KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Sprachmissbrauch

Verleumdete Vandalen

Sprachmissbrauch: Verleumdete Vandalen
|

Datum:

Manierlicher als es die Vandalen taten, lässt sich eine Stadt kaum plündern. Dass ihr Name in der Neuzeit zum Synonym für sinnlose Zerstörungswut wurde, ist eine grobe Infamie. Schuld daran ist – wie könnte es anders sein? – ein katholischer Priester.

Wo marodierende Tumultanten, meist unter infernalischem Gegröl, Schaufensterscheiben einschmeißen, Prachtbauten mit ihren Schmierereien verschandeln, Blumentöpfe zerdeppern und an Zäunen rütteln, kurzum: Wo sie lauthals lärmend eine Schneise der Verwüstung durch unsere Städte schlagen, kennt die deutsche Sprache einen Begriff, solche Schandtaten zu brandmarken. Als etwa eine wilde Meute unbekannter Täter jüngst in den gerade erst wiedereröffneten Badepark Ronshausen einbrach, um dort ein paar prall gefüllte Mülltonnen in die Planschbecken zu schleudern, erklärte ein konsternierter Bürgermeister: "Das ist Vandalismus pur!"

Kein Tag vergeht in der Bundesrepublik, ohne dass ihre publizistischen Organe einen Sinnzusammenhang zwischen dem ostgermanischen Stamm und zielloser Zerstörungswut herstellen. Was waren das nur für Leute? Immerhin wird hier ihre gesamte Geschichte – denn von der vandalischen Kultur ist im öffentlichen Bewusstsein ansonsten wenig verankert – auf einen Begriff reduziert, der nach den Regeln der Sprachbildung eine Wesensart erfassen soll. Gehörte es also zum Vandalenalltag, den Morgen mit einer Brandschatzung zu beginnen und sich abends mit den Schmerzensschreien seiner Folteropfer in den Schlaf zu wiegen?

Die Recherche fördert Ernüchterndes zutage. So waren die Vandalen zwar sicher kein Pazifistenvolk. Sie schienen es aber auch nicht übler zu treiben als ihre Zeitgenossen. Und gerade die Plünderung Roms im Jahre 455, die als historische Gegebenheit den Grundstein zur Begriffsbildung darstellt, lief so manierlich ab wie eine Plünderung nur ablaufen kann: Natürlich wurde brutal gemordet und natürlich wurden Wertgegenstände entwendet. Aber eben nicht ziellos, nicht als Orgie willkürlicher Destruktivität, sondern sehr systematisch und mit Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Sachbeschädigungen gab es nur, wenn sie auch unbedingt sein mussten. Obendrein handelte es sich beim Vandaleneinfall nicht um einen reinen Beutefeldzug, sondern – vergleichbar mit dem heutigen US-Amerikanismus – um eine geopolitische Intervention, die das als notwendig Erachtete mit dem Nützlichen verbindet.

Nun hätte die Menschheitsgeschichte zweifellos genügend Fallbeispiele zu bieten, die dem mit den Vandalen in Verbindung gebrachten Phänomen blindwütiger Zerstörungslust als Referenz näherkämen. Warum nur hat es also ausgerechnet die Vandalen erwischt?

Geläufig ist der Begriff des Vandalismus erst seit der Französischen Revolution, und als ursprünglicher Verleumder lässt sich der Bischof Henri Jean-Baptiste Grégoire identifizieren, der – sei es aus Halbwissen oder aus purer Böswilligkeit – im Inbrandsetzen von Bibliotheken und anderen Unbotmäßigkeiten der Revolutionäre eine historische Analogie zum Treiben der Vandalen erkannt zu haben glaubte (Näheres dazu im "Rapport sur les destructions opérées par le vandalisme et sur les moyens de le réprimer" von 1793). Ein Wegbereiter für die Verbreitung dieses geschichtsvergessenen Unworts war auch der Patron der Meinungsfreiheit und nebenberufliche Sklavenhändler Voltaire, der den bereits im Altfranzösischen verwendeten Begriff "wandele" (später "vandale") ab 1733 wieder in den aktiven Sprachgebrauch einführte und mit der Bedeutung "Barbar" versah.

Wenngleich keine gezielte Absicht unterstellt werden muss, ist es doch bezeichnend, dass ausgerechnet ein bedeutender Katholik das Zerrbild vom Vandalismus in die Welt setzte. Denn suchte man, um den Begriff gewordenen Rufmord aus der deutschen Sprache zu verbannen, nach einer tauglichen Alternative, gäbe es eine viel eher geeignete Entsprechung in der Geschichte, die blindwütige Zerstörungslust und hemmungsloses Zivilistenschlachten verkörpert: die Kreuzritterei.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


3 Kommentare verfügbar

  • Gerald Wissler
    am 13.07.2021
    Antworten
    Bis auf den letzten Satz ein schöner Artikel, auch wenn er nicht helfen wird, diesen falschen Begriff aus dem Sprachgebrauch zu tilgen.
    Aber Kreuzritterei ist auch nicht gerade ein geeigneter Ersatz.
    Immerhin dauerte es 458 Jahre, bis sich überhaupt mal ein Kreuzzug in Bewegung setzte, das seit…
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!