KONTEXT:Wochenzeitung
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Katastrophe mit Ansage

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 Fotos: Jens Volle 

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Mehr als die Hälfte der Geflüchteten in Ellwangen ist inzwischen positiv auf Corona getestet. Die Schutzmaßnahmen der Behörden zeigen wenig Wirkung. Manche Beschäftigte der Massenunterkunft tragen nicht einmal Mund-Nasen-Schutz. Und die Bewohner haben Angst. Ein Besuch vor Ort.

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Wären da nicht die vielen geschlossenen Geschäfte und die vereinzelten Menschen, die Masken tragen, um ihr Umfeld zu schützen, würde in Ellwangen an diesem sommerlichen Frühlingstag kaum auffallen, dass etwas außergewöhnlich ist. Jung und Alt treibt es ins Freie, spielende Kinder wirken recht unbeschwert. In sorgsam gepflegten Vorgärten schnippeln oberkörperfreie Senioren an Rispenstauden und Hecken herum. Nur etwas außerhalb der Ortschaft, vor der Landeserstaufnahmestelle (LEA) für Geflüchtete, scheint etwas seltsam: diese sonderbare Ruhe.

587 Bewohner leben hier. Aber trotz verlockender 25 Grad an diesem 17. April traut sich kaum jemand von ihnen nach draußen. Die gesamte Einrichtung steht seit Monatsanfang unter Quarantäne, die Polizei überwacht rund um die Uhr, dass niemand das Gelände verlässt. Der große Außenbereich dürfte aber theoretisch genutzt werden. Die wenigen, die ihre Wohnblöcke verlassen, wirken ängstlich. Eine beklemmende Stille liegt an diesem Tag über der LEA.

Zum Zeitpunkt unseres Besuchs (ohne das Gelände zu betreten) sind nach Angaben der Stadt Ellwangen weit mehr als die Hälfte, nämlich 313 BewohnerInnen der LEA positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Und der Mann, der an der Pforte sitzt, trägt keine Maske, nicht einmal einen einfachen Mund-Nasen-Schutz – trotz entsprechender Anweisungen des Regierungspräsidiums.

Keine drei Wochen ist es her, dass der erste Corona-Fall in der Einrichtung öffentlich bekannt wurde. Dem SWR gegenüber betonte der Leiter der LEA, Berthold Weiß, am 3. April, dass die Ellwanger Einrichtung auf Corona-Infizierte vorbereitet sei. Eine Einschätzung, die sich als mindestens fragwürdig erweisen sollte.

Innerhalb von zehn Tagen mindestens 244 Infizierte

Am 5. April veröffentlichen die Stadt Ellwangen, das Landratsamt Ostalbkreis und das Regierungspräsidium Stuttgart eine gemeinsame Presseerklärung: "Inzwischen sind sechs weitere LEA-Bewohner an COVID-19 erkrankt und isoliert." Dabei wird eingeräumt, dass die direkten Kontaktpersonen der Betoffenen "nicht mehr gesichert ermittelt" und die "Infektionsketten damit nicht lückenlos nachverfolgt" werden könnten. Die LEA wird unter Quarantäne gestellt, für die Bewohner gilt seitdem ein Ausgangs- und Kontaktverbot. Erklärtes Ziel der verantwortlichen Behörden ist es nun, innerhalb von zwei Tagen alle BewohnerInnen sowie die rund 200 Beschäftigten der LEA zu testen, "um eine Masseninfektion auszuschließen".

Das Ergebnis ist bekannt. Zehn Tage später sind bereits 251 Geflüchtete in der LEA positiv auf Corona getestet und verschiedene Medien berichten auf Grundlage einer dpa-Meldung, die Behörden stünden "vor einem Rätsel", wie es dazu kommen konnte. Der SWR hat recherchiert und äußert den Verdacht: "Die starke Ausbreitung könnte eine ganz einfache Ursache haben. Vermutlich sind die beengten Wohnverhältnisse in der Gemeinschaftsunterkunft in Ellwangen (Ostalbkreis) der Grund für die vielen Ansteckungen."

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch der baden-württembergische Flüchtlingsrat, der noch am gleichen Tag, dem 15. April, in einer Stellungnahme betont, "dass das hohe Infektionsrisiko weiterhin besteht, so lange Menschen in den Lagern leben müssen, wo sie zum Beispiel Badezimmer, Toiletten und Kantine mit vielen anderen teilen müssen". Außerdem heißt es dort: "Trotz der aktuell vorherrschenden Rhetorik, wonach alle im Rahmen einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung an einem Strang ziehen, um die Pandemie um jeden Preis einzudämmen, erkennt der Flüchtlingsrat in den Äußerungen und dem Verhalten einiger Behörden eine Denkweise, die Geflüchtete aus diesem gedachten Kollektiv ausgrenzt."

Immer wieder wurde vor den Risiken gewarnt

Menschenrechtsorganisationen wie "Pro Asyl" warnen bereits seit Jahren vor den Gefahren der Massenunterbringung in Flüchtlingsunterkünften. Dass dort, wo viele Menschen auf engstem Raum zusammenleben, mit hohen Infektionsraten gerechnet werden muss, belegt unter anderem eine Einschätzung des Arztes Christoph Bauer, Leiter des Heidenheimer Gesundheitsamts: "In Massenunterkünften würde sich ein solcher Virus sehr schnell verbreiten, auch die Isolierung von Kranken ist nur begrenzt möglich", sagte er, damals bezogen auf das Norovirus, gegenüber der "Heidenheimer Zeitung". Das war im Oktober 2015.

Nachdem die absehbare Katastrophe eingetreten ist, berichtet die "Heilbronner Stimme" am 15. April 2020: "Eine Sprecherin des Regierungspräsidiums nannte die Entwicklung überraschend." Schließlich habe man "seit Anfang März alle notwendigen Maßnahmen ergriffen". Seitdem würden alle Neuzugänge standardmäßig getestet, die Infizierten und Nicht-Infizierten bringe man getrennt unter. Zu den nun ergriffenen Maßnahmen gehöre neben Aufklärungsarbeit und der Ausgabe von Lunch-Paketen auch "eine großzügige Bestuhlung der Kantine". Zudem werde das Infektionsrisiko nach Angaben des Innenministeriums "durch die Reduzierung der sozialen Kontakte auf ein absolutes Mindestmaß so weit wie möglich minimiert".

Am selben Tag veröffentlichte der SWR ein Interview mit Thomas Deines vom Regierungspräsidium Stuttgart, der – bei damals 251 positiv getesteten Bewohnern in der LEA – von "einer ganz guten Situation" spricht, "die wir handeln können". Außerdem versichert er: "Wir tragen alle einen Mund-Nase-Schutz, um uns gegenseitig zu schützen. Wenn wir Kontakt zu Geflüchteten haben, tragen wir eine Atemmaske." Bei unserem Besuch vor Ort, nur zwei Tage später, stellt sich heraus, dass diese Aussage nicht den Tatsachen entspricht. Bei dem Mann an der Pforte, der auf Schutz verzichtet, handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Auch ein LKW-Lieferant hält Vorkehrungen offenbar für überflüssig und sogar im Bereich der Kantine lässt sich maskenloses Personal bei der Arbeit beobachten.

Keine Maskenpflicht im Freien

Auf Anfrage von Kontext betont eine Sprecherin des Regierungspräsidiums, dass sowohl Beschäftigte der LEA als auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der in der LEA beschäftigten Dienstleister angewiesen sind, entsprechende Schutzkleidung zu tragen. "Sollten diese Vorgaben nicht beachtet werden, erfolgt unverzüglich ein entsprechender Hinweis an die jeweiligen Beschäftigten." Darüber hinaus gilt: "Außerhalb des Kontaktes mit anderen Beschäftigten oder Bewohnerinnen und Bewohnern der Einrichtung kann beim Aufenthalt im Freien eine Masken auch abgenommen werden. Hierbei sind auch maximale Tragedauern von Masken und die Belastungen bei sehr langer Tragedauer zu berücksichtigen."

Auch seien innerhalb der LEA "unterschiedliche Gebäude für die Unterbringung positiv getesteter Personen definiert, sodass eine getrennte räumliche Unterbringung möglich ist". Zudem habe man die Essensausgabe auf die Ausgabe von Essens-Paketen umgestellt: "Positiv und negativ Getestete werden an unterschiedlichen Ausgabestellen versorgt." Wie wirksam sich die Ausbreitung durch die Maßnahmen verhindern lässt, wird sich erst noch zeigen. Das Regierungspräsidium räumt auf Anfrage ein: "Leider können wir nicht ausschließen, dass es zu einer weiteren Zunahme kommt. Wir tun alles, um dies zu verhindern." Bis neue Erkenntnisse voliegen, dauert es jedoch noch ein paar Tage. So gaben die zuständigen Behörden am 17. April bekannt, dass man "Ende der nächsten Woche" erneut Tests durchführen wolle, um – als stünde das Resultat bereits fest – "... Gewissheit über den Bruch der Infektionskette zu erhalten".

Auf Antrag des Landes Baden-Württemberg wird in der LEA nun auch die Bundeswehr zum Einsatz kommen, wofür Innenminister Thomas Strobl (CDU) ausgesprochen dankbar ist: "Auf die Bundeswehr ist Verlass, wir können auf die Bundeswehr zählen", kommentierte er am vergangenen Montag. 35 SoldatInnen sollen die LEA in Ellwangen nun "beim Betrieb der Einrichtung" unterstützen, "sowie im pflegeähnlichen Bereich sowie bei der Unterstützung der medizinischen Betreuung, beispielsweise beim täglichen Fieber-Monitoring". Noch zu diesem Zeitpunkt ist Regierungspräsident Wolfgang Reimer (Grüne) der Auffassung: "Wir haben schnell und umfassend alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, um eine Verbreitung des Virus zu verzögern."

Hotelzimmer stehen derweil nutzlos leer

Ganz anders bewerten die Betroffenen die Situation. Am Telefon berichtet Amar Hadin, der seinen richtigen Namen aus Angst vor Repressalien nicht nennen will, aus dem Quarantäneblock. Mit bebender Stimme schildert er im Gespräch mit Kontext, wie seine Frau Anfang April unter der Dusche kollabiert und mit Fieber ins Krankenhaus eingeliefert worden sei. Doch noch am selben Tag habe man sie zurückgeschickt. "Sie sah halb tot aus", sagt er und ringt um Beherrschung. Irgendwann, in der Monatsmitte, wären plötzlich Männer in ihrem Zimmer gestanden und gesagt, dass sie umziehen müssen. "Was passiert hier mit uns? Ich habe das überhaupt nicht verstanden." Ein paar Nächte lang habe seine Frau jede Nacht geweint. Inzwischen liege sie wieder im Krankenhaus – ein weiterer, bestätigter Corona-Fall. Er selbst zeige – wie die meisten der Betroffenen in Ellwangen – einen eher milden Krankheitsverlauf.

Hadins Schilderungen decken sich mit den Informationen des Flüchtlingsrats Baden-Württemberg. So lägen mehrere Berichte von BewohnerInnen vor, dass sie "über die Einrichtung von Quarantänebereichen, über die Beschränkung des Zugangs zur Kantine und über Testergebnisse nicht informiert worden seien und dass die Lokalpresse über die aktuelle Situation in der Einrichtung mehr wisse als die Menschen, die dort leben".

Noch weitaus drastischer beschreibt Rex Osa, Aktivist für die Rechte von Geflüchteten, die Lage. Er steht in regem Austausch mit den Betroffenen in Ellwangen – und bestreitet, dass die Isolation funktioniert: "Alle Bewohner müssen weiterhin in einen gemeinsamen Raum, um sich ihr Essen abzuholen." Dieser sei lediglich, wie Aufnahmen aus dem Inneren zeigen, durch einen Bauzaun in zwei Bereiche unterteilt. Zudem würden sich die Bewohner der Quarantäne-Blöcke den gesamten Außenbereich mit den anderen teilen, wobei es immer wieder zu Begegnungen komme. "Faktisch gibt es keine Trennung von positiv und negativ Getesteten." Und er äußert einen ungeheuerlichen Verdacht: "Wir befürchten, dass die Verantwortlichen die Menschen im Lager Ellwangen zu einem Durchseuchungsexperiment missbrauchen und eine monatelange Schließung des Lagers durch die Bundeswehr absichern wollen." Das mögen irrationale Ängste sein, für die es keine Belege gibt. Doch sie zeichnen ein vielsagendes Stimmungsbild.

Die Angst wächst, ebenso die Verzweiflung. Offensichtlich ist, dass sich die Wirksamkeit der ergriffenen Schutzmaßnahmen bislang in Grenzen hält. Wie sich das Infektionsrisiko für Geflüchtete effektiv reduzieren lässt, hat erst kürzlich die Stadt Freiburg demonstriert. Dort wurden bereits am Monatsanfang Personen aus der örtlichen LEA in eine Jugendherberge umquartiert. Da die Pandemie den globalen Tourismus völlig zum Erliegen bringt, sollte es auch in Ellwangen und Umgebung noch ein paar freie Plätze geben.


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