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Recherche gegen Rechts – AfD und Influencer:innen

Zielgruppe Schulkinder

Recherche gegen Rechts – AfD und Influencer:innen: Zielgruppe Schulkinder
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Auf Social Media sind die AfD und rechtsextreme Inhalte schon lange erfolgreich. Dabei wirkt auch eine minderjährige Influencerin aus dem Ostalbkreis mit, die Björn Höcke für ein junges Publikum interviewt.

Lea ist 15 Jahre alt, spricht schwäbischen Dialekt, ist viel im Ostalbkreis in Baden-Württemberg unterwegs und bewirbt auf Instagram "unseren Stammtisch in Aalen". Damit ist der von der AfD gemeint, denn Lea ist großer Fan der Partei. Unter dem Namen "Mädel mit Meinung" ist sie seit Januar 2025 bei Instagram aktiv und das ziemlich erfolgreich: Anfang Februar 2026 hat sie hier über 87.000 Follower:innen.

Themen, über die sie am liebsten spricht, sind Bildung und Schule – und wie sehr die Kinder dort indoktriniert würden. "Die Kinder sind zu eingeschüchtert", meint Lea, und sie würden übernehmen, "was der Lehrer sagt und der Lehrer erzählt halt manchmal einfach Blödsinn". Bei ihr funktioniere das dagegen nicht: "Ich lasse mir von keinem Lehrer vorschreiben, was ich zu denken habe. Wer links ist, darf alles sagen. Wer rechts denkt, soll schweigen. Ich würde mich nie linken Lehrern beugen!"

Lea bedauert, dass deutsche Frauen heutzutage keine Kinder mehr bekommen würden, immerhin seien fünf Kinder früher auch kein Problem gewesen. Den Geburtenrückgang führt sie darauf zurück, dass deutsche Städte nicht mehr sicher seien. Generell findet sie, "ausländische Kinder sind respektloser". Und sie vermutet, dass sich aufgrund eines "Schuldkults, der permanent betrieben wird", niemand traue, zu sagen: "Ich bin stolz auf mein Land." Im Gegensatz zu ihr, sie traue sich das. "Rechts" sei "kein schlimmer Begriff", meint Lea: "Ich würde mich auch selbst als rechts bezeichnen." Viele hätten Angst vor diesem Bekenntnis, "weil es schnell mit rechtsextrem in Verbindung gebracht wird".

Strategische Selbstverharmlosung

Die Selbstverharmlosung ist eine beliebte Strategie der Neuen Rechten. Götz Kubitschek, extrem rechter Verleger und Vordenker der Bewegung, propagierte das Konzept schon 2017. Im Dezember 2025 behauptete die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel im Gespräch mit "Welt TV", dass ja heute direkt als rechtsextrem gelte, wer hierzulande Steuern zahle, eine Familie großziehe oder Kriminalität kritisiere. Das war ihre ausweichende Antwort auf die Frage, warum Jean-Pascal Hohm, der vom Verfassungsschutz als Rechtsextremist eingestuft wird, als Vorsitzender der AfD-Nachwuchsorganisation Generation Deutschland (GD) Karriere machen kann.

Beim Burschenschafter Hohm sind Kontakte zur rechtsextremen Identitären Bewegung bekannt, er war Praktikant beim extrem rechten Kampagnenverein "Ein Prozent" und traf sich mit italienischen Neofaschisten. Lea war vergangenen November in Gießen dabei, als sich die extrem rechte Junge Alternative (JA) in Generation Deutschland umbenannte. Auch in ihrem Fall lassen sich Kontakte belegen, die mit einem ganz normalen Konservativismus nichts zu tun haben.

Generell ist sie als "Mädel mit Meinung" umtriebig. In ihrem ersten Post aus dem Januar 2025 posiert sie mit Ruben Rupp, Wahlkreis Backnang-Schwäbisch Gmünd, der ab 2021 für die AfD im Landtag von Baden-Württemberg saß und inzwischen Mitglied des Bundestags ist.

Im Laufe des Jahres folgen Videos von AfD-Events in Crailsheim, Rottweil, Schorndorf, Gschwend, Heidenheim, Neu-Ulm, von Infoständen und Parteitagen, Lea war auf dem AfD-Sommerfest im Thüringer Greiz. Immer wieder veröffentlichte sie Fotos mit bekannten AfD-Politiker:innen. Darunter etwa Markus Frohnmaier, der nach der nächsten Landtagswahl am 8. März 2026 gerne Baden-Württembergs Ministerpräsident werden würde, oder Miguel Klauß, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der AfD-Landtagsfraktion im Südwesten.

Auch offline bestens vernetzt

Auf der rechtsextremen Büchermesse Seitenwechsel in Halle posierte sie mit Maximilian Märkl, Bundessprecher der Identitären Bewegung. Märkl trat aktuell aus der AfD aus, nachdem Medienberichte enthüllt hatten, dass er Parteimitglied war – trotz einer Unvereinbarkeitserklärung, mit der sich die AfD angeblich von Extremismus abgrenzen will. Daneben zeigen Fotos aus dem Sommer 2025 Lea auch mit Martin Sellner, der als Kopf der Identitären Bewegung gilt. Um diese Zeit hat sie auch bei einem Meetup von Lukreta in Bruchsal teilgenommen: eine antifeministische Frauengruppe, die den Identitären und der AfD nahesteht. Sie verknüpfen sexuelle Gewalt mit Herkunft, propagieren heterosexuelle Geschlechterrollen und äußern sich queerfeindlich. Im Podcast der rechtsextremen Influencerin Michelle Golan erzählt Lea, dass auch ihre Familie der AfD nahestehe. Obwohl Lea vermeintlich harmlos rüberkommt, wirkt ihre Haltung sehr gefestigt. Sie weiß genau, was sie sagen darf, um rechtlich konform zu sein, und kennt die richtigen Schlagworte.

Bei der Gründung der Generation Deutschland in Gießen hat das "Mädel mit Meinung" Björn Höcke interviewt. "Herr Höcke, Sie waren selbst Lehrer, was sagen sie denn den Schülern, die angefeindet werden in der Schule, weil sie vielleicht eine Meinung haben, die nicht direkt jeder hat?", fragt sie den Thüringer AfD-Landeschef und Landtagsfraktionsvorsitzenden. Höcke würde "erstmal Dankeschön" sagen, dass man so eine Meinung entwickelt habe und dann auch noch gegen Widerstand. Das Video veröffentlichte Lea in Kooperation mit dem "Compact"-Magazin, bei dem die Teenagerin im Sommer 2025 ein Praktikum gemacht hat. "Compact" wird vom Verfassungsschutz seit Dezember 2021 als gesichert rechtsextrem eingestuft, es verbreite ein "antisemitisches, minderheitenfeindliches und geschichtsrevisionistisches Weltbild".

Am 31. Januar 2026 feierte "Compact" seinen 15. Geburtstag, Lea ist mit dabei und veröffentlicht anschließend ein Foto mit Chefredakteur Jürgen Elsässer. Nur Tage zuvor war sie im österreichischen Klagenfurt beim Neujahrstreff der FPÖ und posierte dort für ein Foto mit Herbert Kickl, dem extrem rechten Spitzenkandidaten für die Nationalratswahl 2024.

Unterschwellige Lifestyle-Themen

Diese Kontakte wirken sich auf Leas Account aus, sowohl auf die Reichweite als auch auf die Inhalte. Lea tritt als das nette Mädel aus der Nachbarschaft auf. Seit ein paar Monaten lädt sie Videos für eine jüngere Zielgruppe hoch, die aufwendiger produziert sind. Zum Beispiel zur "Stadtbild"-Debatte von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Und Anfang Dezember gab es einen Promo-Post für Schweizer Bio-Seife aus Rinderfett. Das passt gut zur jugendlichen Reinheit, Unschuld und Heimatverbundenheit, die bei "Mädel mit Meinung" inszeniert wird. Helvera heißt die Seifenmarke, gegründet von Simon Corchia, sie steht laut Eigenwerbung für "Hautpflege mit Wurzeln in der Schweiz, sorgfältig gefertigt – so rein und kraftvoll wie die Schweizer Alpen". Simon Corchia kommt aus Winterthur, ist Schauspieler und der Bruder von Manuel Corchia, einem Schweizer Neonazi der Gruppe "Junge Tat", die mit der Identitären Bewegung Baden-Württemberg Kontakt pflegen.

Der Post ist typisch für extrem rechte Accounts aus der Lifestyle-Ecke, also Influencer:innen, die vor allem für Inhalte zu Fitness oder Mutterschaft bekannt sind und rechte Inhalte eher beiläufig einfließen lassen. Solche Accounts seien beinahe ein noch größeres Problem als sofort als rechtsextrem erkennbare Profile wie "Mädel mit Meinung", sagt Phoebe Maares im Gespräch mit Kontext. Die Kommunikationswissenschaftlerin forscht zu solchen "neuen digitalen Akteur:innen", sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Medien und Öffentlichkeit am Institut für Rechtsextremismusforschung der Uni Tübingen. Durch die multiplen Krisenentwicklungen der letzten Jahre, so Maares, würden Menschen aktiv Nachrichten vermeiden, dafür in Sozialen Medien oft Lifestyle-Themen konsumieren. Auch solche, die unterschwellig rechtsextreme Ideologien transportieren.

Ein wichtiger Bestandteil der Social-Media-Strategie der Neuen Rechten ist es, den vorpolitischen Raum zu bespielen. Eine Idee, die auf den linken Theoretiker Antonio Gramsci (1891 bis 1937) zurückgeht. Dieser hatte sich gefragt, wie sich eine marxistische Revolution umsetzten ließe, und kam zum Schluss, dass die Menschen zuerst im vorpolitischen Raum von revolutionären Ideen überzeugt werden müssten, bevor der politische Systemwechsel folgen kann. Als vorpolitischer Raum gelten beispielsweise Kultur, Gewerkschaften, Sportevents, aber eben auch Medien und das Internet.

Der "Influencer Day" der AfD in Stuttgart

Die Neue Rechte und die AfD sind bei der Social-Media-Nutzung schon lange erfolgreicher als CDU und SPD. Seit Jahren fluten sie den vorpolitischen Raum mit extrem rechten Inhalten, wobei sich ein großes Netzwerk gegenseitig Reichweite schafft. Wie strategisch das vorangetrieben wird, zeigt sich an Veranstaltungen wie dem "Influencer Day", den die baden-württembergische AfD-Landtagsfraktion im Juli 2025 organisierte.

Selbstverständlich war auch Lea mit dabei. Ihr Account "Mädel mit Meinung" ist nur einer von vielen im Spektrum der extrem rechten Profile – aber eben erfolgreich und auf ein junges Publikum zugeschnitten, obwohl sie bislang vor allem bei Älteren großen Anklang findet.

Der "Influencer Day" sollte eigentlich im Stuttgarter Landtag stattfinden. Aber der Verfassungsschutz informierte vorab, dass die Referenten Miró Wolsfeld, Boris von Jutrzenka-Trzebiatowski und Leonard Jäger wegen Rechtsextremismus und "verfassungsschutzrelevanter Delegitimierung des Staates" beobachtet werden. Weil die Organisatoren auf die drei Referenten aber nicht verzichten wollten, zog die Veranstaltung in die Fraktionsräume der AfD um.

Bei den Eingeladenen handelte es sich um drei der reichweitenstärksten rechtsextremen Influencer. Miró Wolsfeld hat unter dem Namen "unblogd" 105.000 Follower:innen auf X. Boris von Jutrzenka-Trzebiatowski ist unter dem Namen Boris von Morgenstern aktiv, seinen Youtube-Kanal haben etwa 183.000 Menschen abonniert. Und Leonard Jäger ist als "Ketzer der Neuzeit" bekannt mit 576.000 Abonnent:innen auf Youtube.

Inhaltlich sind die drei verbunden durch Queerfeindlichkeit, Rassismus und eine grundsätzlich gegen die Corona-Maßnahmen gerichtete Haltung. Daneben haben sie aber Spezialgebiete; Jäger verbreitet etwa neben extrem rechten auch christlich fundamentalistische Inhalte.

Gegen Klaus wird ermittelt

Ein Organisator des Influencer Days war der AfD-Landtagsabgeordnete Miguel Klauß, zudem im Vorstand des AfD-Kreisverbands Calw/Freudenstadt. Der 39-Jährige bezeichnet sich stolz als "einen der reichweitenstärksten Politiker im Social Media Bereich", auf TikTok folgen ihm mehr als 500.000 Menschen.

Klauß dreht oft im Selfie-Modus, während er draußen unterwegs ist, mal im Auto, vor einem Wohnblock, vorm Landtag, quasi volksnah und schwäbelnd oder aus seinem Büro mit Deutschlandfahne und seinem "Abschiebekalender" im Hintergrund. Vor ein paar Monaten haben die Mitglieder des baden-württembergischen Landtags seine Immunität aufgehoben. Darum hatte die Staatsanwaltschaft Tübingen gebeten, wie die "Südwestpresse" berichtete, da Klauß volksverhetzende Inhalte im Netz veröffentlicht haben soll. Er stand auch schon in der Kritik aufgrund seines Umgangs mit Schulklassen, die den Landtag besuchten, weil er im Nachgang auf seinem AfD-Account Bilder der Jugendlichen postete.

Miguel Klauß und "Mädel mit Meinung" sind zwei der AfD-Accounts aus Baden-Württemberg mit der größten Reichweite, es gibt viele andere. Phoebe Maares von der Uni Tübingen sagt, "diese rechten Influencer:innen und die AfD arbeiten komplementär, sodass sie bestimmte Themen aufgreifen und verstärken und ihnen mehr Sichtbarkeit verschaffen". Ein Umstand, mit dem sich zivilgesellschaftliche Akteur:innen im Einsatz für Demokratie und Menschenrechte weit über die Landtagswahl hinaus auseinandersetzten müssen.

Karikatur: Oliver Stenzel

Dank einer Vielzahl von Spenden konnte Kontext das Projekt "Recherche gegen Rechts" ins Leben rufen. Seit Ausgabe 762 und bis ins Frühjahr 2026 werden im Wochentakt Veröffentlichungen erfolgen, die rechtsextremen Strukturen nachgehen, mit einem Schwerpunkt auf Baden-Württemberg. Alle bisherigen Veröffentlichungen der Serie finden Sie hier

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