KONTEXT Extra:
Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


Erinnern an einen Kriegsgegner: Lesung zum 100. Todestag von Friedrich Westmeyer

Vor 100 Jahren, am 14. November 1917, starb der Stuttgarter Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und SPD-Vorsitzende Friedrich Westmeyer in einem Lazarett in Belgien. Wenige Monate davor war er, wie viele andere linke Sozialisten, an die Front geschickt worden. Eine bittere Ironie: Während zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Reichstagsfraktion der SPD am 4. August 1914 geschlossen für die Kriegskredite stimmte, kämpfte gerade in Stuttgart eine starke Gruppe linker Sozialdemokraten weiter gegen den Krieg, und Westmeyer war ihr Wortführer. Nach seinem Tod schrieb Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Gefängnis an Clara Zetkin nach Stuttgart: "Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen." Etwas verspätet meldet selbst die "New York Times" seinen Tod: "German Anti-War Socialist was sent to the Front as Punishment." Heute ist er nur noch wenig bekannt, dabei gilt er auch als geistiger Vater der Stuttgarter Waldheime, engagierte sich in sozialen Fragen wie Wohnungsnot, Organisation der Jugend und Frauenbildung. Der Historiker und Journalist Willy Reschl, der schon 2014  im Kontext-Buch "Der König weint" Westmeyer würdigte, erinnert nun mit einer Lesung am 12. November um 11 Uhr im Waldheim Gaisburg an den rebellischen Sozialisten. (10.11.2017)


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Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Ausgabe 209
Gesellschaft

Springen, wenn die Bahn ruft

Von unserer Redaktion
Datum: 01.04.2015
Sauberer Seitenwechsel: Jörg Hamann, Lokalchef der "Stuttgarter Nachrichten" (StN), wird neuer Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart 21. "Schamlos" nennen Kritiker den Abgang zur Deutschen Bahn, "ganz normal" findet ihn die Chefetage des Blattes. Der 52-Jährige ist ein glühender Verfechter der tiefgelegten Schienen - und ein Symbol für den Verfall journalistischer Moral.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, dass Jörg Hamann neuer Projektsprecher von Stuttgart 21 wird. "Weißt Du schon ...?"-SMSe wurden getippt, aufgeregt "Das gibt's doch gar nicht!"-Telefonate geführt, nachdem die Deutsche Bahn am vergangenen Mittwoch (25. März) in einer dürren Presseerklärung offenbarte, dass der 52-jährige Leiter des StN-Ressorts "Stuttgart und Region" zum Staatskonzern wechselt. Spätestens ab Oktober soll Hamann die Kommunikation der bahneigenen Projektgesellschaft Stuttgart - Ulm verantworten, Öffentlichkeit wie Medien über Baufortschritt und Kostenrahmen beim Tiefbahnhof informieren. Seine Kollegen im Möhringer Pressehaus unterrichtete der Auserkorene, der von seinem Wohnort Maichingen bei Sindelfingen stets mit dem Auto zur Arbeit fährt, erst danach in einer der Redaktionskonferenzen. Abends nach getaner Arbeit durfte, wer wollte, die Überraschung bei einem guten Tropfen verdauen.

Der neue Projektsprecher von Stuttgart 21: Der Noch-Journalist Jörg Hamann. Foto: Joachim E. Röttgers
Der neue Projektsprecher von Stuttgart 21: Der Noch-Journalist Jörg Hamann. Foto: Joachim E. Röttgers

"Für eine ganz normale Angelegenheit", hält Wolfgang Molitor, stellvertretender StN-Chefredakteur, dass der Chef des wichtigsten Ressorts dem Beispiel Ronald Pofallas folgt. Kurz nach der Bundestagswahl 2013 war durchgesickert, dass der CDU-Kanzleramtsminister bei der Bahn anheuert. Zu Jahresbeginn trat er das Amt als Generalbevollmächtigter des Staatskonzerns an. Der CDU-Mann, mit Bahnchef Rüdiger Grube befreundet, brachte im Februar 2013, als Stuttgart 21 wegen Milliarden-Mehrkosten auf der Kippe stand, widerspenstige Staatssekretäre im Aufsichtsrat auf Weiterbauen-Linie. "Eindrücke, Unterstellungen und Verschwörungstheorien entbehren jeglicher Grundlage", bekräftigt StN-Vize Molitor, im Übrigen werde Hamann ab sofort nicht mehr über S 21 berichten oder kommentieren.

Die Personalie Hamann wird via DB-Pressetext vermeldet

Für andere hat die Ernennung des neuen "Mister Stuttgart 21" einen bitteren Beigeschmack. "Schamlos" nennt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 den Seitenwechsel des Journalisten. Weil dieser wie kaum ein anderer für die "kritiklose und kampagnenförmige Unterstützung" des Milliardenprojekts durch "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" stehe. "Hamann ist berüchtigt für Hofberichterstattung und bedingungsloses Schönschreiben des Projekts, für die Begleitmusik zur Faktenschafferei der Bahn und für die Diffamierung von S21-Gegnern", heißt es im Pressestatement des Bündnisses, das die Möhringer Redaktionen ihren Lesern dann doch vorenthielten. Stattdessen beließen es die Blätter bei einer Kurzmeldung zur Personalie - die in den "Stuttgarter Nachrichten" nahezu identisch mit dem Pressetext der Deutschen Bahn war.

Wie kein anderes Bauprojekt hat Stuttgart 21 auf Politik und Gesellschaft gewirkt. Die Auseinandersetzung um die Tieferlegung des Kopfbahnhofs trug dazu bei, dass die CDU-Herrschaft im Südwesten nach 58 Jahren ihr Ende fand, der erste grüne Ministerpräsident der Republik hier vereidigt wurde. Medien, insbesondere denen an der Riesenbaustelle ansässigen beiden Stuttgarter Zeitungen, wäre die Aufgabe zugefallen, Bau wie Begleitumstände kritisch zu beleuchten. Schon allein, um dem Anspruch als Vierte Gewalt gerecht zu werden. Wie bekannt: es war nicht so. Auch wenn es StN-Vize Molitor nicht so sieht: der angekündigte Wechsel eines leitenden Redakteurs zum Bauherrn des Megaprojekts legt einen medienethischen Diskurs nahe, verlangt nach Erklärungen, wie es um die journalistische Moral in Medien und bei Medienschaffenden bestellt ist. "Darf der das?", lautet die Gretchenfrage, auf die Projektgegner und S 21-Befürworter unterschiedliche Antworten finden.

Grundsätzlich ist jeder Mensch frei in seiner Entscheidung, was Job und Karriere betrifft. Auch ein leitender Journalist. Zudem ist der scheidende Lokalchef nicht der erste Redakteur, der sich von Bord der personalsparenden Südwestdeutschen Medienholding begibt, zu der die "Stuttgarter Nachrichten" gehören. Wirtschaftsredakteurinnen sind als Pressesprecherinnen bei Gewerkschaften untergekommen, über deren Tarifkampf sie geschrieben haben. Ein einst leitender StN-Lokalreporter spricht heute für die kommunalen Stuttgarter Stadtwerke, obwohl er zuvor auch über Skandale im hiesigen Rathaus berichtete. All diese Wechsel gingen ohne großes Aufsehen über die Bühne. Als der Redaktionsleiter der "Leonberger Zeitung", einer Lokalausgabe der "Stuttgarter Zeitung", Ende 2012 direkt in das Kommunikationsbüro von Stuttgart 21 wechselte, wurde dies fast nur in Medienkreisen beachtet. Und dass ein preisgekrönter StZ-Redakteur als Mitglied der Agentur "Lose Bande" heute im Auftrag der Bahn fleißig PR-Texte für den Tiefbahnhof schreibt, wissen nur Kontext-Leser.

Journalisten zeigen gerne mit dem Finger auf andere

"An andere legen viele Journalisten gerne ziemlich strenge Maßstäbe an. An sich selbst weniger", schreibt Markus Wiegand, Chefredakteur vom Branchenblatt "Wirtschaftsjournalist". Es sei im Mediengeschäft etwas zu sehr Mode geworden, mit dem Finger auf andere zu zeigen. "Der Hang zur Selbstkritik dagegen bleibt bei vielen Journalisten nur schwach entwickelt", moniert Wiegand. "Wenn Spitzenpolitiker ohne Karenzzeit in die freie Wirtschaft wechseln, ist das sehr anrüchig. Wenn Spitzenjournalisten ohne Unterbruch auf die PR-Seite gehen, suchen sie einfach mal nach einer neuen Herausforderung", nennt er als Beispiel.

Die ausgewiesene Philosophin Annemarie Pieper definiert Medienethik als korrekte Information seitens der Journalisten, Redakteure und übrigen Medienschaffenden, die auf der Basis genauer Recherchen und unvoreingenommener Berichterstattung ihrer Wahrheitspflicht nachkommen. Diesem Diktum ist der angehende Projektsprecher an seiner bisherigen Wirkungsstätte nicht nachgekommen, sagen Stuttgart-21-Kritiker. "Wem, Herr Hamann, sind Sie mehr verpflichtet - der freien Berichterstattung oder den Drahtziehern aus Politik und Wirtschaft?", fragte im Jahr 2012 Klaus Arnoldi vom Verkehrsclub Deutschland (VCD), der früher zum Aktionsbündnis gegen S 21 gehörte.

Im eigenen Blatt ließ Hamann gewöhnlich seine Redakteure über das Milliardenprojekt berichten. Er beschränkte sich auf Leitartikel und Kommentare, die ihm, journalistisch korrekt, Raum für persönliche Meinungen geben. "In allen Leitartikeln haben sich die Stuttgarter Nachrichten im Kern bisher stets für S 21 ausgesprochen", bekannte Hamann auf einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) im Mai 2011. Die positive Grundhaltung sei keine Festlegung für alle Zeiten und habe nie kritische Kommentare im Einzelfall ausgeschlossen, betonte er damals.

Hamann war einer der Ersten, der "unumkehrbar" erfand

Doch der Grat zwischen Meinung und polemischer Meinungsmache ist schmal. Als einer der Ersten apostrophierte Hamann in seinen Kommentaren Stuttgart 21 als "unumkehrbar" und "alternativlos", was es bis heute nicht ist. Spätestens zur Volksabstimmung war dies auch offizieller Projektsprech. Mitunter kamen aus Hamanns Feder "Pamphlete, für die man sich fremdschämen muss" ("Stuttgarter Tagblatt"). In einem Kommentar ("Hermann: Wie lange noch?") bezeichnete er im September 2011 den grünen Verkehrsminister Winfried Hermann als "unberechenbaren Querkopf". Dagegen arteten wohlwollende Berichte über Stuttgart 21 in der StN mitunter zu träumerischen Elogen ans Jahrhundertprojekt aus ("Der Bahnhof als verheißungsvoller Ort").

Mini-Mitteilung der eigenen Zeitung: Artikel zum Wechsel des Lokalchefs in den Stuttgarter Nachrichten. Screenshot
Mini-Mitteilung der eigenen Zeitung: Artikel zum Wechsel des Lokalchefs in den Stuttgarter Nachrichten. Screenshot

"Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, solltest du auch sagen", meinte Voltaire. Hamann berücksichtigte diesen Rat nicht. Zum offiziellen Projektbaustart im Februar 2010 rechnete er die explodierenden Kosten mit einer bahnbrechenden Milchmädchenrechnung klein. Von den damals mit 4,1 Milliarden Euro angegeben Baukosten "kostet der Tiefbahnhof nur 300 Millionen Euro - was auch zu kurz gekommen ist bei der Vermittlung des Vorhabens", leitartikelte er einen Tag vor der großen Auftaktfeier mit symbolischer Prellbockversetzung. Seinen Lesern vermittelte er die "zuführende Strecken mit insgesamt 32 Kilometern durch Tunnel und den Bau eines ICE-Bahnhofs am Flughafen" als die wahren Kostentreiber des Projekts.

Ob wissentlich oder unwissentlich, Hamann verbreitete auch die vom früheren Stuttgarter OB Wolfgang Schuster (CDU) gestreute Halbwahrheit, dass "Stuttgart 100 Hektar Entwicklungsfläche in bester Citylage bekommt, wenn von 2019 an der Talkessel von der Gleiswüste befreit wird, die heute die Landeshauptstadt teilt". Tatsächlich lassen sich auch bei einem modernisierten Kopfbahnhof K 21 rund 60 Hektar Bahnflächen umwidmen. Dazu zählt etwa das 16 Hektar große Teilgebiet A1, das als neues Europaviertel bereits weitgehend bebaut ist, obwohl der Kopfbahnhof weiter in Betrieb ist. Immer wieder verwiesen Projektkritiker darauf. Hamann verschwieg es seinen Lesern eisern.

"Kretschmanns Chaoten im Park"

In bestem Boulevard-Stil polemisierte Hamann auch gegen diejenigen, die sich nicht mit dem "demokratisch legitimierten" Projekt abfinden wollen. "Kretschmanns Chaoten im Park" überschrieb er im April 2011 einen Kommentar, das sich gegen das Protest-Camp von Bahnhofsgegnern im Stuttgarter Schlossgarten richtete. "Ein Ministerpräsident, der so großen Wert auf eine von Bürgern getragene Gesellschaft legt, darf keinen rechtsfreien Raum dulden, in dem eine radikale Splittergruppe das Bedürfnis der Allgemeinheit nach Freizeit und Erholung stört", verlangte er wenige Tage vor Vereidigung des ersten grünen Ministerpräsidenten. "Kretschmann muss schnell aufräumen im Schlossgarten. Wie sonst will er den Bürgern vermitteln, dass nicht jeder Rasen geeignet ist zum Fußballspielen, für Grill-Partys - oder als Campingplatz?", fragte er damals. Heute klingen diese Zeilen absurd, tummeln sich im fraglichen Parkabschnitt doch keine Bürger, sondern Bagger und Baulaster, um den Bahnhofstrog auszuheben.

Hamanns Schreibe goutierten die "Proler", die Befürworter des Bahnprojekts, stets auf ihren Facebook-Seiten, während Projektkritikern nur blieb, vor Wut zu schäumen, ungläubig den Kopf zu schütteln oder gleich das Zeitungsabo zu kündigen. "Für die Stuttgarter Nachrichten gab es von den Lesern überwiegend Lob. Wir hatten 139 Abbestellungen wegen Stuttgart 21", behauptete Hamann auf der bpb-Veranstaltung. Und überhaupt sei der Protest überbewertet, so seine Botschaft: "Kritik lässt sich heute durch die Vernetzung im Internet leicht bündeln, um so gezielt eine Gegenöffentlichkeit aufzubauen. Diese bildet nicht die Mehrheit, wird aber als solche wahrgenommen."

Tatsächlich besitzen Journalisten und Medien durchaus Mittel, um eine ihnen genehme Öffentlichkeit aufzubauen. Dafür bedarf es nicht einmal der Lüge. Unpassende Wahrheiten lassen sich subtil verschleiern, ohne Unwahrheit sagen zu müssen. Was es braucht sind journalistische Chuzpe und publizistische Macht. Aktuelles Beispiel ist die Griechenland-Kampagne der "Bild"-Zeitung, die durch Umfang der Berichterstattung bis hin zur Bebilderung und Kommentierung, Stimmung macht. Totschweigen ist im Medienalltag ein gängiges Mittel, um vermeintlich Unbequemes zu unterdrücken. Hochschreiben ein anderes, um schwachen Argumenten Gewicht zu verleihen. Gern als Manipulationsinstrument verwendet: Das ausführliche Experteninterview, in dem der Journalist im schlimmsten Fall als williger Stichwortgeber auftritt.

Zum Abschied noch ein großes Interview mit Vorgänger Dietrich

Kommentar des Kolumnisten. Zum Vergrößern klicken.
Kommentar des Kolumnisten. Zum Vergrößern klicken.

Die "Stuttgarter Nachrichten" befragten immer wieder Experten ausführlich zum Bahnhofsprojekt. Das ist zunächst löblich. Anstößig wird es, wenn im gedruckten Blatt wie in der öffentlichen StN-Diskussionsreihe "Forum 21" fast nur Projektbefürworter zu Wort kommen. Zu Gast Bahnchef Rüdiger Grube und Infrastrukturvorstand Volker Kefer, befragt vom Journalisten Hamann. Ebenso auffallend ist, dass der Ressortleiter im vergangenen Oktober noch ein großes Abschiedsinterview mit seinem Vorgänger als S 21-Projektsprecher, Wolfgang Dietrich, führte.

Ein weiterer bekennender S-21-Befürworter ist Nikolai B. Forstbauer, der Kulturchef der "Stuttgarter Nachrichten". Er sitzt bei den Interviews und Diskussionen mit Bahn-Vertretern nicht nur gerne mit dabei, sondern bezieht auch im Blatt Stellung, insbesondere die vorzügliche Architektur des Baus betreffend. Zuletzt im Nachruf auf den Architekten Frei Otto, dessen "Begeisterung für die Idee eines Durchgangsbahnhofs" er pries. (Dass die eher verhalten war, hat Dietrich Heißenbüttel kürzlich in Kontext beschrieben). Forstbauer ist mit Nadia El Almi verheiratet, die im S-21-Kommunikationsbüro als "Leiterin Kommunikation, Medien, Politik" geführt wird. Der StN-Feuilletonchef könnte damit zumindest als befangen gelten.

Geschmeidige Seitenwechsel von Journalisten zwischen Redaktionen, Unternehmen und Parteien? Alltag in der Republik, der keiner Aufregung lohnt? Zur Kür des neuen S21-Projektsprechers reichen die Kommentare in den Online-Foren der beiden Stuttgarter Zeitungen von "Pfui-Teufel" über "Geschmäckle" bis "völlig normal". Während die einen die Glaubwürdigkeit der "Stuttgarter Nachrichten" nun vollends beschädigt sehen, werten andere Hamanns Karriereschritt als legitim. "Es kommt immer wieder vor, dass Journalisten, wie man so schön sagt, die Seiten wechseln. Meist sind das nicht die schlechtesten", argumentiert ein gewisser Tom Hörner im Kommentarteil der "Stuttgarter Nachrichten". Was der Schreiber nicht verrät: Hörner ist StN-Lokalredakteur und schreibt die tägliche Knitz-Kolumne.


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