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Dirty Kondō

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Der Mensch sei ein Spielball des Schicksals, schrieb Herodot, der als Vater der Geschichtsschreibung gilt und in seinen "Historien" zum Beispiel von geflügelten Schlangen berichtete – oder von einem Perserheer, groß genug, dass es auf seinen Streifzügen ganze Flüsse leertrank. Von ein paar antiken Fake News abgesehen, ist die Lektüre philosophisch wertvoll. Zu lernen ist unter anderem, eine Geschichte nicht vor ihrem Ende zu beurteilen. Als sich etwa der stinkreiche Krösus, eine Art Jeff Bezos seiner Zeit, vom Lyriker Solon bestätigen lassen will, der glücklichste aller Menschen zu sein, zögert sein Zeuge: Weil bis zum Tod niemand weiß, welches Los ihm letztlich bestimmt ist.

Mit den erstaunlichen Einschnitten ist das so eine Sache. Gerade dort, wo es Kehrtwenden dringend bräuchte (Klima, Wohnen, internationale Beziehungen), lassen sie auf sich warten. Aber ausgerechnet dort, wo eine vermeintliche Gewissheit als Stabilitätsanker in haltlosen Zeiten fungieren konnte, fallen einem überraschende Richtungswechsel in den Rücken wie der Brutus seinem Caesar. Die Aufräum-Ikone Marie Kondō, gefeiert als "Queen of Clean", hatte – ähnlich wie Krösus – im Grunde alles erreicht: Bestseller-Autorin mit sieben Millionen verkauften Büchern, nicht eine, sondern gleich zwei eigene Netflix-Serien ("In dieser Reality-Serie hilft Marie Kondo Menschen dabei, Ordnung in ihr Berufs- und Privatleben zu bringen und bereitet mit ihren Aufräumtipps und Anekdoten Freude"). Und in Anlehnung an ihren Nachnamen kursiert im Englischen sogar das Verb "to kondo" für die Tätigkeit des radikalen Ausmistens. Doch dann der Paukenschlag!

Sie habe erkannt, was ihr wirklich wichtig ist, verbringt jetzt lieber Zeit mit ihren drei Kindern und das Aufräumen habe sie "mehr oder weniger aufgegeben", teilte Kondō überraschend mit: "Mein Haus ist unordentlich." Uff. Was soll da nur als nächstes kommen? Messi gibt bekannt, dass er Fußball schon immer gehasst hat? Christian Lindner steigt vom Porsche aufs Lastenrad um? Markus Söder klebt sich fürs Klima an der Autobahn fest und blockiert im Schutzanzug einen Braunkohle-Tagebau? Zumindest das letztgenannte Szenario wirkt nicht mehr so unwahrscheinlich. Denn die Ereignisse um Lützerath kommentierte der CSU-Chef mit: "Wir lehnen eine Koalition mit den Grünen ab. Wer vom Klima redet und nach Kohle baggert, ist nicht glaubwürdig!"

Den Polizei-Einsatz bei der Räumung und den kuriosen Auftritt eines leichtfüßigen Schlammmönches, der die Staatsmacht der Lächerlichkeit preisgab, hat unsere Kolumnistin Elena Wolf in der vergangenen Ausgabe verarbeitet. Die Reaktionen auf ihren Artikel decken vermutlich das gesamte Spektrum der Meinungsvielfalt ab: Eine Zuschrift ärgerte sich über die "unerträgliche, in blindem Hass gegenüber 'der Polizei' hingerotzte Kolumne" – eine andere freute sich: "Es gibt ihn noch: den Journalismus in Hochform!"

Weil Sichtweisen extrem unterschiedlich ausfallen können, ist es unserer Redaktion ein Anliegen, auch solche zu präsentieren, die eher selten sind. Eine davon vertritt Jürgen Grässlin, der seiner Linie auch in diesen Zeiten des totalen Relativismus treu bleibt, als entschiedener Pazifist und Rüstungsgegner. Wo Waffen-, Panzer- und Kampfjetlieferungen an die Ukraine auf immer größere Zustimmungswerte in der deutschen Bevölkerung stoßen, bringt Grässlin ein paar bemerkenswerte Gegenargumente vor. Nachzulesen in einem Interview mit dem "Neuen Deutschland", das wir in dieser Ausgabe mit Dank übernehmen. Auf dem Scheiterhaufen legte Herodot seinem Krösus vor gut 2.500 Jahren übrigens die folgenden Worte in den Mund: "Niemand ist so töricht, den Krieg dem Frieden vorzuziehen; denn in dem einen begraben die Söhne die Väter, in dem andern aber die Väter ihre Söhne." 


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