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Protest an Stuttgarts Hochschulen

Graswurzelig

Protest an Stuttgarts Hochschulen: Graswurzelig
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Studierende haben in der Krise mit vielen Problemen zu kämpfen. Eine Interessenvertretung fehlt dem akademischen Nachwuchs. Mit dem Status quo gibt sich eine Handvoll junger Leute aus Stuttgart nicht mehr zufrieden.

Diese sieben Stühle wollen Wandel in die Politik tragen. Auf ihnen sitzen fünf Studierende der Kunstakademie Stuttgart (ABK) und zwei LeidensgenossInnen der Uni Stuttgart. Sie haben es satt. Denn: "Es gibt keine Lobby für Studierende." Das sagt Julia Scholl, 28, im achten Semester. Endlich gehört werden, gesehen werden, verstanden werden. Von der Politik. Für dieses Ziel organisieren sie sich hier, mit sehr graswurzeligem Charakter – das Instrument wird gelernt, während man das Konzert gibt. Einen Namen für ihre Truppe haben die jungen Menschen noch nicht. "Ich fühle mich müde", sagt Jan Gräfenstein, "Wut ist es nicht." Der 22-jährige Student der Uni Stuttgart meint, es gebe derzeit einfach keine Perspektive.

Mit Zigarettenrauch, Stadtluft und Tatendrang formiert sich die Rebellion, die genug von leeren Hörsälen und schwarzen Konferenz-Kacheln hat. Initialzündung war der Austausch zwischen dem Autoren Joe Bauer (der alle zwei Wochen für Kontext kolumniert) und einigen AkademikerInnen in spe. Täglich, erzählt er, erreichen ihn drei bis vier Anfragen von Studierenden, die die Künstlersoforthilfe in Anspruch nehmen wollen – ein Projekt, das Notleidenden in der Pandemie unbürokratisch Geld auszahlt (Kontext berichtete). Bauer konterte Anfragen mit einem Vorschlag: Warum geht ihr nicht an die Öffentlichkeit? Nicht alle, die um Hilfe baten, nahmen diese aktivistische Anregung auf. Julia Scholl war eine, die zurückschrieb.

Innerhalb kurzer Zeit war ein erstes Treffen in den Räumlichkeiten des Württembergischen Kunstvereins (WKV) organisiert. Jetzt ist es die vierte Sitzung. Social-Media-Posts werden besprochen, eine Website soll aufgesetzt werden. Schriftführer Max notiert Ideen in seinen Laptop. Der wichtigste Punkt heute: die Redebeiträge. Für die erste Kundgebung, die nächsten Montag stattfindet, steht das grobe Gerüst schon. Auch KommilitonInnen aus Konstanz werden anreisen, um auf der Bühne zu sprechen. Psychische Probleme junger Menschen, die Misere wegbrechender Nebenjobs, Studiengebühren und die Tücken des pandemischen Hochschulalltags sollen thematisiert werden. Bürden einer Generation, die in der Viruskrise gerne mal übergangen wird – ganz so, als wäre die Umstellung auf digitale Vorlesungen das einzige Beschwernis.

"Qualität gesunken, Ansprüche sind dieselben"

Vier zentrale Forderungen bringen die Studis mit. Die Beratungsstellen an den Unis seien überlaufen, Kapazitäten müssten aufgestockt werden, sagt Jan, der technische Biologie im achten Semester studiert. Um den Verlust der Nebenjobs abzufedern, den viele Lernende erleiden, wünschen sie sich zudem die Aussetzung des Semesterbeitrags – zumindest rückwirkend. Die Möglichkeit, Prüfungen, die nur einmal jährlich stattfinden, an zwei Terminen anzubieten, halten Jan, Julia & Co. für sinnvoll. Biologie-Student Jan bemängelt zudem eine "Diskrepanz, die nicht da sein sollte". Denn: "Die Lehre ist in der Qualität gesunken, die Ansprüche sind jedoch dieselben." Auch Studiengebühren für ausländische StudentInnen sollen abgeschafft werden, fordert die junge Truppe.

Die Rückkehr zur Präsenz-Lehre würden sie sich ebenfalls wünschen. Am 27. Mai forderte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) beim "Impfgipfel" gezielte Impfangebote für Studierende, um schneller wieder physische Vorlesungen anbieten zu können. Man entschied sich jedoch für stilles Abwarten. Auf der Website des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums heißt es mit feurigem Engagement: "Am 7. Juni 2021 entfällt die Impfpriorisierung, damit können auch Studierende sich um einen Impftermin bemühen."

Kretschmann räumt "Wahrnehmungsdefizit" ein

Wie beschwerlich der Hochschulalltag sein kann, erzählt Kunststudentin Julia. Die 28-Jährige erinnert sich: Mit Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 war es zunächst überhaupt nicht möglich, die eigenen Werke im Atelier abzuholen. Mittlerweile sei das zwar machbar, doch für alles – Malerwerkstatt, Siebdruck, Atelier – müsse man vorher einen Härtefallantrag stellen. Seit vergangenem Herbst hat sie Online-Vorlesungen, nur ein einziges Mal gab es ein Seminar physischer Natur. Jan hakt ein: Die Labortätigkeiten seines Studiums, die von sehr großer Bedeutung seien, konnten nur online durchgeführt werden. Julias Empfinden hinsichtlich der Politik und deren Maßnahmen denaturierte von Verständnis zu Resignation. Doch jetzt sei Hoffnung da, gar ein "Handlungsdrang".

Vor etwas mehr als zwei Wochen, am 20. Mai, trafen sich die grüne Wissenschaftsministerin Theresia Bauer und Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit Studierenden. An diesem Donnerstag fand auch das erste Treffen der jungen AktivistInnen statt. Kretschmann sprach von einem "Wahrnehmungsdefizit" in Bezug auf die Studierenden, wofür er sich "auch wirklich entschuldigen" wolle. Bauer lobte allerdings die Online-Lehre. Ein "unglaublicher Kraftakt" sei das gewesen, der "bemerkenswert gut gelungen" sei.

Knackpunkt bleibt die Knete

Bereits im Vorfeld gab es Kritik von Studierendenvertretungen. Der Gipfel – nach über einem Jahr Pandemie – sei viel zu spät gekommen. Einer der größten Knackpunkte ist und bleibt allerdings: die Knete. Die Hilfen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wurden verlängert und können momentan bis September 2021 beantragt werden. Doch die vollmundig versprochenen Zuschüsse für die zukünftige Bildungselite sind in der Realität nur spärliche Hilfen.

Zunächst einmal erhält den Zuschuss nur, wer seine Notlage nachweisen kann sowie zum Zeitpunkt der Antragstellung weniger als 500 Euro auf dem Konto hat. Dann greift die Staffelung des Systems. Wer unter 100 Euro vorweisen kann, bekommt die vollen 500 bezuschusst. Wer allerdings zwischen 400 und 499 besitzt, bekommt nur noch 100 Euro Zuschuss. Dass das Leben in den allermeisten Uni-Städten damit nicht finanzierbar ist, dürfte dem BMBF wohl entgangen sein.

Auf die Straße, in die Köpfe

Studierende – so scheint es – sind Subjekte, die seit Beginn der Krise konsequent an die Peripherie der medialen und gesellschaftlichen Aufmerksamkeit gedrängt wurden. Um jene Sichtbarkeit herzustellen, die so sehr fehlt, nehmen sie es jetzt selbst in die Hand. Lokale Tageszeitungen, der SWR und das "Deutschlandradio" sind schon informiert. Bald geht es auf die Straße und ihr Anliegen in die Köpfe der Menschen, so die Hoffnung.

Doch eine Frage bleibt: Warum nicht schon früher? Warum erst jetzt? Jan und Julia grübeln. Die beiden mutmaßen, dass es schlicht die fehlende Vernetzung war. Abends zusammensitzen und diskutieren, einen Rahmen schaffen, in welchem Ideen keimen können – das sei durch die Online-Lehre einfach nicht möglich gewesen.


Die Kundgebung der jungen AktivistInnen findet am Montag, dem 14. Juni um 19 Uhr auf dem Stuttgarter Karlsplatz statt. Unter dem Motto "Wir wollen studieren – nicht stagnieren!" wollen sie auf studentische Probleme in der Pandemie aufmerksam machen. Ihre Website ist inzwischen online.


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1 Kommentar verfügbar

  • R.Gunst
    vor 4 Tagen
    Antworten
    Studenten gründen wieder mal eine Bwegung. Bei dieser Nachricht könnte man Hurra brüllen, wäre es nicht wieder eine Bewegung, die lamentiert und weinerlich klagt. Von mangelnden Beratungsstellen für psychisch Leidende, bis hin zur sinkenden Qualität der Lehre geht das Murren unzufriedener Studenten.…
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