"Ich möchte, dass man mir mit Respekt begegnet", sagt Jürgen G. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 223
Gesellschaft

Im Hamsterrad Hartz IV

Von Susanne Stiefel
Datum: 08.07.2015
Seit Jahren sucht Jürgen G. vergeblich einen Job. Und manchmal steht der gelernte Krankenpfleger verbittert vor den Hürden, denen er sich als Langzeitarbeitsloser gegenübersieht. Mancher beim Jobcenter Ost in Stuttgart wird ihn für einen Querulanten halten. Doch der Mann ist vor allem eins: verzweifelt.

Sein Aufbegehren hat er sorgfältig in Ordnern und Klarsichtfolien abgeheftet. Die unzähligen Bewerbungen und Absagen, die Widersprüche gegen das Jobcenter, den Schriftverkehr mit den Anwälten, die Antwort auf die "gelbe Karte", als er sich bei der Stadt über seine Sachbearbeiter beschwerte. Es ist der Versuch, Ordnung in ein Leben zu bringen, das ihm mit andauernder Arbeitslosigkeit immer mehr aus den Händen zu gleiten droht. Er schleppt sie mit in die Redaktion als Beweis, dass er nichts Unmögliches verlangt. Dass er keine Rache will, niemanden beleidigen oder anschwärzen will. "Ich möchte, dass man mir mit Respekt begegnet", sagt Jürgen G. mit ruhiger Stimme, während er seine Geschichte erzählt. So klingt einer, der nicht nur um einen Job, sondern auch um seine Würde kämpft.

Doch für Würde fühlt sich das Jobcenter nicht zuständig. Hier geht es darum, wer was und wie viel zahlt: für die gewünschte Fortbildung, für die Bewerbungsfotos und den Gründungszuschuss für die angestrebte Selbstständigkeit als Heilpraktiker. Es ist ein Hickhack um Zuständigkeiten, Kürzungen und Paragrafen, hinter denen der Mensch zu verschwinden droht. "Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters Stuttgart begegnen den Bürgerinnen und Bürgern grundsätzlich in respektvoller und kompetenter Form", schreibt Christopher Haag, Pressesprecher des Jobcenters, im Auftrag der Amtsleitung. Seit vor zehn Jahren die Hartz-IV-Gesetze eingeführt wurden, ist Arbeitslosigkeit kein strukturelles Problem mehr, sondern ein individuelles.

Jürgen G. fühlt sich nicht kompetent und respektvoll unterstützt, sondern verwaltet. Behandelt als lästiger Kostenfaktor, nicht als Mensch. "Wir leben in einer egomanischen Gesellschaft", sagt der 51-Jährige, und die Ruhe verschwindet aus seiner Stimme, "nur das Ich zählt." Viel gelernt habe er in dieser Zeit der Jobsuche, sagt er bitter, in dieser Arbeitslosigkeit, die für ihn zur persönlichen Krise geworden ist: dass er nämlich in einer "sozialrassistischen, entsolidarisierten, behindertenfeindlichen Welt" lebe. Die Hilflosigkeit hat aus dem Krankenpfleger einen zornigen Mann gemacht. Wer seit acht Jahren vergeblich versucht, finanziell und beruflich auf die Beine zu kommen, dem fehlt die Kraft für Geduld und Verbindlichkeit.

Dabei hatte sein berufliches Leben so vielversprechend begonnen. An den Abschluss der mittleren Reife schloss er eine Ausbildung zum Krankenpflegerhelfer an, besuchte zwei Jahre die Krankenpflegeschule in Tübingen, arbeitete dann zwei Jahre als Pfleger in der Tübinger Kieferchirurgie, anschließend bis 1999 in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Zeugnisse, auch sie sorgsam abgeheftet, bescheinigen ihm großes Engagement bei der Patientenbetreuung und bei der Fortbildung. Die Arbeit machte ihm Spaß. Doch eine angeborene Kiefer-Gaumen-Spalte zwang ihn immer wieder zu Operationen, Nachoperationen, Korrekturen. 17 seien es bisher gewesen. Das Handicap und seine gesundheitlichen Folgen hätten es ihm zuletzt unmöglich gemacht, in der Nachtschicht zu arbeiten.

Am Ende einer Abwärtsspirale steht ALG II

Er kündigte in Tübingen, auch weil er nach eine neue Herausforderung suchte. Man sollte meinen, dass Krankenpfleger beste Chancen haben, auch wenn sie nachts nicht arbeiten können. Doch die anschließenden Jobs dauerten meist nur wenige Jahre oder gar Monate. Der Mann, der Lob und Akzeptanz gewohnt war, musste feststellen, dass seine Arbeit keine Wertschätzung erfuhr. Immer verzweifelter schrieb er Bewerbungen, immer deprimierter wurde er über Ablehnungen. In Fortbildungen suchte er sein Heil, Astrologe wurde er, Heilpraktiker, alles selbst bezahlt, wie er sagt. Das Geld wurde knapp im Laufe der Jahre. Seit 2008 bezieht Jürgen G. Arbeitslosengeld II.

Je knapper das Geld wurde, desto angespannter wurde das Verhältnis zu seiner Sachbearbeiterin im Jobcenter. Inkompetent sei sie, hätte ihn etwa nicht auf das Silverstarprojekt für Über-50-Jährige aufmerksam gemacht. Seine Bewerbungsfotos würden nicht bezahlt, die Nebenkostenabrechnung zu spät überwiesen, sein Konto war überzogen. Das Leben droht abzurutschen, wenn das Geld nicht mehr für Miete und notwendige medizinische Behandlungen reicht. Von 870 Euro monatlich lebt Jürgen G. heute. Da werden selbst kleine Beträge wie Kosten für Bewerbungsfotos zum Problem.

Michael Stooß kennt solche Konflikte, "das ist wie in einer schlechten Ehe". Der 57-Jährige ist ehrenamtlicher "Ämterbegleiter" der katholischen Betriebsseelsorge und hat schon Alleinerziehende, psychisch Kranke und renitente junge Männer zum Jobcenter gebracht. Als Mediator. Er war lange Betriebsratsvize von Werner & Pfleiderer und lässt sich von keinem einschüchtern. Die schwere Parkinsonerkrankung mag ihn berufsunfähig gemacht und seine Hände zum Zittern gebracht haben. Das hindert ihn nicht daran, im Jobcenter auch mal auf den Tisch zu hauen und von allen Beteiligten "die in Europa üblichen Umgangsformen" einzufordern. Aber meist, so erzählen ihm seine Klienten, sind die Sachbearbeiter ohnehin wie ausgewechselt, wenn er mit dabei ist. "Ohne Sie gehen die im Jobcenter mit mir um wie mit dem letzten Dreck", hat ihm einmal eine alleinerziehende Mutter gesagt.

Respekt und Würde: eine Frage des Systems

Den zermürbenden Gang von Amt zu Amt kennt Michael Stooß aus eigener Erfahrung. Er kennt den Druck, wenn es Kürzungen gibt. Er weiß aber auch, dass Respekt und Würde eine Frage des Systems sind. "Für einen Sachbearbeiter ist eine Kürzung ein Verwaltungsakt", unterstützt Betriebsseelsorger Guido Lorenz seinen ehrenamtlichen Ämterbegleiter, "für den anderen eine Verletzung des Menschenrechts auf Unversehrtheit." "Fordern und Fördern", so lautete die Devise, mit der die Schröder-Regierung Hartz IV vor zehn Jahren eingeführt und damit Sozialhilfe und Arbeitslosengeld zum Existenzminimum zusammengefasst hat. Es werde mehr gefordert als gefördert, weiß Guido Lorenz. Die ehrenamtliche Ämterbegleitung der katholischen Betriebsseelsorge ist so alt wie Hartz IV.

Beim Jobcenter Ost gibt man sich zugeknöpft. Mitarbeiterbezogene Fragen, so Pressesprecher Christopher Haag, könne man nicht beantworten, Fragen nur schriftlich und allgemein und nein, ein persönliches Gespräch sei nicht möglich, bitte haben Sie Verständnis. Nur zwei offizielle Beschwerden, sogenannte gelbe Karten, hätte das Jobcenter Ost in den vergangenen zwei Jahren erhalten, schreibt er und weiter: Die Aufnahme in das Bundesprogramm Perspektive 50 plus sei an "bestimmte Eingangskriterien geknüpft". In gemeinsamer Abwägung mit den persönlichen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern entscheidet das Team Silverstars+ über die Teilnahme. Es folgen viele Paragrafen, doch kein Wort darüber, warum Jürgen G. nicht über dieses Programm informiert wurde. Die Nebenkosten, schreibt der Pressesprecher, seien inzwischen überwiesen, die Bewerbungsbilder müssten von der Rentenversicherung bezahlt werden. Und grundsätzlich gelte auch im Jobcenter Ost: "Ein höflicher und angemessener Ton ist der Amtsleitung und den Mitarbeitern des Jobcenters sehr wichtig und in allen Gesprächssituationen üblich."

Jürgen G. hat es anders erlebt. Und auch Ämterbegleiter Michael Stooß weiß, dass den Beteiligten Höflichkeit abhanden kommt. Der Jenaer Soziologe Klaus Dörre sieht in der Hartz-IV-Gesetzgebung den Niedergang des sozialen Respekts gegenüber Menschen in Erwerbslosigkeit oder Armutslagen: "Hartz IV ist wie ein Hamsterrad." Auch Jürgen G. fühlt sich manchmal wie ein Hamster.

 

Info:

Der 3. Sozialpolitische Ratschlag der Landesarbeitskonferenz Baden-Württemberg hat den Jenaer Soziologen Klaus Dörre zu seiner Sitzung am 10. Juli eingeladen. Er spricht zum Thema "Zehn Jahre Hartz IV: Bewährungsproben für die Unterschicht? Soziale Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik."

Und hier geht's zum Programm.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

11 Kommentare verfügbar

  • Liane
    am 15.07.2015
    Griechenland ist uberall! Mit HartzIV wurde durchgezogen wie sie marktradikalen in naher Zukunft in ganz europa "schalten und walten" werden!
    Ganz stolz verkündet die Agentur sie hätten über 120 Mio an Strafgelder einbehalten... dass das für die Betroffenen weniger Brot, weniger Kleidung, wenig von wenig bedeutet.....
    Aus sozial und Hilfe wurde ein Hartz Programm (er verschlampert 300 000 Euro in Brasilien für nen Puff aber verlangt von anderen von 2 Euro essen zu kaufen!)
    Während auf der einen Seite tausende Straffreiheit für Diebstahl gewährt bekommen wird beim anderen knallhart die butter gestrichen!
    Aus den vielen verschiedenen Gruppierungen wurde eine geballte "schuld-Masse" gemacht!
    Massiv wird absichtlich an der ausufernden Verschuldung gearbeitet und dann gnadenlos"abgerechnet"!
    Und wie so oft in Bürokratien sind hier sich selbst beschäftigende Vorgänge, Aktenberge und sinn- entleerte Sachzwänge entstanden!

    Aber die Hartzler sind wichtig für die Mittelschicht. Hier können sie ihr Bedürfnis auf Kontrolle, Bestrafung, Ordnung, Macht, upper class sein, nach Reglementierung ausleben und die Hartzler als Projektionsfläche gebrauchen und nicht selten ihr Helfersymdrom ausleben (macht sich gut bei der beichte und beim Champagner Gespräch oder beim Opernbesuch (mit über 200 Euro von der sozialhilfe subventioniert), das "Bedürftigen-betreuen"!
    Und man kann immer mehr Mittelschichtler einbinden! Hier die Kassen, dort die Kontrolleure, dort die Spenden-Galen!

    Erleben wir diese Doppelmoral, diese "Entartung" nicht auch in der Wertegemeinschaft Europa?
    Schauen wir an wie mit den Griechen umgegangen wird, ohne Mitgefühl, ohne rechte und unrechtsbewusstsein, ohne eigenen Unterstützungsplan!
  • Schwabe
    am 14.07.2015
    Folgende Sätze sind für mich entscheidend:
    Aus obigem Artikel: "...Seit vor zehn Jahren die Hartz-IV-Gesetze eingeführt wurden, ist Arbeitslosigkeit kein strukturelles Problem mehr, sondern ein individuelles..." und aus Uwe`s Kommentar 09.07.2015 11:57 Uhr: "...Die Mitarbeiter der Jobcenter sind eben nicht meine Freunde. Selbst dann, wenn sie freundlich sind. Das SGB II ist es nämlich nicht. Und das ist es, was zählt...".
    An diesen Sätzen und der im Artikel veranschaulichten (schrecklichen) Realität läßt sich m.E. der Wandel vom Sozialstaat hin zum Staat der den Mensch als Ware sieht, gut erkennen!
    Mir geht es um die Ursache und nicht um Behördenmitarbeiter die "Befehle" von oben ausführen und je nach Charakter/Intellekt und der gegebenen Situation sich daneben benehmen. Und "oben" heißt bei allem was Behörden/Ämter angeht und immer die Mehrheitsbevölkerung betrifft, die regierende Politik.
    An solchen, durch pro kapitalistische Politik herbeigführten Zuständen läßt sich nichts ändern - außer DIE MEHRHEIT wählt bei der nächsten Gelegenheit eine andere/anständigere Politik. Und die einzigste Chance besteht heutzutage darin nicht mehr bürgerlich neoliberal (pro kapitalistisch) zu wählen. Die einzigste Alternative die sich m.E. heutzutage leider noch bietet ist es "Die Linke" zu wählen und zwar mehrheitlich! Ansonsten wird sich an den vorherrschenden unmenschlichen Zuständen nichts ändern!
  • Sven Müller
    am 13.07.2015
    Das System ist an Zynismus nicht zu überbieten. Von einer Sinnloszwangsmaßnahme in die andere geschoben -- bunte Bildchen malen mit obdachlosen Ex-Knackies die 10 km weit nach Haschisch gestunken haben war nur eine davon -- habe ich das System Hartz-IV ca. 30000€ gekostet. Dabei wäre es so einfach gewesen, mir 42€ (!) für eine Fahrerkarte vorzulegen, mit der ich sofort wieder in Lohn und Brot gewesen wäre. Selber hatte ich sie nicht, weil die Herrschaften mich trotz pünktlicher und vollständiger Einreichung aller Unterlagen 4 Monate hungern ließen und sich erst widerwillig per einstweiliger Verfügung überreden ließen, denn doch mal in die Hufe zu kommen. Statt dessen 1 Jahr Hartz IV, ALG I plus Aufstockung plus Verfahrenskosten plus teure Sinnlosmaßnahmen. Die haben es sogar mehrmals geschafft, mir die Aufnahme anständiger Arbeit zu torpedieren. Als ich vor 3 Jahren lediglich 2 Wochen wegen Jobwechsels überbrücken musste, was ich auch überall angegeben habe, hatten sie nichts besseres zu tun, als mich in ein Bewerbertraining zu stecken und die Kosten dafür noch von mir zurückhaben zu wollen, weil ich die Frechheit beging, meine neue Arbeit anzutreten, und das mit massiven Rückenproblemen übrigens, Hauptsache raus aus diesem Irrenhaus.
  • Lorenz
    am 12.07.2015
    Mit HartzIV wurde der Niedergang aller sozialer Errungenschaften in diesem Land eingeläutet. Ich hatte nach dem Studium das Vergnügen. Gut, dass ich noch eine Bausparvertrag hatte. Der ist nun aber natürlich aufgebraucht - vorher gibt es nämlich keinen einzigen Cent, von lächerlichen Freibeträgen abgesehen.

    Vor einer schwachsinnigen Zwangsmaßnahme konnte mich nur die sich anbahnende Depression "retten", die Freundlichkeit der Amtspersonen ist insgesamt doch eher mäßig ausgeprägt. Allein das Wort "Kunde" ist an Zynismus kaum zu überbieten.

    Ihr da unten, wir da oben - und dazwischen die dumpfe Masse, die den Reichtum der oberen 10.000 erarbeitet und sich gerne mit Menschen "unterhalb" der eigenen Schicht als Projektionsfläche für Ängste und Wut beschäftigt. Da wären wir dann etwa beim Bild des faulen HartzIV-Empfängers, was von bestimmten Medien und Lobbyvereinen a la FDP kräftig befeuert wird. Dazu all die Märchen vom Arbeitsmarktrekord, Fachkräftemangel, Wohlstand. Ein neoliberaler Alptraum.

    Die Tatsache, dass es einfach nicht mehr genügend "normale" Arbeitsplätze für all die Arbeitnehmermassen gibt, wird natürlich völlig ignoriert. Derzeit habe ich eine Stelle - befristet selbstverständlich. Der Wohlstand meiner Großeltern, Eltern - HartzIV wäre in den Wirtschaftswunderzeiten unvorstellbar gewesen - erscheint mir unerreichbar.

    HartzIV erfüllt nicht einmal die Aufgabe einer Grundsicherung, weil es von irgendwelchen Sachbearbeitern bis auf 0,00 Euro gekürzt werden kann. Mit dem Grundgesetz und der "Würde des Menschen" ist HartzIV jedenfalls völlig unvereinbar.
  • Ulrich Frank
    am 12.07.2015
    Daß es hierzulande keinen Fortschritt in Richtung Zivilgesellschaft gibt - seit unseligen Zeiten der deutschen Geschichte - ist ein Phänomen welches hier sehr zutreffend mit dem Fehlen von Respekt von Seiten auch nur inferiorer Verwaltungsangestellter sich ausdrückt - die Vorgesetzten und Amtsleiter geben allerdings die Linie vor. Mangelnder Respekt pflegt auch Mangel an Ausbildung zu kompensieren.

    Natürlich, man hört "nur ganz wenige Beschwerden" - das soll man glauben. Das behauptet jeder Vorstand. Worte, Worte. Man nennt es auch "Bürgerbüro" undd nicht mehr Amt - das hört sich gut an. Man wird mit "Sie" und "Namen" angesprochen und nicht mit Nummer - das ist doch schon des Respekts genug! Sonst hat der Bürger zu spuren. Das Phänomen einer Zivilisation die sich auf Warenaustausch reduziert hat.

    Aber: es gibt große Diskussionen über Sterbehilfe: da wenigstens kann man das Moralbewußtsein Parade laufen lassen!

    Einzigartig daß jüngst in der SWR-Landesschau ein HartzIV-"Schicksal" vorgestellt wurde. Leider - oder bezeichnend - war das nur ein Einzelfall - die Praxis im allgemeineren Umfang wurde nicht kritisiert, man hatte beim Sender offensichtlich zu großen Respekt davor, und vor den Behörden und der Politik.
  • hapera
    am 12.07.2015
    kein Hartz 4 für sparsame menschen. Nach pleite 2 jahre auf arbeitssuche,qualifizierte Ausbildung und fortbildung.muss bis zur rente meine ersparnisse verbrauchen.von wegen fachkräftemangel!
  • Unpräzise
    am 11.07.2015
    Wenn man schon einen Betrag von 870 Euro in die Luft wirft, wie in diesem Artikel, so wäre es angebracht, diesen näher aufzudröseln. Der Hartz-IV-Regelsatz liegt nach meinen Informationen für eine Einzelperson bei derzeit 399 Euro im Monat. Die Miete (in Stuttgart derzeit bis max. um die 400 Euro kalt), die Heizkosten und die Krankenversicherung werden vom Jobcenter übernommen.

    Wer in einer zu teuren oder in einer zu großen Wohnung lebt, muss umziehen. Bei der Wohnungsmarktlage in Stuttgart kann es passieren, dass man im Fall von Hartz-IV schnell von einer bislang akzeptablen Bleibe in eine trostlose Unterkunft ziehen muss. Das gibt den Hartz-IV-Beziehern, die meistens eh schon demoralisiert sind, gleich noch mal eine auf den Deckel. Auch eine Wohnung sorgt für Identität.

    Von den zur Verfügung stehenden 399 Euro müssen die Stromkosten (zirka 40 Euro) und die Kosten für Telefon, Internet, Smartphone (zirka 30 Euro) beglichen werden. Für das Leben müssen dann zirka 320 Euro genügen. Ein Zeitungs-Abo kann man gleich mal abbestellen. Wie davon das vielleicht noch vorhandene Fahrzeug finanziert werden soll (KfZ-Steuer und jährliche Versicherung) ist mir schleierhaft. Im Grunde reicht das Geld für die Ernährung und für gebrauchte Gegenstände. Neuwertige Schuhe oder Kleidung sind da nicht drin. Und wie soll ein Hartz-IV-Bezieher eigentlich einen Friseur bezahlen ? Der Hartz-IV-Empfänger muss auf Eiern gehen und hoffen, dass keines seiner Geräte (Computer, Drucker, Staubsauger, Mixer, ...) den Geist aufgibt. Er muss dankbar sein, wenn ihm jemand aus der Familie oder dem Bekanntenkreis hilft. Auch das ist erniedrigend. Es geht aber leider oft nicht anders.

    Diese Art von Mangelwirtschaft hat ein Herr Sarrazin ein paar Wochen durchexerziert. Und es klappte sicher erst mal. Wenn Hartz-IV aber zum Dauerzustand wird, ohne die Perspektive, dass man da wieder raus kommt, dann fühlt sich das sicher verdammt anders an. Wenn die letzten Reserven verbraucht sind, die Kleidung abgetragen, das Auto nicht mehr in die Werkstatt kann, die Schuhe schon zum dritten mal besohlt wurden (auch das ist teuer !), das Radio in der Küche keinen Pieps mehr von sich gibt und man nun auch auf diese Freude verzichtet, dann stellt sich irgendwann mal Resignation ein. Dann kommen noch die Reaktionen der Menschen um einen herum dazu. Herzlose Kommentare, Mitleid, blankes Desinteresse, Rückzug und das Vorenthalten auch noch so kleiner Hilfeleistungen aus der Angst heraus, in eine Verpflichtung zu kommen, führen zu einer Insolation, die das Selbstwertgefühl massiv angreift. Hartz-IV ist wie Kranksein, es ist bäh, am liebsten spricht man nicht davon. Entsolidarisierung kann man dazu schon sagen. Diese Entsolidarisierung funktioniert auch in anderen Bereichen bestens, so etwa wenn Arbeitgeber Mitarbeiter erster, zweiter und gar dritter Klasse beschäftigen.

    Wenn unser Arbeitsmarkt genug Chancen für Langzeitarbeitslose bieten würde, dann wäre dies alles nur halb so schlimm. Dann hätten die Hartz-IV-Bezieher eine Perspektive. Aber was, wenn es für den Betroffenen keine Arbeit gibt, von der er leben kann ?

    Wie perfide muss es sich für einen Hartz-IV-Empfänger (allein das Wort geht einem schon auf den Geist) anhören, dass wir auf den größten Fachkräftemangel aller Zeiten zusteuern und noch nie so viele Menschen in Beschäftigung waren wie heute. Zu welchen Konditionen wird ja meist nicht erläutert in diesen Wohlstandsmeldungen. Dabei würden detaillierte Nachfragen von Journalisten diese Weichspül-Propaganda, die uns tagtäglich einlullt, ein wenig zurecht rücken. Es ist unerträglich, in einer Welt zu leben, in der man beständig eisern lächelt.

    "Die Hartz-IV-Bezieher wurden abgehängt. Sie stehen auf einem Abstellgleis. Es ist politisch nicht gewollt, dort besonders zu investieren", so die Aussage eines früheren Arbeitsamts-Mitarbeiters auf die Frage, wieviel Geld in die Weiterbildung von Langzeitarbeitslosen investiert wird.
  • Uwe
    am 09.07.2015
    @Arbeitsvermittler

    Nun, die Aufgabenverteilung bei den Arbeitsämtern sowie auch bei den Jobcentern zwischen den Fachangestellten für Arbeitsförderung - heute Fachangestellte für Arbeitsmarktdienstleisungen - und den Arbeitsvermittlern ist schon gut geregelt, soweit beide Berufsbilder/Berufsträger dort vertreten sind. Da gibt es sicher bei berufserfahrenen und zwischenzeitlich fortgebildeten Fachangestellten eine Möglichkeit, in der Arbeitsvermittlung tätig zu sein.

    Im Berufenet der Arbeitsagentur wird über den Arbeitsvermittler u.a. folgendes mitgeteilt: "Arbeitsvermittler/innen übernehmen Aufgaben bei der Vermittlung, Beratung und Integration von Arbeitnehmerkunden der Bundesagentur für Arbeit. Darüber hinaus beraten und unterstützen sie Arbeitgeber bei allen Fragen der Personalbeschaffung. Außerdem bearbeiten sie Anträge auf Leistungen zur Arbeitsförderung. [...] Voraussetzung für eine Beschäftigung in Agenturen für Arbeit oder in Jobcentern ist in der Regel ein Studium Arbeitsmarktmanagement an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit."

    Die Jobcenter setzen häufig auf Quereinstiger, die zumeist und zumindest ein FH-Studium absolvierten. Egal, ob das nun BWLer, Geisteswissenschaftler oder Ingenieure sind.

    Bei der von Ihnen genannten Anzahl an zu betreuenden/beratenden Bürgern [300-350] kann man allerdings auf keinen grünen Zweig kommen. Übt man die Tätigkeit vollzeitig aus und hat pro Bürger ca. 1/2 h/Termin, kann man sich leicht ausrechnen, was das an Arbeitslast bedeutet, denn die dazu noch nötige Verwaltungstätigkeit erledigt sich auch nicht von selbst.

    Was die Bürger von ihrer beruflichen und persönlichen Situation verstehen oder nicht verstehen, kann man mit ihnen nur in gut durchstrukturierten und vorbereiteten Geseprächen herausfinden. Die sich daraus ergebenden Möglichkeiten oder Notwendigkeiten muss der Arbeitsvermittler mit ihnen zusammen erörtern. Dazu ist seitens des Arbeitsvermittlers pädagogisches Geschick vor allem aber auf guten Kenntnissen der Sozialgesetzbücher basierendes rechtssicheres Handeln erforderlich.

    Kann ein Bürger seinen Beruf nicht mehr vollumfänglich ausüben, sind gezielte Maßnahmen nötig, um ihn bspw. im angestammten Berufsbereich unterzubringen. Das kann eine berufliche Anpassung erfordern. Je nach Voraussetzung beinhaltet das eine Umschulung, die abhängig von der in Jahren geleisteten Berufstätigkeit entweder vom Arbeitsamt oder vom Rentenversicherungsträger finanziert werden kann oder muss.

    Der hier im Artikel genannte Krankenpfleger mag mit kaufmännischen Zusatzkenntnissen in seinem Bereich eine verwaltende Tätigkeit ausüben. Das muss keine vollständige Umschulung erfordern, die er in seinem Alter sehr wahrscheinlich ohnehin nicht mehr bekäme.

    Da geht es möglicherweise auch um von Angst ausgelöste persönliche Widerstände, insbesondere dann, wenn ein Berufswechsel eigentlich angezeigt ist. Oder auch, dass man schulische Voraussetzungen nicht mehr so gut erfüllt, nicht mehr so gut lernen kann usw. usf. Hier sind dann die Arbeitsvermittler oder gar Reha-Berater gefragt.

    Bei uns in Deutschland ist vieles gut geregelt. Das wird leider dahingehend schlechtgemacht, dass es als "Zuständigkeitshickhack" dargestellt wird. Im Einzelfall kann das schon mal belastend sein und auch etwas schieflaufen. Kein Grund aber, das in Bausch und Bogen zu verdammen. Da braucht man dann gegebenenfalls [beim SGB II und III] einen versierten Sozialrechtler, der einem das auseinanderdröselt und in die richtigen Bahnen lenkt.

    In Verbindung mit dem SGB II ist das allerdings dem vollständigen Versagen der Gesetzesmacher zuzuschreiben. Schröder lehnte die Mitarbeit von Sozial- und Verfahrensrechtlern am SGB II nicht nur ab sondern verhinderte sie.
  • Arbeitsvermittler
    am 09.07.2015
    Uwe stellt das eine und andere sehr richtig.

    Unwahr ist, das nur bei den Arbeitsämtern auch nur die dafür an einer Fachhochschule für Arbeitsverwaltung ausgebildeten Arbeitsberater richtige Arbeitsberatung betreiben.

    Als Mitarbeiter in einem allgemeinen Standort betreut man in einer Großstadt wie Hamburg um und bei 300 - 350 Arbeitslose. Dazu kommt ein großteil des Jahres Vertretung für mindestens die selbe Anzahl "Kunden". Dabei ist auch Verwaltung zum Teil bereits eine Herausforderung.

    Die Art der Behandlung ist sicherlich auch von der Grundeinstellung des jeweiligen Arbeitsmermittlers abhängig, aber auch von den Begleitumständen. Ich möchte hier nicht die Belastung durch die Vorgaben durchdeklinieren, Geht es doch um eine Beispiel eines Kunden.

    Was viele Kunden nicht verstehen, sind Ihre Glaubenssätze, die bei der Arbeitsaufnahme hinderlich sind. Zum Teil können Sie diese nicht erkennen. So. z.B. Ich bin nun Harzt IV-Empfänger länger als Zeitraum X - keiner will mich mehr. Das kann man in den mit viel Mühe und innere Widerstände erstellten Bewerungsunterlagen durchaus sehen.

    Und auch trauen Kunden sich nicht, die richtigen Schlußfolgerungen zu treffen. Wenn es im beschriebenen Fall so sein sollte, das der Arbeitsmarkt entgegen den Lippenbekenntnissen keine Krankenpfleger aufnehmen will, die keine Nachtschicht erledigen können, dann ist Krankenpfleger eventuell nicht mehr der richtige Beruf. Wenn die Einschränkungen in der Arbeit so wirksam sind, das ehemals gute Beurteilungen kippen, ist Krankenpfleger eventuell nicht mehr der richtige Beruf. Da ist die Aufgabe loslassen für den Kunden oftmals und nachvollziehbar nicht lösbar.

    Wie aber sollen Arbeitsvermittler mit einem faktischen Kundenstamm von ca. 700 Kunden ausreichend Zeit finden um solche Kunden entsprechend zu begleiten. Und dann wird der Arbeitsvermittler, das JobCenter, das Gesetz zum Blitzableiter. Leider bleiben dabei viele Möglichkeiten ungenutzt dem jeweilichen arbeitslosen Individuum individuell bei seiner Weiterentwicklung weiter zu helfen. Was im übrigen von vielen Kunden auch schlicht abgelehnt wird. Egal ob mit oder ohne Erfahrung mit dem JobCenter.
  • Uwe
    am 09.07.2015
    Das SGB II soll die Menschen zermürben und in die Knie zwingen, damit man sie zu Untertanen zurichten kann, um sie anschließend zu verwerten. Nur darum geht es. Dafür und nur dafür wurde das SGB II genau so gemacht, wie es ist.

    Einiges sollte man den Menschen allerdings dennoch erklären:

    Das SGB II ist öffentliches und damit immer auch zwingendes Recht. Da kann man nicht verhandeln.

    Die Jobcenter sind Teil der ausführenden Gewalt, ordnen Dinge an und verwalten selbstverständlich.

    Die Bescheide der Jobcenter sind amtlich. Eine Einladung des Jobcenters ist dem Inhalt nach eine strafbewehrte Vorladung, der man Folge zu leisten hat.

    Die Mitarbeiter in den Jobcentern sind ganz gezielt in der Regel nicht wie früher die Mitarbeiter des Arbeitsamtes zumindest im öffentlichen Recht und seiner korrekten Anwendung ausgebildet.

    Richtige Arbeitsvermittlung und -beratung leisteten bei den Arbeitsämtern auch nur die dafür an einer Fachhochschule für Arbeitsverwaltung ausgebildeten Arbeitsberater. Die findet man nun gerade bei den Jobcentern nicht.

    Im Zuge der Einführung des SGB II und des Aufbaus der Jobcenter wollte man genau diese Leute nicht als Sachbearbeiter haben, da sie die Bürger als Bürger behandelten, so wie sie es gelernt hatten.

    Respekt wird einem übrigens nicht entegengebracht, man muss ihn sich verschaffen, und zwar höflich, korrekt und distanziert. Jammern hilft nicht. Schimpfen auch nicht. Man muss sich kundig machen und nach den Regeln des Systems handeln.

    Die Mitarbeiter der Jobcenter sind eben nicht meine Freunde. Selbst dann, wenn sie freundlich sind. Das SGB II ist es nämlich nicht. Und das ist es, was zählt.
  • Andrea
    am 09.07.2015
    Nur 2 gelbe Karten also - und schon fühlt man sich gut. Daran, dass ein Leistungsbezieher ein großes Risiko eingeht, wenn er sich beschwert, denkt niemand. Man ist den SachbearbeiterInnen ausgeliefert und die haben Möglichkeiten.

    Ich selbst war zwar glücklicherweise nur ein paar Monate arbeitslos, doch ich erinnere mich noch an den Anruf des Jobcenters zur "Zufriedenheitsbefragung". Die Dame wollte auch nicht verstehen, dass ich eine Bewertung erst abgeben wollte, wenn ich wieder in Lohn und Brot wäre. Keinesfalls solange ich noch vom Goodwill abhängig bin.

    Gerne hätte ich später vom respektlosen Umgang, von der verschwendeten Zeit beim "Bewerbertag" und davon erzählt, dass nicht ein "Vermittlungsvorschlag" auch nur annähernd zu meinem Profil gepasst hat. Aber erzählt man das wenn man nicht weiß, wie lange man in dieser Abhängigkeit ist? Ich war dazu zu feige.

    Ach ja - und später fragt niemand mehr. Ich denke, man weiß warum.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!