Zwischen den Ortschaften Gäufelden-Tailfingen und Rottenburg-Hailfingen, nahe Herrenberg, auf der Grenze zwischen den Landkreisen Böblingen und Tübingen, steht ein Mahnmal, ein Werk des Ellwanger Bildhauers Rudolf Kurz: ein ungleichseitiges Dreieck aus Aluminiumstäben, in das die Namen von 601 Menschen eingraviert sind. Es sind die Namen von jüdischen Häftlingen einer Außenstelle des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof, die sich dort befand. Mit viel Geduld, Energie und gegen einigen Widerstand gelang es, dieses Stück Erinnerungskultur aufzubauen. Volker Mall ging diesen Weg mit, von Anfang an, gehörte zu den Initiatoren der Gedenkstätte. Nun hat er, nach Jahren der Forschung und des Engagements, die Geschichte ihrer Entstehung aufgeschrieben.
Zu Beginn der 1980er-Jahre lag zwischen den Orten Hailfingen und Tailfingen überwuchertes Gelände. Dass sich dort ein Lager und ein Militärflugplatz befunden hatten, war nicht mehr erkennbar. Im Lager waren zunächst Kriegsgefangene untergebracht, die am Aufbau des Flugplatzes arbeiteten. Später wurde es dem Konzentrationslager Natzweiler-Struthof angegliedert. Jüdische Häftlinge wurden von Hailfingen aus zu anderen Vernichtungslagern oder auf sogenannte "Todesmärsche" geschickt. Viele starben vor Ort. Als französische Soldaten noch vor Kriegsende Bewohner der umliegenden Dörfer zwangen, ein Massengrab am Lager auszuheben und die Toten zu bestatten, misshandelten sie die Dorfbewohner. Zwei von ihnen starben. Das Schweigen vor Ort war eisern, die Abwehr der Erinnerung mitunter aggressiv.
Als erste Veranstaltungen vor Ort die Erinnerung weckten, Ansätze für eine Bewältigung der Vergangenheit schaffen wollten, war Volker Mall dabei – als Organisator, Initiator, Musiker: Er sang das Lied von den Moorsoldaten, gedichtet von den Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor. Die Tailfinger Bürger:innen blieben ostentativ fern. Gedenktafeln wurden mit Farbe beschmiert, mussten wieder abmontiert werden.
"Mit einer rattenhaften Wut"
"Es gab Leserbriefe", berichtet Volker Mall, "die sich gegen die damalige Vorsitzende des SPD-Ortsverbandes Oberes Gäu wandten und ihr vorwarfen, 'falsches Zeugnis' abzulegen." Eine Leserbriefschreiberin berichtete in der örtlichen Zeitung von Besuchen im Lager, schrieb, dort habe alles einen sehr gepflegten Eindruck gemacht und bei den Insassen habe es sich sämtlich um zivile Arbeiter gehandelt, die aus allen Teilen Europas freiwillig nach Deutschland gekommen seien. In einem anderen Leserbrief wurde behauptet, bei den Toten des Massengrabes habe es sich um Opfer alliierter Flugangriffe gehandelt. Ein Leserbrief, den der Herrenberger Bürger Walter Fischer als Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung erhielt, ist im Wortlaut erhalten. "Mit einer rattenhaften Wut", heißt es darin, "wird bei uns die Wahrheit unterdrückt und die Lügen der alliierten Kriegsverbrecher, die in die Welt gesetzt wurden, um von deren Verbrechen abzulenken, verbreitet. Wenn Sie von 1943 auf dem Hailfinger Friedhof sprechen, muss ich Ihnen sagen, dass man damals genau wusste, dass der Einmarsch in Polen 1939 dem Massaker an unseren Volksdeutschen im Lande ein Ende setzte und sich die Gebiete, die Russland widerrechtlich geraubt hatte, wieder zurückholte." So also war 1982 die Stimmung in Deutschland auf dem Lande.
Einschüchtern ließen sich die Aufklärer nicht. Gemeinsam mit Harald Roth, auch er Lehrer, und Birgit Kipfer, bis 2009 Landtagsabgeordnete der SPD, arbeitete Volker Mall weiter daran, die Vergangenheit sichtbar zu machen. 2010 konnte im alten Rathaus der Gemeinde Gäufelden-Tailfingen ein Dokumentationszentrum eröffnen, das nicht nur die Geschichte des Lagers erzählt, sondern den Menschen, die dort gefangen gehalten wurden, ein Gesicht gibt. Zugleich wurde die Gedenkstätte zwischen Hailfingen und Tailfingen eingeweiht und der Verein gegründet, der das Geschehene auch heute noch mit Veranstaltungen ins Gedächtnis bringt.




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