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Junge Syrer und Afghanen werden dort einziehen, wo sich die NPD einnisten wollte: ins Waldhorn in Meßstetten. Und selbst der Gemeinderat klatscht Beifall. Der CDU-Landrat sagt, der grüne Ministerpräsident sei hilfreich gewesen.

Eine gewisse Erleichterung ist dem Landrat anzumerken. Nicht, dass Günther-Martin Pauli jetzt in Jubel ausbrechen würde, aber so viel darf schon sein: "Es ist gut und passt." Der CDU-Politiker meint die neue Nutzung der Gaststätte Waldhorn und deren künftigen Eigentümer, das Diasporahaus Bietenhausen. Die NPD, die dort ihre Landeszentrale errichten wollte, ist endgültig draußen, ein "starker Partner" drin. Pauli hatte sich stets geweigert, über das "Stöckchen NPD" zu springen, sprich das Waldhorn zum überhöhten Preis zu kaufen. Einziehen werden nun unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, zehn an der Zahl, betreut von fünf Vollzeitkräften, die ein nahezu ideales Zuhause vorfinden werden, wie der Direktor des Diasporahauses, Gerhard Jauß, sagt. Einzelzimmer, Bereitschaftsräume, Küche, Platz für Tischtennis und Kicker, "einfach klasse". Im Mai, so hofft er, kann's losgehen, wenn die notwendigen Renovierungen abgeschlossen sind. Er sei einfach glücklich.

Besonders freut sich Jauß über Meßstetten. Wie in Kontext mehrfach berichtet, war das Waldhorn in der 10 000-Einwohner-Gemeinde ein Politikum, man könnte auch sagen, ein Symbol der Angst. Der Eigentümer und Wirt, Niko Lustig, ein vermeintlicher Filou, der Bürgermeister, Lothar Mennig, ein stockkonservativer Haudrauf, der nie über einen Kauf verhandeln wollte, der Gemeinderat eine schwarze Mehrheit und dann noch die Landeserstaufnahmestelle Lea in nächster Nähe. Ein explosives Gemisch, so war es lange.

Seine Verhandlungen hätten das "Schnaufen nicht vertragen", erzählt Jauß, wohlwissend, dass er sich in einem Minenfeld bewegte. Freudiges Willkommen wäre ein Euphemismus gewesen, in Meßstetten, jenem Hort des Pietismus. Doch siehe da, als er am 3. Februar seine Pläne im Gemeinderat vorstellte, auf Anraten von Landrat Pauli, gab's nicht nur eine zustimmende Zurkenntnisnahme, sondern Beifall. Von der CDU und den Freien Wählern. Die nervige NPD-Debatte war vom Tisch, ein seriöser Träger im Saal und ein Problem gelöst, das die kleine Stadt über fast ein Jahr in den Schlagzeilen gehalten hat. Das "braune Herz Baden-Württembergs", das ist keine gute Werbung. Demonstranten vor dem Rathaus ("Keine Basis der NPD") sind es auch nicht.

Hinzu kommt, dass sich die Lage auf der Zollernalb (vorläufig) entspannt hat. Der Blockierer Mennig, der alte Schultes, ist seit Jahresende weg, und der Ministerpräsident war da. Beim Bürgergespräch am 15. Januar hat sich Winfried Kretschmann für die Überbelegung der Lea entschuldigt, die einst für tausend Flüchtlinge geplant war und plötzlich 3000 beherbergen musste.

Heute sind es noch 1500, die Bevölkerung trage es mit, versichert Pauli, auch gestärkt durch den Vortrag Kretschmanns, der voll des Lobes für Merkels Flüchtlingspolitik gewesen sei. Eine solche Haltung, ergänzt der Balinger Christdemokrat, wünschte er sich auch von "so manchem CDU-Politiker". Nicht zuletzt: Im Rathaus gibt es einen neuen Bürgermeister, Frank Schroft, ein junger Mann, der von dieser Welt ist.

So fügt sich dann doch das eine zum anderen und verstärkt die Zuversicht, dass auch Meßstetten mitmacht. "Wir müssen uns nicht mehr verstecken", berichtet Direktor Jauß, der das Diasporahaus seit 1988 leitet und in vielen Jahren gelernt hat, wie schwierig es ist, mit seinen Anvertrauten unterzukommen. Meist sind es die Nachbarn, die sich wehren, ohne zu wissen, wer ihre Nachbarn werden. Im Falle seines Vereins sind es Kinder und Jugendliche, die mit seelischen und körperlichen Grausamkeiten fertig werden müssen. In Meßstetten, sagt der Diplompädagoge, habe er mittlerweile viel Verständnis vorgefunden, auch bedingt durch die Lea, in der viele ehrenamtlich mitarbeiteten. "Je näher, desto vertrauter", bilanziert Jauß, "je weiter weg, desto psychotischer."

Aus dieser Lea werden nun die ersten jungen Flüchtlinge kommen, Syrer und Afghanen, um im Waldhorn auf Schule und Beruf, ein Leben ohne Krieg, vorbereitet zu werden. Und einer, der sich besonders darüber freut, ist Niko Lustig. Er kriegt weniger als die Hälfte dessen, was ihm die NPD zugesichert hat (490 000 Euro), aber dafür ein ruhiges Gewissen. "Einfach super" sei's, sagt er, wenn aus seiner Kneipe für sie ein Zuhause werde.


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2 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 11.02.2016
    Antworten
    Gottseidank zeigt auch hier Deutschland sein menschenfreundliches Gesicht und nicht die hässliche Fratze des Faschismus, der neuerdings auch bei der AfD sichtbar wird. Siehe den Rassenwahn eines Herrn Höcke oder die Schieß-Aufforderung einer Petry/von Storch, beide in Honeckers Fußstapfen.
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