Protest im Arbeiterzentrum gegen schlechte Bezahlung, 2008. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 325
Gesellschaft

Sanfte Rebellen

Von Minh Schredle
Datum: 21.06.2017
Seit dreißig Jahren gibt es das Arbeiterzentrum in Böblingen. Für den Seelsorger Walter Wedl und seine KollegInnen ist klar: Das Christentum und der Kapitalismus sind unvereinbar.

Gelebte Kapitalismuskritik sei das hier, sagt Walter Wedl, denn wer das Arbeiterzentrum in Böblingen besucht, "braucht keinen Geldbeutel mitzubringen". Der gläubige Katholik und Seelsorger berät Menschen mit und ohne Arbeit, die Gespräche, im Schnitt etwa 1,5 Stunden lang, sind "aus Prinzip kostenfrei", ebenso die Verpflegung auf Veranstaltungen. "Brot und Blumen wiegen schwerer als Geld", erklärt der Mittfünfziger, das dürfe man nie vergessen. Demonstrativ zeigt er auf eine hölzerne Waage in seinem Büro, die eben das widerspiegelt: Die Schale mit Rosenblüten und Brotscheiben hängt tiefer als die mit Scheinen und Münzen.

Das Zimmer, vielleicht 20 Quadratmeter groß, ist hell und bunt, er hat es selbst eingerichtet. Neben seinem Schreibtisch steht eine mit Blumen verzierte Couch, in der Ecke ein Ficus Benjamini und an der Wand hängt ein großformatiges Hungertuch des indischen Künstlers Jyoti Sahi, "Die versöhnten Religionen". Weil der Maler selbst ein Christ ist, steht Jesus im Mittelpunkt der Darstellung. Viel wichtiger ist Wedl aber, dass das Bild zeigt, wie verschiedene Lehren für gemeinsame Ziele zusammenarbeiten. So ähnlich sei das mit dem Arbeiterzentrum. Das soll zwar als kirchliches Haus erkennbar sein, aber es steht allen offen. Zur Beratung kann jeder vorbeikommen. "Die Frage nach der Konfession stellen wir nicht."

Seit 30 Jahren steht das Arbeiterzentrum da an der Sindelfinger Straße in Böblingen, unterhalb der Bonifatiuskirche, und besonders ist es – denn oft kommt es nicht vor, dass die Betriebsseelsorge ein eigenes Zentrum für Veranstaltungen unterhält. Das in Böblingen ist sogar das einzige katholische dieser Art in ganz Deutschland. Wie Wedl mitteilt, kommen Menschen aller Glaubensrichtungen zu Besuch, der Seelsorger freut sich über den großen gesellschaftlichen Querschnitt. Neben den Beratungsgesprächen, die Menschen aus allen Milieus aufsuchen, leitet Wedl Gruppentreffs für drei bis zwölf Personen. Von Diskussionen zur Wirtschaftsethik über eine Kochwerkstatt bis zur Zusammenkunft der Wanderfreunde. Außerdem werden die Räumlichkeiten regelmäßig vermietet, etwa an die Anonymen Alkoholiker oder an Gewerkschaften. Auch die Linke Böblingen hat sich hier gegründet.

Die Zusammensetzung des Publikums dürfte "insgesamt ziemlich einmalig" sein, meint Wedl. Mehr als die Hälfte der Gäste – so nennt er die Ratsuchenden – kämen auf persönliche Empfehlungen. Seit der Eröffnung 1987 durch den Pfarrer Paul Schobel habe sich die Einrichtung einen guten Ruf in der Region erarbeitet. 2003 wurde sogar die nahegelegene Bushaltestelle vom Gemeinderat in "Arbeiterzentrum" umbenannt, "ein tolles Zeichen der Wertschätzung", freut sich Wedl, und gute Werbung obendrein.

Lohndumping wird immer schlimmer

Seinen Job als Seelsorger macht er nunmehr seit 15 Jahren, und in dieser Zeitspanne hat er die Entwicklungen am Arbeitsmarkt hautnah miterlebt. Einige Anliegen, mit denen Menschen Beratungsstellen aufsuchen, seien dabei über die gesamte Zeit konstant geblieben. Ewa der Wunsch nach grundsätzlicher Veränderung im Berufsleben. Davon kann Wedl aus eigener Erfahrung berichten, denn er selbst hat einen ungewöhnlichen Werdegang hinter sich: Nachdem er Theologie studiert hatte, ging er in die Werbung, wurde Marketingmanager bei HP. Mit Anfang 40 hatte er genug, kündigte und wurde Betriebsseelsorger.

Wedl erzählt von den "traurigen Klassikern" seines Arbeitsalltags, von Menschen, die über mangelnde Wertschätzung für die erbrachten Leistungen klagen und über andauernde Überforderung an der Grenze zum Burn-out. Aber auch von solchen, die im krassen Gegenteil feststecken, in der langjährigen vergeblichen Arbeitssuche. Und dann gebe es vor allem eine gravierende Sorge, die in den vergangenen Jahren immer häufiger an ihn herangetragen werde: Armut trotz Arbeit.

"Leute halten schlechte Bezahlung oft für persönliches Versagen", sagt Wedl. "Wenn sie dann sehen, dass es ganz vielen so geht, dass das ein strukturelles Problem ist, kann das schon mal eine riesige Entlastung sein." Trotzdem müsse natürlich etwas getan werden gegen "dieses fürchterliche Lohndumping" und gegen "eine Politik auf Abwegen". Da zeigt sich der Christ zaghaft rebellisch. Draußen neben dem Eingang zum Arbeiterzentrum steht etwa das "Kreuz der Arbeitslosigkeit", auf dem seit Ende der Achtziger Jahr für Jahr die Zahlen der Menschen ohne Arbeit im Kreis Böblingen aufgeschrieben werden. Seitdem die Ämter ihre Erfassung umstellten und sich die Zahlen von 2008 auf 2009 wie von Zauberhand halbierten, stehen sie auf dem Kreuz in Anführungszeichen. "Um zu zeigen, dass wir die offiziellen Daten verwenden", erklärt Wedl, "sie aber nicht ernst nehmen."

Kapitalismuskritische Christen

Für ihn ist klar: Das Christentum und der Kapitalismus sind unvereinbar. Wie das zur Partei passt, die sich "das Christliche" in den Namen geschrieben hat? Diplomatisch antwortet er: "Ich bin ein Mann der Kirche, nicht der Parteipolitik." Grundsätzlich sei er ein überzeugter Demokrat, aber der unternehmensnahe Lobbyismus nicht nur in Berlin bereite ihm große Sorgen.

Der Mann der Kirche, der auch Mitglied bei Attac ist und deren Böblinger Ortsgruppe mitgegründet hat, will sich "für einen Lobbyismus der kleinen Leute einsetzen". Dafür sei es wichtig, mit möglichst allen im Gespräch zu bleiben. Unter Politikern würden derzeit ein Bundestagsabgeordneter der CDU und einer der Linken die engsten Kontakte zum Arbeiterzentrum pflegen. Wedl habe den Eindruck, die beiden verstünden sich trotz entgegengesetzter politischer Positionen privat ganz gut.

Da sich der Christ seit Jahren Woche für Woche und Tag für Tag mit den Sorgen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern auseinandersetzt, weiß er, wie massiv das Vertrauen in eine bürgernahe Politik beschädigt ist, und "schwerwiegende Fehler" in der Entscheidungsfindung will er auch "auf keinen Fall verharmlosen". Doch man dürfe nicht verlernen, miteinander zu reden. Und deswegen soll das Arbeiterzentrum allen parlamentarischen Parteien grundsätzlich offenstehen. Einzig die FDP habe er in seinen 15 Jahren als Seelsorger noch nie zu Gesicht bekommen, und die AfD ist ausdrücklich ausgeladen.

Wenn ranghohe Politprominenz zu Veranstaltungen im Arbeiterzentrum aufläuft, ist das für Wedl kein Grund für eine Sonderbehandlung. Ganz gleich wer kommt, von der Bühne aus wird niemand namentlich begrüßt. Das schaffe eine Hierarchie zwischen den Gästen, erläutert er, und stehe einem Austausch auf Augenhöhe nur im Weg. Insgesamt finden in den Räumlichkeiten pro Jahr etwa 400 Veranstaltungen statt, davon 150 in Eigenregie des Arbeiterzentrums. Allesamt sollen sie ein solidarisches Miteinander fördern.

Wie an Weihnachten, erzählt der Seelsorger. Da waren Dutzende Leute da. Herren in feinstem Zwirn und Damen in prächtigen Abendkleidern sind ins Gespräch gekommen mit Menschen am Existenzminimum und für deren Sorgen sensibilisiert worden. Zu essen gab es für alle Würstchen mit Kartoffelsalat, für hungrige Münder auch mehrere Portionen. "Satt geworden sind alle", sagt Walter Wedl und merkt mit bescheidenem Stolz an: "Zufrieden waren sie auch."


Info:

Zum 30-jährigen Jubiläum lädt das Arbeiterzentrum Böblingen, Sindelfinger Straße 14, am Sonntag, dem 25. Juni, zwischen 14 und 18 Uhr zum Tag der offenen Tür ein. 


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1 Kommentar verfügbar

  • Ruby Tuesday
    am 27.06.2017
    Der lange Schlaf der wilden Rebellen. Sie träumen im Beruhigungsmittelrausch still von Stadtvierteln und Fabrikgebäuden die Instandbesetzt vor Zerstörung, Abschreibungslobby und Politikern gerettet wurden. Die Autolobby konnte die Bahn, dieses wichtige Verkehrsmittel, in ihren Besitz bringen und fast restlos gegen die Wand fahren. So komme ich in diesem Leben wohl nicht mehr ohne Probleme ins Arbeiterzentrum Böblingen. Es herrscht nur noch Angst im Land, seit nach Rente mit 69 gerufen wird und keiner fragt, wer wie lange das Hartz IV Einkommen durch "ehrenamtliche" Tätigkeit aufgebessert hat. Oder wer, wie viele Schüler*innen und Abiturienten für einen Studenplatz ein Praktikum nachweisen muss. Dem sich dann ein FSJ anschließt, dann wieder ein Praktikum bis man die Lebensarbeitszeit von 45 Jahren gar nicht mehr zusammen bekommt, weil Praktikanten selten sozialversicherungspflichtig arbeiten. Und für Auslandspraktika muss man meist noch mindestens 3.000 bis 20.000 Euro zusätzlich aufbringen, damit man an einem Projekt teilnehmen darf. Oft sind auch noch Bafög-Schulden zurückzuzahlen und eine private Rente wird unmöglich. Warum traut sich keiner Veranstaltungen ranghoher Politiker in Form eines Gegenbesuches aufzuwerten, um für menschliche Werte und Nächstenliebe zu werben. Die GRÜNEN könnten doch einmal dazu einladen und eine Quote einführen. 15% Arme wären doch vertretbar. Sie haben eine Kirchenfrau an ihrer Spitze, die wissen müsste wie man Brot oder Häppchen teilen kann. Gehen Reste dieser politischen Festaktivitäten eigentlich auch an die Tafeln? Warum muss niemand für Bürogebäude oder Wohnungsleerstand Ausgleichszahlungen leisten, die an soziale Genossenschaften fliessen. Es gäbe noch viele Fragen und so hoffe ich auf ganz viele neue Kontext Ausgaben mit sozialen Themen.

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