Ausgabe 360
Gesellschaft

Seelsorge mit Schlagseite

Von Danijel Majic
Datum: 21.02.2018
Nach einer Mahnwache für einen verurteilten Kriegsverbrecher untersagt die Diözese Rottenburg-Stuttgart der kroatisch-katholischen Gemeinde in Stuttgart weitere derartige Veranstaltungen. Es ist nicht das erste Mal, dass politisch fragwürdige Veranstaltungen in den Fokus der Kirchenoberen rücken.

Am Abend des 30. November 2017 erhellt der Schein dutzender Grablichter den Innenhof der kroatisch-katholischen Gemeinde in der Stuttgarter Heusteigstraße. Die in Plastik eingefassten Kerzen sind auf dem Boden vor dem Gemeindezentrum in Form eines Kreuzes angeordnet. An dessen Kopfende ducken sich zwei der Gemeindeseelsorger unter einen Regenschirm. Einer von ihnen spricht leise Gebete. Gemeindemitglieder stimmen murmelnd mit ein. Am unteren Ende des Kreuzes liegt die Fotografie jenes Mannes, dessen Tod Anlass für diese Mahnwache ist: Slobodan Praljak.

Slobodan Praljak bei der Urteilsverkündung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag am 30.11.2017. Foto:  Flickr/UN-
Slobodan Praljak bei der Urteilsverkündung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag am 30.11.2017. Foto: UN-ICTY/Flickr, CC BY 2.0

Wenige Stunden zuvor hatte sich der bosnisch-kroatische General vor laufenden Kameras im Saal des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag das Leben genommen – nachdem das Gericht ihn letztinstanzlich unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit während des Bosnienkrieges verurteilt hatte. Die Bilder des Suizids gingen um die Welt. In Kroatien sorgten sie für einen Aufschrei. Mehrere Vertreter der Staatsspitze, darunter Premier Andrej Plenković, bezeichneten das Urteil als Unrecht, selbstkritische Stimmen wie die des ehemaligen Präsidenten Ivo Josipović gingen eher unter. In zahlreichen Städten in Kroatien und im kroatisch geprägten Teil Bosnien-Herzegowinas fanden noch am selben Abend spontane Gedenkfeiern unter dem inoffiziellen Motto "Held – nicht Kriegsverbrecher" statt.

Auch bei der Andacht an der kroatisch-katholischen Gemeinde in Stuttgart handelte es sich um ein solches Heldengedenken. Auch diese Bilder verbreiten sich schon bald im Netz. Einige Tage später erreichen sie auch die Verantwortlichen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Dort ist man alles andere als angetan.

Das Rundschreiben, das am 5. Dezember 2017 die Leiter und die pastoralen Dienste der kroatischen Gemeinden erreicht, könnte nicht klarer formuliert sein. "Aus gegebenem Anlass möchte ich darauf hinweisen, dass in den Kroatischen Katholischen Gemeinden der Diözese Rottenburg-Stuttgart keine Gedenkfeiern oder Gottesdienste für den vom UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verurteilten Kriegsverbrecher Slobodan Praljak abgehalten werden dürfen", lautet die Anweisung – unterschrieben vom Rottenburger Domkapitular Paul Hildebrand. "Es steht ihnen als im Dienst der Diözese Rottenburg-Stuttgart stehenden Pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht zu, das Urteil des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag anzuzweifeln", heißt es weiter.

Seelsorger bringen politische Diskurse aus der Heimat mit

Domkapitular Paul Hildebrand: Der Gemeinde stehe nicht zu, "das Urteil des UN-Kriegsverbrechertribunals anzuzweifeln". Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart/Rainer Mozer
Domkapitular Paul Hildebrand: Der Gemeinde stehe nicht zu, "das Urteil des UN-Kriegsverbrechertribunals anzuzweifeln". Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart/Rainer Mozer

Dass der Domkapitular den kroatisch-katholischen Gemeinden eine derartige Anweisung geben kann, liegt daran, dass auch die muttersprachlichen Gemeinden der deutschen Kirchenhierarchie unterstehen. 43 kroatisch-katholische Gemeinden, die zusammen für rund 63 000 Menschen zuständig sind, unterhält das Bistum Rottenburg-Stuttgart, stellt Räumlichkeiten zur Verfügung und bezahlt die Seelsorger. Diese allerdings werden meistens aus Kroatien nach Deutschland entsandt – und bringen oft die politischen Diskurse aus der Heimat mit.

In kroatischen Medien erregte das Verbot einige Aufmerksamkeit. Die Reaktionen lassen sich grob entlang der politischen Frontverläufe einteilen: Von Verständnis (links) bis Entrüstung (rechts). In der kroatisch-katholischen Gemeinde in Stuttgart scheint man indes drei Monate später daran interessiert, die Wogen wieder zu glätten. "Die Reaktion der Diözese war zu erwarten und ist uns verständlich", erklärt der Gemeindepfarrer Zvonko Tolić auf Anfrage, "denn die Diözese wünscht nicht, dass die Räumlichkeiten unserer Gemeinde für politische Zwecke benutzt werden und das wollen wir auch nicht."

Die Aussage erstaunt. Nicht nur, weil es Tolić selbst war, der dem Gedenken am 30. November durch seine Aussagen gegenüber einem kroatischen Magazin einen politischen Anstrich gab. "Wir werden heute Abend für Seele des verstorbenen Generals beten", hatte der Pfarrer erklärt, "in der Überzeugung, dass er unschuldig ist. Auch beten wir für seine Familie und für uns alle zu Unrecht verurteilten Kroaten." Tolić übernahm damit das Argumentationsmuster der kroatischen Rechten, die jede Verurteilung kroatischer Militärs zu einem Urteil über die ganze Nation umzudeuten sucht.

Die Gemeinde nutzt ihre Räume immer wieder für politische Zwecke

Doch auch abseits des Praljak-Gedenkens, ist es alles andere als eine Ausnahme, dass die Räume der kroatisch-katholischen Gemeinde für "politische Zwecke" genutzt werden. 2008 etwa lud die Gemeinde den umstrittenen kroatischen Rockmusiker Marko Perković alias "Thompson" nach Stuttgart ein (Kontext berichtete 2016 über Thompson). Perković kokettiert immer wieder mit Symbolen und Inhalten der faschistischen Ustascha-Bewegung. Seine Popularität in Kroatien nutzt Perković, um im politischen Diskurs öffentlich Partei für nationalistische Positionen und Politiker zu ergreifen.

Seinerzeit intervenierte das Stuttgarter Stadtdekanat unter Prälat Michael Brock und lud Thompson wieder aus. Auftreten konnte dieser dennoch – diesmal auf Einladung der Kroatischen Kulturgemeinschaft, die nicht zufällig schräg gegenüber dem Gemeindezentrum angesiedelt ist. Das Verhältnis zwischen beiden Institutionen beschreibt Pfarrer Tolić als "sehr gute Zusammenarbeit". Die Mitglieder seien im Großen und Ganzen identisch.

Gedenkfeier für Slobodan Praljak in Stuttgart. Foto: Jens Volle
Gedenkfeier für Slobodan Praljak in Stuttgart. Foto: Jens Volle

Zwischen Kulturgesellschaft und Gemeinde hat sich in den letzten Jahre eine Art Arbeitsteilung etabliert. Die Gemeinde selbst stellt bei Bedarf Räumlichkeiten zur Verfügung, die Kulturgesellschaft tritt als Organisator von Veranstaltung mit politisch eindeutiger Schlagseite auf. Im März 2016 etwa organisierte die Kulturgesellschaft die Vorführung des Films "Jasenovac – Istina" (Jasenovac – die Wahrheit) des Regisseurs Jakov Sedlar. Der als Dokumentarfilm firmierende Streifen befasst sich mit dem größten Konzentrationslager des Ustascha-Regimes im zweiten Weltkrieg, in dem nach seriösen Schätzungen zwischen 80 000 und 100 000 Menschen ermordet wurden. Sedlar aber vertritt in seinem Film die These, dass es sich bei Jasenovac lediglich um eine Sammel- und Arbeitslager gehandelt habe. Zum Todeslager sei Jasenovac erst im sozialistischen Jugoslawien geworden.

Sedlars geschichtsrevisionistische Thesen sind nicht neu. Kroatische Nationalisten verbreiten sie teilweise schon seit Jahrzehnten. Wissenschaftlich haltbar sind sie nicht. Sedlars Film wurden unmittelbar nach seinem Erscheinen zahlreiche Falschbehauptungen und sogar Bildmanipulationen nachgewiesen. Was den Regisseur nicht davon abhielt, im Frühjahr 2016 mit seinem Film auf Tournee durch die kroatischen Gemeinden in Deutschland zu gehen.

Verschwörungstheoretiker und Rechtsradikale zu Gast

Nach Sedlar geben sich weitere umstrittene Gäste in der Stuttgarter Gemeinde die Ehre. Im November letzten Jahres etwa der kroatische Admiral a.D. Davor Domazet-Lošo, der seit einigen Jahren öffentlich behauptet, dass die anhaltenden Flüchtlingsbewegungen nach Europa unter anderem von US-Milliardär George Soros gesteuert würden – mit dem Ziel, das "christliche Europa" zu vernichten.

Auch schon eingeladen: Velimir Bujanec, hier in den 1990ern mit Hakenkreuzbinde, heute TV-Moderator. Foto: K. Solin/Wikime
Auch schon eingeladen: Velimir Bujanec, hier in den 1990ern mit Hakenkreuzbinde, heute TV-Moderator. Foto: K. Solin/Wikimedia, CC BY-SA 4.0

Mitte Januar wiederum besuchte der TV-Moderator Velimir Bujanec die kroatische Gemeinde. Bujanec, der in den 90-er Jahren mehreren rechtsradikalen Organisationen angehörte und für kroatische Medien offen mit Hakenkreuzbinde vor Ustascha-Symbolen posierte, hat in den letzten Jahren seine eigene Talk-Show zu einer Art inoffiziellem Verlautbarungsorgan der nationalistischen Rechten in Kroatien ausgebaut. Regelmäßig nutzt er seine Sendung für Angriffe auf Minderheiten und Andersdenkende.

In der kroatischen Diaspora ist Bujanec ein gern gesehener Gast. Im November 2017 sorgte sein Auftritt bei der 60-Jahr-Feier der kroatischen Gemeinde in Mainz für Irritationen. Das Bistum Mainz sah sich zu einer Distanzierung genötigt. In Stuttgart sei Bujanec allerdings als Privatmann zu Gast gewesen, betont Pfarrer Tolić – ohne von der Gemeinde oder der Kulturgesellschaft eingeladen worden zu sein.

Stadtdekan sucht kritischen Dialog

Stadtdekan Hermes. Foto: Katholisches Stadtdekanat Stuttgart
Stadtdekan Hermes. Foto: Katholisches Stadtdekanat Stuttgart

Beim Stuttgarter Stadtdekanat möchte man dennoch sicher gehen und hat der Gemeinde zu verstehen gegeben, dass ein Auftritt von Bujanec bei der 60-Jahr-Feier der Stuttgarter Gemeinde im Mai 2018 nicht akzeptiert würde. "Die kroatisch-katholische Gemeinde hat die Aufgabe, Seelsorge zu betreiben. Es ist nicht ihre Aufgabe, politisch aktiv zu werden", sagt Stadtdekan Christian Hermes. Dass die Realität oft anders aussieht, ist auch ihm bekannt.

Hermes hat bereits mehrfach das Gespräch mit den Pfarrern und dem Pastoralrat der Gemeinde gesucht. Zuletzt nach der Mahnwache für Slobodan Praljak. Die Aussagen von Pfarrer Tolić zur Unschuld Praljaks hält er für "ein Unding". Dennoch sei das strikte Verbot von Messen und Fürbitten nicht der richtige Weg. "Ich möchte ihnen nicht ermöglichen, sich so leicht in einer Opferrolle zurückzuziehen."

Nötig sei stattdessen ein kritischer Dialog mit der Gemeinde. Eine Verständigung darüber, was in den Räumlichkeiten zulässig sei und was nicht. Eines stünde jedoch fest: "Wir können, was da passiert, nicht ignorieren. Und wollen es auch nicht."

Kontext schaut nach den Rechten

Wer sich als Alternative für Deutschland anpreist, muss Lösungen anbieten. Kontext lässt sich durch politische Nebelkerzen und dreiste Lügen nicht einlullen, sondern checkt die Fakten.

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