Oferdinger Ansichten zwischen "Herzlich willkommen" und "Draußen bleiben". Fotos: Martin Storz

Oferdinger Ansichten zwischen "Herzlich willkommen" und "Draußen bleiben". Fotos: Martin Storz

Ausgabe 238
Gesellschaft

Das Eigene und das Fremde

Von Gastautor Roland Riedl
Datum: 21.10.2015
Fürchten wir uns vor dem "schwarzen Mann" und warum? In der Flüchtlingsdebatte kommt die Frage nach den zugrunde liegenden Gefühlen, die Ängste gegenüber Fremden bestimmen, zu kurz, meint unser Oferdinger Autor.

"Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?", ruft ein Junge einer Gruppe zu. "Niemand," ist die Antwort. Die Spannung steigt und wird gesteigert. "Soll er kommen?", fragt der "schwarze Mann". Die Kinder schreien "Ja", rennen davon, wollen nicht gefangen werden oder doch. Viele Erwachsene haben dies früher auf der Straße gespielt.

Nun ist die Debatte um Asylbewerber und Flüchtlinge kein Spiel, aber die zugrunde liegenden Gefühle bewegen uns seit Kindesbeinen. Zu fragen ist also: Was geschieht genau auf der Ebene der Gefühle und Affekte in der Begegnung mit Fremden? Kann eine individualpsychologische Sichtweise neue Einsichten bringen, Selbstreflexion fördern und zum Handeln im Sinne einer Willkommenskultur einen zusätzlichen Beitrag leisten?

Wer sich bedroht fühlt oder Ängste hat, reagiert deutlich menschenfeindlicher. Fremdenfeindliche Gedanken sind nicht nur an den politischen Rändern, sondern in allen Teilen unserer Gesellschaft anzutreffen. Und man fragt sich oft: Was geht in den Köpfen vor, die entweder frei ihre Ablehnung heraussagen oder hinter vorgehaltener Hand ihre fremdenfeindliche Haltung aussprechen?

Ein Beispiel: "Lieber wäre es mir, wenn hier ein Gefängnis gebaut würde, als dass Asylbewerber kommen", sagt eine Frau beim Bäcker. Die Häftlinge seien wenigstens weggesperrt. Anlass dieser Aussage: In einer Gemeinde mit über 2000 Einwohnern, so der Plan, sollen 70 Flüchtlinge unterkommen. Die Container würden in unmittelbarer Nähe von Kindergarten, Schule und einem Spielplatz stehen.

Das "Fremdeln" und sein Ursprung

Die Ablehnung von Fremden gibt es in der Regel überall. Nicht wenige Menschen bekommen Ängste, meist unbewusst, vor unerträglichen Gefühlszuständen, die unter anderem dazu führen, dass man sich in seinem inneren und äußeren Leben bedroht fühlt. Die Einschätzung realer Lebensverhältnisse wird von irrationalen Unsicherheiten, Misstrauen und Zweifeln überschwemmt. Teilweise auch von panikartigen Ängsten, die kaum kontrolliert werden können. Ängste können lähmen und aktiv machen. Und Ängste können sich sehr schnell ändern. Sind es heute die Flüchtlinge, kann es morgen schon ein neuer Nachbar oder eine Katastrophe sein. Man kennt das auch von sich selbst, wenn man Respekt vor dem Unbewusstem hat. "Man ist nicht immer Herr in seinem eigenen Haus", sagte Freud.

"Das Bild dessen, was fremd ist, entsteht im Subjekt sehr früh, und zwar fast gleichzeitig mit dem Bild dessen, was uns am Vertrautesten ist, mit dem Bild der Mutter. In seiner primitivsten Form ist das Fremde die Nicht-Mutter, und die bedrohliche Abwesenheit der Mutter lässt Angst aufkommen. Angst wird auch später, mehr oder weniger, mit dem Fremden assoziiert bleiben, und es bedarf immer einer Überwindung der Angst, um sich dem Fremden zuzuwenden", schreibt Mario Erdheim, Ethnologe und Psychoanalytiker, in dem Beitrag "Das Eigene und das Fremde" (aus dem Buch "Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit", herausgegeben von Mechthild M. Jansen und Ulrike Prokop).

Angst kann auch eine Wurzel für spätere Gewalttaten sein: "Das, wovor man Angst hat, wird leicht zum Bösen, vor dem man, solange man schwach ist, flieht, das man aber später, sobald man sich stark fühlt, bekämpfen muss", erläutert Erdheim.

Reale Ängste der Fremden

Wer größere reale Ängste haben muss, auch vor Gewalttaten, sind die Asylbewerber oder Flüchtlinge. Tatsache ist, dass sie Straftaten ausgesetzt sind, die dem Bereich Körperverletzung, vorsätzliche Tötung, Volksverhetzung zuzuordnen sind. Denken wir an Tröglitz, Lübeck, Heidenau und viele andere Orte. Bevor Flüchtlinge in den Unterkünften Schutz vor Krieg, Verfolgung und Not finden konnten, wurden die geplanten Unterkünfte angezündet oder beschädigt. Es gibt kriminelle Gegenkräfte gegen eine humanitäre Kultur, und sie greifen auch zu Waffen, wo die Täter, wie in Böhlen/Leipzig, auf ein Flüchtlingsheim schossen.

Im ersten Halbjahr 2015 wurden nach Angaben des Bundesinnenministeriums 202 Übergriffe, darunter 22 Gewalttaten, registriert. 2014 waren es 198 Übergriffe, ein Jahr zuvor 69. Am 27. 7. 2015 meldete die "Tagesschau", dass es fast täglich zu Angriffen kommt. 

Geerbte Ängste können aufwühlen

Gehen wir 70 Jahre zurück. Am Ende des Zweiten Weltkriegs strömten über zwölf Millionen Vertriebene zu uns, denen Bürger, wenn sie freien Wohnraum besaßen, diesen zur Verfügung stellen mussten. Ist es die Angst von derzeitigen Wohnungsbesitzern, dass so etwas wiederkehren wird? O-Ton in der besagten Gemeinde: "Ein Containerdorf mindert den Wert meiner Immobilie." Es könnte eine Ursache sein. Der O-Ton stammt von einem Anwohner neben dem geplanten Containerdorf, seine Eltern sind Vertriebene.

In diesem Zusammenhang gilt es zu bedenken: Jene Generation, die in den 40er-Jahren vertrieben wurde oder flüchten musste, gab das unendliche Leid der Vertreibung und der Flucht häufig weiter an ihre Kinder. Und wenn dieses Schicksal nicht aufgearbeitet wurde, wird es durch den Zustrom von Flüchtlingen präsent und kann einen innerpsychisch aufwühlen. Letztlich will man damit nichts zu tun haben und fühlt sich von den heutigen Flüchtlingen bedroht.

"Bei Vertreibung oder Migration ist es oft nicht nur der Verlust der Heimat, der selbst erlitten wurde, sondern der, den die ältere Generation nicht genügend betrauern konnte", diagnostiziert Matthias Hirsch in dem Beitrag "Die Wirkung schwerer Verluste auf die zweite Generation am Beispiel des Überlebendenschuldgefühls und des Ersatzkindes" aus dem Buch "Trennungen", Herausgeber Anne-Marie Schlösser und Kurt Höhfeld.

Die Faszination des Fremden

"Der schwarze Mann", Angst und Lust – ein widersprüchliches Paar. "Soll er kommen", heißt es in dem Spiel. Was kann dieses Verlangen bedeuten? Eine Art kindliche Gier, die schwer zur Vernunft zu bringen ist, oder verführt uns die moderne Welt immer wieder in das Fremde und dazu, Grenzen zu erfahren und zu überschreiten? Oder fühlen wir uns als ohnmächtige Gefangene einer beruflichen Welt und sozialer Ordnungen?

Unser Verhältnis zum Fremden ist immer widersprüchlich, und hier sei nochmals Erdheim zitiert über das "Fremdeln". "In gewissen Situationen ist diese Faszination sogar lebensnotwendig. Sie führt zum Beispiel dazu, dass das Kind nicht einzig und allein auf seine Mutter fixiert ist – wäre es das, wären seine Überlebensmöglichkeiten stark eingeschränkt: würde der Mutter etwas zustoßen, müsste auch das Kind sterben. Das Bild des Fremden, die Fremdenrepräsentanz, bietet eine Alternative, indem es dem Kind ermöglicht, auch eine Beziehung zu Personen aufzunehmen, die nicht seine Mutter sind. Die Fremdenrepräsentanz erhöht somit die psychische Anpassung und eröffnet die Chance, sich beim Fremden das zu holen, was einem das Eigene nicht geben kann", erläutert Erdheim.

Ängste können lähmen und aktiv machen

All das ist natürlich leicht geschrieben und nicht immer leicht für einen Menschen umzusetzen, wenn er mit Fremden in Kontakt gerät oder ein Unbehagen spürt. Eine weitere Bürgerin der Gemeinde beteuert, dass es ihr mit so vielen Flüchtlingen draußen nicht mehr "geheuer" sei. Andere BürgerInnen sorgen sich um ihre Kinder, wenn 70 Männer in das Containerdorf einziehen.

Aber wie gesagt: Ängste können sowohl lähmen als auch aktiv machen und den Weg zur Erkenntnis ebnen. Die Flüchtlinge fordern uns zur Auseinandersetzung mit ihnen heraus und tragen auch dazu bei, unsere Kultur weiterzuentwickeln. Ohne Frage: Es wird sehr viele Konflikte geben und manche menschliche Gruppen, sei es in Gemeinden oder Städten oder in Wohnvierteln, spalten. Aber Konflikte müssen nicht unversöhnlich sein.

Was können wir tun? Zunächst die Ängste, Bedenken und Konflikte der Menschen ernst nehmen, ohne sie als "rechten Pöbel" abzumeiern. Auch wenn das manchmal schwerfällt. Und mit plakativen Sprüchen ("Hirn einschalten – Rassismus ausschalten") ist es auch nicht getan. Wenn man das Hirn einschaltet, muss man auch seine Gefühle wie zum Beispiel Ängste mitnehmen. In einem zweiten Schritt müssen wir das Gespräch zu suchen. Dabei müssten auch vorhandene Ängste und Gefühle thematisiert werden und der Wirklichkeit argumentativ zugeordnet werden. So ist zu hoffen, dass diese Menschen Vertrauen gegenüber den Fremden und eine Fähigkeit zur Empathie entwickeln.

Erinnert sei an Rainer-Werner Fassbinders Film "Angst essen Seele auf" (1974), der in der Asyldebatte und Flüchtlingsfrage als hoch aktuelles Werk betrachtet werden kann: Emmi Kurowski, eine verwitwete Putzfrau jenseits der 60, betritt eine orientalische Bar in München – teils, weil es regnet, teils aus Neugierde, woher die Musik kommt. Sie überwindet sich, vielleicht in ihrer Not der Einsamkeit, und fordert Ali, einen weitaus jüngeren Marokkaner, zum Tanzen auf. Zwischen beiden entstehen Gefühle, und trotz beginnender feindseliger Stimmung bei Emmis Kindern, Nachbarinnen und Kolleginnen heiraten die beiden schließlich. Doch die Widerstände wachsen: Die Nachbarinnen lästern über das ungleiche Paar, die Kolleginnen schneiden Emmi, der Lebensmittelhändler Angermayer weigert sich, die beiden zu bedienen, und Emmis Kinder sind fassungslos – ihr Sohn Bruno zerstört vor Wut sogar Emmis Fernseher.

Irgendwann wird das Paar akzeptiert, wenn auch aus eigensüchtigen Gründen: Angermayer komplimentiert Emmi wieder in seinen Laden hinein, da er auf den Umsatz, den sie bringt, doch nicht verzichten will; Emmis Kinder brauchen sie als Babysitterin; die Nachbarinnen können einen starken Mann im Haus gut gebrauchen, und die Kolleginnen finden ein neues Opfer, über das sie sich das Maul zerreißen können, und sie stellen darüber hinaus fest, dass Ali so gar nicht dem Klischee vom schmutzigen, faulen Ausländer entspricht, das sie (und nicht nur sie) im Kopf hatten.

 

Roland Riedl ist Sozialpädagoge und arbeitet bei pro familia Reutlingen. Er lebt in Oferdingen, wo sich der Bezirksbürgermeister nach Drohungen zum Rücktritt veranlasst gesehen hat. Den Text hat Riedl bereits im Juli geschrieben, als die Flüchtlingsdebatte in Oferdingen hochkochte.


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