Albaufstiegspläne an der A 8: Edgar Kastner und Nicole Schäfer von der BI Dracki geben dem Regierungspräsidium Kontra. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 383
Gesellschaft

Bereit für Straßenkampf

Von Jürgen Lessat
Datum: 01.08.2018
Auf der A 8 zwischen Stuttgart und Ulm gehören Staus am Albaufstieg zum Alltag. Eine neue Autobahn soll das Nadelöhr aufweiten. Eine Bürgerinitiative bekämpft die Baupläne des grün geführten Regierungspräsidiums. Ihr Argument: Die Trasse zerstöre rücksichtslos den einzigartigen Albtrauf.

Im Nachkriegsdeutschland gehörte es lange zu den Lieblingstätigkeiten von Ministern, Landräten und Lokalpolitikern: das Durchschneiden eines Eröffnungsbandes, um einen Straßenneubau seiner Bestimmung zu übergeben. Die Schnippelei, meist umrahmt von Reden, Blasmusik und oft auch göttlichem Segen, garantierte schöne Bilder in der Lokalpresse und meist auch viele Stimmen bei der nächsten Wahl. Am steilen Albtrauf, bei Mühlhausen im Täle, rund eine Autostunde südöstlich der Landeshauptstadt Stuttgart (bei normaler Verkehrslage), warten AutofahrerInnen und AnwohnerInnen schon seit Jahrzehnten vergeblich auf eine derartige Zeremonie.

Zwar gibt es seit den 1970er Jahren Überlegungen und Pläne, die dort verlaufende Autobahn A 8 zwischen Stuttgart und Ulm, den sogenannten Albaufstieg, von vier (je zwei Auf- und Abwärtsspuren) auf sechs Fahrstreifen auszubauen. Geschehen ist an einem der engsten und steilsten Nadelöhre im deutschen Fernstraßennetz, das heute täglich 70 000 Fahrzeuge passieren, bislang wenig.


Seit 2010 lag das Vorhaben, bei dem es im Wesentlichen um einen Neubau der Autobahn mit neuer Streckenführung geht, auf Eis. Wegen der extrem hohen Baukosten, die sich – so der Stand heute – auf mehr als 600 Millionen Euro summieren sollen. Erst 2016 kommt Bewegung in die Sache. Der neue Albaufstieg taucht erstmals als "fest disponiertes Projekt" im aktuellen Bedarfsplan des Bundesverkehrsministeriums auf, die Finanzierung durch den Bund gilt als gesichert, so dass das Stuttgarter Regierungspräsidium (RP) weiter an dem Straßenprojekt planen konnte. Zuletzt lagen bis 24. Juli die 29 Aktenordner der fortgeschriebenen Trassenführung in den Rathäusern der Anrainergemeinden zur Einsichtnahme aus, inzwischen läuft die zweimonatige Frist für Einwendungen. Und die wird es wohl massenweise geben.

Denn vor Ort stößt das ausgemottete und aktualisierte Straßenbauprojekt auf massiven Widerstand. Allen voran seitens der Bürgerinitiative "A 8 Drackensteiner Hang", die seit Jahrzehnten vehement gegen die von Amtswegen favorisierte Trassenführung "Variante E" kämpft. In dieser soll der Verkehr künftig von Mühlhausen aus bis nach Hohenstadt auf einer gebündelten Trasse möglichst direkt den Albtrauf überwinden. Um den Höhenunterschied zu meistern, sind insgesamt vier große Bauwerke auf der rund 7,6 Kilometer langen Strecke erforderlich: eine 810 Meter lange und bis zu 51 Meter hohe Brücke über das Filstal, danach der 1,2 Kilometer lange Tunnel "Himmelschleife", dann eine weitere bis zu 71 Meter hohe Brücke über das Gosbachtal und zuletzt der rund 1,7 Kilometer langer Tunnel "Drackenstein".

Albtraumhaft: Brücken-Tunnel-Kombi wider die Topografie

Für die Gegner ist das eine Planung gegen Mensch, Natur und Vernunft. "Die Trasse E schneidet rücksichtslos durch das empfindliche Gebiet des Albtraufs", sagt Edgar Kastner, Sprecher der Bürgerinitiative. Die Brücken-Tunnel-Brücken-Tunnel-Kombination berücksichtige in keiner Weise die einzigartige Topografie dieser Gegend: die sanft wellige Albhochfläche, die an dieser Stelle in den abrupten Geländeabbruch mit bewaldeten Steilhängen übergehe in das bislang naturnahe Gostal mit Feuchtbiotopen und einer völlig anderen Vegetation. Zudem fresse die neue Autobahn viel Fläche und zerstöre "nicht nur eine besonders wertvolle Landschaft, sondern beeinträchtigt auch den Lebensraum einer ländlichen Bevölkerung negativ", sagt er. Der einzige Vorteil dieser Streckenführung sei ein minimaler Zeitgewinn für Autofahrer von nicht einmal drei Minuten. "Das kann diese Zerstörung keinesfalls aufwiegen", sagt Kastner.

"Wir haben die bessere Lösung", wirbt die Bürgerinitiative für eine Trassenführung, die in früheren Planungsstadien noch als K-Variante zur Diskussion stand. Bei ihr würde die neue Autobahn den Albaufstieg in einem rund 1,7 Kilometer langen Tunnel überwinden. Der große Vorteil aus Sicht ihrer Fürsprecher: Das naturnahe Gosbachtal zwischen dem Bad Ditzenbacher Ortsteil Gosbach und der Gemeinde Drackenstein bliebe unberührt und der Flächenverbrauch auf der Albhochfläche wäre marginal. Der Nachteil: Um die Steigung im Tunnel auf fünf Prozent zu begrenzen, müsste die Autobahn mittels einer langen Rampe und einer höheren Brücke über das Filstal an Höhe gewinnen. 

Für Kastner ist das kein Nachteil. "Die größere Höhe der Filstalbrücke sorgt für weniger Lärm in den Ortschaften unterhalb", argumentiert er. Außerdem erscheine eine hohe Brücke weniger störend, weil sie mehr Durchblick ermögliche. Und: "Mit der K-Trasse lassen sich 100 Millionen Euro sparen", ergänzt er. Denn statt vier aufwendigen Bauwerken im Zuge der E-Variante müssten schließlich nur ein Tunnel und eine Brücke gebaut werden.

Tatsächlich geben selbst die Gutachter des RPs der amtlich bevorzugten Trasse keine guten Öko-Noten. "In den offen geführten Abschnitten gehen von der Variante E hohe Risiken für die Schutzgüter Tiere und Pflanzen, Boden, Fläche sowie Landschaft (Landschaft, landschaftsbezogene Erholung) aus", lautet deren Einschätzung. Außerdem sehen sie "hohe Risiken durch Beeinträchtigungen des Freiraum- bzw. Biotopverbundes sowie des Landschaftsbildes". Das vernichtende Urteil: "Insgesamt ist die Variante E am schlechtesten einzustufen."

Für die Planer kein Hinderungsgrund. Die E-Trasse sei entwurfstechnisch, sicherheitstechnisch, baubetrieblich und wirtschaftlich besser, betont eine RP-Sprecherin auf Kontext-Anfrage. Die hohe Filstalbrücke sei eine "erhebliche und insbesondere einseitige Beeinträchtigung" des Filstals. Außerdem müsste für die K-Trasse ein Kilometer des bereits fertiggestellten Ausbauabschnittes ab dem Rasthof Gruibingen zurückgebaut werden und es gebe eine erhebliche Lärmbeeinträchtigung für Gruibingen und Mühlhausen, die wiederum mit aufwendigen Lärmschutzkonstruktionen einzudämmen sei. In einem früheren Gerichtsverfahren hatte der Verwaltungsgerichtshof Mannheim all das allerdings ausdrücklich nicht als Hindernis für den Bau der K-Trasse gesehen. "Der Bau der Straße wäre ohne Weiteres möglich", urteilten die VGH-Richter im Mai 2000, auch, wenn der fertiggestellte Abschnitt ab der Raststätte damit umsonst gewesen wäre.

Denkmalgeschützt

Die A 8 gehört im Bereich des Albaufstiegs zu den ältesten Autobahnstrecken Deutschlands. Die Albabstiegstrasse wurde 1937, die Albaufstiegstrasse 1957 mit jeweils zwei Fahrstreifen fertiggestellt. Dieser Autobahnabschnitt ist das einzige denkmalgeschützte Autobahnteilstück in Baden-Württemberg und eines der wenigen bundesweit. Das besondere Kennzeichen der damaligen Autobahnplanung ist die Einbindung der Trasse in den landschaftlich reizvollen Albtrauf der Schwäbischen Alb. Kleine Parkplätze an der Strecke sollten zur Aussicht ins Filstal und auf die von Paul Bonatz entworfenen Bogenbrücken, wie etwa die 47 Meter hohe Drachenlochbrücke, einladen. (jl)

Dennoch bleibt das RP bei seiner Variante: 3,8 Kilometer kürzer, die geplante Gosbachtalbrücke sorge dank Höhe und guter Lage für weniger Verkehrslärm, und die K-Trasse der Bürgerinitiative sei "alleine schon aus naturschutzrechtlichen Gründen nicht genehmigungsfähig", so die Sprecherin. Die vermeintlichen K.-o.-Kriterien bringen den Vertreter der Bürgerinitiative erst recht auf die Palme. "Unsere K-Variante wird bewusst schlechtgeredet", sagt Kastner.

Bis einschließlich 24. September können Betroffene Einwendungen zu den Planänderungen schriftlich beim Stuttgarter RP einreichen. Voraussichtlich Anfang nächsten Jahres sollen diese öffentlich erörtert werden. Im Herbst 2019 soll laut RP die neue Autobahn planfestgestellt, sprich, der Baubeschluss gefasst sein. Frühestens 2021 würden dann die ersten Bagger an der neuen Autobahn buddeln. Die Bauarbeiten sollen fünf bis sechs Jahre dauern. Die Baukosten für den neuen Albaufstieg werden derzeit auf 603 Millionen Euro veranschlagt; im Jahr 2005 lagen sie noch bei 394 Millionen Euro. 

In trockenen Tüchern sind Termine und Kosten aber längst nicht. Auch weil sich die Bürgerinitiative nicht geschlagen geben will. "Sollte das Regierungspräsidium weiter nur auf die E-Trasse setzen, werden wir durch alle Instanzen klagen, um die Zerstörung des Albtraufs zu verhindern", kündigt deren Sprecher heute schon an. Relativ sicher ist, dass nach Fertigstellung das Verkehrsaufkommen am Albaufstieg weiter steigen wird: von derzeit rund 68 000 auf dann 86 100 Kraftfahrzeuge pro Tag, so die Prognose von Verkehrswissenschaftlern.


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3 Kommentare verfügbar

  • Martin Rommel
    am 04.08.2018
    Zu einem guten journalistischen Text gehört es, dem Leser aufzuzeigen, wie die Eigeninteressenlagen der Informanten sind. In diesem Fall musste ich es leider selber googeln: Kastner ist Betroffener, er will nicht (nur) die schwäbische alb schützen, sondern allem Anschein nach auch oder zuvorderst sein (womöglich eigenes) Haus.


    Es ist hier wie bei s21: mich überzeugt der sachliche Protest ohne wirtschaftliche Eigeninteressen immer mehr als der bourgeoise Protest von betroffenen Immobilienbesitzern.
    • M. Stocker
      am 05.08.2018
      Ähm, wollen Sie damit sagen, dass die hunderttausenden von Baden-Württembergern, die zeitweilig aktiv gegen den geplanten Minderleistermurks S21 protestierten und immer noch protestieren, alles von Enteignung bedrohte Immobilienbesitzer sind? Mein Gott, dieser uralte Propagandamüll, das hatten wir doch schon x mal. Lassen se sich was neues einfallen.
    • Jan Heidergott
      am 25.11.2018
      ... und wer ist dann Martin Rommel? Welche Interessen verfolgt er und wie beeinträchtigt oder nutzt ihm das Projekt? Sollten Sie mal in der Nähe sein, dann besuchen Sie doch einmal das schöne Filstal und machen sich ein Bild, vielleicht reden Sie dann nicht mehr so abgehoben daher. VG

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