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Netz-Vandalen

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Journalismus pur: die Bahn verschickt einen Text, und das Stuttgarter Pressehaus übernimmt ihn eins zu eins.

Per Post und Telefon versuchten Generalsekretär und Pressesprecher der Münchener CSU jüngst, Redaktionen von ZDF und Bayerischem Rundfunk politisch auf Kurs zu bringen. In Stuttgart kann sich Wolfgang Dietrich Porto und Gebühren sparen: einen Pressetext des S-21-Projektsprechers mit fragwürdigen Behauptungen veröffentlichten die Online-Ausgaben von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" ungeprüft im Wortlaut – als redaktionellen Beitrag.

Den Vandalen eilt ein schlechter Ruf voraus, auch wenn sie im fünften Jahrhundert nach langer Wanderschaft in Nordafrika ein Königreich der Hochkultur errichteten. Mehr als hundert Jahre später verlor sich ihre Spur. Seither tauchen sie zu Unrecht nur noch in der Rolle des Bösewichts auf. So auch am 2. November 2012, als die Internet-Redaktion im Stuttgarter Pressehaus unter der Überschrift "Vandalen zerstören S-21-Informationsplattform im Mittleren Schlossgarten" einen Bericht auf die Seiten von "Stuttgarter Zeitung" (StZ) und "Stuttgarter Nachrichten" (StN) online stellte. Die Headline geriet zu reißerisch.

In der Nacht zuvor, an Halloween, hatten Unbekannte lediglich die Schaubilder der Plattform zerrissen. Das Aussichtsgerüst, seit wenigen Tagen neben dem eingezäunten Baugelände für den umstrittenen Tiefbahnhof eröffnet, überstand die Attacke unbeschadet. Die Bahn stellte routinemäßig Strafanzeige wegen Sachbeschädigung.

Die Wellen in den Kommentarspalten schlagen hoch

Seither schlagen die virtuellen Vandalen in den Kommentarspalten der beiden Zeitungsportale hohe Wellen: Über 300 Leserbeiträge liefen innerhalb von drei Tagen allein bei der StZ auf. Viele Schreiber sinnieren darüber, wer nach Baumfällungen und Bahnhofsteilabriss als "wahre" Vandalen bislang in Stuttgart haust. Mancher Kommentator stört sich auch am Text der Meldung, die S-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich viel Raum für teils fragwürdige Behauptungen gibt. "Wir sind schockiert angesichts der rücksichtslosen Zerstörungswut der Projektgegner, die auch vor Sachbeschädigung nicht zurückschrecken und damit Schäden im fünfstelligen Bereich verursachen", zitieren die Online-Portale den S-21-Sprecher.

"Woher, Herr Dietrich, wissen Sie, dass es Gegner waren?", entgegnet ein Kommentator namens "Singapore". "Gibt es Beweise? Wenn nicht, dann ist es Verleumdung", bemerkt ein "Ernst". Auch die Schadenshöhe wird angezweifelt. Ein Bild vom tatsächlich entstandenen Schaden konnten sich die Leser im Internet nur kurz machen: die einzige Aufnahme, die zerrissene Papierfotos zeigte, wurde nach wenigen Stunden aus der Online-Fotogalerie der Zeitungsportale gelöscht. "Herr Dietrich fabuliert wegen ein paar laminierter Farbkopien von Schäden in fünfstelliger Höhe, ja geht's denn noch?", bemerkt ein Kommentator namens "Zuffenhäuser".

"Beide Texte sind im Wortlaut identisch"

Derartige (kritische) Fragen hat die Online-Redaktion im Stuttgarter Pressehaus offenbar weder dem S-21-Projektsprecher noch der Polizei gestellt, bevor sie den Beitrag ins Netz setzte. Diesen Job übernahmen die Leser. Sie verglichen den Online-Bericht mit einer Pressemitteilung des Stuttgart-1-Kommunikationsbüros, in der Projektsprecher Dietrich ebenfalls die Informationsplattform als "Opfer von Vandalismus" darstellt. Das Ergebnis der Leserrecherche bestätigt diejenigen, die Presse und Medien nicht länger als vierte, unabhängige Gewalt in unserem Land sehen. "Beide Texte sind im Wortlaut identisch!", konstatierte ein gewisser "Max Baumeister".

Während die CSU von München aus die "heute"-Redaktion des ZDF in Mainz vergeblich auf Parteilinie zu bringen versuchte, gelingt im Schwabenland die Einflussnahme auf eine Redaktion in einem der größten Medienhäuser der Republik durch die Deutsche Bahn offenbar eins zu eins. Für Journalistenverbände, die seit geraumer Zeit den Qualitätsjournalismus durch Spardiktate auf Verlagsebene und Druck von außen durch Unternehmen und Parteien gefährdet sehen, eine bedenkliche Entwicklung: "Der Pressekodex des Deutschen Presserates ist eindeutig", kommentiert Gerd Manthey, Mediensekretär bei Verdi, den Vandalen-Fall.

So beschreibt der Standeskodex etwa unter Ziffer 2, wie Journalisten zu arbeiten haben, nämlich sorgfältig: "Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben." Und: "Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen", heißt es. Ziffer 7 betont zudem die klare Trennung werblicher oder geschäftlicher von redaktionellen Inhalten.

Die wörtliche Wiedergabe von PR-Texten ist kein Qualitätsjournalismus

Für Gewerkschaftsmann Manthey hätten die Online-Redakteure, wenn die Vorwürfe zutreffen, eine Grenze überschritten. "Wer den Kodex nicht einhält, verstößt gegen den Artikel 5 Grundgesetz und seinen Auftrag zur Sicherung der Pressefreiheit. Der Leser müsste den Kodexverletzer fürderhin durch Nichtlesen bestrafen", sagt Manthey. Hendrik Zörner vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) bekräftigt: "Fest steht, dass Recherche unverzichtbarer Bestandteil von sorgfältiger journalistischer Berichterstattung ist. Die wörtliche Wiedergabe von Pressemitteilungen hat mit kritischem Qualitätsjournalismus nichts zu tun."

Warum im Stuttgarter Pressehaus journalistisches Handwerkszeug gegen Copy-and-Paste getauscht wird, statt vor Ort den Schaden zu begutachten oder wenigstens zum Telefonhörer zu greifen, bleibt ungeklärt. Anrufer, die sich über den "Propaganda"-Journalismus beschwerten, bekamen ausweichende Antworten. Auf Kontext-Anfrage gab der Leiter der Online-Redaktion der Stuttgarter Zeitung, Tobias Köhler zu Protokoll: "Wir sind dabei, die Angelegenheit zu prüfen. Allerdings weist einiges darauf hin, dass hier unsere journalistischen Standards nicht eingehalten worden sind. Bis wir die Sache geklärt haben, haben wir den Artikel offline genommen." Gesagt, getan: kurz nach der Antwort aus dem Pressehaus war der Text gestern Nachmittag aus dem Internet-Auftritt der Stuttgarter Zeitung gestrichen – nur noch die Originalmeldung war im Netz zu finden, auf der Seite bahnprojekt-stuttgart-ulm.de.

Stuttgart-21-Gegner bestätigt der Vandalen-Bericht indes in der Überzeugung, dass die beiden großen Stuttgarter Tageszeitungen unausgewogen über das Milliardenprojekt berichten. Zur Ehrenrettung der Redaktionen ist zu betonen, dass die gedruckten "Stuttgarter Nachrichten" differenzierter über die zerstörten Schautafeln berichteten, was später auch als Online-Meldung erschien.

Hier finden Sie die Pressemitteilung des S-21-Kommunikationsbüros, hier die Veröffentlichungen im Online-Portal der "Stuttgarter Zeitung" und der "Stuttgarter Nachrichten", die inzwischen ins Leere laufen. Den Link zum Screenshot mit dem Original-Artikel der StN gibt es hier.

PS: Die Tage des Kommunikationsbüros Stuttgart 21 und seines Chefs Wolfgang Dietrich scheinen trotz solcher Erfolge gezählt zu sein. Nachdem bereits das Verkehrsministerium die Mitgliedschaft im Kommunikationsbüro seit dem Regierungswechsel ruhen lässt, könnte der Wechsel im Stuttgarter Rathaus Bewegung in das Büro in der Stuttgarter Jägerstraße bringen, in dem immerhin 13 Menschen arbeiten. Fritz Kuhn hat mehrfach erklärt, dass er das Büro von einem "Marketinginstrument der Bahn zu einer unabhängigen, unparteilichen Informationsplattform und Anlaufstelle für alle Bürgerinnen und Bürger" umwandeln will. Das wird aber mit Bahnchef Rüdiger Grube und seinem Golffreund Wolfgang Dietrich nicht möglich sein. Jochen Stopper wird schon deutlicher: "Es wäre das Stilvollste, wenn sich Herr Dietrich selbst zurückziehen würde", sagt der Grünen-Stadtrat und Stuttgart-21-Spezialist.


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3 Kommentare verfügbar

  • Dieter
    am 08.11.2012
    Antworten
    Danke für diesen Artikel, liebes Kontext Team. Leider hat es nichts genutzt. Heute in der Stuttgarter Zeitung die nächste, von der dpa, eingetippte Hetzkampagne. Ohne Nachfragen oder Eigenrecherche veröffentlicht, weil es in Ihr Stuttgart 21 Gegner Konzept pass. Witzig ist, daß unter Stuttgart ein…
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