KONTEXT Extra:
Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


Hunde als Soldaten

Große Natur- und Tierfilme, unvergessliche Filmbilder und spannend erzählte Geschichten: 130 Produktionen zu Natur, Tier, Umwelt und Nachhaltigkeit sind beim 16. NaturVision-Filmfestival in Ludwigsburg vom 13. bis 16. Juli (Donnerstag bis Sonntag) in Ludwigsburg zu sehen - beim größten Naturfilmfestival in Deutschland. Neben den Vorführungen im Kino Central gibt es ein Open Air auf dem Arsenalplatz. Dazu ein umfangreiches Programm auch für ganz junge Filmfans.

Schwerpunktthema in diesem Jahr: Die Stadt und das Meer. Gezeigt wird dabei auch der schockierende amerikanische Dokumentarfilm "A Plastic Ocean". Bei den Tierfilmen ist "Hundesoldaten" zu sehen, ein Film der Stuttgarter Regisseurin Lena Leonhardt über Kampfhunde bei der Bundeswehr - ausgezeichnet mit dem renommierten Grimme-Preis. "Unser Filmprogramm will für die Natur begeistern und kritisch informieren.Wir wollen aber auch zeigen, dass ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig ist, um neue Wege in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit zu gehen", so Festivalleiter Ralph Thoms. (12.7.2017)

Infos: www.natur-vision.de


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Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Karikatur: Kostas Koufogiorgos

Ausgabe 209
Gesellschaft

Springen, wenn die Bahn ruft

Von unserer Redaktion
Datum: 01.04.2015
Sauberer Seitenwechsel: Jörg Hamann, Lokalchef der "Stuttgarter Nachrichten" (StN), wird neuer Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart 21. "Schamlos" nennen Kritiker den Abgang zur Deutschen Bahn, "ganz normal" findet ihn die Chefetage des Blattes. Der 52-Jährige ist ein glühender Verfechter der tiefgelegten Schienen - und ein Symbol für den Verfall journalistischer Moral.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, dass Jörg Hamann neuer Projektsprecher von Stuttgart 21 wird. "Weißt Du schon ...?"-SMSe wurden getippt, aufgeregt "Das gibt's doch gar nicht!"-Telefonate geführt, nachdem die Deutsche Bahn am vergangenen Mittwoch (25. März) in einer dürren Presseerklärung offenbarte, dass der 52-jährige Leiter des StN-Ressorts "Stuttgart und Region" zum Staatskonzern wechselt. Spätestens ab Oktober soll Hamann die Kommunikation der bahneigenen Projektgesellschaft Stuttgart - Ulm verantworten, Öffentlichkeit wie Medien über Baufortschritt und Kostenrahmen beim Tiefbahnhof informieren. Seine Kollegen im Möhringer Pressehaus unterrichtete der Auserkorene, der von seinem Wohnort Maichingen bei Sindelfingen stets mit dem Auto zur Arbeit fährt, erst danach in einer der Redaktionskonferenzen. Abends nach getaner Arbeit durfte, wer wollte, die Überraschung bei einem guten Tropfen verdauen.

Der neue Projektsprecher von Stuttgart 21: Der Noch-Journalist Jörg Hamann. Foto: Joachim E. Röttgers
Der neue Projektsprecher von Stuttgart 21: Der Noch-Journalist Jörg Hamann. Foto: Joachim E. Röttgers

"Für eine ganz normale Angelegenheit", hält Wolfgang Molitor, stellvertretender StN-Chefredakteur, dass der Chef des wichtigsten Ressorts dem Beispiel Ronald Pofallas folgt. Kurz nach der Bundestagswahl 2013 war durchgesickert, dass der CDU-Kanzleramtsminister bei der Bahn anheuert. Zu Jahresbeginn trat er das Amt als Generalbevollmächtigter des Staatskonzerns an. Der CDU-Mann, mit Bahnchef Rüdiger Grube befreundet, brachte im Februar 2013, als Stuttgart 21 wegen Milliarden-Mehrkosten auf der Kippe stand, widerspenstige Staatssekretäre im Aufsichtsrat auf Weiterbauen-Linie. "Eindrücke, Unterstellungen und Verschwörungstheorien entbehren jeglicher Grundlage", bekräftigt StN-Vize Molitor, im Übrigen werde Hamann ab sofort nicht mehr über S 21 berichten oder kommentieren.

Die Personalie Hamann wird via DB-Pressetext vermeldet

Für andere hat die Ernennung des neuen "Mister Stuttgart 21" einen bitteren Beigeschmack. "Schamlos" nennt das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 den Seitenwechsel des Journalisten. Weil dieser wie kaum ein anderer für die "kritiklose und kampagnenförmige Unterstützung" des Milliardenprojekts durch "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" stehe. "Hamann ist berüchtigt für Hofberichterstattung und bedingungsloses Schönschreiben des Projekts, für die Begleitmusik zur Faktenschafferei der Bahn und für die Diffamierung von S21-Gegnern", heißt es im Pressestatement des Bündnisses, das die Möhringer Redaktionen ihren Lesern dann doch vorenthielten. Stattdessen beließen es die Blätter bei einer Kurzmeldung zur Personalie - die in den "Stuttgarter Nachrichten" nahezu identisch mit dem Pressetext der Deutschen Bahn war.

Wie kein anderes Bauprojekt hat Stuttgart 21 auf Politik und Gesellschaft gewirkt. Die Auseinandersetzung um die Tieferlegung des Kopfbahnhofs trug dazu bei, dass die CDU-Herrschaft im Südwesten nach 58 Jahren ihr Ende fand, der erste grüne Ministerpräsident der Republik hier vereidigt wurde. Medien, insbesondere denen an der Riesenbaustelle ansässigen beiden Stuttgarter Zeitungen, wäre die Aufgabe zugefallen, Bau wie Begleitumstände kritisch zu beleuchten. Schon allein, um dem Anspruch als Vierte Gewalt gerecht zu werden. Wie bekannt: es war nicht so. Auch wenn es StN-Vize Molitor nicht so sieht: der angekündigte Wechsel eines leitenden Redakteurs zum Bauherrn des Megaprojekts legt einen medienethischen Diskurs nahe, verlangt nach Erklärungen, wie es um die journalistische Moral in Medien und bei Medienschaffenden bestellt ist. "Darf der das?", lautet die Gretchenfrage, auf die Projektgegner und S 21-Befürworter unterschiedliche Antworten finden.

Grundsätzlich ist jeder Mensch frei in seiner Entscheidung, was Job und Karriere betrifft. Auch ein leitender Journalist. Zudem ist der scheidende Lokalchef nicht der erste Redakteur, der sich von Bord der personalsparenden Südwestdeutschen Medienholding begibt, zu der die "Stuttgarter Nachrichten" gehören. Wirtschaftsredakteurinnen sind als Pressesprecherinnen bei Gewerkschaften untergekommen, über deren Tarifkampf sie geschrieben haben. Ein einst leitender StN-Lokalreporter spricht heute für die kommunalen Stuttgarter Stadtwerke, obwohl er zuvor auch über Skandale im hiesigen Rathaus berichtete. All diese Wechsel gingen ohne großes Aufsehen über die Bühne. Als der Redaktionsleiter der "Leonberger Zeitung", einer Lokalausgabe der "Stuttgarter Zeitung", Ende 2012 direkt in das Kommunikationsbüro von Stuttgart 21 wechselte, wurde dies fast nur in Medienkreisen beachtet. Und dass ein preisgekrönter StZ-Redakteur als Mitglied der Agentur "Lose Bande" heute im Auftrag der Bahn fleißig PR-Texte für den Tiefbahnhof schreibt, wissen nur Kontext-Leser.

Journalisten zeigen gerne mit dem Finger auf andere

"An andere legen viele Journalisten gerne ziemlich strenge Maßstäbe an. An sich selbst weniger", schreibt Markus Wiegand, Chefredakteur vom Branchenblatt "Wirtschaftsjournalist". Es sei im Mediengeschäft etwas zu sehr Mode geworden, mit dem Finger auf andere zu zeigen. "Der Hang zur Selbstkritik dagegen bleibt bei vielen Journalisten nur schwach entwickelt", moniert Wiegand. "Wenn Spitzenpolitiker ohne Karenzzeit in die freie Wirtschaft wechseln, ist das sehr anrüchig. Wenn Spitzenjournalisten ohne Unterbruch auf die PR-Seite gehen, suchen sie einfach mal nach einer neuen Herausforderung", nennt er als Beispiel.

Die ausgewiesene Philosophin Annemarie Pieper definiert Medienethik als korrekte Information seitens der Journalisten, Redakteure und übrigen Medienschaffenden, die auf der Basis genauer Recherchen und unvoreingenommener Berichterstattung ihrer Wahrheitspflicht nachkommen. Diesem Diktum ist der angehende Projektsprecher an seiner bisherigen Wirkungsstätte nicht nachgekommen, sagen Stuttgart-21-Kritiker. "Wem, Herr Hamann, sind Sie mehr verpflichtet - der freien Berichterstattung oder den Drahtziehern aus Politik und Wirtschaft?", fragte im Jahr 2012 Klaus Arnoldi vom Verkehrsclub Deutschland (VCD), der früher zum Aktionsbündnis gegen S 21 gehörte.

Im eigenen Blatt ließ Hamann gewöhnlich seine Redakteure über das Milliardenprojekt berichten. Er beschränkte sich auf Leitartikel und Kommentare, die ihm, journalistisch korrekt, Raum für persönliche Meinungen geben. "In allen Leitartikeln haben sich die Stuttgarter Nachrichten im Kern bisher stets für S 21 ausgesprochen", bekannte Hamann auf einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) im Mai 2011. Die positive Grundhaltung sei keine Festlegung für alle Zeiten und habe nie kritische Kommentare im Einzelfall ausgeschlossen, betonte er damals.

Hamann war einer der Ersten, der "unumkehrbar" erfand

Doch der Grat zwischen Meinung und polemischer Meinungsmache ist schmal. Als einer der Ersten apostrophierte Hamann in seinen Kommentaren Stuttgart 21 als "unumkehrbar" und "alternativlos", was es bis heute nicht ist. Spätestens zur Volksabstimmung war dies auch offizieller Projektsprech. Mitunter kamen aus Hamanns Feder "Pamphlete, für die man sich fremdschämen muss" ("Stuttgarter Tagblatt"). In einem Kommentar ("Hermann: Wie lange noch?") bezeichnete er im September 2011 den grünen Verkehrsminister Winfried Hermann als "unberechenbaren Querkopf". Dagegen arteten wohlwollende Berichte über Stuttgart 21 in der StN mitunter zu träumerischen Elogen ans Jahrhundertprojekt aus ("Der Bahnhof als verheißungsvoller Ort").

Mini-Mitteilung der eigenen Zeitung: Artikel zum Wechsel des Lokalchefs in den Stuttgarter Nachrichten. Screenshot
Mini-Mitteilung der eigenen Zeitung: Artikel zum Wechsel des Lokalchefs in den Stuttgarter Nachrichten. Screenshot

"Alles was du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, solltest du auch sagen", meinte Voltaire. Hamann berücksichtigte diesen Rat nicht. Zum offiziellen Projektbaustart im Februar 2010 rechnete er die explodierenden Kosten mit einer bahnbrechenden Milchmädchenrechnung klein. Von den damals mit 4,1 Milliarden Euro angegeben Baukosten "kostet der Tiefbahnhof nur 300 Millionen Euro - was auch zu kurz gekommen ist bei der Vermittlung des Vorhabens", leitartikelte er einen Tag vor der großen Auftaktfeier mit symbolischer Prellbockversetzung. Seinen Lesern vermittelte er die "zuführende Strecken mit insgesamt 32 Kilometern durch Tunnel und den Bau eines ICE-Bahnhofs am Flughafen" als die wahren Kostentreiber des Projekts.

Ob wissentlich oder unwissentlich, Hamann verbreitete auch die vom früheren Stuttgarter OB Wolfgang Schuster (CDU) gestreute Halbwahrheit, dass "Stuttgart 100 Hektar Entwicklungsfläche in bester Citylage bekommt, wenn von 2019 an der Talkessel von der Gleiswüste befreit wird, die heute die Landeshauptstadt teilt". Tatsächlich lassen sich auch bei einem modernisierten Kopfbahnhof K 21 rund 60 Hektar Bahnflächen umwidmen. Dazu zählt etwa das 16 Hektar große Teilgebiet A1, das als neues Europaviertel bereits weitgehend bebaut ist, obwohl der Kopfbahnhof weiter in Betrieb ist. Immer wieder verwiesen Projektkritiker darauf. Hamann verschwieg es seinen Lesern eisern.

"Kretschmanns Chaoten im Park"

In bestem Boulevard-Stil polemisierte Hamann auch gegen diejenigen, die sich nicht mit dem "demokratisch legitimierten" Projekt abfinden wollen. "Kretschmanns Chaoten im Park" überschrieb er im April 2011 einen Kommentar, das sich gegen das Protest-Camp von Bahnhofsgegnern im Stuttgarter Schlossgarten richtete. "Ein Ministerpräsident, der so großen Wert auf eine von Bürgern getragene Gesellschaft legt, darf keinen rechtsfreien Raum dulden, in dem eine radikale Splittergruppe das Bedürfnis der Allgemeinheit nach Freizeit und Erholung stört", verlangte er wenige Tage vor Vereidigung des ersten grünen Ministerpräsidenten. "Kretschmann muss schnell aufräumen im Schlossgarten. Wie sonst will er den Bürgern vermitteln, dass nicht jeder Rasen geeignet ist zum Fußballspielen, für Grill-Partys - oder als Campingplatz?", fragte er damals. Heute klingen diese Zeilen absurd, tummeln sich im fraglichen Parkabschnitt doch keine Bürger, sondern Bagger und Baulaster, um den Bahnhofstrog auszuheben.

Hamanns Schreibe goutierten die "Proler", die Befürworter des Bahnprojekts, stets auf ihren Facebook-Seiten, während Projektkritikern nur blieb, vor Wut zu schäumen, ungläubig den Kopf zu schütteln oder gleich das Zeitungsabo zu kündigen. "Für die Stuttgarter Nachrichten gab es von den Lesern überwiegend Lob. Wir hatten 139 Abbestellungen wegen Stuttgart 21", behauptete Hamann auf der bpb-Veranstaltung. Und überhaupt sei der Protest überbewertet, so seine Botschaft: "Kritik lässt sich heute durch die Vernetzung im Internet leicht bündeln, um so gezielt eine Gegenöffentlichkeit aufzubauen. Diese bildet nicht die Mehrheit, wird aber als solche wahrgenommen."

Tatsächlich besitzen Journalisten und Medien durchaus Mittel, um eine ihnen genehme Öffentlichkeit aufzubauen. Dafür bedarf es nicht einmal der Lüge. Unpassende Wahrheiten lassen sich subtil verschleiern, ohne Unwahrheit sagen zu müssen. Was es braucht sind journalistische Chuzpe und publizistische Macht. Aktuelles Beispiel ist die Griechenland-Kampagne der "Bild"-Zeitung, die durch Umfang der Berichterstattung bis hin zur Bebilderung und Kommentierung, Stimmung macht. Totschweigen ist im Medienalltag ein gängiges Mittel, um vermeintlich Unbequemes zu unterdrücken. Hochschreiben ein anderes, um schwachen Argumenten Gewicht zu verleihen. Gern als Manipulationsinstrument verwendet: Das ausführliche Experteninterview, in dem der Journalist im schlimmsten Fall als williger Stichwortgeber auftritt.

Zum Abschied noch ein großes Interview mit Vorgänger Dietrich

Kommentar des Kolumnisten. Zum Vergrößern klicken.
Kommentar des Kolumnisten. Zum Vergrößern klicken.

Die "Stuttgarter Nachrichten" befragten immer wieder Experten ausführlich zum Bahnhofsprojekt. Das ist zunächst löblich. Anstößig wird es, wenn im gedruckten Blatt wie in der öffentlichen StN-Diskussionsreihe "Forum 21" fast nur Projektbefürworter zu Wort kommen. Zu Gast Bahnchef Rüdiger Grube und Infrastrukturvorstand Volker Kefer, befragt vom Journalisten Hamann. Ebenso auffallend ist, dass der Ressortleiter im vergangenen Oktober noch ein großes Abschiedsinterview mit seinem Vorgänger als S 21-Projektsprecher, Wolfgang Dietrich, führte.

Ein weiterer bekennender S-21-Befürworter ist Nikolai B. Forstbauer, der Kulturchef der "Stuttgarter Nachrichten". Er sitzt bei den Interviews und Diskussionen mit Bahn-Vertretern nicht nur gerne mit dabei, sondern bezieht auch im Blatt Stellung, insbesondere die vorzügliche Architektur des Baus betreffend. Zuletzt im Nachruf auf den Architekten Frei Otto, dessen "Begeisterung für die Idee eines Durchgangsbahnhofs" er pries. (Dass die eher verhalten war, hat Dietrich Heißenbüttel kürzlich in Kontext beschrieben). Forstbauer ist mit Nadia El Almi verheiratet, die im S-21-Kommunikationsbüro als "Leiterin Kommunikation, Medien, Politik" geführt wird. Der StN-Feuilletonchef könnte damit zumindest als befangen gelten.

Geschmeidige Seitenwechsel von Journalisten zwischen Redaktionen, Unternehmen und Parteien? Alltag in der Republik, der keiner Aufregung lohnt? Zur Kür des neuen S21-Projektsprechers reichen die Kommentare in den Online-Foren der beiden Stuttgarter Zeitungen von "Pfui-Teufel" über "Geschmäckle" bis "völlig normal". Während die einen die Glaubwürdigkeit der "Stuttgarter Nachrichten" nun vollends beschädigt sehen, werten andere Hamanns Karriereschritt als legitim. "Es kommt immer wieder vor, dass Journalisten, wie man so schön sagt, die Seiten wechseln. Meist sind das nicht die schlechtesten", argumentiert ein gewisser Tom Hörner im Kommentarteil der "Stuttgarter Nachrichten". Was der Schreiber nicht verrät: Hörner ist StN-Lokalredakteur und schreibt die tägliche Knitz-Kolumne.


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