weltweit etwa 900 Millionen protestantischen Christ:innen organisieren sich etwa 600 Millionen Evangelikale in der Weltweiten Evangelischen Allianz.
In der Bundesrepublik stellt Baden-Württemberg, vor allem der pietistisch geprägte Landesteil Württemberg, einen Hotspot dar. Stuttgart etwa ist nicht nur Heimstätte des charismatischen Gospel Forums, laut dem "Spiegel" "Deutschlands erste Megachurch nach amerikanischem Vorbild" mit aktuell über 3.000 Mitgliedern. Die baden-württembergische Landeshauptstadt war auch Geburtsort der homophoben "Demo für Alle", einem rechtspopulistischen und zugleich christlich-fundamentalistischen Bündnis, das sich aus Protest gegen eine vermeintliche Frühsexualisierung durch den Bildungsplan 2015 der damals grün-roten Landesregierung gründete. Koordiniert wurden die Aktionen von der AfD-Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch und ihrer damaligen Mitarbeiterin Hedwig von Beverfoerde, zu jener Zeit noch CDU-Mitglied. In den Hochphasen waren bis zu 5.000 Personen auf Kundgebungen, die durch Forderungen wie "Finger weg von unseren Kindern!" auffielen.
Von der Straße ins Netz
Die Beteiligung am Protest auf der Straße ebbte bei "Demo für Alle" bis 2018 immer stärker ab, in den vergangenen Jahren gab es keine öffentlichen Kundgebungen mehr. Das Bündnis ist mit verlagertem Tätigkeitsschwerpunkt jedoch weiterhin aktiv. Unter dem Titel "Kinder im Visier von Porno, Trans & Co." richtete es beispielsweise im November 2024 ein Symposium in Stuttgart aus, auf dem Religionsphilosoph Daniel von Wachter "die marxistischen Wurzeln und Zielsetzungen" einer "Sexualpädagogik der Vielfalt" offenlegen wollte. Der Fokus der "Demo für Alle" scheint aber nicht mehr auf physischen Zusammenkünften zu liegen, sondern auf der Content-Produktion für den Youtube-Kanal. Im vergangenen Jahr liefen dort zwei Videos besonders gut: Eines beansprucht, das Thema Gendern in weniger als drei Minuten zu erklären. Das andere geht über eine Stunde lang, heißt "Tatort Kita" und rückt "linksgrüne" Erziehungspolitik grundsätzlich in die Nähe von Pädophilie.




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