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Nopper enthüllt Kuhn

Wie Michael Douglas

Nopper enthüllt Kuhn: Wie Michael Douglas
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Fritz Kuhn ist jetzt Mitglied in der Ahnengalerie der Stuttgarter Oberbürgermeister. Er hängt rechts neben seinem Vorgänger Wolfgang Schuster, enthüllt von seinem Nachfolger Frank Nopper. Den historischen Moment hat seine Pressestelle in einem vielsagenden Bild festgehalten.

Was sehen wir auf dem Foto? Der amtierende Oberbürgermeister Frank Nopper (rechts/CDU) ist guter Dinge. Wie meist, wenn es um öffentliche Angelegenheiten geht, trägt der 60-Jährige eine ansteckende Fröhlichkeit im Gesicht, die den BürgerInnen draußen den Eindruck vermittelt, dass ihm seine Arbeit Freude macht. Gerade in diesen Zeiten ist das wichtig, weil es sich der umherwabernden Depression widersetzt und Zuversicht ausstrahlt.

Kurz vor der Enthüllung sagt er noch, der Herr Alt-Oberbürgermeister werde "heute aufgehängt", man brauche aber "keine Sorge" haben, es handle sich nur um sein Portrait. Da lacht der Backnanger und manche wundern sich. Fritz Kuhn und seine Frau Waltraud Ulshöfer schauen neutral.

Diese besondere Art von Humor hat auch schon der Bildhauer Peter Lenk erlebt, als er im Juni 2021 neben ihm saß, um über den Verbleib seiner S-21-Kretschmannskulptur zu sprechen. Nopper hatte ihn mit dem kunstvollen Wortspiel begrüßt: "Herr Lenk, beim Lenkmal müssen Sie einlenken". Da hat sogar der Provo vom Bodensee schräg gegrinst, weil die Lustigkeit zum Brüllen war und viel gelacht worden ist. Lenk wusste zwar nicht warum, aber der Typ war ihm sympathisch.

Spannungsfeld im Hemdbereich

Zurück zum Bild: Zum blauen Anzug trägt Nopper eine Krawatte in der richtigen Länge. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Kuhn, dessen Binder aufgrund seiner Kürze das Spannungsfeld im unteren Hemdbereich nicht verdeckt, was damit zusammenhängen könnte, dass sich der 66-Jährige beim "Kieser-Training" abgemeldet hat. Ebenso fehlt ihm das strahlende Lächeln Noppers, das in seiner maskulinen Anmutung über jeden Zweifel erhaben ist und manchmal an den frühen Michael Douglas erinnert. Der grüne Kuhn guckt anders. Er zwingt sich eher zum Lächeln, den Zweifel in den Augenwinkeln, die Distanz in der Körperhaltung. Liegt es an Wolfgang Schuster, der ihm über die Schulter schaut? Den hat der Gemeinderat zum Ehrenbürger gemacht und der Kretschmann zum Professor. Ihn nicht. Ihm haben sie nur die Bürgermedaille verliehen.

Oder traut er dem Nopper nicht über den Weg, der ihn über den Schellenkönig lobt? Für seinen sachorientierten und realpolitischen Politikansatz, mit dem er unter anderem eine über Stuttgart 21 "zutiefst gespaltene und polarisierte Stadtgesellschaft weitgehend befrieden" konnte. Mehr ist in Frank Noppers Rede zur Portrait-Enthüllung zu lesen.

Was wird hier gespielt? Es könnte ja sein, dass sich Nopper plötzlich für Kuhn hält wegen der Versöhnung, die ganz oben auf seiner Agenda steht. Nein, ein Bundespolitiker lässt sich nicht hinter die Fichte führen. Nicht von einem aus der Murr-Metropole.

Andererseits ist Kuhn auch part of the game. Nicht resistent gegenüber Lob und überzeugt, davon zu wenig bekommen zu haben. Man betrachte sein Bild-Gesicht, das in die Ferne schaut, voller jugendlicher Tatkraft, bereit für die Zukunft und leicht verwegen. Geschaffen hat es die französische Fotografin Laurence Chaperon, die als eine der besten ihres Fachs gilt, die Berliner Politprominenz seit vielen Jahren vor der Kamera hat, Angela Merkel etwa seit 1999. Für die Ahnengalerie hat Fritz Kuhn herausgesucht, wie er sich sieht und gesehen werden möchte.

Kuhn wurde ohne Tschingderassabum verabschiedet

Das ist schwierig, weil der öffentliche Blick eher die echte Person in Erinnerung hat. Den Abgang nach acht Jahren, von manchen, auch von Grünen, als Fahnenflucht gedeutet, die (ausbleibenden) Leuchtturmprojekte, die Distanz zum Fassbieranstich, den reservierten Intellektuellen. Und alles begleitet von einer Monopolpresse, die er als feindselig wahrgenommen hat. Die hinterlassenen "tiefen Spuren", die Nopper in seiner Festrede hervorgehoben hat, könnten sich so beim Zurückgelassenen eher selber finden. Wenn's wenigstens einen sauberen Abschied gegeben hätte wie einst bei Schuster, mit viel Tschingderassabum. Aber damals war Corona noch ein mexikanisches Bier.

So trifft es sich gut, dass auch Bürgermeister Peter Pätzold bei der kleinen Feier zugegen ist. Wenn er an seinem Bild vorbeigehe, sagt Kuhn, wünsche er eine leichte Verbeugung. Jetzt ist er ganz bei sich, grinst und zieht mit Gattin von dannen.


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4 Kommentare verfügbar

  • Th. Maier
    am 09.04.2022
    Antworten
    Mit Verlaub: Die Krawatte des kommunalpolitischen Betriebsunfalls ist definitiv zu lang gebunden!
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