KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Zimmer frei

Zimmer frei
|

Datum:

In einem kleinen bayrischen Ort beherbergt die Wirtin einer Dorfpension 21 Männer aus Somalia und Äthiopien, weil es in Asylbewerberheimen in Bayern keinen Platz mehr hat. Eine Reportage über das ungewöhnliche Leben in Brand.

DIe Wirtin Marion Hiller mit einem der treuen Gäste des Brandner Hofes. Fotos: Tobias Schulze

Der Angreifer kommt in der Nacht zum Sonntag, und er kommt mit der Axt. Voller Wut schlägt er Kerben in die Türen. Erst Zimmer 3, dann Zimmer 7. Die Türen geben nicht nach. Dann drückt er die Klinke von Zimmer 6 und steht plötzlich vor dem Bett eines der Asylbewerber. Da fliegt draußen im Gang eine andere Tür auf. Zwei Afrikaner stürmen heraus. Der Lärm hat sie geweckt. Sie kennen den Angreifer, reden ihm gut zu und locken ihn zurück in den Gang. Am Ende liegt die Axt auf dem Boden, und der Angreifer, der Mieter aus dem Dachgeschoss, trollt sich zurück in seine Wohnung. Kurz darauf holt ihn die Polizei.

Vier Wochen später muss sich Marion Hiller rechtfertigen. Die Wirtin sitzt mit Gamdaa und Tsegaye am Frühstückstisch der Pension Brandner Hof im Fränkischen Seenland. Die Äthiopier werfen ihr vor, dass sie nichts gegen den unberechenbaren Mieter unternehme. Sie regen sich darüber auf, dass der Mann nur ein paar Stunden in der Ausnüchterungszelle saß und nun wieder in der Wohnung über Hillers Gasthof lebt. Die 46-Jährige schüttelt entschuldigend den Kopf und sagt: "When I can make what I want, this man don't live here, he live in the police." Wäre einer ihrer "Jungs" nachts mit der Axt durchs Haus gerannt, sie hätten ihn eingesperrt. Da ist sich Marion Hiller sicher. Eingesperrt und zurückgeschickt. Nach Äthiopien, Somalia oder sonstwo hin.

Der Brandner Hof hat acht Zimmer. Und alle Gäste des Brandner Hofs stammen aus Afrika: 21 Asylbewerber, alles Männer, aus Äthiopien und Somalia. Sie wohnen hier, weil die Asylantenheime der Region überfüllt sind – manche schon seit September 2010. Marion Hiller und ihr Mann Wolfgang zögerten, als ihnen das Landratsamt die neuen Gäste anbot. "Wir wussten ja nicht, was das für Menschen sind", sagt Marion Hiller. Früher war im Nachbardorf Obererlbach ein Asylbewerberheim. "Da kam oft die Polizei. Schlägereien, Alkohol, das war verrucht", sagt Wolfgang Hiller. Aber da im Brandner Hof seit Jahren kaum noch Gäste abstiegen und es im August 2010 ständig regnete, nahmen die Hillers das Angebot an.

Die Asylbewerber sichern die Miete

Marion Hiller hat Barsch mit Bandnudeln und Spinat gekocht, für Gamdaa und Tsegaye und für die anderen ihrer "Jungs". Dazu stellt sie auf jeden Tisch ein Glasschälchen mit Chilischoten. Die Männer essen gerne scharf. Sie stecken sich die Schoten stückweise in den Mund. Nur Teweldi rührt seine Portion nicht an. Er hasst Spinat. "Ich wusste gar nicht, dass du so knäschich bist", sagt die Wirtin. "Knäschich" ist fränkisch. Wie alles hier, außer den Chilischoten und den Gästen. Über der Theke leuchtet Reklame für Felsenbräu, eine Tafel bewirbt das Spezialangebot: "Schweinebraten mit Klößen u. Salat € 8,20."

An jedem Sonntagabend treffen sich die Männer des Dorfs im Brandner Hof zum Stammtisch. Eine Woche bevor die Asylbewerber einzogen, setzten sich die Hillers zu ihnen. Sie teilten ihnen mit, wen sie da in Zukunft beherbergen würden. Und weil alle wussten, wie es um den Brandner Hof stand, wagte es keiner zu protestieren. Der Besitzer des Brandner Hofs geht nicht zum Stammtisch. Er wohnt zwei Häuser weiter und war einer der Letzten, der von den neuen Gästen erfuhr. Er denkt pragmatisch: Die Asylbewerber sichern ihm die Miete. "Was bringt es mir, wenn die Hillers zusperren müssen?", sagt er. Und Probleme hätten die Afrikaner ohnehin nur am Anfang gemacht. Manchmal hätten sie bis drei Uhr in der Früh gelärmt.

Spuren misslungener Integration an der Tür von Zimmer 7.Der Mieter der Dachgeschosswohnung beauftrage deshalb eine Anwältin. Er sagt: "Mir ist egal, ob das Afrikaner sind. Ich habe nichts gegen die Leute." Aber so ein Asylbewerberheim im Haus, das müsse ja schiefgehen. Seine Freundin sei wegen des Theaters abgehauen, erzählt er. Ein paar Stunden, bevor er sich die Axt schnappte, war er noch zum Essen im Gasthof. Die Hillers sagen, er habe sich an dem Abend nicht über die Asylbewerber beschwert. Als er ausrastete, hatte er 2,36 Promille Alkohol im Blut.

Über Brand weht die somalische Flagge

Idris, ein Somali, sitzt im Fernsehzimmer. Er zappt durch seine Lieblingssender: Kabel 1, ZDF Info, Arte. Beim Frauensender Sixx bleibt er hängen. Es läuft eine Beziehungskomödie, "Mogelpackung Mann". Idris will Deutsch lernen, deswegen schaut er nicht auf den zweiten Fernseher, den die Hillers daneben aufgestellt haben. Dort laufen die Nachrichten von Somali Channel. Zu sehen sind Politiker in langen Gewändern und Militärs in Uniform. Sie halten Ansprachen – mal vor Wandteppichen, mal in der Wüste. Somali Channel sendet über Hotbird. Deshalb prangen auf dem Dach des Brandner Hofs zwei Satellitenschüsseln. Über der Terrasse wehen die Flaggen Äthiopiens und Somalias. Die Gäste sollen sich zu Hause fühlen.

Außer Fernsehen gibt es in Brand wenig zu tun. Gerade mal 127 Menschen wohnen hier – inklusive der Asylbewerber. Weil es keine Kirche gibt, hängt die Glocke im Türmchen des Feuerwehrhauses. Eine Tür, ein Garagentor. Ein Mannschaftswagen passt so eben rein. An der Scheune gegenüber dem Brandner Hof verblassen angetackerte Plakate. Der Bauer liegt im Pflegeheim. Das Dorf ist zu klein für Straßennamen, die Häuser tragen Nummern. Der Gasthof liegt an der einzigen Kreuzung. Anschrift: Brand 1.

"Zimmer frei" steht auf der Tafel vor dem Gasthof. "Das müssten wir mal wegwischen", denkt sich Wolfgang Hiller jedes Mal, wenn er an der Tafel vorbeikommt. Feriengäste werden die Hillers nie mehr beherbergen. Auch wenn das Landratsamt die Asylbewerber umquartieren sollte, die Kündigungsfrist beträgt nur einen Monat. "Wenn ich die Jungs nicht mehr habe, muss ich zusperren", sagt Marion Hiller. Sie bedeuten ihr auch menschlich viel. Fast so viel wie ihre beiden Töchter. "Für die Jungs bin ich die Psychologin, die Mama." Abends, nachdem die Wirtin den Herd geputzt hat, kommen die Männer manchmal zu ihr in die Küche. Dann erzählen sie: von der Gewalt. Von der Flucht. Von ihren Frauen und Kindern.

Manchmal sehen die Männer sehr deutsch aus

"Mama! Mama!", ruft Mishrak in den Gastraum. Mit zwei anderen Äthiopiern will er nach Nürnberg fahren, Marion Hiller soll sie zum Bahnhof bringen. Sie steht auf und schimpft. "Könnt ihr das nicht früher anmelden?" Zwei Minuten später lenkt sie ihren Peugeot-Kombi aus der Hofausfahrt. Über die Bundesstraße fährt sie die fünfeinhalb Kilometer zum Bahnhof Gunzenhausen. Schon zum zweiten Mal heute. Vor dem Frühstück hatte sie vier andere Äthiopier zum Zug gebracht. Regionalbahn nach Würzburg, Abfahrt 7.37 Uhr. Von dort wollten sie weiter nach Frankfurt, zu einer Demo von Exiläthiopiern.

Busse gibt es in Brand nur zwei pro Tag, der letzte fährt um 14.25 Uhr. Ab Gunzenhausen fahren jede halbe Stunde Züge in Richtung Nürnberg. Wollen die Asylbewerber den Regierungsbezirk verlassen und nach Augsburg oder München fahren, müssen sie Tage zuvor beim Landratsamt eine Erlaubnis beantragen. "Green Cards" nennen sie die Scheine. Meistens schreiben die Hillers die Anträge und schicken sie per E-Mail an den Sachbearbeiter. "Dann geht es zu wie beim türkischen Basar", erzählt Wolfgang Hiller. Beantragt er eine Woche Reisefreiheit, genehmige das Amt drei Tage. "Am Ende einigen wir uns auf vier."

Marion Hiller schaut durch die Lagertür in den Hof. Draußen werkeln Gaamda und Tsegaye an einem Fahrrad herum. "You can wash my car!", ruft sie den Äthiopiern zu und lacht. Am Rand der Heckscheibe, dort, wo der Scheibenwischer nicht hinreicht, klebt eine Schmutzschicht. Mit den Fingern hat jemand "Hallo Marion und Wolfgang" daraufgeschrieben. Als die Wirtin nach zwanzig Minuten wieder hinausschaut, tropft Putzwasser vom Auto und rinnt zum Kanaldeckel. Auf der Straße rumpelt ein Traktor vorbei, im Lack des Peugeot spiegelt sich die Sonne. Gaamda und Tsegaye saugen die Fußmatten und sehen plötzlich sehr deutsch aus.

Die Männer feiern sogar Familienfeste mit

Blau-weiß über dem Brandner Hof: die somalische Flagge.

Viermal hat die Polizei Asylbewerber aus dem Brandner Hof abgeführt. "Erst wachsen sie mir wie Kinder ans Herz, und dann werden sie abgeschoben", sagt Marion Hiller. Beim ersten Mal rückte die Polizei mit drei Wagen an. "Der Einsatzleiter hatte alle seine Leute mobil gemacht. Die haben das ganze Haus umstellt", sagt Wolfgang Hiller. Sogar im Garten seien Polizisten mit Schlagstöcken gestanden. Es half nichts. Die zwei gesuchten Somalis waren am Vortag geflohen. Letzten Sommer holten die Beamten Abdilahi. Der Muslim aß kein Schweinefleisch. "Ich durfte ihm noch den Rest vom Mittagessen einpacken. Wir wussten ja nicht, was es im Flugzeug gibt", erinnert sich Marion Hiller. Mit einer Tupperdose im Gepäck stieg der Asylbewerber ins Polizeiauto. "Mama, schon gut", hat er zum Abschied gesagt.

Sonntagmorgen. Die Asylbewerber tragen ihre besten Klamotten. Einer hat seine äthiopische Tracht angezogen: Hose, Hemd und eine Art Pullunder, alles in Weiß. Auf einem Tisch im Gastraum steht das Kreuz, das Mugdar aus Zweigen und Blumen geflochten hat. Rebecca Hiller, die Tochter, feiert Konfirmation und hat sie eingeladen. Nacheinander stellen sie sich neben der 13-Jährigen auf. Fototermin. Dann steigen sie in die Autos der Verwandtschaft. Um 9.30 Uhr beginnt in Haundorf der Gottesdienst.

Zwölf Stunden später, nach dem Abendessen, tönt aus Laptop-Boxen äthiopische Popmusik. Die Asylbewerber tanzen. Sie gehen in die Knie, klatschen in die Hände und wackeln mit den Schultern. Die Verwandten der Hillers sitzen hinter den Tischen und schauen skeptisch. Auf einer Konfirmationsfeier haben sie noch nie getanzt. Die Blicke verstören die Asylbewerber. "Mama, was ist das? Leute nicht gut?", fragt einer. "Doch, die trauen sich nur nicht", erklärt ihm die Wirtin. Später fordern die Asylbewerber die Frauen zum Tanzen auf. Mit Erfolg: die Großmutter, die Bedienung und Marion Hiller tanzen mit ihnen um die Tische.

Zittern beim Gedanken, die Fingerabdrücke abgeben zu müssen

Zu jeder vollen Stunde schlägt im Gastraum eine Wanduhr. "Der Kadiye ist jedes Mal zusammengezuckt, als ob er in Deckung geht", erzählt Marion Hiller. Den Somali hatte sie besonders gern. Er war klein und zierlich, 23 Jahre alt. Drei oder vier Mal pro Woche kam er in die Küche. Dann stand er neben dem Herd und spielte mit den Gasflammen. Erst war er verschlossen, nach einigen Monaten öffnete er sich und erzählte seine Geschichte: Milizionäre hatten ihn entführt, als er ein Kind war. Sie zwangen ihn, für sie zu kämpfen. Bis Kadiye Jahre später nach Europa floh und in Italien strandete. Dort kümmerte sich niemand um ihn. Er schlief in Bahnhöfen oder alten Fabriken. Kadiye floh wieder, diesmal nach Deutschland.

Die EU schreibt vor: wer in einem Mitgliedsstaat Asyl beantragt, muss dort bleiben. Die Behörden überprüfen das streng. Sie vergleichen Fingerabdrücke. Wer schon in Italien war und auffliegt, wird zurücktransportiert. Aber Kadiye wollte auf keinen Fall zurück. Er zitterte vor dem Gedanken, seine Fingerabdrücke abgeben zu müssen. Lieber wollte er abtauchen und weiterflüchten. In Frankreich sei alles einfacher, erzählen sich die Somalis.

Eines Abends schlich Kadiye in die Küche. "Mama", sagte er, und dann, nach einer langen Pause: "I need to go." An diesem Abend gestand er Marion Hiller, warum er so oft zu ihr in die Küche gekommen war. Er wartete jedes Mal, bis sie kurz den Raum verließ. War sie weg, hielt er seine Finger in die Herdflammen. Dann ging er zum Wasserhahn und ließ kaltes Wasser über die Kuppen fließen. Und zog sich die verbrannte Haut von den Fingerspitzen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


0 Kommentare verfügbar

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!