Freitagsgebet in der Moschee in Stuttgart-Feuerbach. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 164
Gesellschaft

Stuttgart merkezinde yasamak – leben mitten in Stuttgart

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 21.05.2014
Für Tausende Stuttgarter und Stuttgarterinnen ist der Urnengang am Wochenende nicht der Höhepunkt des Wahljahrs. Türken ohne deutschen Pass dürfen ihre Stimme weder Gemeinderäten noch Europaabgeordneten geben. Stattdessen sind sie im Sommer zum ersten Mal aufgerufen, sich an der Präsidentschaftswahl in der Heimat ihrer Eltern oder Großeltern zu beteiligen. Der Wahlkampf, der trennt, statt zu einen, hat schon begonnen.

Die Türkei ist tief gespalten. Das sagt kein Geringerer als der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD), Safter Çinar. Und er schickt eine Hoffnung hinterher: Wenn Premierminister Recep Tayyip Erdoğan am Samstag in der Köln-Arena spricht, dann möge er doch dazu beitragen, dass sich diese "unversöhnliche Atmosphäre" nicht auf die türkische Gesellschaft in Deutschland überträgt. "Er wird weiter polarisieren", erwartet der bekannte Stuttgarter Gökay Sofuoglu, Sozialarbeiter seit vielen Jahren und Landeschef der TGD, illusionslos: "Wir müssen dann den Scherbenhaufen wegräumen."

Erdoğan, der sich noch nicht erklärt hat, ob er zur Präsidentenwahl überhaupt antritt, ist berüchtigt für sein aggressives Auftreten, für starke Worte und kurze undemokratische Schlüsse: eine Einschätzung, die viele Deutsche und Türken eint. Im Prinzip. Denn Letztere sind gern nachsichtig in der Beurteilung der Adalet ve Kalkınma Partisi, kurz AKP, der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung. "Würde ich in Ankara leben, hätte ich mich schon lange abgewandt", bekennt Arzu. Die Stuttgarterin arbeitet in einem Café, sie ist mehrsprachig und beschreibt sich als verwurzelt in zwei Nationen. Sie ist entsetzt über die Vorgänge nach dem verheerenden Grubenunglück in Soma, lobt "das hohe Gut der Rechtssicherheit" in Deutschland im Alltag oder am Arbeitsplatz. Und: "Unsere Politik ist viel intransparenter als die Politik hier." Sie möchte wählen gehen, hat aber einen türkischen Pass und wird ihn auch behalten, nicht zuletzt, um – im Fall des Falles – elend lange Erbstreitigkeiten zu vermeiden.

Schon dass der im Januar vereinbarte Auftritt des Premiers bei einem Vereinsjubiläum in der Domstadt in der deutschen Mehrheitsgesellschaft erst wenige Tage davor ein Thema wird, belegt die Kluft. "Die Rituale sind dann immer dieselben", erläutert ein Feuerbacher aus Izmir: "Zuerst spielen die einen mit den Muskeln, vor allem die Bayern, und dann die Türken." Mit "differenzierten Debatten" sei es ganz schnell vorbei nach dem Motto "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich". Er habe die Stuttgarter regelrecht beneidet im Sommer vor drei Jahren, als die Auseinandersetzung um den Bahnhof friedlich hochkochte – "so etwa wäre nie möglich bei uns". Thomas Strobl, der CDU-Landeschef, liefert aktuell die Vorlage genauso wie der Kölner SPD-OB. Beide reihen sich ein in die Gruppe der Kritiker der Veranstaltung – gegen die Linie ihrer Parteivorsitzenden. "Das wird dem Premier nur helfen", befürchtet ein Mannheimer Unternehmer. Die Deutschen hätten nicht verstanden, dass die AKP "nicht links und nicht rechts schaut, sondern nur die eigenen Anhänger mobilisiert".

Was ihr auch in Baden-Württemberg gelingt. Eine politische Pattsituation sehen Insider zwischen Opposition und Regierung. Für viele, die eigentlich liberaler denken, ist die von Erdoğan vor 13 Jahren gegründete Partei eine Art Gummiband zur Heimat, das gedehnt werden kann, aber nicht reißt. "Weil sich Türken im Ausland immer in der Defensive, immer in der Verteidigung fühlen", erklärt Integrationsministerin Bilkay Öney während einer Reise in die alte Heimat. Und weil die Reformen – etwa der Neuaufbau der Justiz – der vergangenen Jahre nicht anerkannt werden. Reformen, von denen gerade Auslandstürken profitieren. "Das Konsulat versteht sich heute als Dienstleister", berichtet Muhterem Aras. Die Stuttgarter Landtagsabgeordnete und Steuerberaterin ist die Tochter alevitischer Kurden und geboren in einem Dorf in Anatolien. 1978 kam sie nach Deutschland, längst hat sie einen deutschen Pass. Aber sie kann sich noch sehr genau erinnern, wie ihre Landleute äußerst ungern aufs Konsulat gegangen sind. Das hat sich unter der AKP verändert. Heute verstehe es sich als Bürgerservice mit parteiübergreifenden Veranstaltungen im Angebot und appelliert, Deutsch zu lernen.

Wie so viele sieht sich Aras als Mittlerin. Wie sie haben inzwischen mehr als 1,5 Millionen Einwanderer, ihre Kinder und Kindeskinder den deutschen Pass. "Als Türken angesehen werden wir trotzdem immer weiter", urteilt die 47-Jährige. Auch in Stuttgart kennt sie Fälle von reihenweise erfolglosen Bewerbungen, Da gehe es um bestens ausgebildete junge Leute, "die fast alles hergeben würden, um hier blieben zu können". Die fehlenden Perspektive, die nicht nur die Betroffenen vor allem auf den türkischen Namen zurückführen, treibt sie in eine Heimat, die die ihre gar nicht ist. Als zerrissen beschreibt sich ein Reutlinger, der dann doch noch sein Glück gemacht hat. Er gründete einen Betrieb und stellt nur Rückkehrer "mit Schwaben-Erfahrung" ein, wegen ihrer "Leistungsethik". Alle sind mehrsprachig, weltgewandt, und wenn sie zu einer Messe nach Stuttgart reisen, kann es passieren, dass sie dennoch Eintrittskarte und Barschaft vorweisen müssen, um überhaupt nach Deutschland gelassen zu werden. "Jetzt sind wir ohnehin schon weg, und noch immer wird uns Betrugsabsicht unterstellt", berichtet er auf einem Treffen mit Dagebliebenen.

Dass aus dem Nebeneinander auch nach so vielen Jahren kein richtiges Miteinander werden will, hat viele Gründe. Beim Italien- oder beim Frankreichurlaub oder daheim in der Stammpizzeria sind zumindest einige freundliche Floskeln Standard. Und beim Türken? "Danke heißt teşekkür ederim", sagt eine Frau mit Kopftuch, Fleischerin in einem Laden am Marienplatz, der längst viel mehr ist als ein Geheimtipp für bestes Rind und Lamm, "aber das hat mich noch nie jemand gefragt." In der Schule werden deutsche Kinder heute noch angespornt mit dem Hinweis, es könne doch nicht sein, dass eine Türkin den besten Aufsatz schreibt. Und wenn Brüssler Experten laut darüber nachdenken, dass etwa Berlin-Kreuzberg eine gemischtsprachige Region sein könnte in einigen Generationen, so wie seit Jahrhunderten Südtirol oder das Elsass, ist die Aufregung groß in bestimmten Kreisen. Die Warnung der EU: Die Vorteile liegen vor allem aufseiten der Zuwanderer, denn deren Mehrsprachigkeit wird selbstverständlich. Wenn sie es nicht ohnehin schon ist – ohne dass es Alteingesessene so recht mitkriegen. Ein Beispiel von vielen: In einem großen, viel frequentierten Kosmetikstudio in der Landeshauptstadt switchen die zehn jungen deutschen Frauen mit türkischen Wurzeln unentwegt zwischen beiden Sprachen hin und her. Und eine Schwangere erzählt mit erfrischender Beiläufigkeit, dass ihre Tochter auf jeden Fall zuerst Türkisch lernen wird. Das sei ein großer Vorteil – "schade nur, dass wir das immer noch erklären müssen".

Die alten Männer der ersten Einwanderergeneration, die sich regelmäßig in der Sophienstraße treffen, meinen, dass das Interesse der Deutschen ganz am Anfang im Grund am größten war. Damals, sinniert einer lächelnd und bekommt feuchte Augen. Damals. "Es war eine leise, pragmatische Vereinbarung – mit ungeahnten und bis heute prägenden Folgen für die deutsche Gesellschaft", schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung in einer Bewertung des Anwerbeabkommens, das am 30. Oktober 1961 zwischen dem Auswärtigen Amt in Bonn und der türkischen Botschaft unterzeichnet wurde. In einer Ausstellung zum 50. Jahrestag erinnert sich einer der Ersten, dass er geglaubt habe, dieses "ordentliche Deutschland mit seinem grünen Wiesen" sei das Paradies. Die Realität an den Stuttgarter, an den Mettinger oder den Sindelfinger Fließbändern war dann eine ganz andere. "Hier werden nur Ausländer arbeiten, denn bei denen erreichen wir alles, was wir wollen", schrieb der Italiener Mario D'Andrea, einen deutschen Vorarbeiter zitierend, vor fünfzig Jahren in sein Tagebuch. Und, dass "der Daimler" eine Strategie entwickelt hatte, "um aus uns Bandarbeitern die doppelte Produktion herauszuholen". Niemals durften zwei Landsleute nebeneinanderstehen, um jede Kommunikation zu verhindern. Willi Hoss, der Betriebsrat und spätere Grünen-Bundestagabgeordnete, ruft sich und anderen in seiner Biografie die Massenunterkünfte hinter Metallzäunen, die Duschen mit ungereinigtem Neckarwasser, die Akkordzeiten "zum Verrücktwerden" ins Gedächtnis. Den Zusammenhang von Demokratie und Arbeitsorganisation, schreibt er, "haben wir erst hier richtig begriffen".

Volle Teilhabe gibt es auch Jahrzehnte danach nicht. Wenn sich die Integrationsministerin mit einer Forderung nach dem Kommunalwahlrecht aus der Deckung wagt, hagelt es sofort Kritik von der Opposition. Und Muhterem Aras analysiert das Interesse am Wahlrecht für Auslandstürken als Reaktion auf ebenjenes "gewachsene Nebeneinander". Daran ändern die vielen Statistiken nichts, etwas dass 80 000 türkischstämmige Selbstständige rund 40 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften. "Alles Zahlen", so der Feuerbacher aus Izmir, der einen deutschen Pass hat und bei den Wahlen am kommenden Wochenende grün wählen will, "für die sich die allermeisten Deutsche nicht interessieren." Gerade in die Grünen, mit ihrem Bundesvorsitzenden, und in die SPD setzt er einige Hoffnung. Er weiß, dass beide Parteien elf Abgeordnete mit türkischen Wurzeln in ihren Fraktionen im Reichstag haben. Die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), jene Organisation bei deren Kölner Jubiläum Erdoğan spricht, hat eine Analyse der Bundestagswahlen angestoßen: 64 Prozent der Deutschen mit türkischen Wurzel haben SPD gewählt, jeweils 12 Prozent die Grünen und die Linken, nur sieben Prozent die Union und zwei die FDP. Und die Gefühlslagen, die gut ausgebildete junge Leute aus dem Land treiben, sind ebenfalls untersucht. Dortmunder Zukunftsforscher haben im Rahmen einer Studie zur Situation türkischer Akademiker und Studierender in der Republik herausgefunden, dass mehr als ein Drittel Auswanderungsgedanken wälzen und 42 Prozent wiederum das fehlende Heimatgefühl als Grund angeben.

Kann sein, dass der Wahlkampf vor dem Urnengang Ende Juli – möglicherweise in den Stuttgarter Messehallen – den alten Männern in der Sophienstraße so etwas wie die Ahnung von der alten Heimat zurückbringt. Lautsprecher sind organisiert. Ihr Betrieb nach der Straßenverkehrsordnung grundsätzlich verboten, "wenn dadurch Verkehrsteilnehmer in einer den Verkehr gefährdenden oder erschwerenden Weise abgelenkt oder belästigt werden können". Allein die in Istanbul oder Ankara selbstverständliche Lautstärke könnte die notwendigen Genehmigungen verhindern. "Wir fahren trotzdem", kündigte ein junger Mann aus dem Laden am Marienplatz mit breitem Grinsen an, "und zwar jede halbe Stunde, denn Stuttgart merkezinde yasamak – wir leben mitten in Stuttgart". Für Muhterem Aras ist das eine eher erfreuliche Aussicht, weniger wegen der Dezibel. Sie denkt an die Inhalte. Denn nicht nur Erdoğans Wortwahl ist brachial. "Wahlkämpfe in der Türkei sind immer schrill, populistisch, persönlich", weiß Aras, "unsachlich und völlig unüblich" hierzulande. Eine Übersetzung eins zu eins könne nur zu Missverständnissen führen – und die treiben "uns unweigerlich auseinander, ob wir wollen oder nicht".


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

5 Kommentare verfügbar

  • anopnym
    am 22.05.2014
    Endlich in kontext ein schöner Text über Stuttgarter die es in Stuttgart auch seit sovielen Jahren gibt. Mein Vater war am Fließband. Wolfgang schuster hat ein Buch mit Özedmir über Erfolgsgeschichten in Deutsch geschrieben. Leider weiß niemand wie viele stuttgarter mit Schwabenwurzeln es verschenken. Es ist sehr interessant und ich habe es verschenkt. Das ist unser leben. Warum interessiert ihr euch nicht für uns dass muss doch nach so vielen Jahren eine frage sein. Was kontext zum Ausdruck bringen will. Dass ist uns gibt mit unserem Ärger (auch über AKP) mit unseren Sorgen und unserer Heimat in Stuttgart. Was ist daran nicht zu verstehen? wir sind stuttgarter und der paß entscheidet das nicht mehr.
  • planb
    am 22.05.2014
    Also ich fand den klar genug!
  • Güdogan
    am 21.05.2014
    Tip: nochmal lesen lohnt.
  • Arminia Kassel
    am 21.05.2014
    @Doris So gehts mir leider auch. Aufgrund einiger sprachlicher Unzulänglichkeiten und Unklarheiten vermute ich, dass der Text unter Eile zustande kam?
  • Doris
    am 21.05.2014
    Komm nicht dahinter was der Artikel zum Ausdruck bringen möchte! Sehr verwirrend für mich!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:















Ausgabe 453 / Die letzte Schlacht am Flächenbüfett / Alois Cleverle ErwartungsImmobilist im Vollerwerb / vor 3 Tagen 20 Stunden
Das schönste Land ist das Bau-Erwartungsland.

Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!