Sucht und Depression haben Heinz E. aus dem Leben gekegelt. Foto: Joachim E. Röttgers

Sucht und Depression haben Heinz E. aus dem Leben gekegelt. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 220
Gesellschaft

Auf einen Schlag im Abseits

Von Widmar Puhl
Datum: 17.06.2015
Nach einem Schlaganfall ist Heinz E. behindert. Die Reha misslingt, seine kleine Firma geht in Konkurs, er wird depressiv. Seine Beziehung zerbricht an Suchtproblemen, nach und nach versagen alle medizinischen und sozialen Netzwerke. Denn krank und süchtig, das ist nirgendwo vorgesehen. Teil eins unserer Sozialreportage.

Heinz E., 45 Jahre alt, ein Kerl wie ein Baum, fällt am 29. September 2008 einfach so um. Um drei Uhr früh bearbeitet er Abrechnungen im Souterrain-Büro, weil er nicht schlafen kann. Plötzlich wird ihm schlecht. Er will ins Bad und stürzt. Nach vier Stunden – viel zu spät – findet ihn seine Lebensgefährtin. Der Notarzt stellt die Diagnose: Schlaganfall. Der Krankenwagen bringt ihn ins Paracelsus-Krankenhaus Ruit.

Noch kürzlich hat er seiner Mutter von dem Kribbeln im Arm erzählt. Sie sagte ihm, er müsse zum Arzt, "versprich mir das". Aber sie weiß: "Ein Dickschädel war er schon immer." Der Sohn hat es versprochen und vergessen. Es war so viel los: die neue Freundin mit zwei halbwüchsigen Buben auf den Fildern, die kleine Dienstleistungsfirma für ein großes Autohaus in Böblingen. Er hat seine Mitarbeiter zum Teil schwarz bezahlt – zu welchem Teil, weiß niemand. Jetzt entgleitet alles seiner Kontrolle.

Ein schwieriger Patient

Auf der Intensivstation kämpft der Patient eine Woche lang um sein Leben. Mit entgleisten Gesichtszügen, halbseitig gelähmt liegt er im Bett und kann kaum sprechen. Der große, sportliche, gut aussehende Mann ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Später hat er viel Besuch – Kunden, Kollegen, Sportsfreunde. Familienrat am Krankenbett: die Freundin, deren Schwester mit Mann, von auswärts die 70-jährige, schwerbehinderte Mutter des Patienten und sein Vater. Kaum dass er wieder sprechen kann, verlangt er nach Laptop und Handy, kommt aber damit nicht zurecht und ärgert sich, wenn ihn die Angestellten am Telefon nicht verstehen: "Pappnasen!"

"Nur ein paar Bier" waren irgendwann ein paar zu viel. Foto: Matthias Ripp/flickr.com (CC BY 2.0)
"Nur ein paar Bier" waren irgendwann ein paar zu viel. Foto: Matthias Ripp/flickr.com (CC BY 2.0)

Für alles und jedes ist Heinz plötzlich auf Hilfe angewiesen. Mühsam muss er wieder laufen lernen, der linke Arm baumelt herunter. Schuhe zubinden, ein Hemd knöpfen: Fehlanzeige. Gehör und Gesichtsfeld links sind eingeschränkt. Dazu kommen schnelles Ermüden, Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Das macht ihn ungeduldig und reizbar.

Die Lebensgefährtin bekommt eine Generalvollmacht und bezahlt auch die Angestellten. Sie sagt: "Der Heinz ist die Liebe meines Lebens. Gemeinsam schaffen wir das!" Mit einer Sozialarbeiterin der Klinik stellt sie Anträge bei der Krankenversicherung und für die Reha. Der Vater macht einen Crashkurs in Buchhaltung, organisiert mit dem Vorarbeiter, dass die Firma irgendwie weiter läuft, verhandelt mit der Chefetage und der Buchhaltung des Kunden, schreibt Rechnungen und staunt: "Die werden tatsächlich bezahlt!"

Die Firma läuft vorerst ohne Chef weiter. Eines Tages genehmigen sich die beiden Angestellten eine "Lohnerhöhung" von 20 Prozent, stehen plötzlich bei der Lebensgefährtin vor der Tür und verlangen das Geld in bar. Wie Kriminelle warten sie vor der Haustür, bis die eingeschüchterte Frau das Geld von der Bank bringt. Heinz E. schäumt in hilfloser Wut auf den Vorarbeiter, ohne den jetzt gar nichts mehr geht: "Früher hätte der sich so was im Leben nicht getraut!" Jetzt aber schon.

Aufregung, Stress, Alkohol, Kaffee, Zigaretten: alles verboten. Heinz bekommt Massagen, muss Sprachtraining machen und mit Physiotherapeuten üben, das linke Bein und den linken Arm zu bewegen: eine Schinderei. Von Besuchern lässt er sich gern mit dem Rollstuhl in den Krankenhausgarten fahren. Nach zwei Wochen zieht er beim Kaffee Zigaretten aus der Tasche und erklärt: "Ich hab ja sonst nix mehr im Leben." Der Vorarbeiter hat ihm die bringen müssen.

Von der Depression in die Sucht

Heinz E. hat sich noch nie etwas sagen lassen. Auf sein Bier und seine Zigaretten will er auf keinen Fall verzichten. Im November schlagen die Ärzte eine Reha in einer Schmieder-Klinik vor: Die in Allensbach hat den besten Ruf, "weil man sich dort rund um die Uhr sieben Tage die Woche um die Patienten kümmert". Aber die habe eine Wartezeit. Schneller könne er nach Heidelberg, sofort nach Gerlingen. Die Sozialarbeiterin warnt: "Dort haben wir bei Schlaganfällen keine guten Erfahrungen gemacht." Doch der Patient will weiter viel Besuch und am Wochenende nach Hause. Die Freundin: "Im Winter fahre ich nicht nach Allensbach oder Heidelberg!" Sie entscheiden sich gegen die Empfehlung und für Gerlingen.

Doch irgendwann während dieser Reha wird aus Hoffnung Depression. Die will Heinz E. nicht wahrhaben und lehnt eine Therapie ab. An allem sind andere schuld. Eines Abends macht er sich "aus Einsamkeit" auf und hinkt durch den dunklen, verschneiten Wald zur nächsten Kneipe. Nach "ein paar Bier" kommt er mit einer blutenden Kopfwunde zurück. Er ist über eine Wurzel gestolpert. Die Klinikleitung droht im Wiederholungsfall mit Rausschmiss. Zwei Wochen später ruft seine Freundin verzweifelt seine Eltern an: "Er trinkt! Ich bringe Wäsche, und der Schrank ist voller Flaschen!" Jetzt tickt da eine Zeitbombe: falsche Klinik, Bier und Zigaretten. Den Ärzten sind die Hände gebunden: "Wir dürfen das den Patienten nur innerhalb des Hauses verbieten." Gibt es ein Recht auf Krankheit?

Gegen die Wand

Firma bankrott, Konto leer. Foto: Joachim E. Röttgers
Firma bankrott, Konto leer. Foto: Joachim E. Röttgers

Im Februar 2009, wieder daheim, hat Heinz E. erneut seine alten Essgewohnheiten aufgenommen und 15 Kilo zugelegt, weil er nicht mehr körperlich arbeitet. Wochenlang liegt ein Prospekt für die ambulante "Rehamed Neuro" in Stuttgart-Vaihingen bei ihm herum, da gibt es sogar einen Fahrdienst – kein Interesse. Wie soll eine ambulante Reha schaffen, was die stationäre nicht geschafft hat? Wie soll ein Mensch jetzt Disziplin dafür aufbringen, wenn Disziplin schon für den Gesunden ein Reizwort war? Beim Besuch der Eltern sagt er: "Wenn du einmal Pech hast, dann richtig." Heinz fühlt sich bevormundet, will seine Buchhaltung und die Rechnungen wieder selbst übernehmen. Er kann es nicht, aber die Freundin: "Wir schaffen das!"

Von Oktober bis Dezember ist die Firma noch ganz ordentlich gelaufen. Dann brechen die Umsätze ein. Die Bankenkrise ist zur globalen Wirtschaftskrise geworden und schlägt zuerst auf kleine Subunternehmen großer Konzerne durch. Heinz lässt sich zu seiner Firma fahren, weil er "nach dem Rechten sehen" und mit den Auftraggebern reden will. Aber offenbar ist das Vertrauen schon verloren. Dann geht alles ganz schnell. Die beiden Geschäftsführer erhalten wegen Betrugsvorwürfen von der Konzernzentrale die fristlose Kündigung.

Im März fährt der Betrieb von Heinz E. endgültig gegen die Wand. Die interne Revision des Autohauses wickelt seine Firma ab. Heinz E. und seine Mitarbeiter stehen vor dem Nichts. "Für Ihren weiteren beruflichen Werdegang wünschen wir Ihnen alles Gute." Das ist der zweite Schlag.

Der dritte Schlag folgt im Oktober 2010. Seine "große Liebe" wirft Heinz E. aus dem Haus. Das ist selbst dann schwer zu verstehen, wenn man weiß, dass sie inzwischen heillos überfordert war. Abwechselnd mit ihrer Schwester pflegte sie schon eine demente Mutter und einen schwer kranken Vater, als Heinz noch gesund war. Offenbar ist die Beziehung zu der geschiedenen Mutter von zwei halbwüchsigen Buben schon lange vor dem Rauswurf gescheitert. Aber diese Geschichte bleibt lückenhaft und ist auch für den Betreuer, den Heinz E. Anfang 2011 bekommt, schwer zu rekonstruieren.

Das soziale Netz zerfällt

Im Sommer 2009 bricht Heinz E. den Kontakt zu seinen Eltern für ein Jahr ab. Er fühlt sich bevormundet durch Fragen des Vaters nach Versicherungen, Steuern und Löhnen. Er empört sich, als die Mutter seine Forderungen nach Geld zurückweist. Sein Vater hat für ihn von September bis Dezember 2008 Rechnungen über 34 000 Euro ausgestellt, die bezahlt wurden. Heinz war vier Monate in Kliniken und hatte kaum Gelegenheit, Geld auszugeben, aber weiter gute Einnahmen: erst Krankengeld plus Krankenhaustagegeld, dann die gesetzliche und eine private Berufsunfähigkeitsrente plus Pflegestufe eins – insgesamt rund 1600 Euro netto. Die Frage, wieso das alles nicht reicht, löste bloß einen Wutanfall aus, keine Antwort.

Ein Betreuungsfall verursacht bergeweise Akten. Foto: Joachim E. Röttgers
Ein Betreuungsfall verursacht bergeweise Akten. Foto: Joachim E. Röttgers

Später kommt heraus: Heinz E. trinkt trotz aller Versprechungen immer wieder. Einmal ruft die Freundin seine Mutter an und klagt: "Ich war nicht da, und er ist im Vollrausch die Kellertreppe hinuntergefallen!" Er muss ins Krankenhaus, ist aber ein paar Tage später wieder daheim. In der Klinik hat anscheinend niemand gemerkt, was los war. Eine Nachsorge, die solche Patienten auch zu Hause aufsucht, gibt es nicht. Der Hausarzt verschreibt etwas gegen Depressionen, weil Heinz nicht zum Neurologen will und jede Therapie verweigert: "Ich bin keine Matschbirne!"

Auffallend oft nur Fragen und keine Antworten: Warum kann ihn erst seine Mutter, die ihn zufällig im Frühjahr 2010 in Stuttgart wieder trifft, motivieren, die ambulante Reha in Anspruch zu nehmen? Warum ist die Freundin jedes Mal weg, wenn seine Eltern ins Haus kommen, um ihn zu einem Verwandtenbesuch abzuholen? An diesem Tag erzählt Heinz E. seinem Vater, dass sie ihn aus dem Ehebett aufs Sofa im Wohnzimmer verbannt hat. Im Souterrain kann er seit dem Sturz nicht mehr wohnen; aber wieso zahlt er weiter Miete – auch, als dort neue Mieter einziehen?

Das Finanzamt stellt weiterhin Forderungen und weiß nicht einmal, dass die Firma von Heinz E. nicht mehr existiert. Zwei Jahre lang hat er keine Post geöffnet. Das Chaos wächst von Woche zu Woche. Die Freundin tut offenbar nichts mehr dagegen. Sie bittet nicht um Hilfe, hebt aber jeden Monat mehrere Hundert Euro mit ihrer EC-Karte von seinem Konto ab. Wofür ist der Kredit, den er an sie abstottert? Schweigen. Hat das alles damit zu tun, dass der Schlaganfallpatient inzwischen auch internetsüchtig ist, um den Liebesentzug zu kompensieren?

Seine Mutter bemerkt das, als er um Weihnachten 2010 zwischen Kurzzeitpflege und Suchtklinik für 16 Tage doch bei den Eltern unterkommt. Zu dem Betreuer, der danach helfen soll, sagt sie: "Nächtelang hat er am Laptop gesessen." Einmal holen ihn Freunde der Eltern aus dem Zug, weil er nach der ambulanten Reha in Stuttgart bis zur Besinnungslosigkeit getrunken hat. Zu fünft hieven sie den 100-Kilo-Mann zu Hause in den ersten Stock und ins Bett. Dabei fallen ihm Rechnungen aus dem Rucksack. "Er hat Tausende für Telefonsex und Internet-Chats mit einer Mary ausgegeben", sagt die Mutter. Aber über so etwas spricht man nicht. Nicht Heinz E. und nicht seine Freundin. Irgendwann hält sie das einfach nicht mehr aus. Keinen Tag länger.

 

Fortsetzung in der kommenden Ausgabe: Das K-.o.-System

Was passiert mit Menschen, die psychisch und körperlich nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag selbst zu bewältigen? Mehr als eine Million Menschen sind in dieser Lage. Wie das soziale Netz und professionelle Helfer scheitern an einem Teufelskreis aus Überforderung, Gesetzeslücken und unklaren Zuständigkeiten.


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