Wenn die queere Community in der Landeshauptstadt am kommenden Samstag mit der CSD-Demo wieder auf die Straße geht und sich feiert, kann sie auch gleich einen ganz jungen Erfolg feiern: Stadt und Land scheinen endlich bereit, Fritz Bauer angemessen Ehre zu erweisen. Vor gut einem Jahr, im Juni 2025, hatten unter anderem die AG Queere Erinnerungskultur und die IG CSD eine Petition gestartet, dem in Stuttgart geborenen Bauer (1903 bis 1968) die Ehrenbürgerwürde zu verleihen – weil Bauer nicht nur die Aufklärung von NS-Verbrechen nach dem Krieg entscheidend vorangetrieben hatte, sondern als scharfer Gegner des Paragrafen 175 auch gegen die Verfolgung homosexueller Männer kämpfte. Die Stadt Stuttgart stellte sich ziemlich an, weil sie die Verleihung der Ehrenbürgerwürde als rechtlich unmöglich darstellte – auch wenn dies bei Weitem nicht so eindeutig ist, wie Kontext im vergangenen Jahr zeigte. Ein Antrag von fünf Fraktionen aus dem Gemeinderat (Grüne, CDU, SPD/Volt, Linke/SÖS/Tierschutz, PULS), also einer breiten Mehrheit, fordert gleich zwei Ehrungen: Nach Bauer soll zum einen ein Platz benannt werden – voraussichtlich wird es der Zugangsbereich vor den Gebäuden des Landgerichts und Oberlandesgerichts (Urbanstraße 18 und 20). Zum anderen soll ihm eine Ehrung verliehen werden, die "in ihrer politischen Wertigkeit dem Ehrenbürgerrecht (...) möglichst nahekomme", zum Beispiel die Bürgermedaille. Die ist die zweithöchste Auszeichnung der Stadt und bisher kamen dafür auch nur lebende Bürger:innen in Frage.
Glückwunsch, Werner!
Einer der jüngsten Träger der Bürgermedaille ist Werner Schretzmeier: Am vergangenen Freitag bekam er sie zusammen mit dem Choreografen und Tänzer Eric Gauthier verliehen. Schretzmeier, Chef und Mitgründer des Stuttgarter Theaterhauses (seit 1984), davor Mitgründer der Schorndorfer Manufaktur (1968) und mit der Energie eines Duracell-Männchens gesegnet, ist nicht nur für die Kulturszene der Region von unschätzbarer Bedeutung, sondern auch für Kontext: Als Freund und Förderer hat er uns immer wieder Räumlichkeiten des Theaterhauses zur Verfügung gestellt, für große Feiern oder kleinere Vereinssitzungen. Herzlichen Glückwunsch, lieber Werner!
Bitte mal prüfen: Verträge der EnBW
Fragwürdiger als das Energiebündel Schretzmeier agiert das große Energieunternehmen EnBW. Vor zwei Wochen hatte Kontext berichtet, dass die EnBW langfristige Verträge für Flüssigerdgas aus den USA geschlossen hat mit dem Unternehmen Venture Global, das in Louisiana einen Teil dieses Gases per Fracking gewinnt. Weil die EnBW das unterstütze und sich für die beträchtlichen Umweltrisiken offenbar nicht interessiere, kritisieren Aktivist:innen aus Louisiana wie Misha Mayeur und James Hiatt schon länger, dass sich die EnBW mitschuldig machen an den Schäden durch Fracking. Am 17. Juli haben Mayeur und Hiatt nun einen offenen Brief an Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir, Umweltministerin Thekla Walker (beide Grüne) und Innenminister Manuel Hagel (CDU) geschrieben, in dem sie auf die Risiken und das Nichthandeln der EnBW hinweisen. Und am Ende, da das Land ja Hauptanteilseigner der EnBW sei, darum bitten, das Unternehmen zu einer Risikoanalyse zu bewegen und vielleicht sogar zu überprüfen, ob es so klug sei, die Vertragspartnerschaft mit Venture Global zu verlängern – "angesichts der steigenden Risiken in Umwelt-, Menschenrechts- und finanzieller Hinsicht".
Von einem anderen Vertrag der EnBW wusste Finanzminister Danyal Bayaz bis vor Kurzem nichts: Schon seit 2019 gehört das Energieunternehmen zum Kundenkreis des hochumstrittenen US-Konzerns Palantir. Darüber ärgert sich nun Bayaz sehr, was aber etwas inkonsequent anmutet, hat doch die Landesregierung, genauer: das Innenministerium unter dessen Ex-Ressortchef Thomas Strobl, selbst eigenwillig Palantir-Software für die Polizei eingekauft. Was unter anderem fragwürdig ist, weil Palantir-Gründer und Trump-Unterstützer Peter Thiel als Demokratieverächter bekannt ist. "An einer solchen Vergabe festzuhalten, ist nicht nur eine Schande für die Demokratie – sondern auch eine Gefahr für die innere Sicherheit", schreibt dazu Kontext-Redakteur Minh Schredle.
Bye-Bye Stuttgart-Sign
Als Vorbild möchten wir die Stuttgarter CDU anführen: Sie kündigte am vergangenen Donnerstag bei ihrem Sommerempfang an, nicht mehr am Stuttgart-Sign festhalten zu wollen. Der gigantische und sauteure (470.000 Euro) Schriftzug war noch im Dezember 2025 im Gemeinderat beschlossen worden, ungeachtet aller Klagen über Finanznot und Kürzungen in vielen öffentlichen Bereichen. Chapeau, CDU, geht doch!




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