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Volker Mall

Erinnern als Lebensaufgabe

Volker Mall: Erinnern als Lebensaufgabe
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Volker Mall, zu Hause in Herrenberg, hat mehr als 40 Jahre dafür gekämpft, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus nicht vergessen werden. Gegen den Widerstand der Bevölkerung. Seine Erfahrungen hat er nun niedergeschrieben.

Zwischen den Ortschaften Gäufelden-Tailfingen und Rottenburg-Hailfingen, nahe Herrenberg, auf der Grenze zwischen den Landkreisen Böblingen und Tübingen, steht ein Mahnmal, ein Werk des Ellwanger Bildhauers Rudolf Kurz: ein ungleichseitiges Dreieck aus Aluminiumstäben, in das die Namen von 601 Menschen eingraviert sind. Es sind die Namen von jüdischen Häftlingen einer Außenstelle des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof, die sich dort befand. Mit viel Geduld, Energie und gegen einigen Widerstand gelang es, dieses Stück Erinnerungskultur aufzubauen. Volker Mall ging diesen Weg mit, von Anfang an, gehörte zu den Initiatoren der Gedenkstätte. Nun hat er, nach Jahren der Forschung und des Engagements, die Geschichte ihrer Entstehung aufgeschrieben.

Zu Beginn der 1980er-Jahre lag zwischen den Orten Hailfingen und Tailfingen überwuchertes Gelände. Dass sich dort ein Lager und ein Militärflugplatz befunden hatten, war nicht mehr erkennbar. Im Lager waren zunächst Kriegsgefangene untergebracht, die am Aufbau des Flugplatzes arbeiteten. Später wurde es dem Konzentrationslager Natzweiler-Struthof angegliedert. Jüdische Häftlinge wurden von Hailfingen aus zu anderen Vernichtungslagern oder auf sogenannte "Todesmärsche" geschickt. Viele starben vor Ort. Als französische Soldaten noch vor Kriegsende Bewohner der umliegenden Dörfer zwangen, ein Massengrab am Lager auszuheben und die Toten zu bestatten, misshandelten sie die Dorfbewohner. Zwei von ihnen starben. Das Schweigen vor Ort war eisern, die Abwehr der Erinnerung mitunter aggressiv.

Als erste Veranstaltungen vor Ort die Erinnerung weckten, Ansätze für eine Bewältigung der Vergangenheit schaffen wollten, war Volker Mall dabei – als Organisator, Initiator, Musiker: Er sang das Lied von den Moorsoldaten, gedichtet von den Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor. Die Tailfinger Bürger:innen blieben ostentativ fern. Gedenktafeln wurden mit Farbe beschmiert, mussten wieder abmontiert werden.

"Mit einer rattenhaften Wut"

"Es gab Leserbriefe", berichtet Volker Mall, "die sich gegen die damalige Vorsitzende des SPD-Ortsverbandes Oberes Gäu wandten und ihr vorwarfen, 'falsches Zeugnis' abzulegen." Eine Leserbriefschreiberin berichtete in der örtlichen Zeitung von Besuchen im Lager, schrieb, dort habe alles einen sehr gepflegten Eindruck gemacht und bei den Insassen habe es sich sämtlich um zivile Arbeiter gehandelt, die aus allen Teilen Europas freiwillig nach Deutschland gekommen seien. In einem anderen Leserbrief wurde behauptet, bei den Toten des Massengrabes habe es sich um Opfer alliierter Flugangriffe gehandelt. Ein Leserbrief, den der Herrenberger Bürger Walter Fischer als Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung erhielt, ist im Wortlaut erhalten. "Mit einer rattenhaften Wut", heißt es darin, "wird bei uns die Wahrheit unterdrückt und die Lügen der alliierten Kriegsverbrecher, die in die Welt gesetzt wurden, um von deren Verbrechen abzulenken, verbreitet. Wenn Sie von 1943 auf dem Hailfinger Friedhof sprechen, muss ich Ihnen sagen, dass man damals genau wusste, dass der Einmarsch in Polen 1939 dem Massaker an unseren Volksdeutschen im Lande ein Ende setzte und sich die Gebiete, die Russland widerrechtlich geraubt hatte, wieder zurückholte." So also war 1982 die Stimmung in Deutschland auf dem Lande.

Einschüchtern ließen sich die Aufklärer nicht. Gemeinsam mit Harald Roth, auch er Lehrer, und Birgit Kipfer, bis 2009 Landtagsabgeordnete der SPD, arbeitete Volker Mall weiter daran, die Vergangenheit sichtbar zu machen. 2010 konnte im alten Rathaus der Gemeinde Gäufelden-Tailfingen ein Dokumentationszentrum eröffnen, das nicht nur die Geschichte des Lagers erzählt, sondern den Menschen, die dort gefangen gehalten wurden, ein Gesicht gibt. Zugleich wurde die Gedenkstätte zwischen Hailfingen und Tailfingen eingeweiht und der Verein gegründet, der das Geschehene auch heute noch mit Veranstaltungen ins Gedächtnis bringt.

Den langen Kampf gegen das Schweigen, die vielen Stationen, die Erfolge, die sich schließlich einstellten, hat Volker Mall nun in zwei schmalen Heften zusammengefasst, die von der KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen herausgegeben werden. Eines der Hefte erzählt die Vorgeschichte der Gedenkstätte, das zweite schildert die Begegnungen mit Überlebenden und Angehörigen. Voraussichtlich, sagt Volker Mall, werde es sich um seine letzte Veröffentlichung in dieser Sache handeln. Der Abschluss eines Lebenswerkes, zu der auch jahrelang recherchierte Dokumentationen zuvor unerforschter Schicksale gehören: Etwa “Jeder Mensch hat einen Namen”, ein Gedenkbuch für die jüdischen Häftlinge des Konzentrationslagers, oder “Wir waren Menschen zweiter Klasse” über die Geschichte der 1040 im Sommer 1944 nach Deutschland deportierten griechischen Zwangsarbeiter.

Mall wurde 1942 in Zuffenhausen geboren, mitten im Zweiten Weltkrieg. Seine Eltern waren Nationalsozialisten. Der Vater starb ein halbes Jahr nach seiner Geburt durch eine Granate, die Mutter war Verwaltungsleiterin auf einem Landdienstlehrhof der Hitlerjugend. Sie musste sich nach Kriegsende einem Spruchkammerverfahren zur Entnazifizierung stellen und wurde als Mitläuferin eingestuft. Wegen der Luftangriffe auf Stuttgart wurde die Familie ins Elsass evakuiert. Weitere Stationen waren Ellwangen und Bad Cannstatt. Schließlich lebten die Malls in Maichingen bei Sindelfingen. Volker Mall studierte in Tübingen Germanistik und Musikwissenschaften, dann an der Stuttgarter Musikhochschule Schulmusik mit Hauptfach Klavier und dem Wahlfach Gesang und Orchesterleitung. Sein Studium finanzierte er, indem er Orgel und Unterhaltungsmusik spielte.

Nach Ohnesorg ging es nach links

Als Benno Ohnesorg 1967 während einer Demonstration gegen den Besuch des iranischen Schahs in West-Berlin von einem Polizisten erschossen wurde, wurde der Student Mall politisch: "Danach", sagt er, "ging es nach links." Volker Mall war 25 Jahre alt und sympathisierte mit dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund. Drei Jahre später trat er der SPD bei, unmittelbar nach seinem Examen der Bildungsgewerkschaft GEW. Noch als Vorsitzender des Studentenausschusses an der Musikhochschule Stuttgart machte er einschlägige Erfahrungen damit, wie Autoritäten auf Kritik reagieren: "Anlässlich der Begrüßung der Erstsemester stand mir Redezeit zu. Ich erwähnte, eigentlich ganz harmlos, die beengte räumliche Situation an der Hochschule und sagte, die Studieninhalte seien für angehende Musiklehrer vielleicht ein wenig zu praxisfern." Das hatte ein Nachspiel: Ihm drohte Schulverweis. "Karl Michael Komma, einer der führenden Professoren, verlangte, dass ich mich entschuldige." Komma, 1989 mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet, gestorben 2012 in Memmingen, hatte einst einen Jubelchor zum Anschluss des Sudetenlandes an das nationalsozialistische Deutschland komponiert, zudem eine Hetzschrift verfasst gegen den österreichischen Komponisten Gustav Mahler, der einer jüdischen Familie entstammte.

Unterhaltungsmusik, auch Jazz, hatte in dieser Zeit im Lehrplan der Hochschule nichts zu suchen. In der GEW setzte Volker Mall sich für eine Reform ein. Er unterrichtete an mehreren Gymnasien, ehe er 1973 eine Stelle als Assistent an der damaligen Pädagogischen Hochschule Esslingen erhielt, mit der eine Professorenstelle abgedeckt wurde. Vier Jahre später schon wurde er, gegen seinen Willen, an das Andreae-Gymnasium Herrenberg versetzt. Dort arbeitete er bis zu seiner Pensionierung als Musiklehrer. "Der vorgeschobene Grund für die Versetzung", sagt er, "war Lehrermangel." Den tatsächlichen Grund sieht er in der Kritik, die er innerhalb der GEW am Musikunterricht der Gymnasien geübt hatte.

Erinnerungsarbeit mit Musik

Seine Frau Adelheid hatte Volker Mall bereits 1970 kennengelernt. Die Politik führte sie zusammen: "Wir versuchten vergeblich, in Stuttgart einen sozialistischen Lehrerbund zu gründen", erzählt Mall. Neun Jahre später zog das Paar in ein altes Bauernhaus in Haslach, einem Teilort Herrenbergs. Im selben Jahr noch kam Tochter Henrike zur Welt. Als Pferdefreund nahm Volker Mall Kurse am Gestüt Marbach, ließ sich dort ausbilden zum staatlich geprüften Reitwart. Und obschon die Stadt Herrenberg mit dieser Nutzung nicht immer einverstanden war: Bei ihrem Bauernhaus in Haslach hielten Volker und Adelheid Mall sich über Jahrzehnte zwei Reitpferde. Ein Sattel liegt noch im Treppenhaus über dem Geländer und erinnert an jene Zeit.

Viele Jahre lang besuchte das Paar ein nahegelegenes Tanzstudio. Und Mall baute eine Bigband auf und klärte Schüler:innen über Rechtsrock und die manipulative Musikästhetik des Nationalsozialismus auf. Als Lehrer und Bandleader inszenierte er mehrfach die Bauernoper und die Dreigroschenoper. In Malls Arbeitszimmer derweil quellen die Regale über – von Musiknoten, Schriften, Dokumenten zur Zeitgeschichte.

Gemeinsam mit Harald Roth wurde Volker Mall 2010 mit dem Landespreis für Heimatforschung ausgezeichnet. Acht Jahre später wurde an beide der Obermayer Award verliehen, eine Auszeichnung für nichtjüdische Deutsche, die sich um die Bewahrung jüdischer Kultur in ihren Gemeinden verdient machten. Auch das Bundesverdienstkreuz am Bande hat er verliehen bekommen. Mitglied der SPD ist Mall längst nicht mehr – schon 2005, vor dem Hintergrund des Balkankrieges und der Agenda 2010, verließ er die Partei. Auch zum Vorstand der KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen hält er mittlerweile Abstand, obwohl er ihm noch angehört. "Ich hatte den Antrag auf eine Pressemitteilung gestellt, mit der die Gedenkstätte Waffenlieferungen an Israel im Gaza-Krieg kritisieren sollte", sagt er. Der Vorstand der Gedenkstätte lehnte einstimmig ab.

Volker Mall ist nun 83 Jahre alt. Er ist weniger denn je geneigt, sich von seinen Überzeugungen abbringen zu lassen. "Als Linker", sagt er, "hatte ich es nicht immer leicht. Aber es hat sich gelohnt."

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